Ins Sommerloch gefallen: Kein Urlaub in Ostdeutschland

Ins Sommerloch gefallen: Kein Urlaub in Ostdeutschland

Es ist Urlaubszeit! Und auch wenn das Sommerloch nicht ganz so groß ist wie gewohnt: Es gibt sie noch, die wohlfühligen Fülltexte über schönen Urlaub in ganz Deutschland. Ganz Deutschland? Nein, ganz so umfassend ist man dann doch nicht.

Spiegel Online etwa präsentiert auf seiner Startseite eine Bilderstrecke mit dem Titel: „Hitze in Deutschland — So geht Sommer!“

Spiegel Online: "Hitze in Deutschland - So geht Sommer!"

Quelle: Spiegel Online / Screenshot

14 Urlaubsfotos werden gezeigt, da könnte man durchaus auf die Idee kommen, dass aus allen Regionen etwas dabei ist. Allerdings ist die Auswertung nach Bundesland etwas ernüchternd:

1x Baden-Württemberg

3x Bayern

1x Hamburg

2x Hessen

2x Niedersachsen

1x Nordrhein-Westfalen

1x Saarland

1x Schleswig-Holstein

Falls die Geschäftsführung des Spiegel sich schon einmal gefragt haben sollte, warum die Auflage in den östlichen Bundesländern nicht ganz so hoch ist: Es könnte daran liegen, dass diese Gebiete in solchen Artikeln nicht vorkommen, bei Spiegel-Berichten über „Deutschlands hässliche Fratze“ aber als Problemkind ganz vorne dabei sind.

In eine ähnliche Kerbe schlägt Welt Online: Für den Nordsee-Urlaub fragt man dort: „Von Sylt bis Borkum – Welche Insel passt zu mir?“ Die Ostsee kommt aber auch vor — hier testete die Redaktion, wie auf einen Burkini reagiert wird. Das Ergebnis ist aber wohl nicht so kontrovers wie gehofft — da kann auch der Kommentar nichts retten, wenn die Badegäste ganz relaxt sind.

Apropos Ostsee: Dazu gibt das Büchlein „99x Ostsee“ aus dem Bruckmann-Verlag Tipps für unbekannte Ziele. Allerdings: „Ostsee“ heißt hier „der Bereich zwischen Flensburg und Lübeck“ (offiziell) bzw. „Ostsee ja, Ostdeutschland nein“ (Subtext). Alles kein Problem, wenn es eine inhaltliche Begründung gäbe, weitere Bände zur Ostsee im Verlagsprogramm oder irgendwas. Aber leider nichts. Deshalb bleibt hier nur das Cover mit der sehnsuchtsvoll blickenden Frau mit Blumen im Haar:

Titelbild von "99x Ostsee"

Von deutschen Medien ignoriert: Stadt entflieht dem Sozialismus

Da will die thüringische Stadt Sonneberg nach Bayern wechseln — und was machen die deutschen Medien? Stellen ganz nüchtern fest, worum es geht: Es würde der wirtschaftlichen Weiterentwicklung helfen, stellt die Süddeutsche heraus. Man hätte von einer beabsichtigten Gebietsreform nur Nachteile, betont man bei inFranken.de. Und mit „überlaufen“ nutzt der Focus bereits die schärfste Vokabel.

Was ist denn da los? Eine Stadt aus der DDR will in den Westen rübermachen! Wieso stellt denn niemand unqualifizierte Vermutungen und Vergleiche an? Ich bin enttäuscht. Und wende mich der internationalen Konkurrenz zu:

Whole town tries to flee socialist east Germany

So titelt thelocal und stellt auch gleich die SED- PDS- Linke-Regierung in den Mittelpunkt. So geht emotionaler Journalismus ohne Recherche, merkt euch das!

Neuland fürs tazland: Die tageszeitung entdeckt den Osten!

Preisfrage: Was ist das aktuellste Neuland?

  1. Der Merkelativ für „Internet“
  2. Ein Bio-Siegel, das die Gefühle der taz-LeserInnenschaft gerade aufwühlt.
  3. Die Erkenntnis der taz, dass die Mauer nicht mehr steht.

Antwort: 2. Das Bio-Siegel lügt uns an! Buh!

