Aktuelle DDR-Vergleiche #22 — Island

Das ist doch endlich einmal ein naheliegender Vergleich, den die Welt da anstellt:

Island ist so groß wie die DDR und mindestens dreimal so tot. Die Bewohnerschaft ist der Bielefelds unterlegen, und das nicht nur zahlenmäßig, sondern auch in jeder anderen Hinsicht. Wer das Pech hat, schon einmal in Bielefeld gewesen zu sein, kann sich leicht ausrechnen, was das bedeutet: Die DDR unter der wirtschaftlichen und intellektuellen Führung Bielefelds – das ist Island, die Heimat der Bekloppten.

Sehr spannend ist der Zusammenhang mit Bielefeld, das es ja gar nicht geben soll. Da ist es mit der DDR natürlich in guter Gesellschaft.

Übrigens: Der Text stammt aus dem aktuellen Buch des ehemaligen Chefredakteurs der Satirezeitschrift „Titanic“, Oliver Maria Schmitt. Hatte mich schon gewundert, warum es bei der Welt plötzlich Texte gibt, die meine Zustimmung finden.

15 Gründe, warum die Huffington Post keine Ahnung vom Osten hat

Wenn wir die Huffington Post nicht hätten: Dann wüssten wir nicht, dass die Bundesrepublik vor allem vom Osten des Landes geprägt wird. Echt wahr! Hier steht’s: „15 Gründe warum in Deutschland heute mehr DDR steckt als jemals zuvor“!

Zugegeben, ein paar Dinge kennt man: die Merkel (alter Hut für uns), der Gauck (hamwa längst gewusst), aber auch: Der Gysi. Sind schon mal drei Punkte.

Dann: „Die SPD leidet als westdeutsch geprägte Partei unter erheblichen Bedeutungsverlust“ — also auch ein Punkt für den Osten. Irgendwie: „es gibt gute Gründe anzunehmen, dass zwischen dem Bedeutungsverlust der SPD und der Verschiebung der politischen Kraftzentren in Deutschland ein Zusammenhang besteht.“ Die Gründe hätte man dann doch gerne gewusst, aber soviel Zeit hat man ja nicht.

Vier Punkte. Was haben wir noch, werden sich die engagierten Huffingtoner gefragt haben. Irgendwie müssen die 15 Punkte doch voll werden. Pegida? Quatsch! Lass es uns Schritt für Schritt machen, erstmal eine schnittige These aufstellen: „Die bedeutendsten gesellschaftlichen Diskussionen werden heute im Osten vorangetrieben.“ Sehr cool, das zählt schon mal. Fünf!

Und jetzt diese These unterfüttern: Die Debatte um den demografischen Wandel nahm in Ostdeutschland ihren Anfang (6.), in Sachen Kinderbetreuung sind ostdeutsche Kommunen mittlerweile Vorbild (7.), in der Diskussion um ein modernes Familienbild hängt der Westen zurück (8.), die Energiewende wurde vor allem von westdeutschen Politikern ausgebremst (und ich dachte, das wären die Stromkonzerne gewesen, aber das macht ja keinen Unterschied — 9.), Pegida war ein Phänomen, das im Osten seinen Anfang nahm (also doch, haha! 10!).

Von der Elitenkritik geht’s dann direkt zur Linkspartei (wie naheliegend) und von dort zur AfD (noch naheliegender). 13, zwei fehlen noch. Da haben wir: Mehr Nato-Kritik und den Regierungsumzug nach Berlin. Wenn das mal kein Argument für den Osten ist.

Geschafft! 15mal ganz tolle Gründe, warum der Osten ganz doll das Land prägt. Beziehungsweise: 15 politische Einflüsse. Schade, dass man die Wirtschaft herausgelassen hat (etwa den einzigen Dax-Vorstand ostdeutscher Herkunft), die Kultur (zum Beispiel die Vorbehalte gegen ostdeutsche Regisseure), die Verwaltung (die westdeutsch besetzte Hierarchie in ostdeutschen Behörden) oder einfach nur die alltäglichen Vorurteile bei Fußballfans oder überhaupt.

