DDR-Architektur: Von Ignoranz zum Abriss

„Es wird das gleiche Muster verfolgt wie beim Palast der Republik: Erst lässt man das Haus leerstehen und pflegt es nicht. So dass es vergammelt und alle sich dann mit dem Abriss abfinden.“

So Architekt Wolf Rüdiger Eisentraut. Er hat vor 25 Jahren die „Galerie M“ in Berlin-Marzahn entworfen, die nun abgerissen statt saniert werden soll. Bei dem Gebäude handelt es sich um eines von zwei Neubauten, die in der DDR für die Bildende Kunst errichtet worden sind. Bei einem Abriss würde nur noch die Kunsthalle Rostock bezeugen, wie dieser Staat Kunst präsentieren wollte.

Stasi raus! SED rein!

Dabei haben wir uns alle so schön damit eingerichtet: Alle paar Monate wird ein neuer Stasi-IM enttarnt, kommen ein paar neue Stasi-Details in die Zeitung oder ein Stasi-Film ins Fernsehen. Da hat man was Verlässliches. Da kann man drauf aufbauen.

Und jetzt: Alles aus.

Denn der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk hat die Arbeit „Stasi konkret“ vorgelegt, in der er zeigt, dass es weniger Inoffizielle Mitarbeiter (so wird IM ausgeschrieben, falls das jemand vergessen hat) gab, als bislang angenommen. Statt 189.000 seien es 109.000 gewesen, Schuld an der bisherigen Zahl seien unter anderem Doppelnennungen gewesen. Doch damit nicht genug. Kowalczuk stellt gegenüber Cicero fest:

Nicht jeder, der IM war, hat Verrat begangen, und viele, die nicht IM waren, müssten im Nachhinein als Verräter eingestuft werden.

Ui, das würde doch heißen, dass alles viel komplexer war, als wir immer dachten? Damit macht er uns die schöne heile Stasi-Welt kaputt! Und er macht weiter:

Ich war selbst Teil des Problems.

Kritik an der bisherigen Stasi-Forschung?

Und das von einem wissenschaftlichen Mitarbeiter der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen? War doch alles ganz anders, damals in der DDR? Weniger schwarz-weiß-Malerei und weniger Grau im Alltag? Kowalczuk kriegt dann doch noch die Kurve:

Die Stasi war ein wichtiges, aber nur ein Strukturelement des Herrschaftssystems. Das Bild wird in der Geschichtsbetrachtung verzerrt. Die SED muss wieder an Platz 1 gesetzt werden. Es handelte sich um eine SED-Diktatur und nicht um eine Stasi-Diktatur.

Also dann — wir haben eine neue Nummer 1: SED! SED! SED!

Wie wolle man dem auch widersprechen? Denn die Partei Stasiunterlagenbehörde hat immer Recht.

Einseitig gedopt: Eine Doku in der öffentlichen Wahrnehmung

Man stelle sich vor: Da stört sich die Filmemacherin Sandra Kadelka am eindimensionalen Bild, das vom DDR-Sport gezeichnet wird und dreht „Einzelkämpfer“, einen differenzierten Dokumentarfilm über die Menschen und den Sport. Und was dringt von diesem Film an die Öffentlichkeit?

DDR-Olympiasieger gedopt.

„Ach was“, schreibt Claudio Catuogno in der Süddeutschen über diese Reduktion und lobt den Film. Er resümiert: Der DDR-Sport mit seiner Leistungs-Optimierung habe seine Protagonisten ganz gut vorbereitet auf die Leistungs-Optimierung um jeden Preis im Spitzensport West.

„Einzelkämpfer“ feiert seine Premiere am 15.2.2013 auf der Berlinale.

Die Utopie der geordneten DDR

Der Regisseur Christian Petzold spricht im Interview mit der Zeit bemerkenswert reflektiert darüber, was es heißt, Spielfilme in der DDR anzusiedeln:

Ein Leben ist keine lineare Erzählung, auch nicht im SED-Land – und daran scheitern die meisten Kinogeschichten. […] Manchmal denke ich, die Produzenten solcher Filme wollen, dass es irgendwann mal einen Leitz-Ordner gibt, akkurat beschriftet: Das hier war die DDR.

DDR-Haft und BRD-Haftung

Ehemalige politische Häftlinge der DDR bekommen nach einem Bericht des NDR kaum Entschädigung für ihre verfolgungsbedingten Gesundheitsschäden. […] Nicht immer seien Gutachter ausreichend qualifiziert, um das Leid der Antragsteller bewerten zu können.

Meldung der dpa auf Ostsee-Zeitung.de

Das ist doch wirklich abstrus: Die DDR-Gefängnisbedingungen für politische Häftlinge schaffen es wie im Fall Ikea immer wieder in die Medien, begleitet von großem Aufschrei. Folter und lebenslange Folgen ziehen offenbar immer.

