rechter terror als ost-west-thema 1

in den letzten tagen gab es in den medien versuche, den „rechten terror“ als ost-west-thema zu verhandeln. was haben die rassistischen morde und anschläge durch nazis und der skandal um das jahrelange versagen von institutionen durch wegschauen, unfähigkeit oder gar unterstützung mit ostdeutschland (und westdeutschland) zu tun?

hier der erste teil einer kurzen serie von kommentierten artikeln zum thema.

jana hensels artikel Raus aus dem Untergrund auf dem titel des freitag vom 17. november ist mir als erstes ins irritierte auge gefallen.

hensel fordert darin, das gewordensein der mutmaßlichen mörder_innen als teil ihrer post-wende ost-biografie zu betrachten. dabei stellt sie das heranwachsen der nazis (und ihr eigenes) in den 1990er jahren ins zentrum ihrer analyse. dieser biografische und personalisierende fokus erscheint mir jetzt nicht gänzlich unsäglich, blendet aber in erschreckender weise die strukturell politische dimension der ganzen „affäre“ im hier und jetzt (des letzten jahrzehnts) aus. ich frage mich, welche erkenntnis dieser fokus tatsächlich bringen kann, z.b. im hinblick auf den kampf gegen nazis und ihre strukturen oder im kampf gegen rassismus in der gesellschaftlichen mitte und ihren institutionen.

die nazis werden von hensel zudem mehrfach als kinder/jugendliche bezeichnet. ihre gesinnung und mutmaßlichen taten werden als folge eines „abgleitens“ und „verloren gehens“ verharmlost und als extreme variante des angeblich gängigen fahrraddiebstahls hingestellt — sie werden als opfer ihrer generation stilisert.
die eigentlichen opfer der rassistischen mord- und anschlagsserie — als „nicht-zugehörig“ und „ausländisch“ markierte menschen — kommen hingegen nur am rande, nämlich als aufhänger für die ost-west-deabtte, vor.*

spannend finde ich hingegen hensels bemerkung zum begriff „Braune Armee Fraktion“, der ihres erachtens eine „immer gleiche Perspektive“ entlarve:

„Es ist auch diesmal die Geschichte der alten Bundesrepublik, die ins Zentrum der Betrachtung drängt und die Vergleichsmaßstäbe setzt.“

hensel spricht damit deutungshoheiten und normvorstellungen von geschichte und gegenwart im heutigen deutschland an, welche sie als westzentrisch begreift. in diesem punkt stimme ich ihr zu.

teil zwei ist in arbeit.

* auch, dass hensel den begriff rassismus („Herkunftsrassismus“) für dominanzdeutsche verwendet, nicht aber für die rassistischen morde, halte ich für wirklich fehlplatziert.

Bau auf

Die Überschrift des Monats bietet die Berliner Morgenpost: „Der Fernsehturm wird saniert — mit Ostalgie“

Ja, im Osten herrscht noch Engpass bei modernem Baumaterial.

Go West

Wir schreiben hier nicht nur für gescheiterte Ossis, die freie Wahlen und Marktwirtschaft nicht begriffen haben, am liebsten ihren Führer Staatsratsvorsitzenden wiederhaben wollen und jetzt mit Hartz4 ihre private DDR finanzieren.

Nein, wir schreiben hier für alle, die die Zeit vor 1989 viel besser fanden und die Mauer am liebsten gleich wieder aufbauen würden.

Richtig: Wir schreiben vor allem für Menschen aus dem Westen, für Menschen aus der ehemaligen BRD.

Was der Westen übrig ließ 1

Was der Westen übrig ließ

Die DDR war ein Land mit lauter seltsamen Dingen und Menschen, die nicht im ZDF aufgetreten sind. Zumindest ist dies die Sicht von Menschen aus den anderen Zonen. Und damit sie verstehen, worum es sich jeweils handelt, hat der Stern unter der Überschrift „Was vom Osten übrig blieb“ eine Galerie gebastelt, die immer dann eingeblendet wird, wenn irgendein ostrelevanter Text erscheint. Leider gibt es hier keine Übersichtsseite, deswegen alles im Überblick:

  • Matthias Sammer
  • Rotkäppchen-Sekt
  • Carmen Nebel
  • Spee-Waschmittel
  • Hans Meyer
  • Florena-Creme
  • Radeberger Bier
  • Zetti Knusperflocken
  • Wolfgang Stumph
  • Sandmann
  • Spreewälder Gurken
  • Bautz’ner Senf
  • Leckermäulchen

Schön. Es bleiben also Fußballer und Nahrungsmittel.

Und man muss zwischen den Zeilen lesen: Kaum eine dieser Personen, kaum ein Produkt ging übergangslos von der DDR-Zeit in die Zeit danach über — die Firmen wurden durch die Treuhandanstalt abgewickelt und konnten sich erst nach einigen Jahren wieder etablieren. Wenn überhaupt. Auch der Sandmann wurde ursprünglich eingestellt und erst nach Protesten wieder ins Programm gehoben.

Und es gibt Mogelpackungen: Spee gehört zum Henkel-Konzern (Düsseldorf), Florena zur Beiersdorf AG (Hamburg), Bautz’ner Senf zu Devely Senf & Feinkost (München), Leckermäulchen zu Frischli (Rehburg-Loccum in Niedersachsen). Matthias Sammer hat seine Karriere nach 1990 ausschließlich in Vereinen in westdeutschen und westeuropäischen Städten verfolgt: Stuttgart, Mailand, und Dortmund und wurde vielleicht deswegen erfolgreich, weil er eben nicht auf seine Ost-Herkunft abgehoben hat.

Sicher, global operierende Konzerne sind heutzutage allgegenwärtig, das heißt aber auch: Nicht alles, wo „Osten“ draufsteht, eignet sich zur Identitätsstiftung (Ost), sondern höchstens zur Gewinnmaximierung (West). Denn was vom Osten übrig bleibt, steht im (wirtschaftlichen) Interesse des Westens.