Das Nudossi-Klischee: Nuss, Nougat und Nostalgie

Wer über den Brotaufstrich Nudossi spricht, muss zwangsläufig auch die Konkurrenz Nutella erwähnen. Das ist offenbar so auffällig, dass der Wikipedia-Eintrag von Nudossi gleich im ersten Absatz das Thema verhandelt:

Die Bezeichnung „Ost-Nutella“ ist nur bedingt zutreffend, da die Zusammensetzung mittlerweile völlig anders ist als noch zu DDR-Zeiten und sich stark von Nutella und vergleichbaren Aufstrichen unterscheidet.

Und noch ein Aspekt unterscheidet die beiden Cremes voneinander: Nudossi wird nur über seine Herkunft wahrgenommen. Ein Artikel auf Zeit Online vom 11.9.2017 ist da ein schönes Beispiel. Denn über Nudossi wird darin auf folgende Weise gesprochen:

  • [es gibt Menschen], die sich nach den guten alten Dingen sehnen
  • alte DDR-Marke
  • Bis heute schmieren sich viele Ostdeutsche mit Nudossi allmorgendlich eine Schicht Sehnsucht auf die Stulle.
  • die Marke, die immer von diesem süßen Gestern lebte
  • DDR-Kultmarke
  • die Sehnsucht nach einem Produkt von damals befriedigt
  • Der hohe Nussanteil geht zurück auf die Mangelwirtschaft der DDR
  • der neue ostdeutsche Öko-Mut
  • sein größtes Geschäft [bleibt] das mit der Nostalgie. An Nostalgie darf man nichts verändern.
  • das Ost-Original bleibt aber in Plaste

Essen als Erinnerung

Fassen wir also zusammen: Nudossi kommt aus der DDR und steht für Nostalgie und Sehnsucht. Das ist bemerkenswert, denn Essen funktioniert oft darüber, dass der Geschmack an die eigene Kindheit erinnert. Das nutzt die Lebensmittel-Industrie gezielt aus, wie die Augsburger Allgemeine 2014 berichtete. Und 10 Jahre zuvor war der 40. Geburtstag von Nutella Anlass für eine Ausstellung. Der Werbetext damals:

Für die „Generation Golf” ist sie eine süße Erinnerung an die Kindheit, für Ernährungswissenschaftler ein Graus: Die Schokoladencreme „Nutella”.

Abseits davon wird Nutella vergleichsweise selten als West-Produkt charakterisiert, stattdessen spricht man lieber von „Deutschlands Liebling bei den Nuss-Nougat-Cremes“ (so etwa der Stern).

Nudossi hingegen kommt ohne die ausdrückliche Zuschreibung einer nostalgischen Vergangenheit nicht aus. Und wird damit klar reduziert. Denn dann spielen qualitative Unterschiede keine große Rolle — oder werden kritisch zur Kenntnis genommen. „36 Prozent Haselnuss sollen drin sein“, schreibt Werben & Verkaufen vorsichtig-ungläubig – bei Nutella sind es 13 Prozent.

Nostalgie allein verkauft nicht

Wenn aber etwas rückwärtsgewandt ist, dann ist es der Bezug auf die Herkunft von Ost-Produkten als Produkte aus dem Osten. Die Hersteller haben nämlich längst erkannt: Die Nostalgie-Schiene funktioniert nicht mehr (so die Sächsische Zeitung im Jahr 2015). Einfacher Grund: Der Generationenwechsel. Der Kauf aus DDR-Nostalgie ist inzwischen nur noch ein ständig wiederholtes Klischee.

Damit wären wir wieder beim eingangs erwähnten Artikel der Zeit. Denn er schwingt nicht nur die Nostalgie-Keule, sondern berichtet auch über ein neues Nudossi-Produkt, das auf Palmöl verzichtet. Damit will das Unternehmen nicht nur einen weiteren qualitativen Vorsprung zur Nutella-Konkurrenz setzen – es will sich auch abseits seines Nostalgie-Klischees positionieren. Doch solange Medien diese Vorurteile unkritisch wiederholen, haben es alle Ost-Produkte schwer gegen „Deutschlands Liebling“ jeder Art.