Die heutige Situation der Betroffenen interessiert dagegen kaum. Ob es sinnvoll ist, dass die Beweislast bei ihnen liegt, darüber ließe sich streiten. Es sollte aber selbstverständlich sein, dass ihre Gutachter und Gutachterinnen auch qualifiziert ihr Urteil fällen. Schließlich richten sie über den Lebensweg eines Menschen, beeinflussen dessen künftigen Weg. Dieser unprofessionelle Zustand schmeckt unter dem Eindruck des medialen Getöses besonders bitter: Wie soll man da die Klagen über das unmenschliche DDR-System ernst nehmen können?

Und wie sehen das die Betroffenen selbst? Als Gefängnis-Testimonials dürfen sie für Auflagen sorgen — ansonsten wird ihnen eher keine öffentliche Stimme zugestanden. DDR-Häftlinge sind wohl nur relevant, wenn es um die DDR geht.

Rechtsextrem! Ostdeutsch! Studie!

Nachrichten werden mit Überschriften gemacht. In den Berichten zur neuesten Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung werden deren Ergebnisse klar auf einen Nenner gebracht:

Man kann sich über langweilige Titel in unserer pluralen Medienwelt ärgern. Und man kann sich wundern über die unterschiedlichen Zahlen.

Vielleicht sollte man aber auch über etwas anderes sprechen: Was steckt hinter den Ergebnissen dieser Untersuchung jenseits der Ost-Fixierung der Medien? Eine mögliche Antwort:

Als Hauptursache [für den Schritt zum nationalsozialistischen Weltbild] sehen die Autoren die weiterhin vorhandene soziale und ökonomische Abkopplung weiter Teile Ostdeutschlands. Aus dem Gefühl des Abgehängt-Seins und der damit verbundenen Abstiegsangst, erwachse die Ablehnung gegenüber dem vermeintlich Fremden. Dies mache deutlich, dass es sich im Kern nicht um ein spezifisch ostdeutsches Phänomen handele. „Ich bin mir sicher, dass wir in strukturschwachen Regionen im Westen, ganz ähnliche Ergebnisse bekommen würden“, so Oliver Decker [Mitautor der Studie].

Wer also nach Problemen im Osten Deutschlands sucht, wird sie in der Mitte-Studie finden: Der Untersuchungsgegenstand nimmt gewissermaßen das Ergebnis vorweg. Für die Suche nach gesellschaftlichen Herausforderungen und ihren Ursachen ist ein solch eingeschränkter Blickwinkel aber nicht ausreichend. Vor allem hilft er nicht, spezifische Schwierigkeiten in spezifischen Regionen zu erkennen.

Verdichtete Komplexitätsreduktion im ZDF

Gerade lief im ZDF der erste Teil des Fernsehfilms „Deckname Luna“, ein Film über die 60er Jahre in der DDR. Die Rezension der Berliner Zeitung schreibt dazu:

Die Autoren Monika Peetz und Christian Jeltsch wollten den Kalten Krieg und das Wettrüsten zu einem 60er-Jahre-Panorama zu verdichten.

In der Inszenierung scheint dies zu gelangen: Originalaufnahmen und Spielszenen werden geschickt montiert. Wie aber sind Peetz und Jeltsch zu einem dichten Panaroma gekommen, woher haben sie die Inspiration für das Zusammenspiel von Alltag und Gesellschaft genommen, um der Komplexität eines Landes gerecht zu werden?

Die Autoren Monika Peetz und Christian Jeltsch zählen den Besuch im Stasi-Gefängnis zu den wichtigsten Anregungen für ihr DDR-Bild der 60er Jahre.

Tja.

Ausblendung ostdeutscher Geschichte (wie) im Lehrbuch

Ausblendung ostdeutscher Geschichte (wie) im Lehrbuch

An wissenschaftliche Lehrbücher werden ganz besondere Ansprüche gestellt: Sie müssen ein Thema umfassend darstellen und dabei Methoden und Debatten behandeln. Und vor allem müssen sie den Forschungsstand aufzeigen. Schließlich dienen sie oft als Einstieg für Studierende und stellen das Selbstverständnis einer Wissenschaft dar.

Diesen Anspruch kann das kommunikationswissenschaftliche Lehrbuch „Werbung in der Medien- und Informationsgesellschaft“ nicht erfüllen. Warum? Werfen wir einen Blick ins Inhaltsverzeichnis:

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis: Werbung in der Medien- und Informations­gesellschaft

Auf 20 Seiten wird hier die „Geschichte der Werbung und Werbebranche“ beschrieben. Dass es hier um den historischen Blick auf Deutschland geht, das kann man sich noch denken. Nach der Geburtsstunde im 19. Jahrhundert, der NS-Propaganda, dem Wirtschaftswunder, den 68ern, der RAF-Zeit und der Einführung privater Fernsehsender wird aber klar: Hier geht es ausschließlich um eine westdeutsche Geschichte. Schlimmer noch: Den Verantwortlichen ist dies offenbar nicht klar — weder „DDR“ noch „westdeutsch“ kommen als Begriffe im Buch vor. Stattdessen wird unreflektiert von „der Werbewirtschaft“ und „der Gesellschaft“ gesprochen, als ob eine Differenzierung für den und im aktuellen Werbemarkt keine Rolle spielen würde.