Oh, und auch 3., denn die tageszeitung (in Kleinbuchstaben) startet jetzt einen ganz neuen Scheiß: taz.neuland (in Kleinbuchstaben und mit Punkt). Sprich: Die taz entdeckt den Osten! 2016! Famos. Dazu heißt es im hauseigenen Blog:

Die taz ist ein Kind der westdeutschen Alternativkultur und fremdelt bisweilen immer noch mit der Gesellschaft, die keine Erfahrungen mit dieser Gegenkultur gemacht hat.

Mediale Selbstkritik, wer hätte das gedacht? Doch halt — die taz zeigt auch hier ihren plumpen Westdeutschismus: Sie nimmt — neckisch kreativ — einen Trabi als Illustration und zieht die „Zone“ den „neuen Bundesländern“ vor. Es besteht also weiterhin der Nachholbedarf, den wir hier schon mehrfach attestiert haben.

Nun gut — mit der Projektbeschreibung mag die Redaktion ja bewusst anecken wollen. Doch wie sieht es mit dem Projekt selbst aus? Die Sonderseite soll mittwochs und freitags erscheinen und zwar ausschließlich in der Zone im Osten. Der westdeutschen Neuland-Gegenkultur ist die ostdeutsche Neuland-Unbekanntkultur wohl nicht zuzumuten. Was soll’s — die Zeit macht das seit 2009 genauso. Die taz also voll im Trend.

Schließen wir aber mit den lyrischen Worten der taz, die ihre Haltung zu dem ihr unbekannten Deutschland wunderbar entlarvend auf den Punkt bringt. Der Osten ist nämlich kein Ort von Nachrichten. Nein:

Es darf gespielt werden. Der Osten ist die Spielwiese.

Na dann: Willkommen in der Gegenkultur!

Stasi? Auf Facebook sagt man alles

Privates bleibt nicht privat — die Kunstinstallation „Am Telefon sagt man nix“ zeigt, wie es ist, wenn fremde Personen über persönliche Dinge Bescheid wissen. Genutzt werden Telefonmitschnitte der Stasi aus den 1980er Jahren, die man über rote Telefonhörer selbst belauschen kann. Die Stasi, ganz schlimm.

Die Künstler_innen sehen aber auch einen aktuellen Bezug:

Für die Initiatoren der Installation weisen die einstigen Abhöraktionen Parallelen zur heutigen Sammelwut von Informationen durch Konzerne wie Google oder Facebook auf. Viele Menschen verstünden das Ausmaß aber gar nicht, beklagt Künstlerin Stefanie Kinsky.

Dumm nur: Die Veranstaltung ist fein säuberlich auf Facebook eingetragen, verlinkt von der Projektwebseite, die gleichfalls bemerkt:

Dennoch geben Menschen weiterhin freigiebig ihre Daten an internationale Großkonzerne wie Google oder Facebook weiter. Doch sind Daten ersteinmal vorhanden, werden sie auch genutzt.

Stimmt: Über die Facebook-Veranstaltung kann ich sehen, wer sie besucht — und wer dazu einlädt. Darunter ist auch die Initiatorin, die sich im Interview noch über den bedenkenlosen Umgang mit persönlichen Daten beklagte. Wer durch ihre Facebook-Chronik scrollt, findet Dinge, auf die sie verweist und Kommentare, die sie mit Freunden austauscht. Für diese Gespräche brauche ich keine Stasi und keine Kunstaktion. Facebook, ganz alltäglich.

Ja, unsere Daten sind abrufbereit. Wir tun es ganz freiwillig. Es wäre Zeit, mit dem Zeigefinger auf uns selbst zu zeigen, nicht auf einen längst vergangenen Geheimdienst.

Rechtsextrem! Ostdeutsch! Studie! #3

Erschreckende Zahlen präsentiert die Bundesregierung in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen-Abgeordneten Irene Mihalic. Lassen wir die Überschriften sprechen:

Nun mag man sich fragen, seit wann Nordrhein-Westfalen zu Ostdeutschland gehört. Die Antwort ist ganz einfach: In der Antwort wird zwischen rassistischen Gewalttaten und rechtsextrem motivierten Gewalttaten unterschieden. Das mag spitzfindig klingen, führt aber zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen. 2014 wurden bundesweit 130 rassistische Gewalttaten gezählt, davon 61 in den neuen Bundesländern inklusive Berlin: Also fast die Hälfte im Osten Deutschlands.

