Aktuelle DDR-Vergleiche #23 — Das Internet

Der neue Roman „Purity“ des us-amerikanischen Autors Jonathan Franzen spielt im Ost-Berlin des Jahres 1989. Die Geschichte enthält offenbar alles, was man in dieser Zeit an diesem Ort erwartet: Spitzel, Oppositionelle und Kirchenasyl. Die Handlung könnte also auch heute angesiedelt sein und tatsächlich bringt Franzen die DDR von damals mit dem Internet von heute zusammen, wie die Rezension der Zeit feststellt:

Purity gipfelt in einem Gedankenspiel: Die sozialistischen Staaten mit ihren Spitzelwesen waren vom Wunsch beseelt, noch über die feinsten Geheimnisse ihrer Bürger, und seien es Belanglosigkeiten, informiert zu sein. Von dieser unguten Wissbegierde, so legt es Franzen nahe, seien auch die Netzaktivisten dieser Welt erfüllt — auch sie glaubten, Enthüllungen seien der Schlüssel für eine bessere Welt. Das Netz wie die DDR seien totalitär – mit jeweils starkem Anspruch, den Glauben an das Individuum durch den Glauben an das Kollektiv zu ersetzen: „Die Antwort auf jede Frage, ob groß oder klein, hieß Sozialismus. Ersetzte man Sozialismus durch Netzwerke, hatte man das Internet.“ In beiden sozialistischen Träumen würde das Kollektiv von wenigen Individuen manipuliert.

Tatsächlich, im Grunde ist die Analogie gar nicht so falsch: In seinem Grundverständnis kann das Internet außerordentliche kommunistische Züge tragen: Freies Wissen für alle, freie Software und das sharen der sozialen Netzwerke sowieso: Die gemeinsame Teilhabe also als gelebte sozialistische Utopie. Welch Ironie, dass diese Technologie ausgerechnet aus den USA stammt. So verwundert es nicht, dass Franzen die negativen Schnittmengen von DDR und Internet betont. Diese Analogie stößt aber nicht auf Gegenliebe. So schreibt Adam Soboczynski in der Zeit:

Man [i.e. Soboczynski] misstraut dieser im Roman entfalteten Analogie doch sehr. Schon deshalb, weil die Diktatur über ein Gewaltmonopol verfügt, von der ein Netzaktivist nur träumen kann: Sie hat die Möglichkeit zur physischen Gewalt und zum Zugriff auf den Körper. Gewiss sind auch die Internetkonzerne und Netzwerke mit ihrem Datendurst vom Drang beseelt, „unsere Existenz zu definieren“, wie es in Purity heißt. In welcher Weise und in welchem Ausmaß sie agieren können, regelt aber noch immer der demokratische Rechtsstaat. […] Und es grenzt an eine Verharmlosung der Diktatur, sie als Vorspiel des bösen Internets zu begreifen.

Geradezu niedlich nimmt sich Vertrauen auf den Rechtsstaat aus — schließlich nimmt das Cybermobbing derzeit lebensbedrohliche Ausmaße an: Auch bei uns ist damit der Zugriff auf den Körper gegeben. Und ausgerechnet die größten Datenkraken — Google und Facebook — kommen eben aus den USA, die ja durchaus als rechtsstaatlich gelten. Wohl auch deshalb schreibt Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung:

Wer den totalitären Staat mit Google gleichsetzt, verharmlost schließlich beides.

Aktuelle DDR-Vergleiche #21 — Islamischer Staat

Widmen wir uns doch einmal dem wunderhaften Werkzeug der Anführungszeichen. Diese possierlichen „Gänsefüßchen“ können so vieles bedeuten: Zitat, Synonym oder auch ironische Distanz. Daher ist immer auch der Kontext wichtig, um verstehen zu können, was gemeint ist. Schauen wir also einmal:

Der Spiegel-Autor Christoph Reuter hat ein Buch über den Islamischen Staat (IS) verfasst und erklärt darin, wie diese Bewegung entstanden ist. Bei n.tv.de wird das Buch rezensiert, in dem Artikel steht folgender Abschnitt:

Gemäß dem Plan dieses Irakers namens Haji Bakr hätten die Dschihadisten, stets geleitet von der Maxime der Machtausbreitung, kühl und hochflexibel ein „Stasi-Kalifat“ errichtet. Die wahren Strippenzieher waren dabei nicht die fanatischen IS-Kämpfer.

Später wird noch der Begriff „Stasi-Dschihadisten“ in den Textfluss eingestreut — da sogar ohne Anführungszeichen. Unklar bleibt: Wo kommen diese Begriffe her? Ist „Stasi-Dschihadist“ eine formelle Berufsbezeichnung innerhalb des IS? Gilt „Stasi-Kalifat“ gar als Trademark für bestimmte Staatsformen? Oder sind das Begriffe aus Reuters Buch, die hier unkommentiert übernommen worden sind?

