Impfen in der DDR — und die FAZ spricht lieber vom Klassenkampf

„Das Impfen war auch Klassenkampf“ — so titelt ein FAZ‐Artikel. Und ist dabei hin‐ und hergerissen: Nur eine Handvoll Maserfälle gebe es derzeit im Osten Deutschlands — doch in der DDR habe man bis zur Volljährigkeit „17 Pflichtimpfungen über sich ergehen“ lassen müssen. Dass beides direkt zusammen hängt, ist unbestritten, das weiß auch der Artikel. Doch dann kann man nicht gleichzeitig für die Erfolge und gegen deren Ursache sein.

Doch der Artikel von Frank Pergande ist nicht nur unentschlossen: Er ist so DDR‐fixiert, dass er die BRD ganz vergisst. „Der Impfzwang entstand zunächst in der Nachkriegszeit“ — streckenweise liest sich das, als hätte das östliche Deutschland seine Einwohner_innen medizinisch unterjocht. Doch es fehlt der entscheidende Hinweis, dass dies in der BRD ursprünglich nicht viel anders war. Pergande hätte dies wissen können, zitiert er doch in weiten Passagen aus einem wissenschaftlichen Aufsatz der Zeitschrift „Zeithistorische Forschungen“. Hier werden die Impfpraktiken in BRD und DDR miteinander verglichen. Im FAZ‐Artikel hingegen nicht.

Worauf der wissenschaftliche Artikel auch einen Hinweis bietet: Mit dem Begriff „Impfzwang“ operierte letztlich nur die BRD — und das nicht einmal in Bezug auf die DDR, sondern in Hinblick auf ihren eigenen Umgang mit dem Impfen. Der „Zwang“ ist eine nachträgliche Rückprojektion auf die DDR‐Praktiken, die gar nicht so zwanghaft waren. Davon berichtet nicht nur ein Arzt im FAZ‐Artikel — was die innere Zerrissenheit des Textes noch weiter unterstreicht — sondern auch Wolfgang Kiehl im Interview mit der Berliner Zeitung. Er war verantwortlich für die Impfungen, die den Masern‐Ausbruch von 1970 in der DDR stoppten:

Gegen „Verweigerer“ wurde nichts unternommen. Darum ärgert mich, wenn in der aktuellen Debatte von „Impf‐Zwang“ die Rede ist. Nein, wir haben die Impfpflicht aufgefasst als Pflicht des Staates, die Kinder zu schützen und zugleich als Pflicht der Eltern, diese Möglichkeit zu nutzen. Es war eine moralische Pflicht, zum Impfen zu gehen – und bald selbstverständlich. Das basierte nicht auf Zwang, sondern auf hohem Vertrauen gegenüber Ärzten und Gesundheitswesen.

Entscheidend sei, dass Ärzte individuell Überzeugungsarbeit leisten können — dies schaffe man heute aber heute zeitlich nicht mehr. Impfen ist also weniger eine Frage des Klassenkampfes als der Zeit. Notwendig ist es allemal, da ist man sich systemübergreifend einig. Sonst würde sich die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wohl kaum so mit ihrer Kampagne „Deutschland sucht den Impfpass“ abmühen.

 

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