Bei den rechtsextremistisch motivierten Gewalttaten wurden 1029 registriert. Hier führt Nordrhein-Westfalen die Liste mit 370 Vorfällen an, gefolgt von Berlin mit 111, Sachsen mit 86, Brandenburg mit 73, Bayern mit 68, Thüringen mit 57, Niedersachsen mit 54 und Sachsen-Anhalt mit 47. In Nordrhein-Westfalen, Bayern und Niedersachsen leben jeweils mehr Menschen als in den ostdeutschen Bundesländern.

Was lässt sich aus den Zahlen also lesen? Nichts? Nun ja: Von Rechten verübte Gewalt ist ein gesamtdeutsches Problem, auch wenn die Schlagzeilen anderes vermuten lassen. Und: Diese Gewalt wird vor allem dort erkannt, wo es dafür ausgelegte Strukturen gibt — es dürfte kein Zufall sein, dass die hohen Zahlen aus eben jenen Bundesländern kommen, in denen es viele Beratungs- und Meldestellen gibt. Dies ist in den Ost-Bundesländern und NRW der Fall, wie die Deutsche Welle meldet. Über die Zahlen in Westdeutschland gibt es also streng genommen keine vergleichbaren Aussagen.

So ist es kein Wunder, wenn Irene Mihalic die ihr gemeldeten Zahlen bezweifelt:

„Es gibt Grund zu der Annahme, dass die bisher vorgelegten Fallzahlen nur einen Bruchteil der rechts motivierten Kriminalität in Deutschland widerspiegeln.“

Die Stasi und die Rechten: Aufregung statt Neuigkeit

Manchmal ist Sommerloch: Das erklärt vielleicht, weshalb kürzlich die Aktivitäten von Stasi-Agenten bei Neonazis recht breitgetreten wurden, zum Beispiel in der Berliner Zeitung, bei Spiegel Online, beim Handelsblatt und bei der Tagesschau. Neuigkeitswert? Vernachlässigbar. Telepolis hat sich mit den Fakten und dem medialen Tenor auseinander gesetzt:

Die deutschen Medien haben in der letzten Woche in großer Anzahl […] darüber berichtet, dass die Stasi ihre „Spitzel“(= IM) in der westdeutschen „rechten Szene“ gehabt habe und dann seien es noch „viel mehr als bisher angenommen“. Die Wortwahl war unisono: sowohl herunterspielend ( „rechte Szene“ anstatt Rechtsterrorismus, um den es im Kern geht, „Spitzel“ anstatt Agent), wie aber auch aufgeregt, ob der neuen Meldungen aus der Stasi-Welt. […]

Doch neu ist an dem vermeintlich erst jetzt entdeckten Sachverhalt rein gar nichts. Die Tatsache der Einschleusung von „Spitzeln“ oder „Informanten“ in gegnerische Organisationen des „Operationsgebietes“ (Stasi- Begriff für die BRD) ist ein alter Hut und gehört zum Handwerk eines jeden Geheimdienstes, zumal im Kalten Krieg.

Erwartbare Meldungen zur Lebenserwartung

Erwartbare Meldungen zur Lebenserwartung

Wir meckern ja viel zu oft und freuen uns zu wenig. Gerade an diesen sommerlichen Tagen. Also mal eine schöne Meldung:

Die Wiedervereinigung hat dazu geführt, dass die Menschen in den neuen Bundesländern heute länger leben als zu Mauerzeiten.

Das schreibt die Pharmazeutische Zeitung am 23.7. unter Berufung auf die Studie „So geht Einheit“ des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Die Veröffentlichung hatte für einigen Wirbel gesorgt ob der unschönen Unterschiede zwischen West und Ost, die darin stehen – aber bei der Lebenserwartung kann man sich freuen: Endlich etwas, wovon der Osten mal wirklich profitiert hat!

Quelle: So geht Einheit, 2015, S.48.

Quelle: So geht Einheit, 2015, S.48.

Gut, man könnte ein wenig nörgeln und darauf verweisen, dass die Lebenserwartung von Männern aus dem Osten just zur Wendezeit einen klaren Knick erlebt hat und erst 1994 den Stand von vor der Wende wieder erreicht hat. Und dass die DDR-Lebenserwartungen bis 1976 meist näher an den West-Vergleichsgruppen lag als heute oder im Fall der DDR-Männer sogar darüber: Das passt so gar nicht zum Bild des durchstartenden Westens nach Kriegsende. Erläutert werden beide Fälle in der Studie nicht.