Aber: Psst — nicht der Huffington Post verraten! Lassen wir sie lieber weiter im Ungewissen:

Wahrscheinlich ist das wohl das eines der größten Rätsel der politischen Gegenwart: Warum nur fühlen sich viele Bürger im Osten immer noch derart unverstanden?

Die vergessene Ossi-Fresse

Zu den häufig genannten Klischees über Ostdeutsche gehört, dass sie nicht selbstbewusst genug seien, neulich erst sprach Journalist Michael Jürgs davon. Die Ossis ganz verschüchtert also? In welcher Beziehung Ostdeutsche zum Selbstbewusstsein stehen, dafür hat der Schauspieler Michael Gwisdek einen ganz anderen Ansatz:

Auf den Arbeitgeber durften wir schimpfen, auf die Regierung nicht. Heute ist es andersrum. Wer heute seinen Chef einen Idioten nennt, fliegt aus der Firma. Man muss sich anbiedern und seinen Charakter verleugnen, wenn man nirgends gekündigt werden will. Früher hatten die Leute im Osten mehr Selbstbewusstsein. Wir hatten wirklich alle eine große Fresse.

Lacht doch mal — der Ironievorwurf des Michael Jürgs

1990 stellte Michael Jürgs in einem Leitartikel die Frage „Sollen die Zonis bleiben, wo sie sind?“ — und wurde als Chefredakteur des Stern gefeuert. Seitdem hat ihn das Thema „Osten“ (was immer da jetzt eigentlich das Thema sein soll) nicht losgelassen. Das sagt er auch im Interview mit der Zeit. Dort tritt er als Ost-Experte auf, der zu berichten weiß aus „winzige[n] Dörfer[n], die kein anderer westdeutscher Journalist freiwillig aufsuchen würde.“ Ach wie mutig. Jahrelang hat er also die im Osten beobachtet und freut sich, wenn sie sich weiter entwickeln. Zum Beispiel:

Für mich der wesentlichste Fortschritt: dass so viele Mitbürger in den neuen Ländern gelassener geworden sind. Dass sie über ironische Bemerkungen inzwischen lachen können. Ich mache seit den Neunzigern Lesereisen durch die neuen Länder, früher waren die meisten sofort beleidigt, wenn ich ironisch wurde und einen Witz auf ihre Kosten machte. Heute lachen sie.

Nun ist das mit Ironie und Witzen so eine Sache. Als Journalist sollte Jürgs die publizistische Warnung „Ironie versteht der Leser nie“ kennen. Außerdem unterstreicht die Wikipedia, wie wichtig es ist, das Gegenüber zu verstehen, damit die ironische Bemerkung zündet:

Die erfolgreiche Verwendung von Ironie zeugt nicht nur von der erfolgreichen Reflexion des eigenen Wissens, sondern auch vom erfolgreichen Erkennen des Wissens des Gegenübers und ist daher Ausdruck der Fähigkeit, die Gedanken des anderen vorwegzunehmen und zu reflektieren.

Ganz unironisch kann man also sagen: Es sind nicht die Ostdeutschen, die die jürgsche Ironie nicht verstehen. Es ist Jürgs, der die Ostdeutschen nicht versteht, trotz seiner langjährigen Beobachtung dieser Leute, auf die er so stolz ist:

Inzwischen habe ich dazu drei Bücher geschrieben und als Co-Autor zwei Dokumentationen gedreht.

Vielleicht ist genau das das Problem: Niemand bekommt gerne aus Hamburger Perspektive erklärt, wer man eigentlich ist. Vor allem nicht, wenn es so verallgemeinernd passiert:

ZEIT: Und das [mündige Bürger in einer Zivilgesellschaft zu sein] sollen Ostdeutsche nicht verinnerlicht haben?
Jürgs: Schauen Sie sich die Pegida-Demos an.

