Mauerfall-Einheit: Vereinnehmen ohne übernehmen

Wie funktioniert eigentlich Vereinnahmung von Geschichte? Hier ein aktuelles Beispiel: Die in der DDR geborene Piraten-Politikerin Anke Domscheit-Berg hat der Zeit ein umfangreiches Interview gegeben. Darin sagt sie unter anderem:

Der Mauerfall ist die endlose Energiequelle, die mich immer antreiben wird. […] Ich wollte eine bessere DDR, einen dritten Weg. Aber davon sprach dann niemand mehr, die runden Tische verschwanden, viele wollten nur noch die D-Mark. […] Als wir auf die Straße gingen, hatten wir eine Vision von einer besseren Welt. […] Wir, die dablieben, wollten den dritten Weg, wir wollten eine bessere Gesellschaft. Das geht ja nicht, wenn man abhaut und alle anderen dalässt. […] Überlegen Sie mal: Wir Ostdeutschen wissen sogar, wie man Geheimdienste abschafft, wir haben das selbst einmal gemacht.

Der dritte Weg, das war ein zentrales Ziel der Dissidenten ab Anfang der 1980er Jahre: Sie wollten eine demokratisch reformierte DDR. Die Idee des Sozialismus fanden sie nicht schlecht — nur dessen Umsetzung. Die Wiedervereinigung hingegen war eine politisch und ökonomisch motivierte Idee der bundesdeutschen Kohl-Regierung. Der Rest ist Geschichte.

Nun aber zur Vereinnahmung. Im Tagesspiegel schreibt Chefredakteur Lorenz Maroldt eine Replik zu diesem Text — er argumentiert aber gar nicht für oder gegen Domscheit-Berg, sondern führt ausgehend von ihrem Interview die Meinungen von SPD-Politiker aus dem Jahr 1989 vor. Das sieht dann so aus:

Die wichtigste Botschaft des Lebens gehe von den Ereignissen damals aus: Nichts, wirklich nichts müsse so bleiben wie es ist, schreibt sie, egal, wie stabil es aussieht. […] Dass irgendwann die Mauer fällt und die Einheit kommt, dass so etwas geht, das haben vor ’89 – und auch noch mittendrin – nur die wenigsten erwartet. Erich Honecker sah sie noch in hundert Jahren stehen, und auch im Westen, hier besonders im linken, grünen, sozialdemokratischen Milieu, war die Sache abgehakt, mindestens das. […] Noch kurz vor dem Mauerfall erklärte [Egon Bahr apodiktisch]: ‚Es gibt keine Chance, die deutschen Staaten zusammenzuführen.‘ […] Doch die Wucht der Ereignisse, die Bahr überrollte, so wie auch Hans-Jochen Vogel (‚illusionäres Wiedervereinigungsgerede‘, September ’89), Oskar Lafontaine (‚historischer Schwachsinn‘, Dezember ’89), Willy Brandt (‚die Hoffnung auf Wiedervereinigung wird gerade zur Lebenslüge‘, September ’89), Gerhard Schröder (‚keine Chance‘, September ’89), wirkt nach, ist nicht vergangen.

Und wir sehen: Plötzlich sind der Mauerfall und die Vereinigung der beiden deutschen Staaten untrennbar miteinander verbunden. Und es scheint Maroldt nicht zu stören, dass seine Zitatgeberin etwas ganz anderes sagt. Da passt es, dass sein Mauerfall-Einheits-Brei zu einem Naturereignis ohne Akteure wird: „Ereignisse“, „die Sache“. Keine Rede von denen, die auf die Straße gingen und viel riskierten. Keine Rede von Menschen wie Anke Domscheit-Berg. Sie würden wohl nur diese vereinnahmende Sichtweise stören.

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