Dabei gab es Werbung auch in der DDR — aber mit einer anderen Geschichte, anderen Ausdrucksformen und anderen Intentionen. Diese mussten nach der politischen Wende 1990 neu ausgehandelt werden. In welcher Form dies geschah und welche Folgen dies insbesondere für Werbung in Ostdeutschland hat: Dies wäre Aufgabe eines Lehrbuches aus dem Jahr 2010 gewesen. Stattdessen wird ein Werbemarkt konstruiert, der abseits politischer Geschehnisse agiert. Absurd.

Kunst in Ost und West — Wessis teilen den Himmel 1

„Schroffe Kontraste und harte Fronten prägten die Jahre zwischen 1945 und 1968“

So heißt es in einem Flyer zur Vortragsreihe „Nach 1945. Revisionen der Nachkriegsmoderne“ in der Neuen Nationalgalerie Berlin. Dort wird darauf verwiesen, dass der Gegensatz zwischen Ost und West in verschiedenen Aspekten der Kunst zum Ausdruck gekommen sei: „Abstraktion versus Figuration, die Verwendung neuer Materialien im Gegensatz zur klassischen Malerei, Konsumkritik und Kommerzialisierung.“

So weit, so wissenschaftlich.

Der Flyer stellt zudem die Themen der Vortragsreihe vor und fragt:

„Welches Bild machen wir uns von der Nachkriegsmoderne?“

Doch wer ist dieses „wir“? Der Flyer sagt dazu:

„Renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind eingeladen […]“

Dazu zählen konkret:

Zusammen gefasst heißt das: Von denjenigen, die ausdrücklich über die Kunst in Ost und West zwischen 1945 und 1968 sprechen, kann jede Person eine beeindruckende Vita mit Aufenthalten im In- und Ausland vorweisen — allerdings ist kaum ein registrierter Aufenthalt in Ostdeutschland dabei. Von einer ostdeutschen Sozialisation ganz zu schweigen.

Das bedeutet auch: Dieses „wir“, von dem im Einleitungstext die Rede ist, ist ein ausnahmslos westliches „wir“, das eine Seite des zu behandelnden Themas überhaupt nicht zu Wort kommen lässt. Der westliche Blick auf die Vergangenheit wird damit zum Subjekt, das den Osten lediglich als Objekt beobachtet.

Wohlgemerkt: Es geht mir nicht darum, dass ostdeutsch sozialisierte Wissenschaftler_innen einen besseren oder prinzipiell anderen Blick auf dieses Thema hätten. Es geht mir schlicht um die Frage: Wie will man ernsthaft über einen Aspekt deutsch-deutscher Vergangenheit sprechen, wenn eine Seite dabei gar nicht zu Wort kommt?

Die Ausstellung, die durch diese Vorträge begleitet wird, heißt „Der geteilte Himmel“. Eine Hälfte des Firmaments bleibt somit wohl dunkel.

Es gibt zudem Kritik zum Konzept der Ausstellung, das wie die Vorträge auf Gegensätze aufbaut:

„Es ist ein einfaches, duales Schema und eignet sich für eine klare Sortierung. Ob damit eine historisch vernünftige Darstellung der Kunst zwischen 1945 und 1968 gelingen kann, erweist sich in Berlin als mehr als fraglich.“

Danke an ostdenken für den Hinweis.

Deutsche demografische… 1

es sind die kleinen kleinigkeiten. auf tagesschau.de gab es gerade einen artikel zu „Bevölkerungsstatistik: Deutsche bekommen immer weniger Kinder“. nun ja, demografie halt. und was steht da drin, was in diesem blog interessiert? dies hier:

Noch nie sind in Deutschland weniger Babys geboren worden als im vergangenen Jahr. Gerade einmal 663.000 Kinder kamen 2011 zur Welt — 15.000 weniger als noch ein Jahr zuvor. […] Zum Vergleich: 1964 wurden in Deutschland noch knapp 1,4 Millionen Babys geboren. Seitdem sinkt die Geburtenrate stetig.

was für zahlen werden da eigentlich verglichen? fällt das niemandem auf? ich weiß, liebes tagesschau.de: es hieß 1964 (bundesrepublik) deutschland und es heißt heute, 2012, (bundesrepublik) deutschland. aber, liebes tagesschau.de, es ist dennoch seit ende 1990 ein anderes land. nicht in nur in sachen demografie, aber dahingehend doch zweifelsohne?