Ist das Jürgs‘ Ironie? Wer weiß. Problematisch ist auch, dass für Michael Jürgs am Ende alles auf Befindlichkeiten hinausläuft. In seiner Welt von Ost- und Westdeutschland gibt es keine Lohnunterschiede, keine Vorurteile, keine unterschiedlichen Lebensrealitäten. Nur unterschiedliche Fähigkeiten, mit sich selbst umzugehen:

[…] wir merken jetzt, dass sich viele Ostdeutsche noch nicht auf Augenhöhe mit den Westdeutschen sehen oder zu sehen wagen. Ihr Selbstbewusstsein wächst, aber eben langsam, viele suchen noch nach ihrer Identität.

Hier beginnt, Jürgs‘ Logik Löcher zu zeigen: Ist nicht schon die Ablehnung seiner als Ironie gemeinten Bemerkungen Ausdruck von Selbstbewusstsein? Oder steht am Ende nicht doch die Erkenntnis, dass der westdeutsche Journalist Michael Jürgs bestimmt, was Humor und was Selbstbewusstsein ist — nicht aber das ostdeutsche Publikum selbst? Dann ist es aber feige, sich hinter einem Vorhang aus Ironie zu verstecken. Soviel Selbstbewusstsein sollte aber gerade Michael Jürgs besitzen.

Schließlich sagte er 2008 in einem Interview — auch mit der Zeit, auch über das gleiche Thema „Osten“ — über seinen berüchtigten Stern-Artikel :

Ich würde den Text auch wieder so schreiben, denn mein Grundsatz war, dass die deutsche Einheit nicht zu meinem Traum von Europa gehörte.

Michael Jürgs möchte also nicht mit den Zonis zusammenleben. Warum denn nicht gleich so deutlich?

 

Pegida: Mit Westfernsehen wär das nicht passiert

Wie lässt sich Pegida erklären? Woher kommt diese Bewegung? Dazu ist in den letzten Wochen schon sehr viel gesagt worden. Doch nun hat der Historiker Heinrich August Winkler die wohl nachvollziehbarste Erklärung gefunden: Fehlendes Westfernsehen! Das zumindest sagte er am 17.1. der Wirtschaftswoche:

Das sogenannte „Tal der Ahnungslosen“. Das wirkt bis heute nach.

Bereits zwei Tage zuvor argumentierte der West-Verfechter („Der lange Weg nach Westen“ heißt seine monumentale Darstellung deutscher Geschichte) gegenüber Deutschlandradio Kultur:

Da ist ja das eigentümliche, dass gerade dort in der Region der ehemaligen DDR, wo man jahrzehntelang kein Westfernsehen empfangen konnte, offenbar auch SED-Parolen besonders stark nachwirken im Sinne eines massiven Anti-Klerikalismus nicht nur, sondern im Sinne einer Negation von Religion schlechthin. Insofern ist es eine Perversion, wenn da der Begriff „Abendland“ benutzt wird.

Das ist fürwahr eigentümlich: Da konnte der Westen seit 25 Jahren sein Programm ungehindert in das Tal senden — und kommt trotzdem nicht gegen alte Klassenkampf-Parolen an. Verdammt aber auch. Da ist es wohl nur logisch, dass Pegida — selbsternanntes Bollwerk des sogenannten Abendlandes — als letztlich anti-westlich dasteht. Pegida als westliche Sicht auf die Welt — das darf einfach nicht sein!

Doch halt: Pegida steht Winkler zufolge nicht nur in einer Tradition mit der SED, sondern auch — ja, man ahnt es bereits:

Es sei kein Zufall, dass sich ausgerechnet dort eine zutiefst antiwestliche Bewegung formiert habe. Sie knüpfe an die Ressentiments und Vorbehalte der Deutschen gegenüber der westlichen Demokratie zu Beginn des 20. Jahrhunderts an. Dem Pluralismus der westlichen Zivilisation hielt man damals die Verherrlichung eines starken Staates entgegen. Winklers Fazit: „An diese Denktradition, die ganz wesentlich zur Zerstörung der Weimarer Republik beigetragen hat, knüpfen die Initiatoren der Dresdner Demonstrationen an.“ (Wirtschaftswoche)

Was lernen wir daraus? Hätte es 1933 bereits Westfernsehen gegeben, hätte es keine Nazis gegeben. Und keine SED. Und keine Pegida. Manchmal kann es halt so einfach sein. Wenn man ahnungslos ist.