Update

Josa Mania-Schlegel, Autor des Zeit-Artikel, verweist auf die Radiospots von Nudossi, die tatsächlich sehr stark an Nostalgie appellieren. Auch die Unterstützung ostdeutscher Sportler_innen zeigt eine starke regionale Verortung:

Ignoriert: Ost und West ändern Einstellungen zu Flüchtlingen

Der Journalist Hans Zippert schreibt jeden Tag eine Kolumne in der Tageszeitung Die Welt. Dafür wurde er 2007 und 2011 mit dem renommierten Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet. Das muss man wissen, wenn man den Auszug aus seiner Kolumne vom 7. April 2017 liest:

Die Unwillkommenheitsgefühle [sind] im Osten des Landes weitaus größer als im Westen. Das könnte daran liegen, dass die Ostdeutschen sich 1989 auch zu wenig geliebt gefühlt haben. […] Die Westdeutschen wurden aber auch nicht gefragt, ob sie ostdeutsche Wirtschaftsflüchtlinge willkommen heißen würden.

Das wäre schon in den 90ern ziemlich unlustig gewesen, aber darum geht es hier gar nicht. Wir wollen ja inhaltlich argumentieren.

Zippert bezieht sich in seinem Text auf eine neue Umfrage der Bertelsmann-Stiftung. Sie hat untersucht, welche Stimmung in Deutschland Flüchtlingen gegenüber herrscht. Dumm nur: Diese Umfrage stellt das genaue Gegenteil fest — die Stimmung in Ost und West hat sich umgekehrt. So steht in der Welt, ebenfalls am 7. April:

Inzwischen sind demnach 55 Prozent der Westdeutschen gegen einen weiteren Flüchtlingszuzug und 51 Prozent der Ostdeutschen.

Hans Zippert hätte also in seiner eigenen Zeitung lesen können, dass sein Text nicht auf Tatsachen beruht. Dass er über 27 Jahren nach dem Fall der Mauer immer noch in Klischees denkt und seine Kolumne mit müden Stereotypen füllt.

Ach ja, dafür bekommt man übrigens Henri-Nannen-Preise.

Weniger Gehalt im Osten, keine Meldung für den Osten

Es ist eine simple Meldung: In Deutschland ist das Gehalt unterschiedlich hoch. Je nach Region verdienen Menschen im gleichen Beruf deutlich mehr Geld. Oder deutlich weniger in den neuen Bundesländern: Sie stehen am Ende der Tabelle. Das ist prinzipiell keine neue Erkenntnis, vor genau fünf Jahren hatte eine Studie festgestellt, dass der wirtschaftliche Unterschied zwischen Ost und West noch lange bestehen wird.

Mit welchen Überschriften aber machen Medien diese Meldung auf? So heißt es bei der FAZ:

Ostdeutschland lohnt sich noch immer nicht

Und die Website von n-tv titelt:

Hier arbeiten Sie besser nicht

Gemeinsam ist diesen Überschriften eine wirtschaftlich-westdeutsche Perspektive: Der Osten lohnt sich erst dann, wenn man dort mehr Gehalt bekommt. Dort also besser nicht arbeiten!

Übersehen hat man beim Texten der Überschriften wohl, dass es bereits Menschen gibt, die in Ostdeutschland arbeiten. Welche Botschaft soll bei ihnen ankommen? Ihre Arbeit lohnt sich nicht? Sie sollten besser nicht arbeiten? Dazu sagen uns die Überschriften nichts, sie wollen es gar nicht. Denn sie sagen uns vor allem: Als Zielgruppe der Beiträge stellt man sich die Menschen im Osten nicht vor.

Berlinale und DDR 1

Es ist Berlinale — wie wird bei diesem Filmfestival eigentlich der Osten Deutschlands (re)präsentiert?

Nicht gut: Seit 1990 geht der Anteil von Filmen ostdeutscher Filmmacher_innen stark zurück. Westdeutsche konnten ihren Anteil hingegen steigern. Die Studie „Geschichten und Filme kennen [keine] Grenzen“ meint daher:

Dennoch liegt bei gerade einmal insgesamt 20 abendfüllenden Produktionen von Filmemachern mit ostdeutscher Herkunft zwischen 2002 und 2016 das Versäumnis einer ausgewogenen Berücksichtigung von Regisseuren aus den neuen Bundesländern nicht allein in der deutschen Förder- oder Produktionslandschaft und sollte deutlich mehr in den Blick genommen werden.

Eine Zusammenfassung der Studie gibt es bei der Jungen Welt. Anderen Medien war die Untersuchung von Vielfalt auf dem Berliner Filmfestival keine Meldung wert.

Stasi-Berlinale-Gefängnis, virtuell

Aber keine Angst: Zumindest ein altbekanntes DDR-Thema hat es auf die diesjährige Berlinale geschafft. Das Stasi-Gefängnis. Und es ist technisch ganz vorne dabei — man sieht es nämlich per Virtual Reality. In der Ich-Perspektive. Als Häftling. Mehr dazu gibt es bei der Produktionsfirma IntoVR.

