2 Dinge, mit denen Buzzfeed zur Ost-West-Debatte in Deutschland beiträgt 2

Welches Medienangebot macht derzeit den wohl innovativsten Schritt in der Wahrnehmung von unterschiedlichen Ost- und West-Erinnerungen? Der Tagesspiegel? Oder TV Total?

Nein: Es ist Buzzfeed. Das aus den USA stammende Medienportal hat vor allem das Ziel, Klicks zu generieren: seine Inhalte sind für Soziale Netzwerke optimiert, sollen also vor allem emotional ansprechen. Am 15. Oktober ist es auch in Deutschland an den Start gegangen — und startete mit Kindheitserinnerungen an die 1980er Jahren. Das wäre nichts besonderes, kulturelle Rückblicke sind schließlich ein beliebtes Thema im Netz. Ungewöhnlich ist aber: Es wurde eindeutig benannt, dass es sich um die Erinnerungen an eine West-Kindheit handelt. Es werden zwar oft westdeutsche Erinnerungen heraufbeschworen, sie werden aber als fiktiv-gesamtdeutsche Erinnerung unausgesprochen verallgemeinert.

Prompt rief dieses Thema Kritik hervor: Buzzfeed ziehe im 25. Jahr des Mauerfalls einen Graben, meint medienrauschen. Doch das stimmt nicht: Am selben Tag gab es einen Artikel mit der für das Portal typischen Überschrift: „25 Dinge, die Dich an Deine Kindheit in den 80ern im Osten erinnern“. Diese Liste enthält durchaus passende Erfahrungen, die bislang in der gesamtdeutschen Erinnerungskultur ausgeblendet wurden.

Am erstaunlichsten aber: Die Benennung des Westdeutschen und die Sichtbarmachung des Ostdeutschen hätte man wohl am wenigsten in einem Klickportal erwartet. Und dass ausgerechnet ALF („Außerirdische Lebensform“) auf beiden Listen steht, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Kurios: Die DDR im Internet

Wir beschäftigen uns hier ja damit, wie der Osten in all seinen Projektionen in den Medien dargestellt wird. Dabei haben wir in der Regel die „klassischen“ Medien im Blick. Doch wie sieht es in diesem krassen neuen Teil, diesem Internet aus? Die Historikerin Irmgard Zündorf hat sich in einem Seminar angeschaut, wie die DDR im Internet dargestellt wird. Ihre Erkenntnis: Es überwiegt deutlich eine kritische Auseinandersetzung. Die Erklärung ist einfach, wie sie im Interview mit der Thüringischen Landeszeitung erläutert:

Eine gute Geschichtsdarstellung kostet Geld. Und für eine ostalgische Seite, die gut gemacht ist, kriegt man keine öffentlichen Gelder. […] Wir haben auch Seiten gefunden von ehemaligen Grenzern oder ein MfS-Forum. Die waren so schlecht gemacht, dass die Studierenden meinten: Das ist zwar ein kurioses Bild der DDR, aber zu den Seiten würde man sich als junger Mensch sowieso nicht verirren.

Ein durchaus überraschender Befund also: Gerade im pluralistisch angelegten Internet werden so die Sicht- und Erzählweisen viel eingeschränkter als es möglich wäre. Gerade in Hinblick auf einen Staat, von dem man sich mit der viel beschworenen Meinungsfreiheit abheben wollte und will, ist dies recht bedenklich. Dass dies auch nicht im Sinne einer kritischen und umfangreichen Geschichtsdarstellung sein kann, zeigt das Resümee der Wissenschaftlerin und ihren Studierenden:

Was den Studierenden wiederum negativ aufgefallen ist: Die DDR wird dort sehr häufig im Spiegel der Bundesrepublik dargestellt. Die Bundesrepublik ist das Positivbeispiel, und die DDR ist das Negativbeispiel. Ihnen war das zu sehr schwarz-weiß. Immer ist die DDR offensichtlich ein Staat, der von Anfang an zum Scheitern verurteilt war, wo die Regierung völlig desolat war, die Stasi alles beherrschte und der überwiegende Teil der Bevölkerung in der Opposition war. Gerade der letzte Punkt hat uns irritiert. Wieso konnte dieser Staat überhaupt 40 Jahre lang bestehen, wenn keiner ihn haben wollte und alle dagegen waren? Diese Unklarheit führt dazu, dass für junge Leute, die keinen direkten Bezug zur DDR haben, dieser Staat eine kuriose Geschichte bleibt.