Aktuelle DDR-Vergleiche #20 — Truman Show

Die Truman Show: Das gesamte Leben eines Menschen ist nur eine Reality-Show fürs Fernsehen — doch er weiß nichts davon. Die DDR der 80er Jahre hat den Regisseur Armin Petras an diesen Film erinnert. Im Interview mit dem Tagesspiegel zeigt sich, dass er mehr als einen simplen Vergleich vor Augen hat:

Man fragte sich, was für ein bizarres Stück führen die hier auf. Mitte der achtziger Jahre war klar, das wird nichts mehr. […] Deshalb lohnt es zu schauen, wann das anfing, eine Farce zu werden – und nicht arrogant davon auszugehen, dass dieses Land schon immer ein schlechter Witz war. Man liest die Erzählung von Christa Wolf und denkt, dass es auch hätte anders kommen können. Es gab doch nicht nur Stalinisten und Duckmäuser, auch suchte man 1949 nicht nur in der DDR nach einer anderen Zukunft. Das Ahlener Programm der CDU von 1947 ist kapitalismuskritischer als alles, was die Linkspartei heute fordert.

 

Gedanken des Abstoßens aus dem Westen

„Dann gebt doch Russland die DDR zurück!“ So tönt ein Kommentar der Welt und will ein Beitrag zur Debatte über den Umgang mit Russland sein. Jacques Schuster, Chefkommentator des Blattes, wählt dabei einen recht originellen Einstieg: Er lässt die Realität hinter sich und blickt in etwas, was er als Verdichtung der Meinungen von Matthias Platzeck und Lothar de Maizière bezeichnet. Die einfache Formel: Beide haben Unrecht (deshalb wohl auch „Unrechtsstaat“) und beide kommen von drüben — also denken natürlich alle Ossis so.

Die weiteren Gedankengänge lassen ebenfalls tief blicken: Die Ostdeutschen, aka die neue DDR, handeln in Schusters Phantasterei überhaupt nicht: Sie entscheiden nicht selbst über ihren Austritt aus Deutschland und dem Beitritt zu Russland — nein: Westdeutschland tut dies. Anschließend werde der Kreml die Richtung vorgeben. Souveränität? Doch nicht für Ossis!

So ist also der Osten Deutschlands, wie ihn der Westen gerne sieht: Kollektive Meinung, fremdgesteuert. Als hätte die DDR nie aufgehört zu existieren.

Wer sich den vollständigen Text nicht antun möchte, hier die wichtigsten Zitate fürs Poesiealbum:

Am 1. Januar 2015 sollten alle Bürger der alten Bundesländer in einem Akt der Volkssouveränität erklären, die neuen Bundesländer aus dem Verbund der Bundesrepublik Deutschland zu entlassen. Die DDR soll wieder entstehen.

Zwar könnte es sein, dass die Menschen in der neuen DDR ohne die Solidaritätszuschläge und die Hilfen der EU ärmer sein werden, aber es wird schon gehen. Es ging doch damals auch.

Nun schreibt er sich um Kopf und Kragen, werden einige Leser an dieser Stelle denken. Hoffentlich! So abwegig, wie sie klingen, sind diese Sätze jedoch nicht. Sie verdichten den kulturellen Snobismus, die Überheblichkeit und sonstigen geistigen Ausdünstungen, die man in den vergangenen Monaten hierzulande zu hören bekam, nur zu einer gewaltigen gastrischen Explosion.

Es täte ihrem außenpolitischen Gewicht und der eigenen Gelassenheit gut, wenn die Deutschen wieder begönnen, über den Tag hinaus zu denken, und sich daran gewöhnten, dass Konflikte Jahrzehnte währen können. Gelingt es uns nicht, diese Fähigkeiten zu entwickeln, ist es mit unseren Werten, Traditionen und der Freiheit genauso schnell vorbei wie mit unserer Westbindung. Vielleicht aber wünschen einige der Mahner genau dieses.