Woher stammen eigentlich die Macher_innen dieser Produktion? Mit Blick auf die oben genannte Studie ist es tatsächlich zentral, wer auf einem Festival mit dieser Bedeutung Geschichte in Film umsetzt. Vor allem, wenn es auch die Themenauswahl betrifft. Grit Lemke, Leiterin des Filmprogramms beim DOK Leipzig, äußert sich in der Studie etwa wie folgt:

Ich habe den Eindruck, dass ostdeutsche Geschichten offenbar in Deutschland nicht wirklich willkommen sind. Denn sobald nur die geringste Verbindung zu den neuen Bundesländern besteht, ein Leipzig im Untertitel, die Abstammung des Regisseurs, eine Geschichte aus Mecklenburg-Vorpommern, wird der Film ungeachtet seines eigentlichen Themas stigmatisiert und – wie ich finde – pauschal abgelehnt.

Ein Beitrag zur Stasi hat es hingegen leichter, der Grusel ostdeutscher Geschichte funktioniert halt immer. Wir sollten aber aufpassen, dass wir Ostdeutschland und seine Geschichte nicht darauf reduzieren.

Wirtschaftswissenschaft: Wenn Westdeutschland ganz Deutschland ist

Wirtschaftswissenschaft: Wenn Westdeutschland ganz Deutschland ist

Eine Wissenschaft wie die Wirtschaftswissenschaft funktioniert im Grunde so: Sie stellt eine Frage und sammelt und erhebt dazu alle verfügbaren und sinnvollen Daten. Damit will sie Antworten finden. Dazu gehört auch, dass die Antworten komplex, die Zusammenhänge vielfältig und auch sonst vieles nicht leicht ist. Aber der kleinteilige und differenzierte Umgang mit Informationen ist die Stärke der Wissenschaft. Worauf sonst sollte man sich verlassen?

Aber schauen wir in eine Analyse, die in der aktuellen Ausgabe des Wirtschaftsdienstes veröffentlicht worden ist. Da dieser Text nur gegen Bezahlung gelesen werden kann, legen wir die gekürzte Fassung auf Ökonomenstimme zugrunde. Beide Texte tragen den gleichen Titel:

Verlierer(-regionen) der Globalisierung in Deutschland: Wer? Warum? Was tun?

Das ist also die Forschungsfrage, die beantwortet werden soll. Und sie ist eine etwas seltsame Wahl, denn in einer Fußnote heißt es:

Wir beschränken uns auf regionale Unterschiede innerhalb Westdeutschlands, da die Daten für Ostdeutschland erst ab 1993 vorliegen.

So weit, so gut: Ostdeutschland wird nicht untersucht, weil die Daten nicht mehr hergeben. Alles andere wäre wissenschaftlich nicht sauber gewesen.

Das westdeutsch-deutsche Problem

Dumm nur: Die Autoren ignorieren Ostdeutschland nicht nur, sie vergessen es. Warum sonst weisen sie auf die ostdeutschen Daten ausschließlich in einer Fußnote hin? Wieso suggerieren sie in der Überschrift eine gesamtdeutsche Untersuchung? Weshalb wird der Begriff „Westdeutschland“ nur einmal erwähnt, obwohl er die Datenlage am treffendsten beschreibt? Und warum kommt die Bezeichnung „Deutschland“ 14-mal vor?

Wer ganz genau hinschaut, hätte aber auch schon bei der Illustration misstrauisch werden. So richtig passt die Karte schließlich nicht zur „Deutschland“-Überschrift:

Update

Ökonomenstimme hat bei Twitter auf meine Kritik reagiert:

Berichtenswert: Heinz Rudolf Kunze war als Kind in der DDR!

Egon Krenz und Heinz Rudolf Kunze sprechen miteinander, herausgekommen ist das Buch „Ich will hier nicht das letzte Wort“. So langweilig wie es klingt, ist es auch. Aber weil die zwei ja nicht unbekannt sind: Was schreibt man da als Presseagentur in eine Meldung?

Wer in die Leseprobe schaut, findet etwa folgende Erkenntnisse:

  • Das Politbüro hat die Rockkonzerte 1988 in der DDR unterstützt.
  • Heinz Rudolf Kunze meint, dass sich heute mehr Musiker für den Frieden einsetzen sollten.
  • Aus der Sicht von Egon Krenz ist der Kalte Krieg noch nicht vorbei.

