Klischee-Check: Doofe Ostbetriebe

„Das Klischee sagt, die ostdeutschen Betriebe starteten technisch veraltet und unternehmerisch unerfahren in die Marktwirtschaft und konnten nach 1990 nur durch eine schnelle Übernahme westlicher Standards überleben“, sagte [der Göttinger Sozialwissenschaftler Klaus-Peter] Buss. Eine kürzlich abgeschlossene Untersuchung unter seiner Leitung habe jedoch gezeigt, „dass der Erfolg dieser Unternehmen vielfach auf Kompetenzen aufbaut, die auf Produktionserfahrungen unter Planwirtschaftsbedingungen zurückgehen.“
(gefunden auf SVZ Online)

Na, das kommt ja irgendwie unerwartet. Obwohl: Eigentlich nicht. Aber schön, dass man sich einmal daran gemacht hat, das nachzuprüfen.

Darüber lacht die Welt?

Liebe Journalistinnen und Journalisten der Welt,

Sie geben aktuell Tipps, wie man „gebürtige Ostdeutsche zur Weißglut bringt“. Sie tun dies in der Rubrik „Reise“ zwischen Kalabrien und Kreuzfahrten, was entweder vollkommen ehrlich ist oder aber versteckte Satire — wie subversiv!

Nur: Ich verstehe diesen Artikel einfach nicht. Sollten diese Ratschläge tatsächlich ernst gemeint sein, dann verfehlen sie ihr Ziel meilenweit. Die ostdeutschen Reaktionen darauf werden wohl kaum „Weißglut“ sein, sondern schlicht Mitleid: Wenn es im Jahr 2014 tatsächlich noch Menschen gibt, die mit solch ausgetretenen Klischees um die Ecke kommen, kann man sie nur in den Arm nehmen und streicheln: Es war doch nicht alles schlecht in den letzten 25 Jahren. Nicht weinen.

Wenn dies aber lustig sein soll, dann verstehe ich leider den Humor nicht. Soll er die anderen, die ostdeutschen Gewohnheiten aufs Korn nehmen? Dafür argumentiert Ihr Text zu besserwisserisch, von oben herab. Humor funktioniert aber genau anders herum: Nicht auf die da unten herumtrampeln, sondern über die da oben lachen. Prinzipiell haben Sie das auch erkannt und versuchen sich immer wieder in die untergeordnete Position zu mogeln und erwähnen „Westdeutsche, die sich ausgegrenzt fühlen“, Westdeutsche, die unter ostdeutschem Toilettenpapier leiden mussten oder „dreiviertel acht“ nicht kennen. Allerdings: Guter Humor kennt sein Angriffsziel und nicht nur sich selbst. Wer keine Ahnung hat und sich trotzdem lustig macht, wirkt ignorant.

Und so bleibt als Ironie, dass Ihr Beitrag in jeglicher Hinsicht fehl am Platze ist: Er hebt im Jahr 25 des Mauerfalls auf deutlich veraltete Muster in der deutsch-deutschen Kommunikation ab. Und er ist als Satire gänzlich unbrauchbar.

Es ist mir klar, dass das Sommerloch immer größer wird. Natürlich wurde in 24 Erinnerungsjahren alles schon mal gemacht und Ideen liegen nicht auf der Straße. Und bestimmt will man auch mal so fies sein wie Holger Witzel mit „Schnauze, Wessi“. Das ist alles richtig. Man sollte es aber auch können.

Freundlichst,
Ihr kritischer Beobachter von einwende

P.S.: Wann kommen eigentlich die Tipps für Ostdeutsche? Als ausgemachte Experten sollten Sie ja bestens wissen, wie man Sie Westdeutsche ärgern kann. Folgende Dinge habe ich probiert: In Hamburg sage ich bei jeder Gelegenheit „Grüß Gott“. Beim Betreten der Wohnungen meiner Wessi-Freunde ziehe ich grundsätzlich die Schuhe aus. Bei Gesprächen mit Menschen aus der alten BRD korrigiere ich jedes ihrer „ich“ mit „wir“. Und wenn ich in westdeutschen Cafés warten muss, balle ich die Faust und rufe „Wir sind das Volk!“ Leider alles ohne Erfolg.

