Stasi raus! SED rein!

Dabei haben wir uns alle so schön damit eingerichtet: Alle paar Monate wird ein neuer Stasi-IM enttarnt, kommen ein paar neue Stasi-Details in die Zeitung oder ein Stasi-Film ins Fernsehen. Da hat man was Verlässliches. Da kann man drauf aufbauen.

Und jetzt: Alles aus.

Denn der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk hat die Arbeit „Stasi konkret“ vorgelegt, in der er zeigt, dass es weniger Inoffizielle Mitarbeiter (so wird IM ausgeschrieben, falls das jemand vergessen hat) gab, als bislang angenommen. Statt 189.000 seien es 109.000 gewesen, Schuld an der bisherigen Zahl seien unter anderem Doppelnennungen gewesen. Doch damit nicht genug. Kowalczuk stellt gegenüber Cicero fest:

Nicht jeder, der IM war, hat Verrat begangen, und viele, die nicht IM waren, müssten im Nachhinein als Verräter eingestuft werden.

Ui, das würde doch heißen, dass alles viel komplexer war, als wir immer dachten? Damit macht er uns die schöne heile Stasi-Welt kaputt! Und er macht weiter:

Ich war selbst Teil des Problems.

Kritik an der bisherigen Stasi-Forschung?

Und das von einem wissenschaftlichen Mitarbeiter der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen? War doch alles ganz anders, damals in der DDR? Weniger schwarz-weiß-Malerei und weniger Grau im Alltag? Kowalczuk kriegt dann doch noch die Kurve:

Die Stasi war ein wichtiges, aber nur ein Strukturelement des Herrschaftssystems. Das Bild wird in der Geschichtsbetrachtung verzerrt. Die SED muss wieder an Platz 1 gesetzt werden. Es handelte sich um eine SED-Diktatur und nicht um eine Stasi-Diktatur.

Also dann — wir haben eine neue Nummer 1: SED! SED! SED!

Wie wolle man dem auch widersprechen? Denn die Partei Stasiunterlagenbehörde hat immer Recht.

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