Auf eine Sache verweisen Zeitung und Studie auch nur im Nebensatz:

Heutzutage hinge die Lebenserwartung nicht mehr vom Geburtsort, sondern von sozio-ökonomischen Faktoren wie Arbeits- und Einkommensverhältnissen oder dem Bildungsstand ab.

Aber: Wir wollen ja nicht jammern! Schauen wir lieber auf diese schöne Meldung aus dem Jahr 2014:

Länger leben im Osten dank Mauerfall

2014? Ja, am 10.9.2014 titelte das Neue Deutschland so unter Berufung auf eine Studie des Rostocker Max-Planck-Instituts. Dort sagte man begeistert:

„Der Zugewinn an Lebenszeit ist damit eine der größten, wenn auch oft übersehenen Errungenschaften der deutschen Einheit.“

Ach wie schön. Aber wir haben auch noch eine weitere Studie aus dem Jahr 2013:

Ostdeutsche leben länger — dank der deutschen Einheit

Ja, der Tagesspiegel meldete am 9.7.2013 eine Studie der Universität Rostock, die zu diesem Schluss gekommen war. Aber damit nicht genug: 2011 konnte der Wirtschaftsdienst die Angleichung der Lebenserwartung vermelden und 2009 der Focus, immer mit Verweis auf aktuelle Zahlen des Max-Planck-Instituts. Welch schöne Meldungen! Wie verlässlich! Wie wissenschaftlich bahnbrechend!

Man kann es natürlich auch so böse formulieren, wie es die taz 2011 getan hat:

Die Lebenserwartung von Geringverdienern ist entgegen aller Trends in den letzten zehn Jahren deutlich gesunken. […] Das Phänomen betrifft ausschließlich Männer und den Osten härter als den Westen.

Also, das klingt ja gar nicht schön. Aber doch bitte nicht zur Sommerzeit — war doch klar, warum das in der Einheitsstudie so verklausuliert war. Und wehe, jemand kommt damit vor den tollen Einheitsfeierlichkeiten daher!

Denunziert euch mal nicht so

Nach 25 Jahren beständiger Aufdeckung von Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) der Staatssicherheit ist es soweit: Alle gefunden, Mission beendet. Aber weil es so ganz ohne DDR-Denunzianten-Grusel ja langweilig wäre, startet der Spiegel die nächste Stufe: Auch Westdeutsche haben in der DDR angeschwärzt.

Wessis der DDR zugeliefert? Nein! Doch! Oh! Aber damit wir nicht in der Schreckstarre eines Louis de Funès verharren, gibt uns der Spiegel gleich die Begründung: Die Westdeutschen schwärzten Menschen aus der DDR an,

damit diese nicht rüber kommen, weil die „uns“ sonst „die Arbeit wegnehmen.“

Starkes Stück. Damit man aber nicht allzu sehr ins Grübeln kommt (Wo gibt es da Parallelen?), macht der Spiegel gleich weiter: Nicht nur die IM haben gespitzelt, nicht nur die Westdeutschen haben angeschwärzt, nein:

Anschwärzen im Alltag war für viele eine Selbstverständlichkeit — ganz ohne Zutun der Stasi

Noch stärkeres Stück. Damit man da richtig ins Grübeln kommt, liefert der Spiegel gleich noch ein Interview mit der Historikerin Hedwig Richter mit. Sie sagt etwa:

Die DDR-CDU hat dabei eine ganz negative Rolle gespielt, über die kaum ein Mensch redet.

Deshalb belässt es der Spiegel auch damit. Statt einer Auseinandersetzung mit dem Wahlgewinner ’90 („Allianz für Deutschland“) geht es also um das Fußvolk. Denn das war — man staune — eigentlich noch schlimmer als die Stasi-IMs. Historikerin Richter:

wer zur Stasi ging, der wusste ganz genau, dass er hier was Zweifelhaftes macht. [Aber] dieses Berichtswesen war ein niedrigschwelliges Angebot zur Denunziation ohne dass die, die denunzierten, sich wirklich schlecht fühlen mussten.