Super: Illu mit dem Ossi-Blick

Im April 2011 war es soweit: Mit Robert Schneider wurde ein gebürtiger Ostdeutscher Chefredakteur der Super-Illu. Zuvor stand der Bayer Jochen Wolff 20 Jahre an der Spitze des Blattes, das in Ostdeutschland erfolgreicher ist als viele Zeitschriften aus dem Westen Deutschlands. Und das deshalb auch gerne argwöhnisch belächelt wird, wie etwa dieser taz-Artikel von 2007 zeigt.

Aber es war natürlich seltsam: Ein Bayer schafft es, Geschichten und Bilder zu finden, die in den nicht mehr ganz neuen Bundesländern erfolgreich sind. Was würde nun der aus Leipzig stammende Schneider tun? Zuvor war er stellvertretender Chefredakteur der Bild am Sonntag, also bestens vertraut mit den Tricks des westdeutschen Journalismus. Würde er also das Potenzial des Publikums der Super-Illu nutzen, es vielleicht aus dem Bild des „Jammer-Ossis“ hinaus führen? Hin zu einer Welt, in der sie selbstbewusst wissen, woher sie kommen und wohin sie gehen?

Nun ja. Nicht ganz, wie diese Episode aus einer Reportage der Berliner Zeitung zeigt:

Die Fotos zu einem Interview mit dem Schauspieler Thomas Kretschmann lässt er komplett auswechseln. Sie sind ihm alle zu männlich. „Komm, nimm das“, sagt er zu [dem Layouter] Grabowski. „Das ist so ein schüchterner Ossi-Blick.“ Grabowski, selbst Ostler, weiß nicht, was das sein soll, ein schüchterner Ossi-Blick, aber wenn der Chef es so will. Er ist ja hier nicht nur der Geschichtenerzähler, er verkauft mit jedem Heft auch ein bisschen ostdeutsche Seele.

25 Jahre #1

25 Jahre #1

Zwischendurch hatte ich die Titelseite der Berliner Zeitung vom 16. Mai verloren — jetzt ist sie wieder da. Man beachte das subtile Zusammenspiel zwischen der Titelstory und dem Anreißer oben. Ganz großes Kino!

Berliner Zeitung, 16.05.2014
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Das Smartphone, das eine Banane ist

Vielleicht müssen wir 25 Jahre nach dem Fall einer Mauer einfach damit leben, dass plötzlich DDR-Bezüge auftauchen, wo man sie niemals vermutet hätte. Beispiel gefällig?

Also: Was haben die DDR und ein Smartphone gemeinsam?

Richtig: Bananen!
Oder genauer: DDR-Bananen!

Was wie ein absurder Gedankensprung aussehen mag, ist in Wirklichkeit natürlich äußerst logisch. Denn DDR-Bananen sind eben nicht die Gurken, die uns ein Satireblatt weißmachen wollte — soviel Verständnis der geschichtlichen Wahrheit ist also vorhanden. Denn DDR-Bananen sind selbstverständlich Bananen, die es nicht gab bzw. langer Warteschlangen bedurften. Und da nähern wir uns der Vollendung der Gedankenkette. Denn auch für das Smartphone „Oneplus One“ ist es nötig, Schlange zu stehen. Zwar sind es nur virtuelle Schlangen, und eigentlich ist es eher eine Verlosung — aber das soll dem Vergleich hier keinen Abbruch tun.

Klingt nerdig? Muss es auch, denn diesen Vergleich hat das Computer-Magazin „com!“ angestellt. Kein Scherz.

Wobei ich ja glaube, dass diese Abstraktionsleistung ein wenig übertrieben für die Zielgruppe ist. Schließlich gehören künstliche Verknappung und lange Schlangen bei Apple regelmäßig zur Verkaufsstrategie. Und Äpfel und Bananen kann man ja dann doch irgendwie vergleichen. Vielleicht.