Einseitiges Einheits-Interesse

Der 25. Jahrestag des Mauerfalls rückt näher — und schon seit Monaten sind Geschichten dazu in den Medien zu finden. Auch der Soli kommt immer wieder in die Diskussion. Auch weil in der Westrepublik gerne geglaubt wird, dass allein sie dafür aufkomme. Da sollte man meinen, dass die Vorstellung des Jahresberichts zur deutschen Einheit auf großes Interesse stößt. Das tat sie auch — aber nur teilweise, wie Markus Decker (Berliner Zeitung) bemerkt:

Bei der gestrigen Pressekonferenz [24.09.2014] zur Vorstellung des Jahresberichts waren Journalisten ostdeutscher Medien und Auslandskorrespondenten übrigens fast unter sich. Auch das sagt über die Einheit ziemlich viel aus.

Hello, Lenin?

In Berlin wird derzeit um einen Kopf gestritten, um Lenins Kopf.

Aber der Reihe nach: 1970 wurde das Lenindenkmal im Osten Berlins aufgestellt. 1991 wurde es dann in 129 Segmente zerteilt und in einem Waldstück vergraben. Vor fünf Jahren schließlich wurde der Kopf für eine große Dauerausstellung über politische Denkmäler in Berlin eingeplant: „Enthüllt. Berlin und seine Denkmäler“ wird 2015 eröffnet. Lenins Kopf soll dort die Zeit von 1945 bis 1989 symbolisieren.

Doch nun macht der Berliner Senat einen Rückzieher: Geht nicht, denn das Denkmal geht nur als Ganzes. Und die Restaurierung kostet ja auch. Und überhaupt: Wir wissen gar nicht, wo der Kopf eigentlich liegt.

Unsinn, sagen etwa Alexander Koch, Präsident des Deutschen Historischen Museums und Andreas Nachama, Direktor der Topografie des Terrors. So meint Koch, mit dem Exponat könnte der gesellschaftlich-politischen Bedeutung solcher Denkmäler in der DDR nachgegangen werden. Die aktuelle Diskussion zeigt aber: Die gesellschaftlich-politische Bedeutung im aktuellen System ist mindestens genauso erhellend.

Mauerfall-Einheit: Vereinnehmen ohne übernehmen

Wie funktioniert eigentlich Vereinnahmung von Geschichte? Hier ein aktuelles Beispiel: Die in der DDR geborene Piraten-Politikerin Anke Domscheit-Berg hat der Zeit ein umfangreiches Interview gegeben. Darin sagt sie unter anderem:

Der Mauerfall ist die endlose Energiequelle, die mich immer antreiben wird. […] Ich wollte eine bessere DDR, einen dritten Weg. Aber davon sprach dann niemand mehr, die runden Tische verschwanden, viele wollten nur noch die D‑Mark. […] Als wir auf die Straße gingen, hatten wir eine Vision von einer besseren Welt. […] Wir, die dablieben, wollten den dritten Weg, wir wollten eine bessere Gesellschaft. Das geht ja nicht, wenn man abhaut und alle anderen dalässt. […] Überlegen Sie mal: Wir Ostdeutschen wissen sogar, wie man Geheimdienste abschafft, wir haben das selbst einmal gemacht.

Der dritte Weg, das war ein zentrales Ziel der Dissidenten ab Anfang der 1980er Jahre: Sie wollten eine demokratisch reformierte DDR. Die Idee des Sozialismus fanden sie nicht schlecht — nur dessen Umsetzung. Die Wiedervereinigung hingegen war eine politisch und ökonomisch motivierte Idee der bundesdeutschen Kohl-Regierung. Der Rest ist Geschichte.