Presseschau: 9. November 2014

Der 9. November 2014 geht zu Ende — wie wurden die Tageszeitungen zu diesem Termin gestaltet? Hier ein Überblick darüber, wie ein paar ausgewählte Blätter in ihren regulären Samstagsausgaben vom 8. November 2014 mit dem Jahrestag umgegangen sind.

Berliner Zeitung

Titel

Ein großformartiges Foto, mehr nicht. Ein passender Auftakt: Das Thema 25 Jahre Mauerfall hat die Ausgabe auf 72 Seiten völlig in Beschlag genommen – aktuelle Meldungen haben nur auf 8 Seiten Platz gefunden.

Die beste Idee

Eine Zeitleiste von Januar 1989 bis heute, Beiträge von Prominenten und Entscheidungsträger_innen, Ost und West in vielen statistischen Vergleichen, Artikel zu verschiedenen Aspekten: Das Gesamtkonzept dieser Ausgabe ist beeindruckend.

Die doofste Idee

Wer Beiträge von Prominenten und Entscheidungsträger_innen schreiben lässt, kommt zwangsläufig zu einem starken Westblick. Und zu vielen „Ich habe vom Mauerfall gehört“-Sätzen, die nicht so recht in diese Ausgabe passen.

Die beste Erkenntnis

„Die gesamtdeutsche Sportgeschichte seit der Wende ist mehr als die Zusammenführung zweier Dopingsysteme.“

Der doofste Erkenntnis

„Die Deutsche Einheit […] habe ich in Hamburg erlebt […]. Wir waren am Abend mit Freunden zusammen, als wir einen Anruf bekamen: ‚Macht doch mal den Fernseher an, die Mauer ist auf.‘“ Hartmut Mehdorn kann leider nicht den 9. November und 3. Oktober auseinander halten.

Die Welt

Titel

Ein Paar umarmt sich am Grenzübergang Bornholmer Straße. Die Überschrift: „Das Lachen einer Novembernacht“. Die Lyrikabteilung der Welt schlägt zu.

Die beste Idee

Wie ist es eigentlich zur Meldung gekommen, die Schabowski in der Pressekonferenz präsentiert hat? Eine umfangreiche Infografik zeichnet den Weg von 9 Uhr morgens bis 20 Uhr abends nach. Einziger Kritikpunkt: Gezeichnet sieht Egon Krenz aus wie Prinz Charles.

Die doofste Idee

Eine halbe Seite zu Biermanns Frotzeln gegen die Linkspartei ist zu viel Aufmerksamkeit für eine vorhersagbare Episode.

Die beste Erkenntnis

Ostdeutsche steigen eher durch eigene Anstrengungen auf. Einkommen und Status der Eltern im Westen haben einen deutlich größeren Einfluss.

Der doofste Erkenntnis

Am 9. 11. 1989 hat die Bild am Sonntag das „Goldene Lenkrad“ in Berlin verliehen. Auch Friede Springer war dabei, wie das groß abgedruckte Foto dokumentiert. Weltgeschichte!

taz

Titel

Honeckers Wachsfigur, Überschrift: „War da was?“ Die taz kann sich nicht erinnern und kann die Realität nicht von Bildern unterscheiden. Ein Problem, das sich durch die gesamte Ausgabe zieht. So gesehen ein sehr konsequenter Titel.

Die beste Idee

Verschiedene Tagebucheinträge vom 8. und 9. November stehen nebeneinander. Leider haben in den meisten Fällen irgendwelche Westdeutschen nur im Fernsehen davon gehört, was dann im Tagebuch doch nicht so spannend ist. Aber es geht hier ja um die Idee.

Die doofste Idee

Ein zweiseitiges Interview mit Felix Loch, achtfachem Weltmeister im Rennrodeln zum Thema Mauerfall – warum nicht? Vielleicht, weil er damals nicht einmal 4 Monate alt war? Entsprechend absurd sind die Fragen: Haben Sie einmal eine DDR-Fahne gehalten? Wann erfuhren Sie zum ersten Mal von der Mauer? Und ganz oft wird gefragt, was die Eltern gesagt und getan haben. Diese Vorgehensweise wurde bislang ja eher der Spitzelei der DDR vorgeworfen.