Denunzieren ohne schlechtes Gewissen! Was werden sich all die armen IM jetzt ärgern, dass sie sich damals immer in den Schlaf weinen mussten — hätten sie doch nur niedrigschwelliger gearbeitet. Stattdessen mussten die einen bewusst etwas Zweifelhaftes tun und die anderen: auch. Aber unbewusst. Also alle fiese Denunzianten in der DDR?

Natürlich ist die ostdeutsche Bevölkerung nicht prinzipiell irgendwie denunziationsfreudiger als die in einem anderen Land. Aber, wie so oft, hat diese Diktatur das Niedrige befördert. […] In einer freien Gesellschaft kann Denunziation gar nicht diese Rolle spielen, weil es dem Staat egal ist, was X über Y sagt.

Da hat der Spiegel die eigentlich spannende Entdeckung — Westdeutsche, die in der DDR denunzieren — schon längst vergessen. Stattdessen prangert das Interview die mangelnde Vergangenheitsbewältigung der DDR-Bewohner_innen an. Und man freut sich: Endlich reden wir nach 25 Jahren über dieses Thema.

Und vielleicht reden wir dann in 25 Jahren auch über die denunzierenden Westdeutschen. Mal schauen, ob wir dann soweit sind.

„nichts gegen Aussiedler, aber …“

Das mag jetzt vielleicht überraschen, aber: Angst vor Flüchtlingen ist nicht unbedingt eine ostdeutsche Erfindung. Das ARD-Politikmagazin „Kontraste“ hat dazu einen Fernsehausschnitt aus dem Jahr 1989 gefunden. Eine gute deutsche Tradition also.

Wobei man ergänzen sollte, dass die interviewte Frau höchstwahrscheinlich Westfernsehen gesehen hat.

DDR-Führung und Westen: Gemeinsame Sache bei Kunst-Enteignungen

Ach ja, der Unrechtsstaat DDR: 25 Millionen Mark Devisen pro Jahr hatte er dadurch erlangt, dass er in den 70er und 80er Jahren Kunst und Antiquitäten privater Sammler und Museen veräußerte. Das war nicht rechtens, auch nicht nach DDR-Recht.

Was wissen wir heute darüber? Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) schreibt dazu:

Die zuständigen Behörden auf Bundes- und Landesebene verfügen, wie eine Telefon-Umfrage ergeben hat, nur über bruchstückhafte Informationen. […] Während in Forschung und Öffentlichkeit der Raubkunst aus der Zeit des Dritten Reichs die notwendige Aufmerksamkeit geschenkt wird, drohen die Schicksale der Kunstsammler aus der DDR in Vergessenheit zu geraten.

Zu dumm. Denn das Problem ist nicht etwa, dass die ursprünglichen Eigentümer_innen keinen Anspruch auf Wiedergutmachung hätten — denn den haben sie u.a. über das sogenannte Vermögensgesetz. Das Problem ist, dass die Kunstwerke nicht auffindbar sind. Doch wo sind sie geblieben? Die NZZ weiß: Ohne Käufer kein Verkauf. Und die saßen in der Bundesrepublik, in den Niederlanden, England und der Schweiz:

Heerscharen von kunstaffinen Schnäppchenjägern pilgerten in den siebziger und achtziger Jahren nach Ostdeutschland. Auch nachdem die verwerflichen Praktiken öffentlich bekanntgeworden waren, haben sich die Abnehmer, darunter renommierte Auktionshäuser, weiter mit der von der Stasi kontrollierten Kunst und Antiquitäten GmbH eingelassen.

Nachdem sich nun die Enteigneten seit Jahren um Rückgabe oder Entschädigung bemühen, kommt ein Gesetzesvorhaben der Bundesländer zur Novellierung des Zivilrechts ins Rollen, denn wie Isabel Pfeiffer-Poensgen, Generalsekretärin der Kulturstiftung, gegenüber der NZZ meint:

„Das Thema wurde lange ignoriert. 25 Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, auch dieses Kapitel aufzuarbeiten. Das ist eine Frage der Gerechtigkeit.“

Wohl wahr. Allerdings lassen die bundesdeutschen Medien das Thema weiterhin im Dunkeln, erwähnt wurde es nur in einer knappen dpa-Meldung. Denn wir sollen ja bald Wiedervereinigung feiern und den Unrechtsstaat DDR schlecht finden. Da passt ein Westen nicht ins Bild, der Kunstwerke aus der DDR widerrechtlich aufkaufte und bis heute der Wiedergutmachung widerrechtlich aus dem Weg geht.