Wie der Bananen-Artikel in der FAZ entstand

Wie der Bananen-Artikel in der FAZ entstand

Neulich in der Redaktionssitzung der FAZ:

„Was wollen wir eigentlich in der Ausgabe zum 3. Oktober machen?“

„Na, irgendwas mit Helmut Kohl, oder?“

„Nee, den hatten wir schon zum 9. November letztes Jahr. Fällt euch nichts besseres ein?“

Betretenes Schweigen.

„Ich hab’s: Wir schreiben zur Abwechslung mal was über die Ossis!“

„Ah, gute Idee!“

„Könnte interessant werden.“

„Einfach mal anderes machen.“

„Kennt denn einer von euch einen von drüben?“

Unschlüssiges Schweigen.

„Naja, vielleicht sollten wir eher so kulturell rangehen, über ein Symbol!“

„Oh Gott, aber bloß keine Trabis oder das Sandmännchen.“

„Wie wär’s mit Bananen?“

„Geile Idee! Die kommen auf die Titelseite!“

2015-10-04 12.31.44
image-1571

„Und dann könnte ich noch einen längeren Text über Bananen machen, als Parabel über die Ostdeutschen, mit wichtigen Rezeptionspunkten in der deutsch-deutschen Geschichte und …“

„Ja, mach einfach.“

Eine halbe Stunde später.

„Irgendwie hat das Bananenthema doch nicht so viel hergegeben. Südfrüchte und Ostdeutsche haben offenbar nicht ganz so viel gemeinsam.“

Gemeinsames Schweigen.

„Hey, da gibt’s doch diesen Künstler, der überall Bananenmotive reinbringt und deshalb auch im Gefängnis war. Das menschelt, da kann man sogar ein Porträtfoto abdrucken!“

„Klasse, kommt der ausm Osten?“

„Nee, aus dem Rheinland.“

„Egal, Hauptsache Deutschland.“

Jubel. Die FAZ-Redaktion feiert ihre Idee mit Sekt und Schampus und veröffentlicht den Text unter dem Titel „Ausgerechnet Bananen“.

Es gibt zwei Arten von Hochhäusern 1

Dass in Berlin Asbest nicht gleich Asbest ist, wissen wir seitdem der Palast der Republik abgerissen wurde (wegen Asbest), während das ICC unter Denkmalschutz gestellt werden soll (trotz Asbest).  Nun lernen wir, dass auch Hochhaus nicht gleich Hochhaus ist. Denn die Wohnungsbaugesellschaft Mitte hat ihre Pläne präsentiert, auf der Berliner Fischerinsel ein Hochhaus zu bauen. Das ruft kritische Stimmen auf den Plan. So etwa den ehemaligen Senatsbaudirektor Hans Stimmann, der in der Berliner Zeitung deutliche Worte findet:

Damit werden die Planungen der 70er-Jahre für ein sozialistisches Stadtzentrum mit Wohnen in Hochhäusern weitergeführt als existiere die DDR noch. […] Wenn es einen Ort gibt, an dem man sich mit der Geschichte vor der DDR beschäftigen muss, dann ist es dieser hier

Dumm nur: In der unmittelbaren Nähe befindet sich der Alexanderplatz, für den seit 1993 ein so genannter Masterplan existiert. Darin sind 10 Hochhäuser vorgesehen, nebst Abriss verschiedener vorhandener Gebäude der -richtig- DDR-Architektur. Umgesetzt wurde dies bislang nicht, daher wurde der Plan kürzlich überarbeitet. Da einige der Gebäude, die ursprünglich abgerissen werden sollten, mittlerweile unter Denkmalschutz stehen, lassen sich 10 Hochhäuser natürlich nicht mehr halten. Daher sieht der neue Plan nunmehr -richtig- 11 Hochhäuser vor!