Es geht also durchaus politisch und aktuell zu in dem Buch. Was macht also die Deutsche Presse-Agentur daraus? Sie zitiert Heinz Rudolf Kunze, der darüber spricht, wie er als Kind die DDR wahrgenommen hat:

Bei seinen DDR-Besuchen habe er im Umfeld von Omas und Opas, Tanten und Onkeln, nicht einen getroffen, der mit dem System zufrieden gewesen sei.

Egon Krenz darf da nur ergänzen, was man sowieso von ihm erwartet: Es müsse aber auch Leute gegeben haben, die hinter der DDR standen.

In der Presseinformation der Eulenspiegel-Verlagsgruppe heißt es übrigens zur Veröffentlichung:

Das Buch ist allerdings mehr als nur ein Gedankenaustausch zweier interessanter Persönlichkeiten über Vergangenes und Gemeinsames. Es ist auch eine Art Bestandsaufnahme, wie weit wir in Deutschland im mittlerweile ein Vierteljahrhundert währenden Vereinigungsprozess gekommen sind.

So weit dann offenbar noch nicht: Westdeutsche, die über Ostdeutsche reden, die nicht selbst zu Wort kommen. Schon wieder. Oder: Immer noch.

Berlin-Wahl: Heute Äpfel, früher Birnen

Berlin-Wahl: Heute Äpfel, früher Birnen

Früher war ja alles besser. Da gab es noch Wahlergebnisse, bei denen eine Partei klar gewann und die anschließenden Koalitionen aus maximal zwei Fraktionen bestanden. Ach, früher!

Die Berlin-Wahl vom Sonntag ist ein gutes Beispiel — sechs Parteien sind nun im Abgeordnetenhaus, drei davon sind notwendig für eine Regierung. Um diesen Umstand zu unterstreichen, hat die Welt eine Infografik erstellt, die die historische Entwicklung darstellen soll:

Berlin-Wahl 1975, 1990, 2016. Grafik: welt.de (19.09.2016)

Dumm nur: An dieser Grafik sind verschiedene Dinge schlicht falsch:

  1. 1990 sind weder die Linkspartei noch Bündnis 90 / Die Grünen angetreten. Beide Parteien gab es zur damaligen Abgeordnetenhauswahl nicht — eine Kontinuitätslinie zur PDS bzw. zur Alternativen Liste zu ziehen, ist recht fragwürdig.
  2. Wenn man es aber doch will: Der PDS-Anteil scheint doppelt so hoch zu sein wie der grüne. Auch das ist fragwürdig, schließlich traten die Alternative Liste und Bündnis 90 — die später zu den Grünen fusionierten — getrennt an. Wenn hier schon eine Kontinuität gezeichnet werden soll, dann hätten diese Werte zusammen gerechnet werden müssen.
  3. Die Wahl 1975 passt nicht in die Reihe: Einige von uns erinnern sich vielleicht daran, dass Berlin (übrigens wie ganz Deutschland) vor 1990 geteilt war. Die 1975er Ergebnisse ließen sich also höchstens mit den Zahlen aus West-Berlin vergleichen. Oder mit Birnen.

Ins Sommerloch gefallen: Kein Urlaub in Ostdeutschland

Ins Sommerloch gefallen: Kein Urlaub in Ostdeutschland

Es ist Urlaubszeit! Und auch wenn das Sommerloch nicht ganz so groß ist wie gewohnt: Es gibt sie noch, die wohlfühligen Fülltexte über schönen Urlaub in ganz Deutschland. Ganz Deutschland? Nein, ganz so umfassend ist man dann doch nicht.

Spiegel Online etwa präsentiert auf seiner Startseite eine Bilderstrecke mit dem Titel: „Hitze in Deutschland — So geht Sommer!“

Spiegel Online: "Hitze in Deutschland - So geht Sommer!"

Quelle: Spiegel Online / Screenshot

14 Urlaubsfotos werden gezeigt, da könnte man durchaus auf die Idee kommen, dass aus allen Regionen etwas dabei ist. Allerdings ist die Auswertung nach Bundesland etwas ernüchternd:

1x Baden-Württemberg

3x Bayern

1x Hamburg

2x Hessen

2x Niedersachsen

1x Nordrhein-Westfalen

1x Saarland

1x Schleswig-Holstein

Falls die Geschäftsführung des Spiegel sich schon einmal gefragt haben sollte, warum die Auflage in den östlichen Bundesländern nicht ganz so hoch ist: Es könnte daran liegen, dass diese Gebiete in solchen Artikeln nicht vorkommen, bei Spiegel-Berichten über „Deutschlands hässliche Fratze“ aber als Problemkind ganz vorne dabei sind.