Die beste Erkenntnis

Einwanderer und ihre Kinder waren die eigentlichen Wendeverlierer. „So werden Ostdeutsche und Einwanderer auch gegeneinander ausgespielt. Hier der rassistische und autoritätshörige Ostdeutsche, da der integrationsunwillige und aggressive Migrant – diese Stereotype waren und sind für viele Westdeutsche sehr bequem […].“

Der doofste Erkenntnis

„Wohnungen sind knapp und teuer. Wenn es einen Ort gibt, an dem das zusammenwächst, was zuvor 40 Jahre getrennt war, dann hier. […] Reich, arm, Westen, Osten. Wäre Potsdam ein Film, das Drehbuch wäre ziemlich platt.“ Zum Glück machen sie bei der taz nur Zeitung.

Und noch was: „Die DDR ging unter, weil das Essen schlecht war.“ Das ist nicht mal so ironisch gemeint, wie es klingt.

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Titel

Falls es noch Zweifel gab: „Die Mauer ist offen“. Eine Abbildung zeigt ein Faksimile des FAZ-Titels vom 12. November 1989. Näher kommt man dem Ereignis in Frankfurt offenbar nicht, eine Handvoll Artikel sind in der Ausgabe verstreut.

Die beste Idee

Eine Ausgabe zum Mauerfall ganz ohne Mauererlebnisse und ohne Menschen, die am Abend irgendetwas damit zu tun hatten oder irgendwie davon gehört hatten: Das ist zumindest mutig. Aber dafür gibt es ein großes Foto von Helmut Kohl, wie er eine Rede hält, passend zu einem Artikel darüber, was Helmut Kohl an jenen Tagen so getrieben hat.

Die doofste Idee

In vier (4!) Artikeln wird Biermanns Auftritt im Bundestag behandelt, zwei davon auf der Titelseite. In einem weiteren Text wird sein Wirken in mehreren Absätzen bejubelt. Da wirkt die Welt-Lösung ja geradezu bescheiden.

Die beste Erkenntnis

Günter Schabowski reiste nach 1990 durch ganz Deutschland: „Seine journalistische Ausbildung kam ihm dabei ebenso zugute wie der exotische Reiz eines geläuterten Kommunisten.“

Der doofste Erkenntnis

„Die DDR ist weniger an fehlender Meinungs- und Reisefreiheit gescheitert als am fehlenden ökonomischen Erfolg der staatlichen Kollektive.“

 

Honniland: Wo die wilden Ossis wohnen

Liebe Medien — ärgern Sie sich nicht auch manchmal, dass es immer schwerer wird, mal so richtiges DDR-Leben zu zeigen? Wie soll man da vernünftig über den Mauerfall berichten? Nach 25 Jahren sind echte Ossis ja kaum noch zu finden — muss auch hier mit aufwendigen CGI-Effekten ausgeholfen werden?

Das muss nicht sein! Denn in Chemnitz eröffnet jetzt das Honniland. Ja, richtig: Honniland! Der Name hat zwar bei der Online-Umfrage „Wie heißt Ostdeutschland politisch korrekt?“ keine einzige Stimme bekommen, aber darum geht es hier gar nicht. Vielmehr ist das neue Wahrzeichen der Stadt eine Mischung aus Disneyland und Honeymoon, ein Erlebnispark mit Wohlfühlambiente also. Zwei Wohnungen wurden hierzu mit DDR-Dingen eingerichtet.

Doch Spaß beiseite. Wie geht man journalistisch angemessen mit dieser Thematik um? Der Artikel der Freien Presse aus Sachsen zeigt, wo es langgeht: Nie kommt der Eindruck auf, er stelle die Leiterin der Einrichtung zur Schau. Oder er präsentiere unreflektiert nostalgische Schauwerte. Oder beides. Wirklich: Nie nie nie. Das ist auch der Grund, weshalb ich hier nicht daraus zitiere.