Oder aber: Ist das alles Quatsch und man nutzt Begriffe wie „Stasi“ nur noch als Buzzword, um Texte aufzulockern? Dass man das „Stasi-Kalifat“ in der Überschrift — auch ohne Anführungszeichen — verwendet, spräche dafür. Ohne angemessene Auseinandersetzung mit den Begriffen und dahinter stehenden Systemen ist es aber nur ein unprofessionelles und unreflektiertes Spiel mit dem Synonym-Wörterbuch.

„Organ“

Bei all den Analysen über die DDR und den Osten Deutschen ist die psychoanalytische Sicht noch ein wenig unterbelichtet. In diese Bresche springt nun dankenswerterweise die Welt. Um das nicht unnötig zu vertiefen: Die Überschrift des elaborierten Artikels aus dem Feuilleton sagt bereits alles:

Dieses Wort kann Penis, Stasi und Zeitung bedeuten

Wer es sich nicht schon gedacht hat: Es geht um das „Organ“.

Staatsbürgerkunde und Neusprech machen „DDR-Sprech“

Zwei tolle Webprojekte haben sich (wieder einmal) zu einem Crossover zusammengefunden: Der Staatsbürgerkunde-Podcast und neusprech.org. Ersterer schaut in Gesprächen auf das Leben in der DDR, letzteres zeigt, wie mit Wörtern aktuell Politik betrieben wird.

Die Schnittmenge findet sich beim Podcast DDR-Sprech (2): Wie werden Begriffe mit DDR-Bezug heute genutzt? Zur Sprache kommen: Lichtgrenze („westdeutsche Sicht“), Stasi 2.0, Montagsdemonstration („feindliche Übernahme“) und Unrechtsstaat. Eine sehr erhellende und vergnügliche Stunde! Aufgenommen beim 31. Chaos Communication Congress.

Die erste Folge „DDR-Sprech (1)“ gibt es übrigens hier.

Bullshit-Bingo: Der ultimativ-mediale Blick auf den Osten

Bullshit-Bingo: Der ultimativ-mediale Blick auf den Osten

Das Jubiläumsjahr zu 25 Jahren Mauerfall kocht dem Höhepunkt entgegen — Zeit für ein Spiel!

Denn inzwischen kommt man kaum noch an Geschichten über die DDR und ihr Ende vorbei. Es werden so viele Zeitzeugen porträtiert, dass man kaum noch weiß, wer dazu noch nicht befragt wurde. Überhaupt: Seit Anfang des Jahres schlängeln sich Geschichten durch die Gazetten, dass man gar nicht mehr weiß, was man überhaupt noch wissen wollen würde. Wenn nicht sowieso noch mehr kommen würde. Gründliche Recherchen stehen da neben gründlich aus dem Finger-Gesaugtem. Die „Zeit im Osten“ hat deshalb schon im Juni einige Tipps und Vorahnungen zum Feierjahr gegeben.

Nutzen wir also den Umstand und spielen ein wenig Bullshit-Bingo. Die Regeln:

  1. Bullshit-Bingo: Der ultimativ-mediale Blick auf den Osten ausdrucken und bereit legen
  2. Immer wenn eine Phrase oder ein Ereignis aus der Tabelle eintrifft: Ankreuzen! Dabei ist es völlig egal, ob es in Print-, Radio-, TV- oder Online-Beiträgen geschieht.
  3. Wenn eine Reihe (senkrecht, horizontal, diagonal) voll ist: „Bullshit!“ rufen.
  4. Bonus: Wenn alle Felder angekreuzt sind: „Ich sehe zu viele Beiträge zum Mauerfall!“ rufen
  5. Bonus-Bonus: Das auch noch in die Kommentare zu diesem Beitrag posten. Da freuen wir uns natürlich über alle Quellen, hehe.

Also dann: Viel Spaß beim Mauerfall — lasst die Spiele beginnen!

Aktuelle DDR-Vergleiche #19 — Israel

Endlich zahlt er sich aus, der Aufwand, der in die politische Vermarktung von „Das Leben der Anderen“ gesteckt wurde: Das Filmheft der Bundeszentrale für politische Bildung, die Unterrichtsmaterialen der politischen Bildung in der Schweiz und die Hinweise des Goethe-Instituts Frankreich, um nur einige zu nennen. Denn endlich führt dieser Spielfilm mit dokumentarischen Andichtungen zu Erkenntnissen, die alles verändern könnten:

Der israelische Soldat D. sah sich „Das Leben der Anderen“ an, ein Drama, in dem die Staatssicherheit der DDR ein Künstlerpaar abhört — und so zerstört. D. spürte Mitleid mit den Opfern, denen die Privatsphäre — ein fundamentales Recht — genommen wurde. Plötzlich durchfuhr es ihn: In der Rolle des Stasi-Mitarbeiters erkannte er sich selbst. „Wir tun genau dasselbe“, sagte D. der israelischen Nachrichtenseite „ynet“. „Nur sehr viel effizienter.“ (zitiert nach n-tv)

Folge: 43 Mitglieder der Elite-Einheit 8200 der israelischen Armee (zuständig für Informationsbeschaffung) möchte nicht mehr gegen Palästinenser spionieren. Deshalb, liebe Einrichtungen der politischen Bildung: Macht weiter! Export euer Unterrichtsmaterial auch in die abgelegensten Abhörmetropolen dieser Welt, etwa nach Fort Meade, Cheltenham und Pullach! Denn die Realität kann die Herzen der Menschen nicht erreichen, nur das Spionieren der Anderen kann es.