Nun aber zur Vereinnahmung. Im Tagesspiegel schreibt Chefredakteur Lorenz Maroldt eine Replik zu diesem Text — er argumentiert aber gar nicht für oder gegen Domscheit-Berg, sondern führt ausgehend von ihrem Interview die Meinungen von SPD-Politiker aus dem Jahr 1989 vor. Das sieht dann so aus:

Die wichtigste Botschaft des Lebens gehe von den Ereignissen damals aus: Nichts, wirklich nichts müsse so bleiben wie es ist, schreibt sie, egal, wie stabil es aussieht. […] Dass irgendwann die Mauer fällt und die Einheit kommt, dass so etwas geht, das haben vor ’89 – und auch noch mittendrin – nur die wenigsten erwartet. Erich Honecker sah sie noch in hundert Jahren stehen, und auch im Westen, hier besonders im linken, grünen, sozialdemokratischen Milieu, war die Sache abgehakt, mindestens das. […] Noch kurz vor dem Mauerfall erklärte [Egon Bahr apodiktisch]: ‚Es gibt keine Chance, die deutschen Staaten zusammenzuführen.‘ […] Doch die Wucht der Ereignisse, die Bahr überrollte, so wie auch Hans-Jochen Vogel (‚illusionäres Wiedervereinigungsgerede‘, September ’89), Oskar Lafontaine (‚historischer Schwachsinn‘, Dezember ’89), Willy Brandt (‚die Hoffnung auf Wiedervereinigung wird gerade zur Lebenslüge‘, September ’89), Gerhard Schröder (‚keine Chance‘, September ’89), wirkt nach, ist nicht vergangen.

Und wir sehen: Plötzlich sind der Mauerfall und die Vereinigung der beiden deutschen Staaten untrennbar miteinander verbunden. Und es scheint Maroldt nicht zu stören, dass seine Zitatgeberin etwas ganz anderes sagt. Da passt es, dass sein Mauerfall-Einheits-Brei zu einem Naturereignis ohne Akteure wird: „Ereignisse“, „die Sache“. Keine Rede von denen, die auf die Straße gingen und viel riskierten. Keine Rede von Menschen wie Anke Domscheit-Berg. Sie würden wohl nur diese vereinnahmende Sichtweise stören.

zahlen vergleichen 2

mir begegnen gelegentlich statistiken; zahlen von diesem und jenem im vergleich zu zahlen von diesem und anderem. sowas zum beispiel:

Die Zahl der Verkehrstoten ist nach einer aktuellen Prognose des ADAC im Jahr 2013 auf einen historischen Tiefststand gesunken. … Die höchsten Zahlen gab es laut ADAC-Sprecher Andreas Hölzel Anfang der 70er Jahre. «Da hatten wir rund 20 000 Verkehrstote im Jahr.» … Es werde voraussichtlich auch weniger Verletzte geben. Zu erwarten sei ein Rückgang um fast fünf Prozent auf 366 000 verletzte Verkehrsteilnehmer. Dies wäre der niedrigste Stand seit 1954.

oder auch sowas in einem artikel aus dem Jahr 2008:

Die Zahl der Neugeborenentötungen ist in den letzten 30 Jahren etwa gleich geblieben.

na? wem fällt was auf? 

ich würde die journalist_innen, adac-sprechenden und wissenschaftler_innen gerne fragen in welchem land sie leben und und welcher Alten-Neuen-BRD sie ihre verkehrstoten und ‑verletzten und ihre neugeborenentötungen gezählt haben und was sie da eigentlich vergleichen.

wenn die zahl der neugeborenentötungen zwischen 1978 und 2008 in etwa gleich geblieben ist, dann hat sie sich verändert!

Wenn der Westen weint: Wendeverlierer, buhuhu

Westdeutschland ist Wendeverlierer.

So beginnt Henryk M. Broder seine Polemik in der Welt. Dies ist als journalistische Spielart ganz famos, denn man kann munter Behauptungen aufstellen, emotional argumentieren und an altbekannte Bilder in den Köpfen anknüpfen. Da wachsen im Osten ganz ironiefrei blühende Landschaften und schöne Innenstädte. Und im Westen?

Die Industrieruinen stehen jetzt im Westen und legen Zeugnis ab vom Niedergang ganzer Regionen.

Dass vor allem das Ruhrgebiet den Wechsel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft verkraften musste, ist bekannt. Was dies allerdings mit der Wende zu tun hat, erschließt sich nicht so ganz. Und der Blick auf Gebäude und Landschaften bleibt bezeichnenderweise an der Oberfläche. Ganz andere Aussagen mal kurz angerissen: Die meisten Millionäre Deutschlands gibt es in Düsseldorf, München, Frankfurt, Stuttgart und Hamburg. Schlusslichter sind hier übrigens Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Beim monatlichen Nettoeinkommen treten die Wendegewinner laut Broder erst ab Platz 10 auf, damit allesamt unter dem deutschen Durchschnitt. Westdeutscher Niedergang sieht anders aus.