Aber ärgern wir uns doch erst einmal über den sozialen Wohnungsbau in einem einzelnen Hochhaus, das so schamlos an die DDR anknüpft …

Aktuelle DDR-Vergleiche #23 — Das Internet

Der neue Roman „Purity“ des us-amerikanischen Autors Jonathan Franzen spielt im Ost-Berlin des Jahres 1989. Die Geschichte enthält offenbar alles, was man in dieser Zeit an diesem Ort erwartet: Spitzel, Oppositionelle und Kirchenasyl. Die Handlung könnte also auch heute angesiedelt sein und tatsächlich bringt Franzen die DDR von damals mit dem Internet von heute zusammen, wie die Rezension der Zeit feststellt:

Purity gipfelt in einem Gedankenspiel: Die sozialistischen Staaten mit ihren Spitzelwesen waren vom Wunsch beseelt, noch über die feinsten Geheimnisse ihrer Bürger, und seien es Belanglosigkeiten, informiert zu sein. Von dieser unguten Wissbegierde, so legt es Franzen nahe, seien auch die Netzaktivisten dieser Welt erfüllt — auch sie glaubten, Enthüllungen seien der Schlüssel für eine bessere Welt. Das Netz wie die DDR seien totalitär – mit jeweils starkem Anspruch, den Glauben an das Individuum durch den Glauben an das Kollektiv zu ersetzen: „Die Antwort auf jede Frage, ob groß oder klein, hieß Sozialismus. Ersetzte man Sozialismus durch Netzwerke, hatte man das Internet.“ In beiden sozialistischen Träumen würde das Kollektiv von wenigen Individuen manipuliert.

Tatsächlich, im Grunde ist die Analogie gar nicht so falsch: In seinem Grundverständnis kann das Internet außerordentliche kommunistische Züge tragen: Freies Wissen für alle, freie Software und das sharen der sozialen Netzwerke sowieso: Die gemeinsame Teilhabe also als gelebte sozialistische Utopie. Welch Ironie, dass diese Technologie ausgerechnet aus den USA stammt. So verwundert es nicht, dass Franzen die negativen Schnittmengen von DDR und Internet betont. Diese Analogie stößt aber nicht auf Gegenliebe. So schreibt Adam Soboczynski in der Zeit:

Man [i.e. Soboczynski] misstraut dieser im Roman entfalteten Analogie doch sehr. Schon deshalb, weil die Diktatur über ein Gewaltmonopol verfügt, von der ein Netzaktivist nur träumen kann: Sie hat die Möglichkeit zur physischen Gewalt und zum Zugriff auf den Körper. Gewiss sind auch die Internetkonzerne und Netzwerke mit ihrem Datendurst vom Drang beseelt, „unsere Existenz zu definieren“, wie es in Purity heißt. In welcher Weise und in welchem Ausmaß sie agieren können, regelt aber noch immer der demokratische Rechtsstaat. […] Und es grenzt an eine Verharmlosung der Diktatur, sie als Vorspiel des bösen Internets zu begreifen.

Geradezu niedlich nimmt sich Vertrauen auf den Rechtsstaat aus — schließlich nimmt das Cybermobbing derzeit lebensbedrohliche Ausmaße an: Auch bei uns ist damit der Zugriff auf den Körper gegeben. Und ausgerechnet die größten Datenkraken — Google und Facebook — kommen eben aus den USA, die ja durchaus als rechtsstaatlich gelten. Wohl auch deshalb schreibt Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung:

Wer den totalitären Staat mit Google gleichsetzt, verharmlost schließlich beides.

Rechtsextrem! Ostdeutsch! Studie! #3

Erschreckende Zahlen präsentiert die Bundesregierung in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen-Abgeordneten Irene Mihalic. Lassen wir die Überschriften sprechen:

Nun mag man sich fragen, seit wann Nordrhein-Westfalen zu Ostdeutschland gehört. Die Antwort ist ganz einfach: In der Antwort wird zwischen rassistischen Gewalttaten und rechtsextrem motivierten Gewalttaten unterschieden. Das mag spitzfindig klingen, führt aber zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen. 2014 wurden bundesweit 130 rassistische Gewalttaten gezählt, davon 61 in den neuen Bundesländern inklusive Berlin: Also fast die Hälfte im Osten Deutschlands.