Die Metapher in ihrem Lauf

25 Jahre Mauerfall — das Jubiläum rückt immer näher. Das nutzen Medien nicht nur zum Namedropping, sondern auch gerne zum Datedropping. So hat der Berliner Tagesspiegel herausgefunden:

In der Geschichte vom Ende der Deutschen Demokratischen Republik gehört der 14. August 1989 zu den chronisch unterschätzen Tagen.

Warum das? An diesem Tag bekam Erich Honecker das erste Muster eines 32-bit-Mikroprozessors — da war die DDR allerdings ein paar Jahre zu spät dran. Was laut Tagesspiegel aber ungleich schätzenswerter sei: Der Staatsratsvorsitzende sprach bei der Gelegenheit von Ochs‘ und Esel.

Der Artikel wirft von jenem Spruch ausgehend ein paar Schlaglichter auf die letzten Tage der Republik: Computertechnik  („Rückstand“), Fernsehen („erster Triumph der Informationsgesellschaft“) und Kopiergeräte („Mangel“). Und er klärt auf, dass Rückkopplung zum Fall des Staates beigetragen hat. Ja richtig, Rückkopplung:

Das Pfeifen wird die DDR von da an bis zu ihrem Ende als stetes Hintergrundgeräusch begleiten. Es rührt von einem Effekt her, den Techniker als „Rückkopplung“ kennen.

Zurück zum Honecker-Zitat: Der Tagesspiegel ist sehr verwundert über die weihnachtsgeschichtliche Anspielung eines Atheisten. Dabei hätte man leicht herausfinden können, dass Honecker dachte, er zitiere August Bebel. Zumindest geht der Slogan mindestens auf das Jahr 1886 zurück, auf die Zeit der Sozialistenverfolgung.

Und noch ein abschließendes Datedropping: Der Artikel erschien am 14.08.2014 im Tagesspiegel. Dort erschien er auch schon am 31.10.2009. Wir sehen uns also in 5 Jahren wieder!

Aktuelle DDR-Vergleiche #17 — Französische Justiz

Nicolas Sarkozy hat die Abhörmethoden der französischen Justiz mit Stasi-Praktiken verglichen:

Das ist kein Ausschnitt aus dem wunderbaren Film ‚Das Leben der Anderen‘ über Ost-Deutschland und die Aktivitäten der Stasi. Das geschieht in Frankreich.

So der frühere frühere französische Präsident in einem Gastbeitrag für Le Figaro.

Mon Dieu! Aber der muss es ja wissen …

„DDR-Skier“

Die Kanzlerin macht sich auf zum Skiurlaub, stürzt, verletzt sich und wer ist schuld? Richtig:

Auch diesmal wurde Merkel in der Loipe gesichtet — mit lila Stirnband, grauem Fleece-Pullover und einem Paar Langlauf-Skier der DDR-Marke „Germina“.

So die Augsburger Allgemeine

Der ursprüngliche Titel des Artikels war übrigens noch etwas expliziter. Auf der Website selbst wurde das inzwischen geändert, Google News zeigt es aber noch:

Bruch im Beckenbereich: Sturz auf DDR-Skiern: Angela Merkel regiert nach ...
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Bruch im Beckenbereich: Sturz auf DDR-Skiern: Angela Merkel regiert nach …

Übrigens gab es dann doch noch Entwarnung:

Tatsächlich waren die Skis der Bundeskanzlerin so Jahrgang 1992 – 95, sagt Germina-Geschäftsführer Maik Notnagel zu Blick.ch.

Nicht auszudenken, wenn die Skier vor 1990 gebaut worden wären. Dann wären es bestimmt IM-Latten gewesen.

Aktuelle DDR-Vergleiche #14 — USA

Der Vergleich der Aktivitäten der NSA mit denen der Stasi ist ja nicht neu. Nun wurde dies aber mutmaßlich an höchster Stelle verhandelt: Während sich Bundespräsident Gauck im Juli noch gegen entsprechende Vergleiche verwehrte, ist Angela Merkel nun soweit:

„Das ist wie bei der Stasi“

Das sagte sie nicht irgendwem, sondern direkt an Barack Obama gerichtet. So berichtet zumindest die New York Times. Der britische Guardian macht gleich eine große Überschrift daraus.

In den deutschen Medien indes bleibt es recht ruhig, Berichte gibt es bei stern.de, der Thüringer Allgemeinen, dem Tagesspiegel und versteckt bei Spiegel Online. Warum diese Zurückhaltung? Die Überschrift des Schweizer Blattes „20 Minuten“ verweist auf die Gründe: „Hat Merkel das S-Wort gesagt?“

Uiuiui.