Also liebe Medien: Nehmen Sie diese Mischung aus Museum und Nachbarschaftstreff in Ihr Mauerfall-Repertoire auf: Endlich echte Ossis, die sich genauso verhalten, wie Sie es brauchen! Wenn Sie aus den westlichen Bundesländern kommen, ist das ja sogar noch eine Exklusiv-Story.

 

Und noch ein privater Hinweis: Ich möchte in einigen Jahren die Ausstellung „Muttiland“ eröffnen und Wohnungen originalgetreu wie heute einrichten. Da freue ich mich über: Alles von Ikea, ein paar iPads, eine Platte von Helene Fischer und vielleicht noch ein WM-Shirt mit selbst gemachtem 4. Stern. Wir hatten ja doch nicht alles.

Eigentor Geburtsort

Zu Anfang sollten wir einige Dinge feststellen: Fußball ist nur ein Spiel. Ticket-Verkäufer_innen müssen nicht über profunde Geographie-Kenntnisse verfügen. Und Geburtsorte sagen nicht zwangsläufig etwas über die Gewaltbereitschaft derjenigen aus, die von dort stammen. So weit, so einfach.

Schwierig wird es, wenn das alles nicht mehr stimmt. Wenn Fußball-Fans im Stadion zur Gefahr werden. Wenn die Vereinsführung bestimmte Fans nur im Gästeblock haben möchte. Und beim Ticketverkauf unklar wird, von wem diese Gefahr eigentlich ausgeht. So geschehen beim Kartenvorverkauf für das Match Holstein Kiel gegen Hansa Rostock. Die Aussagen von Interessenten und Vereinsführung sind da recht unterschiedlich — daher hier einige Ausschnitte:

[Zuschauer können nur im Fanshop die Karten kaufen.] Ausnahme laut Geschäftsführer Wolfgang Schwenke: „Diejenigen, die in Rostock geboren sind“.
Quelle

Die Regelung betreffe laut Schwenke den „umliegenden Postleitzahlenbereich von Rostock“.
Quelle

[Betroffene mit Geburtsorten in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen berichten, dass sie keine Karten bekommen konnten.] „Wenn Sie im Westen geboren wären, hätte ich Ihnen Karten verkauft“, sagte die Dame im Fanshop. […] Auch ein Interessent aus Lübeck bekam keine Karten, „weil Lübeck angeblich näher an Rostock als an Kiel liegt und Lübecker sich auch nicht mit Kielern verstehen“.
Quelle

Interessenten, die entweder direkt aus Rostock kommen oder aus einem Ort, der weniger als 100 Kilometer vom Rostocker Stadtkern entfernt liegt, [dürfen] ausschließlich Karten für den Gästeblock erwerben.
Quelle

Es habe „absolut nichts mit Diskriminierung zu tun, und es tut mir leid, wenn Fans keine Karten bekommen“, [so der Geschäftsführer von Holstein Kiel]. Aber irgendwo müsse man anfangen, und Ostdeutsche seien generell gewaltbereiter.
Quelle

Die Grenze der Diskriminierung sieht [Christoph Schickhardt, Anwalt für Recht im professionellen Sport], im konkreten Fall jedoch nicht überschritten. Unzulässig wäre seiner Auffassung nach, wie zunächst berichtet, der Ausschluss der Zuschauer aus dem gesamten Osten Deutschlands. „Hier gäbe es dann keine sachlichen Gründe mehr. Das wäre nicht zulässig“.
Quelle

„Wir meinen, wer 24 Jahre nach der deutschen Einheit Ostdeutsche generell für gewalttätiger hält, als Westdeutsche, sollte im deutschen Fußball kein Amt bekleiden“.
Blau-Weiß-Rote Hilfe Rostock

Mein Vorschlag zur Güte: Die Mitarbeiter_innen von Holstein Kiel bekommen Nachhilfe in Geografie und alle Ostdeutschen, die nicht den gängigen Klischees entsprechen, suchen sich einen neuen Geburtsort. Alle Probleme gelöst!