Lacht doch mal — der Ironievorwurf des Michael Jürgs

1990 stellte Michael Jürgs in einem Leitartikel die Frage „Sollen die Zonis bleiben, wo sie sind?“ — und wurde als Chefredakteur des Stern gefeuert. Seitdem hat ihn das Thema „Osten“ (was immer da jetzt eigentlich das Thema sein soll) nicht losgelassen. Das sagt er auch im Interview mit der Zeit. Dort tritt er als Ost-Experte auf, der zu berichten weiß aus „winzige[n] Dörfer[n], die kein anderer westdeutscher Journalist freiwillig aufsuchen würde.“ Ach wie mutig. Jahrelang hat er also die im Osten beobachtet und freut sich, wenn sie sich weiter entwickeln. Zum Beispiel:

Für mich der wesentlichste Fortschritt: dass so viele Mitbürger in den neuen Ländern gelassener geworden sind. Dass sie über ironische Bemerkungen inzwischen lachen können. Ich mache seit den Neunzigern Lesereisen durch die neuen Länder, früher waren die meisten sofort beleidigt, wenn ich ironisch wurde und einen Witz auf ihre Kosten machte. Heute lachen sie.

Nun ist das mit Ironie und Witzen so eine Sache. Als Journalist sollte Jürgs die publizistische Warnung „Ironie versteht der Leser nie“ kennen. Außerdem unterstreicht die Wikipedia, wie wichtig es ist, das Gegenüber zu verstehen, damit die ironische Bemerkung zündet:

Die erfolgreiche Verwendung von Ironie zeugt nicht nur von der erfolgreichen Reflexion des eigenen Wissens, sondern auch vom erfolgreichen Erkennen des Wissens des Gegenübers und ist daher Ausdruck der Fähigkeit, die Gedanken des anderen vorwegzunehmen und zu reflektieren.

Ganz unironisch kann man also sagen: Es sind nicht die Ostdeutschen, die die jürgsche Ironie nicht verstehen. Es ist Jürgs, der die Ostdeutschen nicht versteht, trotz seiner langjährigen Beobachtung dieser Leute, auf die er so stolz ist:

Inzwischen habe ich dazu drei Bücher geschrieben und als Co-Autor zwei Dokumentationen gedreht.

Vielleicht ist genau das das Problem: Niemand bekommt gerne aus Hamburger Perspektive erklärt, wer man eigentlich ist. Vor allem nicht, wenn es so verallgemeinernd passiert:

ZEIT: Und das [mündige Bürger in einer Zivilgesellschaft zu sein] sollen Ostdeutsche nicht verinnerlicht haben?
Jürgs: Schauen Sie sich die Pegida-Demos an.

Ist das Jürgs‘ Ironie? Wer weiß. Problematisch ist auch, dass für Michael Jürgs am Ende alles auf Befindlichkeiten hinausläuft. In seiner Welt von Ost- und Westdeutschland gibt es keine Lohnunterschiede, keine Vorurteile, keine unterschiedlichen Lebensrealitäten. Nur unterschiedliche Fähigkeiten, mit sich selbst umzugehen:

[…] wir merken jetzt, dass sich viele Ostdeutsche noch nicht auf Augenhöhe mit den Westdeutschen sehen oder zu sehen wagen. Ihr Selbstbewusstsein wächst, aber eben langsam, viele suchen noch nach ihrer Identität.

Hier beginnt, Jürgs‘ Logik Löcher zu zeigen: Ist nicht schon die Ablehnung seiner als Ironie gemeinten Bemerkungen Ausdruck von Selbstbewusstsein? Oder steht am Ende nicht doch die Erkenntnis, dass der westdeutsche Journalist Michael Jürgs bestimmt, was Humor und was Selbstbewusstsein ist — nicht aber das ostdeutsche Publikum selbst? Dann ist es aber feige, sich hinter einem Vorhang aus Ironie zu verstecken. Soviel Selbstbewusstsein sollte aber gerade Michael Jürgs besitzen.

Schließlich sagte er 2008 in einem Interview — auch mit der Zeit, auch über das gleiche Thema „Osten“ — über seinen berüchtigten Stern-Artikel :

Ich würde den Text auch wieder so schreiben, denn mein Grundsatz war, dass die deutsche Einheit nicht zu meinem Traum von Europa gehörte.

Michael Jürgs möchte also nicht mit den Zonis zusammenleben. Warum denn nicht gleich so deutlich?

 

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