In eine ähnliche Kerbe schlägt Welt Online: Für den Nordsee-Urlaub fragt man dort: „Von Sylt bis Borkum – Welche Insel passt zu mir?“ Die Ostsee kommt aber auch vor — hier testete die Redaktion, wie auf einen Burkini reagiert wird. Das Ergebnis ist aber wohl nicht so kontrovers wie gehofft — da kann auch der Kommentar nichts retten, wenn die Badegäste ganz relaxt sind.

Apropos Ostsee: Dazu gibt das Büchlein „99x Ostsee“ aus dem Bruckmann-Verlag Tipps für unbekannte Ziele. Allerdings: „Ostsee“ heißt hier „der Bereich zwischen Flensburg und Lübeck“ (offiziell) bzw. „Ostsee ja, Ostdeutschland nein“ (Subtext). Alles kein Problem, wenn es eine inhaltliche Begründung gäbe, weitere Bände zur Ostsee im Verlagsprogramm oder irgendwas. Aber leider nichts. Deshalb bleibt hier nur das Cover mit der sehnsuchtsvoll blickenden Frau mit Blumen im Haar:

Titelbild von "99x Ostsee"

Von deutschen Medien ignoriert: Stadt entflieht dem Sozialismus

Da will die thüringische Stadt Sonneberg nach Bayern wechseln — und was machen die deutschen Medien? Stellen ganz nüchtern fest, worum es geht: Es würde der wirtschaftlichen Weiterentwicklung helfen, stellt die Süddeutsche heraus. Man hätte von einer beabsichtigten Gebietsreform nur Nachteile, betont man bei inFranken.de. Und mit „überlaufen“ nutzt der Focus bereits die schärfste Vokabel.

Was ist denn da los? Eine Stadt aus der DDR will in den Westen rübermachen! Wieso stellt denn niemand unqualifizierte Vermutungen und Vergleiche an? Ich bin enttäuscht. Und wende mich der internationalen Konkurrenz zu:

Whole town tries to flee socialist east Germany

So titelt thelocal und stellt auch gleich die SED- PDS- Linke-Regierung in den Mittelpunkt. So geht emotionaler Journalismus ohne Recherche, merkt euch das!

Neuland fürs tazland: Die tageszeitung entdeckt den Osten!

Preisfrage: Was ist das aktuellste Neuland?

  1. Der Merkelativ für „Internet“
  2. Ein Bio-Siegel, das die Gefühle der taz-LeserInnenschaft gerade aufwühlt.
  3. Die Erkenntnis der taz, dass die Mauer nicht mehr steht.

Antwort: 2. Das Bio-Siegel lügt uns an! Buh!

Oh, und auch 3., denn die tageszeitung (in Kleinbuchstaben) startet jetzt einen ganz neuen Scheiß: taz.neuland (in Kleinbuchstaben und mit Punkt). Sprich: Die taz entdeckt den Osten! 2016! Famos. Dazu heißt es im hauseigenen Blog:

Die taz ist ein Kind der westdeutschen Alternativkultur und fremdelt bisweilen immer noch mit der Gesellschaft, die keine Erfahrungen mit dieser Gegenkultur gemacht hat.

Mediale Selbstkritik, wer hätte das gedacht? Doch halt — die taz zeigt auch hier ihren plumpen Westdeutschismus: Sie nimmt — neckisch kreativ — einen Trabi als Illustration und zieht die „Zone“ den „neuen Bundesländern“ vor. Es besteht also weiterhin der Nachholbedarf, den wir hier schon mehrfach attestiert haben.

Nun gut — mit der Projektbeschreibung mag die Redaktion ja bewusst anecken wollen. Doch wie sieht es mit dem Projekt selbst aus? Die Sonderseite soll mittwochs und freitags erscheinen und zwar ausschließlich in der Zone im Osten. Der westdeutschen Neuland-Gegenkultur ist die ostdeutsche Neuland-Unbekanntkultur wohl nicht zuzumuten. Was soll’s — die Zeit macht das seit 2009 genauso. Die taz also voll im Trend.

Schließen wir aber mit den lyrischen Worten der taz, die ihre Haltung zu dem ihr unbekannten Deutschland wunderbar entlarvend auf den Punkt bringt. Der Osten ist nämlich kein Ort von Nachrichten. Nein:

Es darf gespielt werden. Der Osten ist die Spielwiese.

Na dann: Willkommen in der Gegenkultur!