Bei den rechtsextremistisch motivierten Gewalttaten wurden 1029 registriert. Hier führt Nordrhein-Westfalen die Liste mit 370 Vorfällen an, gefolgt von Berlin mit 111, Sachsen mit 86, Brandenburg mit 73, Bayern mit 68, Thüringen mit 57, Niedersachsen mit 54 und Sachsen-Anhalt mit 47. In Nordrhein-Westfalen, Bayern und Niedersachsen leben jeweils mehr Menschen als in den ostdeutschen Bundesländern.

Was lässt sich aus den Zahlen also lesen? Nichts? Nun ja: Von Rechten verübte Gewalt ist ein gesamtdeutsches Problem, auch wenn die Schlagzeilen anderes vermuten lassen. Und: Diese Gewalt wird vor allem dort erkannt, wo es dafür ausgelegte Strukturen gibt — es dürfte kein Zufall sein, dass die hohen Zahlen aus eben jenen Bundesländern kommen, in denen es viele Beratungs- und Meldestellen gibt. Dies ist in den Ost-Bundesländern und NRW der Fall, wie die Deutsche Welle meldet. Über die Zahlen in Westdeutschland gibt es also streng genommen keine vergleichbaren Aussagen.

So ist es kein Wunder, wenn Irene Mihalic die ihr gemeldeten Zahlen bezweifelt:

„Es gibt Grund zu der Annahme, dass die bisher vorgelegten Fallzahlen nur einen Bruchteil der rechts motivierten Kriminalität in Deutschland widerspiegeln.“

Gläserne Mauer

Es gibt doch keinen Unterschied mehr zwischen Ost und West. Warum immer irgendwelche Probleme beschwören, wenn es so viele Erfolge gibt (Lebenserwartung leider geil)? Vielleicht, weil es immer noch  haarsträubende Probleme gibt:

Wenn ich in meine Verwaltung in Erfurt gucke, sind da zwei Drittel Westdeutsche. Auf der Ebene meiner Referatsleiter sprechen mehr Leute bayerisch als sonst wo. […] Jetzt bin ich für die Linke in der Landesregierung. Das hat Folgen. Ich habe mich mal in Bayern beworben. Da haben die gefragt, ob ich noch ganz bei Trost sei und wie ich auf die Idee käme, an einer bayerischen Hochschule anzuheuern. 25 Jahre nach dem Mauerfall gibt es da immer noch eine Grenze. Wenn du meinen politischen Hintergrund hast, dann kannst du im Westen immer noch bestimmte Jobs nicht machen. Das finde ich empörend, auch weil es das Leistungsversprechen der bürgerlichen Gesellschaft infrage stellt.

Das hat der aus Ost-Berlin stammende Sozialwissenschaftler Benjamin-Immanuel Hoff im Gespräch mit Markus Decker gesagt — darin geht es um seine Ost-West-Ehe mit Karin Hoff aus dem Allgäu. Der Auszug aus Deckers Buch „Was ich dir immer schon mal sagen wollte“ ist in der Berliner Zeitung erschienen. Die dortige Überschrift setzt aber lieber einen Schwerpunkt auf ein ganz heißes deutsch-deutsches Eisen: „Ohne meine Westfrau hätte ich nicht sparen gelernt“.

Holla!

Die Stasi und die Rechten: Aufregung statt Neuigkeit

Manchmal ist Sommerloch: Das erklärt vielleicht, weshalb kürzlich die Aktivitäten von Stasi-Agenten bei Neonazis recht breitgetreten wurden, zum Beispiel in der Berliner Zeitung, bei Spiegel Online, beim Handelsblatt und bei der Tagesschau. Neuigkeitswert? Vernachlässigbar. Telepolis hat sich mit den Fakten und dem medialen Tenor auseinander gesetzt:

Die deutschen Medien haben in der letzten Woche in großer Anzahl […] darüber berichtet, dass die Stasi ihre „Spitzel“(= IM) in der westdeutschen „rechten Szene“ gehabt habe und dann seien es noch „viel mehr als bisher angenommen“. Die Wortwahl war unisono: sowohl herunterspielend ( „rechte Szene“ anstatt Rechtsterrorismus, um den es im Kern geht, „Spitzel“ anstatt Agent), wie aber auch aufgeregt, ob der neuen Meldungen aus der Stasi-Welt. […]

Doch neu ist an dem vermeintlich erst jetzt entdeckten Sachverhalt rein gar nichts. Die Tatsache der Einschleusung von „Spitzeln“ oder „Informanten“ in gegnerische Organisationen des „Operationsgebietes“ (Stasi- Begriff für die BRD) ist ein alter Hut und gehört zum Handwerk eines jeden Geheimdienstes, zumal im Kalten Krieg.

Erwartbare Meldungen zur Lebenserwartung

Erwartbare Meldungen zur Lebenserwartung

Wir meckern ja viel zu oft und freuen uns zu wenig. Gerade an diesen sommerlichen Tagen. Also mal eine schöne Meldung:

Die Wiedervereinigung hat dazu geführt, dass die Menschen in den neuen Bundesländern heute länger leben als zu Mauerzeiten.

Das schreibt die Pharmazeutische Zeitung am 23.7. unter Berufung auf die Studie „So geht Einheit“ des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Die Veröffentlichung hatte für einigen Wirbel gesorgt ob der unschönen Unterschiede zwischen West und Ost, die darin stehen – aber bei der Lebenserwartung kann man sich freuen: Endlich etwas, wovon der Osten mal wirklich profitiert hat!

Quelle: So geht Einheit, 2015, S.48.
image-1535

Quelle: So geht Einheit, 2015, S.48.

Gut, man könnte ein wenig nörgeln und darauf verweisen, dass die Lebenserwartung von Männern aus dem Osten just zur Wendezeit einen klaren Knick erlebt hat und erst 1994 den Stand von vor der Wende wieder erreicht hat. Und dass die DDR-Lebenserwartungen bis 1976 meist näher an den West-Vergleichsgruppen lag als heute oder im Fall der DDR-Männer sogar darüber: Das passt so gar nicht zum Bild des durchstartenden Westens nach Kriegsende. Erläutert werden beide Fälle in der Studie nicht.

Auf eine Sache verweisen Zeitung und Studie auch nur im Nebensatz:

Heutzutage hinge die Lebenserwartung nicht mehr vom Geburtsort, sondern von sozio-ökonomischen Faktoren wie Arbeits- und Einkommensverhältnissen oder dem Bildungsstand ab.

Aber: Wir wollen ja nicht jammern! Schauen wir lieber auf diese schöne Meldung aus dem Jahr 2014:

Länger leben im Osten dank Mauerfall

2014? Ja, am 10.9.2014 titelte das Neue Deutschland so unter Berufung auf eine Studie des Rostocker Max-Planck-Instituts. Dort sagte man begeistert:

„Der Zugewinn an Lebenszeit ist damit eine der größten, wenn auch oft übersehenen Errungenschaften der deutschen Einheit.“

Ach wie schön. Aber wir haben auch noch eine weitere Studie aus dem Jahr 2013:

Ostdeutsche leben länger — dank der deutschen Einheit

Ja, der Tagesspiegel meldete am 9.7.2013 eine Studie der Universität Rostock, die zu diesem Schluss gekommen war. Aber damit nicht genug: 2011 konnte der Wirtschaftsdienst die Angleichung der Lebenserwartung vermelden und 2009 der Focus, immer mit Verweis auf aktuelle Zahlen des Max-Planck-Instituts. Welch schöne Meldungen! Wie verlässlich! Wie wissenschaftlich bahnbrechend!

Man kann es natürlich auch so böse formulieren, wie es die taz 2011 getan hat:

Die Lebenserwartung von Geringverdienern ist entgegen aller Trends in den letzten zehn Jahren deutlich gesunken. […] Das Phänomen betrifft ausschließlich Männer und den Osten härter als den Westen.