Düsseldorf sieht heute wie Leipzig vor 30 Jahren aus: heruntergekommen, trostlos, verschlissen. Allerdings immer noch besser als Dortmund, Duisburg, Mannheim, Stuttgart, Aachen oder Mainz, wo man sich offenbar mit der fortschreitenden Verelendung abgefunden hat.

Das Problem ist eher: Düsseldorf sieht immer noch aus, wie es vor 30 Jahren ausgesehen hat. Und ich sage es nur ungern, dafür aber polemisch: Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Städte jemals schön waren. So wie auch Eisenhüttenstadt niemals eine Perle an der Oder war. Wer schöne Innenstädte sucht, wird sie auch an vielen Stellen in Deutschland finden. Unabhängig von der Region, aber auch nur da, wo es die Städte hergeben: Münster, Lübeck, Nürnberg oder Rothenburg ob der Tauber etwa.

Es geht aber eigentlich um etwas ganz anderes, das erkennt auch Henryk M. Broder:

Während man inzwischen im Osten als Gast fair und freundlich behandelt wird, regiert im Westen die Abzocke.

[…] Hässlichkeit wirkt wie ein Virus, wer sich vor Ansteckung schützen will, macht entweder die Augen zu oder redet sich ein, er müsse eben Opfer bringen, damit sich eines Tages eine Utopie erfüllt. So war es bis zur Wende in der DDR, und so ist es heute in weiten Teilen des Westens, wo sich allmählich die Erkenntnis durchsetzt, dass man zu den Wendeverlierern gehört. Wozu soll man sich dann noch anstrengen?

Damit ist das Bild komplett: Schäbige Innenstädte, Abzocke, fehlende Anstrengung — und das bei einem hohen Einkommensniveau und vielen Millionären. Das Problem, lieber Herr Broder, lieber Westen: Es ist hausgemacht.

Watt’n das? 1

Im Gegensatz zur landläufigen Meinung gibt es in Europa noch einige unentdeckte Gebiete. Doch Markus Lanz nimmt es auf sich, die weißen Flecke auf der Landkarte zu erforschen. Als investigativer Nahost-Experte fragte er also in der „Wetten dass“-Ausgabe vom 9.11.2013:

Waren Sie schon einmal so weit um Osten?
zitiert nach diepresse.com

Die Sendung fand in Halle (Saale) statt, die Frage ging an Lukas Podolski. Ja, an Lukas Podolski.

Es scheint, die Deutschlandkarte muss ein wenig überarbeitet werden: Irgendwo zwischen Ost- und Westdeutschland muss noch Polen hinein gequetscht werden. Und Halle schien ja bereits für den Deutschlandfunk den östlichsten Zipfel des bekannten Universums darzustellen.

Wenn das Bildungsniveau von Osten nach Westen fällt 1

„Ein Grund für das gute Abschneiden der ostdeutschen Länder ist tatsächlich die Tradition der polytechnischen Bildung in der DDR“, glaubt Hans Merkens, Erziehungswissenschaftler an der Freien Universität (FU). „Diese Art Bildung war technikfreundlicher als die Allgemeinbildung in der Bundesrepublik.“ […] Auch die Lehrerausbildung sei viel praxisnäher gewesen. […] Erst jetzt werde dieser Praxisbezug wieder in die gesamtdeutsche Lehrerausbildung übernommen, so Merkens.

Erziehungswissenschaftler Hans Merkens in der Berliner Zeitung

Ein Bildungstest des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen hat Neuntklässler in naturwissenschaftlichen Fächern überprüft. Und ein überraschend deutliches Bildungsgefälle Ost-West festgestellt — bislang konnten Unterschiede eher von Norden nach Süden ausgemacht werden. Ost/West? Kaum ein Artikel stellte sich einer so naheliegenden Interpretation wie einleitendes Zitat. Man nehme etwa den Bericht der Süddeutschen Zeitung, die ansonsten durchaus auf das Erbe der DDR Bezug nimmt, hier aber kaum Ursachen für das Testergebnis aufzeigt.  Im Tagesspiegel kommt zudem eine Stimme zu Wort, die das Ergebnis gar nicht so toll findet:

„Erschreckend“ nannte dagegen der Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger die großen Leistungsunterschiede im Ländervergleich. Deutschland dürfe sich nicht damit abfinden, „weil damit auch unterschiedliche Zukunftschancen verbunden sind“.