Zähne-Zahlen in Ost und West

Nein, sowas: Da sind die Ostdeutschen doch tatsächlich einmal den Westdeutschen voraus. Denn die Krankenkasse Barmer GEK hat den „Zahnreport“ vorgestellt. Ganz neue Erkenntnis: Die Menschen im Osten gehen häufiger zu Zahnärztinnen und Zahnärzten. Eine Erklärung gibt es natürlich auch gleich dazu:

Menschen aus der ehemaligen DDR kümmerten sich mehr um ihre Zähne, weil dort in Kindertagesstätten und Horten viel Wert auf Zahnpflege gelegt worden sei, vermutet der Vizechef der Barmer GEK, Rolf-Ulrich Schlenker.

Das ist natürlich schön. Denn das ist nicht nur besser für die Gesundheit, sondern auch für den Geldbeutel:

Tatsächlich sind die Gesamtausgaben der Krankenkassen für Kronen und anderen Zahnersatz in den neuen Ländern deutlich niedriger als im Westen. Zudem zeigen die Zahlen der Barmer GEK, dass die Ostdeutschen im Fall der Fälle weniger aus der eigenen Tasche zuzahlen.

Äh, Moment: Wenn den zahnbewussten Ossis ihre Gesundheit dermaßen wichtig ist, sollten die doch bei der Behandlung nicht sparen. Vielleicht gibt es doch noch einen ganz einfachen Grund dafür?

Die Ostdeutschen wählen lediglich den preiswerten Standard, weil sie sich nicht mehr leisten wollen oder können. Kassen-Vorstand Schlenker tippt auf Letzteres: „Hier zeigt sich ein Wohlstandsgefälle.“

Tja, da kann man noch so viel Prägung und Erfahrung aus Kindertagesstätten und Horten mitbringen: Mehr Geld gibt’s dadurch auch nicht. Oder vielleicht ist ein häufiger Zahnarztbesuch einfach die bessere Methode, noch mehr Kosten zu vermeiden? Ich kann mich gerade nicht entscheiden, ob eine 25 Jahre alte Prägung oder aktuelle finanzielle Sorgen wichtiger sind …

Gute Vorsätze für Ostdeutsche 2014

Beginnen wir das neue Jahr doch mit Fragen. Oder nein — schauen wir uns doch einfach die Fragen an, die Christian Bangel auf Zeit Online zu einem Artikel gebastelt hat:

Warum gibt es kein relevantes ostdeutsches Medium?

Was heißt schon relevant? Geht man nach den Verkaufszahlen, befindet sich die Super Illu auf dem 7. Platz der Zeitschriften und Magazine, im Osten ist sie nach eigenen Angaben sogar die meistgelesene Kaufzeitschrift. Damit ist die Super Illu hochgradig relevant für die Menschen dort — auch wenn die mediale Allgegenwärtigkeit von Spiegel, Stern & Co anderes vermuten lassen. Bei den meistzitierten Medien taucht die Zeitschrift hingegen nicht auf: Relevant für die sonstigen Medien in Deutschland ist die Super Illu also nicht. Relevant ist schließlich, was man relevant macht.

Wieso spricht niemand über ein Bundesland Ostdeutschland? Die Probleme der Länder ähneln sich und der Bevölkerungsschwund hat bereits ungezählte Gebietsreformen nötig gemacht.

Dann müsste aber auch mindestens das Ruhrgebiet, wenn nicht gleich ganz Nordrhein-Westfalen mitmachen. Dort gibt es schließlich ganz ähnliche Probleme. Zumal solch ein Vorgehen nur an alte Muster anknüpfen würde: Der vielfältige Westen hier, dessen ganz verschiedene Bundesländer sich gar nicht auf einen Nenner bringen lassen. Und der Osten dort, ein eindeutig als DDR definierbares Bundesland. Aber all das passt zur Forderung von Christian Bangel:

Es wird Zeit für die Ostdeutschen, sich großzumachen. Nicht als Gesamtdeutsche, sondern als Ostdeutsche, deren Einfluss erkennbar werden muss.

Angela Merkel, Beate Zschäpe, Joachim Gauck, Toni Kroos und Maybritt Illner nennt Bangel als Beispiele bekannter Menschen aus dem Osten. Damit belegt er die Vielfältigkeit der Menschen aus dem Osten, was ja bei mehreren Millionen Einwohner_innen auch nicht überraschen dürfte. Und doch fehlt ihm ein eine eindeutige, ostdeutsche Positionierung dieser Menschen: Irgendwas muss diese Personen doch verbinden, und wenn es nur Pragmatismus ist. Oder (Achtung, Zirkelschluss): Ihre Nichterkennbarkeit als Ostdeutsche.