Also, das klingt ja gar nicht schön. Aber doch bitte nicht zur Sommerzeit — war doch klar, warum das in der Einheitsstudie so verklausuliert war. Und wehe, jemand kommt damit vor den tollen Einheitsfeierlichkeiten daher!

Denunziert euch mal nicht so

Nach 25 Jahren beständiger Aufdeckung von Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) der Staatssicherheit ist es soweit: Alle gefunden, Mission beendet. Aber weil es so ganz ohne DDR-Denunzianten-Grusel ja langweilig wäre, startet der Spiegel die nächste Stufe: Auch Westdeutsche haben in der DDR angeschwärzt.

Wessis der DDR zugeliefert? Nein! Doch! Oh! Aber damit wir nicht in der Schreckstarre eines Louis de Funès verharren, gibt uns der Spiegel gleich die Begründung: Die Westdeutschen schwärzten Menschen aus der DDR an,

damit diese nicht rüber kommen, weil die „uns“ sonst „die Arbeit wegnehmen.“

Starkes Stück. Damit man aber nicht allzu sehr ins Grübeln kommt (Wo gibt es da Parallelen?), macht der Spiegel gleich weiter: Nicht nur die IM haben gespitzelt, nicht nur die Westdeutschen haben angeschwärzt, nein:

Anschwärzen im Alltag war für viele eine Selbstverständlichkeit — ganz ohne Zutun der Stasi

Noch stärkeres Stück. Damit man da richtig ins Grübeln kommt, liefert der Spiegel gleich noch ein Interview mit der Historikerin Hedwig Richter mit. Sie sagt etwa:

Die DDR-CDU hat dabei eine ganz negative Rolle gespielt, über die kaum ein Mensch redet.

Deshalb belässt es der Spiegel auch damit. Statt einer Auseinandersetzung mit dem Wahlgewinner ’90 („Allianz für Deutschland“) geht es also um das Fußvolk. Denn das war — man staune — eigentlich noch schlimmer als die Stasi-IMs. Historikerin Richter:

wer zur Stasi ging, der wusste ganz genau, dass er hier was Zweifelhaftes macht. [Aber] dieses Berichtswesen war ein niedrigschwelliges Angebot zur Denunziation ohne dass die, die denunzierten, sich wirklich schlecht fühlen mussten.

Denunzieren ohne schlechtes Gewissen! Was werden sich all die armen IM jetzt ärgern, dass sie sich damals immer in den Schlaf weinen mussten — hätten sie doch nur niedrigschwelliger gearbeitet. Stattdessen mussten die einen bewusst etwas Zweifelhaftes tun und die anderen: auch. Aber unbewusst. Also alle fiese Denunzianten in der DDR?

Natürlich ist die ostdeutsche Bevölkerung nicht prinzipiell irgendwie denunziationsfreudiger als die in einem anderen Land. Aber, wie so oft, hat diese Diktatur das Niedrige befördert. […] In einer freien Gesellschaft kann Denunziation gar nicht diese Rolle spielen, weil es dem Staat egal ist, was X über Y sagt.

Da hat der Spiegel die eigentlich spannende Entdeckung — Westdeutsche, die in der DDR denunzieren — schon längst vergessen. Stattdessen prangert das Interview die mangelnde Vergangenheitsbewältigung der DDR-Bewohner_innen an. Und man freut sich: Endlich reden wir nach 25 Jahren über dieses Thema.

Und vielleicht reden wir dann in 25 Jahren auch über die denunzierenden Westdeutschen. Mal schauen, ob wir dann soweit sind.

Aktuelle DDR-Vergleiche #22 — Island

Das ist doch endlich einmal ein naheliegender Vergleich, den die Welt da anstellt:

Island ist so groß wie die DDR und mindestens dreimal so tot. Die Bewohnerschaft ist der Bielefelds unterlegen, und das nicht nur zahlenmäßig, sondern auch in jeder anderen Hinsicht. Wer das Pech hat, schon einmal in Bielefeld gewesen zu sein, kann sich leicht ausrechnen, was das bedeutet: Die DDR unter der wirtschaftlichen und intellektuellen Führung Bielefelds – das ist Island, die Heimat der Bekloppten.