Komisch. Solange noch das Nord-Süd-Gefälle galt, wurde eher gefragt, wie die Bundesländer von Bayern lernen könnten. Erschreckend war dies nie.

Goldrausch: Eine strukturlose Dokumentation

„Wie können die Menschen zum Subjekt ihrer Geschichte werden?“

Matthias Artzt und Gerd Gebhardt stellten sich im Oktober 1989 diese Frage, als sie das Ende der DDR kommen sahen. Die Wissenschaftler sahen das Eigentum in einer Schlüsselrolle — der Wechsel zum Kapitalismus musste sinnvoll gelöst werden. Sie entwickelten ein Konzept, in dem das DDR-Wort des „Volkseigentum“ ernst genommen wurde: Länder und Kommunen hätten etwas vom Staatsbesitz erhalten, vor allem aber die Bürgerinnen und Bürger. Einen Namen für dieses Konzept hatten sie auch: Treuhand.

Es kam aber anders als gedacht: Politische Entscheidungen wurden in der alten BRD gefällt, auch die durchführenden Personen und Firmen stammten von dort. Sie einte, dass ihre eigenen Interessen im Vordergrund standen: Die Sicherung der eigenen Position, die Ausschaltung möglicher Konkurrenz oder persönliche Bereicherung. Der Umgang der Treuhandanstalt mit dem Vermögen der DDR wird mittlerweile als Fehlleistung eingeschätzt, Werner Schulz (Bündnis90/Grüne) nennt es das „größte Betrugskapitel in der Wirtschaftsgeschichte Deutschlands“.

Geschenkt. Die wirtschaftliche Abwicklung eines Staates war ohne Beispiel — das Vorgehen war also schon von der Grundanlage risikohaft und damit fehleranfällig.

Ein guter Grund also, daraus zu lernen: Die ARD zeigte am 9.10. die Dokumentation „Goldrausch — die Geschichte der Treuhand“ (hier in der Mediathek). Doch dass sie diese Geschichte und ihre Strukturen erklärt, scheint nach einer Reportage der Berliner Zeitung fraglich. Artzt und Gebhardt tauchen im Film nur kurz als Stichwortgeber auf, ihre Konzepte gar nicht. Stattdessen setzt der Film einen Fokus auf Klaus Klamroth, den Leiter der Hallenser Treuhand-Niederlassung. Er wird als naiv dargestellt — das strukturelle Problem der Treuhand verschwindet so hinter persönlichen Unzulänglichkeiten. (Ganz ähnlich sieht übrigens Roland Berger diese Zeit: Nur einige wenige Westdeutsche hätten schadhaft gehandelt. Die Individualisierung von Verantwortung scheint en vogue). Artzt und Gebhardt kritisieren diese Schwerpunktsetzung, denn:

„Wie soll ein großer Zusammenhang erzählt werden mit Figuren, die nicht überblicken, was sie tun?“

So sah es wohl auch Dirk Laabs, der seinen Namen als Regisseur der Dokumentation zurückzog. Seine Recherchen finden sich im gleichnamigen Buch. Es macht deutlich: Die wirtschaftliche Abwicklung der DDR war voller Akteure, deren unterschiedlichen Motive miteinander verflochten waren. Doch dahinter standen professionelle Entscheidungsträger, die entsprechende Strukturen schafften.

Dass es eine Dokumentation im Jahr 2013 nicht schafft, diese Zusammenhänge darzustellen, zeigt eines: Artzt und Gebhardt waren erfolglos in ihrem Bestreben, die Menschen zum Subjekt ihrer Geschichte zu machen.

[mediathek url=„http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1137852/Frontal21-Dokumentation%3A+Beutezug+Ost#/beitrag/video/1137852/Frontal21-Dokumentation-Beutezug-Ost“]

(Die ZDF-Doku „Beutezug Ost“ von 2010 hatte mit dem komplexen Thema hingegen kein Problem.)