„Ostalgie“

Manchmal ist es bereits ein Buchstabe, der sentimentale Erinnerung von verblendeter Geschichtsvergessenheit trennt. Das „Wunder von Bern“, Urlaub im Italien der 1950er oder YPS-Hefte – das sind ausgemachte nostalgische Momente westdeutscher Geschichte. Sie bieten einen positiven Rückblick auf die persönliche Vergangenheit und die Vergangenheit ganzer Gruppen, Kritik findet in diesen Momenten keinen Platz.

Wer sich hingegen an das Tor von Sparwasser, Urlaub in Ungarn oder die Frösi erinnert, wird diese nostalgischen Momente höchstens in Sendungen des MDR entdecken können. Sie sind im westdeutschen Erinnerungskosmos nicht vorgesehen und daher wird ihnen auch das „N“ abgesprochen: Denn sie sind unvollständige, geradezu falsche Erinnerungen. Falsch, weil es keine positiven Momente in einer Diktatur geben darf. Falsch, weil es nicht einmal dieses Land geben durfte, das sie produziert hat.

„Nostalgisch“ ist also jemand, der richtige Erinnerungen mit anderen teilen kann. „Ostalgisch“ hingegen, wer falsche Erinnerungen mit sich selbst und seinesgleichen teilt.

Oder es ist einfach nur lustig:

(K)eine Rückkehr: Hoyerswerda revisited

die rosa-luxemburg-stiftung lädt am dienstag, den 13. september 2011 um 19:30 uhr in den südblock (berlin, ubahnhof kottbusser tor) zur veranstaltung (K)eine Rückkehr: hoyerswerda revisited.

es werden unter anderem ein ehemaliger vertragsarbeiter und ein ehemaliger flüchtling sprechen, die beide 1991 in hoyerswerda gelebt haben und das pogrom auf das asylbewerberheim miterlebt haben.

20 Jahre nach den Angriffen kehren Manuell Nhacutou und Emmanuel Gärtner anlässlich des Jahrestags des Pogroms in die Stadt zurück, die ihr Leben entscheidend verändert hat. Bei der Podiumsdiskussion werden Manuell Nhacutou und Emmanuel Gärtner über ihre Erlebnisse im September 1991 sprechen – und über ihre Eindrücke von Hoyerswerda heute.

manuell nhacutou ist übrigens der protagonist des absolut sehenswerten dokumentarfilms „viele habe ich erkannt“ von 1992.

zum thema der ausblendung von migration in die ddr und ddr-migrant_innen in der wendezeit schreibe ich dann ein anderes mal. versprochen!

veranstaltungsort: http://www.suedblock.org/wp/

vom anfang mit jana hensel 1

ich fange mal am anfang an.

die idee zu diesem blog kam silvio und mir durch einem artikel von jana hensel !

silvio hatte mich auf ihn aufmerksam gemacht und wir sind darüber in’s gespräch gekommen. und abgesehen davon, dass ich jana hensels bücher allesamt schrecklich finde und dann vom artikel doch ganz angetan war, stellten silvio und ich dadurch fest, dass wir uns beide seit längerem mit der re/präsentation von ostdeutsch* (ostdeutschland, ostdeutschen, ossis, dem osten, der ddr) in bundesdeutschen massenmedien beschäftigen.

der artikel von hensel hieß „wir sind anders“ (was jetzt erst einmal nach typisch-jana-hensel klingt) und sprach aber ganz jana-hensel-untypisch genau dieses (unser) thema kritisch an: die berichterstattung über ostdeutsch* in der gesamtdeutschen medienlandschaft und was diese womöglich mit westdeutschen perspektiven und ausblendungen und deren dominanz zu tun haben könnte.

und da wir nun wussten, dass wir uns beide für eine kritische auseinandersetzung mit der re/präsentation von ostdeutsch* in den medien interessieren, blieb uns nichts anderes übrig, als dieses blog zu planen.

so war das also. danke jana hensel.

Versteckter Städtebau

„Man mag nicht gut finden, was die DDR am Alexanderplatz an Städtebau gemacht hat, aber man kann nicht so tun, als gäbe es ihn nicht.“

Theresa Keilhacker, Architektin in Berlin, im Interview mit der Berliner Zeitung.

Auch den Abriss des Palastes der Republik sieht Keilhacker als Fehler. Der war übrigens durchaus erfolgreich im Sinne des Versteckens und Vergessens – öffentlich gesprochen wird inzwischen nur noch über die Schlossattrappe und die Geschichte des Schlosses.

Alltagslos

„Abwesend in allen Filmen über die DDR ist die Sphäre des Alltags in banaler Form“

schreibt Matthias Steinle im Freitag über Dokudramen, die sich mit der DDR beschäftigen.  Er beklagt darin die Schwarz-Weiß-Malerei, mit der sich auf immer gleiche Weise der Geschichte dieses Landes angenommen wird: Stets dieselben Gesichter, dieselben Klischees, dieselben Farbfilter.