Sehr spannend ist der Zusammenhang mit Bielefeld, das es ja gar nicht geben soll. Da ist es mit der DDR natürlich in guter Gesellschaft.

Übrigens: Der Text stammt aus dem aktuellen Buch des ehemaligen Chefredakteurs der Satirezeitschrift „Titanic“, Oliver Maria Schmitt. Hatte mich schon gewundert, warum es bei der Welt plötzlich Texte gibt, die meine Zustimmung finden.

15 Gründe, warum die Huffington Post keine Ahnung vom Osten hat

Wenn wir die Huffington Post nicht hätten: Dann wüssten wir nicht, dass die Bundesrepublik vor allem vom Osten des Landes geprägt wird. Echt wahr! Hier steht’s: „15 Gründe warum in Deutschland heute mehr DDR steckt als jemals zuvor“!

Zugegeben, ein paar Dinge kennt man: die Merkel (alter Hut für uns), der Gauck (hamwa längst gewusst), aber auch: Der Gysi. Sind schon mal drei Punkte.

Dann: „Die SPD leidet als westdeutsch geprägte Partei unter erheblichen Bedeutungsverlust“ — also auch ein Punkt für den Osten. Irgendwie: „es gibt gute Gründe anzunehmen, dass zwischen dem Bedeutungsverlust der SPD und der Verschiebung der politischen Kraftzentren in Deutschland ein Zusammenhang besteht.“ Die Gründe hätte man dann doch gerne gewusst, aber soviel Zeit hat man ja nicht.

Vier Punkte. Was haben wir noch, werden sich die engagierten Huffingtoner gefragt haben. Irgendwie müssen die 15 Punkte doch voll werden. Pegida? Quatsch! Lass es uns Schritt für Schritt machen, erstmal eine schnittige These aufstellen: „Die bedeutendsten gesellschaftlichen Diskussionen werden heute im Osten vorangetrieben.“ Sehr cool, das zählt schon mal. Fünf!

Und jetzt diese These unterfüttern: Die Debatte um den demografischen Wandel nahm in Ostdeutschland ihren Anfang (6.), in Sachen Kinderbetreuung sind ostdeutsche Kommunen mittlerweile Vorbild (7.), in der Diskussion um ein modernes Familienbild hängt der Westen zurück (8.), die Energiewende wurde vor allem von westdeutschen Politikern ausgebremst (und ich dachte, das wären die Stromkonzerne gewesen, aber das macht ja keinen Unterschied — 9.), Pegida war ein Phänomen, das im Osten seinen Anfang nahm (also doch, haha! 10!).

Von der Elitenkritik geht’s dann direkt zur Linkspartei (wie naheliegend) und von dort zur AfD (noch naheliegender). 13, zwei fehlen noch. Da haben wir: Mehr Nato-Kritik und den Regierungsumzug nach Berlin. Wenn das mal kein Argument für den Osten ist.

Geschafft! 15mal ganz tolle Gründe, warum der Osten ganz doll das Land prägt. Beziehungsweise: 15 politische Einflüsse. Schade, dass man die Wirtschaft herausgelassen hat (etwa den einzigen Dax-Vorstand ostdeutscher Herkunft), die Kultur (zum Beispiel die Vorbehalte gegen ostdeutsche Regisseure), die Verwaltung (die westdeutsch besetzte Hierarchie in ostdeutschen Behörden) oder einfach nur die alltäglichen Vorurteile bei Fußballfans oder überhaupt.

Aber: Psst — nicht der Huffington Post verraten! Lassen wir sie lieber weiter im Ungewissen:

Wahrscheinlich ist das wohl das eines der größten Rätsel der politischen Gegenwart: Warum nur fühlen sich viele Bürger im Osten immer noch derart unverstanden?