Wo sind eigentlich die Ostdeutschen? Man erkennt sie nicht am Namen und am Beruf, nicht mehr an ihrer Kleidung und an der Frisur.

Dabei könnte Christian Bangel doch selbst den Anfang machen. Auf seinem Porträt auf Zeit Online erfährt man einige Stationen seines Lebens. Ausgespart wird allerdings die Frage seiner Herkunft, auch im Artikel wird sie nicht angesprochen, obwohl er eindeutig eine Positionierung einfordert. Aufschluss gibt dann eine ältere Website des Autors:

Meine Kollegen nannten mich U.D.O., „Unser dummer Ossi“. Ich glaube, ich möchte darüber reden.

Selbstpositionierung ist dann vielleicht doch nicht so einfach, wie es zunächst aussieht.

Auf ein erfolgreiches Jahr 2014!

Aktuelle DDR-Vergleiche #15 — Russland

Die Zeit interviewt Boris Reitschuster, Biograf von Wladimir Putin, und entlockt ihm folgende Feststellung:

Putin hat sich ein Russland gebaut, das sehr an die DDR erinnert – DDR plus Kapitalismus und Reisefreiheit.

Komisch. Und ich dachte immer, die DDR sei definiert durch fehlenden Kapitalismus und Reisefreiheit.

Danke an @SabineRennefanz für den Hinweis

Die real existierende DDR der BILD

„Doch wie sähe es heute östlich der Elbe aus, wenn die Mauer nicht gefallen wäre? BILD skizziert das Leben in einer DDR des Jahres 2013 – mit Handys, maroden Städten und einer immer noch herrschenden SED. Selbstverständlich alles Utopie.“

Die Bild-Zeitung pfeift auf die reale Gegenwart und denkt sich lieber eine andere aus. Das nennt sich kontrafaktische Geschichte und ist das Gegenteil einer Zeitungsmeldung. Aber egal. Natürlich läuft alles schlecht, ein wenig tragikomisch und irgendwie ist das Land im Jahr 1978 hängengeblieben. Aber der Text ist auch ein wenig subversiv und versteckt auch Kritik an der BRD. Nämlich hier:

„Ohne die Wiedervereinigung stürzte die Bundesrepublik in eine tiefe Rezession, viele Betriebe mussten dicht machen.“

Da fragt man sich schon, warum es der DDR da eigentlich nicht besser ginge. Aber das wäre wohl zu viel der Utopie.

Krankheitsgrund: DDR-Vergangenheit

Wann sind Menschen aus Ostdeutschland eigentlich vollwertig in die westliche Demokratie integriert? Sie sind es, wenn sie wieder zwischenmenschliche Bindungen aufbauen können.

Kein Scherz: Der Sachverständige Thomas S. soll mit seinen Gutachten bei gerichtlichen Sorgerechtsentscheidungen helfen. Sieht er Anhaltspunkte für eine Persönlichkeitsstörung bei den Erziehungsberechtigten, begründet er sie in verschiedenen Fällen auf diese Weise:

„die diktatorischen Gesellschaftsverhältnisse der früheren DDR […], in welcher Herr […] etwa vier Jahrzehnte aufwuchs […], dürften vor allem in bindungstechnischer Hinsicht deutliche Spuren bei diesem hinterlassen haben“

zitiert nach MDR exakt

Ein wenig viel Spekulation. Laut Psychologe Werner Leitner ist so eine Schlussfolgerung, aufbauend auf Mutmaßungen, nicht haltbar. Doch Gerichte folgen eben diesen Gedanken. Konsequent heißt das: Das Aufwachsen in der DDR ist ein pathologischer Umstand per se — das Leben in der Diktatur eine Krankheit mit Folgen. Ostdeutsche sind krank, weil sie Ostdeutsche sind.

In die gleiche Kerbe schlägt übrigens auch Psychotherapeut Hans Joachim Maaz, wenn er bei Ostdeutschen unterdrückte Gefühle und charakterliche Deformationen feststellt.

Danke an ШНАУЦЕ ВЕССИ auf Facebook für den Hinweis