Großartiger Text!

Mauerblicke

Mauerblicke

„Die Sicht auf die Grenzmauer ist die Sicht des West-Bürgers“, schreiben die Bauhistoriker Johannes Cramer und Tobias Rütenik in der Zeitung der Technischen Universität Berlin. Und tatsächlich ist auf den immer wiederkehrenden Bilder die Berliner Mauer farbig besprüht und Menschen stehen direkt davor. So sah die Mauer im Ostteil der Stadt nicht aus.

Wie sie aussah, das war für Cramer und sein Team nicht leicht nachzuvollziehen. Denn die Mauer ist bis zum Herbst 1990 abgetragen worden, wenig ist erhalten geblieben. So musste auf die gleiche Weise geforscht werden, wie es für antike oder mittelalterliche Stadtmauern üblich ist. Dabei wurde festgestellt, dass aus DDR-Sicht bis zu 15 Hindernisse an der Grenzanlage überwunden werden mussten, um bis nach West-Berlin zu gelangen. Weitere Erkenntnisse zu den Entscheidungsprozessen und zur Umsetzung legen die Wissenschaftler_innen nun vor:

Johannes Cramer, Tobias Rütenik, Philipp Speiser, Gabri van Tussenbroek, Peter Boeger:
Die Baugeschichte der Berliner Mauer
447 Seiten, Petersberg (Michael Imhof Verlag) 2011
69 Euro

Doch wie sah er nun aus, dieser östliche Blick auf die Mauer? Bislang waren kaum Aufnahmen bekannt, denn das Fotografieren der Anlage war verboten. Umso erstaunlicher nun eine Ausstellung in Berlin: 1500 protokollarische Fotos von DDR-Soldaten aus den Jahren 1966 – 76 wurden vom Fotografen Arwed Messmer zu 340 Panoramen zusammengefügt. Die Literatin Annett Gröschner hat Protokollausschnitte von den jeweiligen Wachposten als Bildunterschrift hinzugefügt.

Die entstandenen Aufnahmen zeigen ein Bild der Mauer, das dem westlichen Blick bislang verschlossen war — eine weite Grenzanlage, an deren Ende erst die kahle Mauer zu sehen ist. Allerdings ist es absurd, dies als „andere Sicht“ zu bezeichnen — immerhin ist dies die Sicht des Landes, das die Mauer aufgestellt hatte. Bislang war lediglich die westliche Sicht medial präsent, nun also die eigentliche Sicht:

Aus anderer Sicht. Die frühe Berliner Mauer.
Unter den Linden 40, 6.8. — 3.10, täglich 10 — 20 Uhr.

(via Berliner Zeitung)

Doch: „noch nie gesehen“ und „bislang unbekannt“ ist dieser Blick auf die Mauer keinesfalls, auch wenn damit die wissenschaftlichen und künstlerischen Arbeiten beworben werden. Die Menschen in Ost-Berlin hatten ihn tagtäglich vor sich.

Stasi-Keule ausgepackt

Normalerweise packen sie gerne die in der alten Bundesrepublik etablierten Parteien aus: Die Stasi-Keule. Die SED-PDS-Nachfolgepartei Die Linke wäre demnach von Spitzeln und Mauerschützen besetzt, würde gerne alles verstaatlichen, was ihr in den Weg kommt, den armen Reichen das Geld wegnehmen und vielleicht sogar eine Straße nach Honecker benennen.

Aber bevor es hier noch unsachlicher wird, werde ich aus einem Gutachten für die Enquete-Kommission des Brandenburger Landtages zu „Personeller Kontinuität und Elitenwandel in den Parteien“ zitieren: Demnach habe die CDU ihre Rolle als Blockpartei „völlig unzureichend“ aufgearbeitet.  Es habe vielmehr ein „völliges Ausbleiben“ einer Auseinandersetzung mit ihrer Rolle in der SED-Diktatur gegeben. Weiterhin stellt das Gutachten fest: „Offensichtlich wird die Strategie verfolgt, mit der wiederholten Schilderung persönlich erlebten Unrechts der CDU im Nachhinein den Status eines Opfers und nicht Mitverantwortlichen der SED-Diktatur zu verleihen.“

Auch die FDP habe ihre DDR-Vergangenheit (als LDPD und NDPD) nur unzureichend aufgearbeitet und sei „nachsichtig mit den Verstrickungen in den eigenen Reihen als auch mit denen des Ministerpräsidenten Stolpe“ umgegangen. Zu eigenen Stasi-Fällen gebe es keine klare Linie.

Von den Grünen seien „kaum vergangenheitspolitische Impulse“ ausgegangen und die SPD habe kein Interesse an der Aufarbeitung der DDR gehabt.

Das Gutachten gibt Der Linke „bemerkenswert gute Noten bei der Aufarbeitung der eigenen Geschichte. Die Partei „ging und geht offen mit ihrer DDR-Vergangenheit um“.

Ein Vorgehen, das man den anderen Parteien nahe legen würde, anstatt nur loszuschreien, wenn es um den politischen Gegner geht.

(Das Gutachten stammt von Mario Niemann, Christoph Wunnicke und Ehrhart Neubert und ist bislang unveröffentlicht. Die Zitate stammen aus den Potsdamer Neuesten Nachrichten und der Berliner Zeitung vom 1.8.2011, leider nicht online.)

Was der Westen übrig ließ 1

Was der Westen übrig ließ

Die DDR war ein Land mit lauter seltsamen Dingen und Menschen, die nicht im ZDF aufgetreten sind. Zumindest ist dies die Sicht von Menschen aus den anderen Zonen. Und damit sie verstehen, worum es sich jeweils handelt, hat der Stern unter der Überschrift „Was vom Osten übrig blieb“ eine Galerie gebastelt, die immer dann eingeblendet wird, wenn irgendein ostrelevanter Text erscheint. Leider gibt es hier keine Übersichtsseite, deswegen alles im Überblick:

  • Matthias Sammer
  • Rotkäppchen-Sekt
  • Carmen Nebel
  • Spee-Waschmittel
  • Hans Meyer
  • Florena-Creme
  • Radeberger Bier
  • Zetti Knusperflocken
  • Wolfgang Stumph
  • Sandmann
  • Spreewälder Gurken
  • Bautz’ner Senf
  • Leckermäulchen

Schön. Es bleiben also Fußballer und Nahrungsmittel.

Und man muss zwischen den Zeilen lesen: Kaum eine dieser Personen, kaum ein Produkt ging übergangslos von der DDR-Zeit in die Zeit danach über — die Firmen wurden durch die Treuhandanstalt abgewickelt und konnten sich erst nach einigen Jahren wieder etablieren. Wenn überhaupt. Auch der Sandmann wurde ursprünglich eingestellt und erst nach Protesten wieder ins Programm gehoben.

Und es gibt Mogelpackungen: Spee gehört zum Henkel-Konzern (Düsseldorf), Florena zur Beiersdorf AG (Hamburg), Bautz’ner Senf zu Devely Senf & Feinkost (München), Leckermäulchen zu Frischli (Rehburg-Loccum in Niedersachsen). Matthias Sammer hat seine Karriere nach 1990 ausschließlich in Vereinen in westdeutschen und westeuropäischen Städten verfolgt: Stuttgart, Mailand, und Dortmund und wurde vielleicht deswegen erfolgreich, weil er eben nicht auf seine Ost-Herkunft abgehoben hat.

Sicher, global operierende Konzerne sind heutzutage allgegenwärtig, das heißt aber auch: Nicht alles, wo „Osten“ draufsteht, eignet sich zur Identitätsstiftung (Ost), sondern höchstens zur Gewinnmaximierung (West). Denn was vom Osten übrig bleibt, steht im (wirtschaftlichen) Interesse des Westens.

Vom Verstecken der DDR-Geschichte

Die Gentrifizierung im Ostteil Berlins nach 1990 war auch immer eine Verdrängung ostdeutsch sozialisierter Menschen, der Abriss des Palastes der Republik war auch eine Rückholung des alten Preußen. Jetzt geben sich Gentrifizierung und Preußenwahn die Klinke in die Hand.

In der Kulturbrauerei im Ortsteil Prenzlauer Berg soll ab 2014 eine Dauerausstellung zum Alltag in der DDR entstehen, dahinter steht die Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.

Endlich. Aber auch: Schade. Denn damit ist der ehemalige Ost-Berliner Arbeiterbezirk endgültig dorthin entschwunden, wohin ihn der Umbau der Bevölkerungsstruktur sowieso schon gebracht hat — in die Geschichte.

Und es ist auch schade, weil der DDR-Geschichte nur ein Platz in dieser ansonsten museumsfreien Zone, aber nicht in der Mitte Berlins zugestanden wird. In der Nähe der Museumsinsel, schräg gegenüber vom Deutschen Historischen Museum, hätte es einen wunderbaren Ort für eine kritische Auseinandersetzung mit diesem Abschnitt deutscher Vergangenheit geben können: Den Palast der Republik. Aber hier entsteht ja nun die Disneyland-Version von Preußen, die DDR findet da nur im ähnlich verkitschten „DDR-Museum“ Platz.

„Plan D“ — Was wäre wenn?

Vorstellungen, wie eine Welt heute in der DDR aussehen würde, hat es immer wieder gegeben. In den vergangenen Jahren gab es kleine Glossen und eine Satirezeitschrift hatte am Tag der Deutschen Einheit 2000 eine Spezialausgabe gebracht: Die BRD war der DDR beigetreteten, Egon Krenz lächelte vom Titelbild.

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