Impfen in der DDR – und die FAZ spricht lieber vom Klassenkampf

„Das Impfen war auch Klassenkampf“ – so titelt ein FAZ-Artikel. Und ist dabei hin- und hergerissen: Nur eine Handvoll Maserfälle gebe es derzeit im Osten Deutschlands – doch in der DDR habe man bis zur Volljährigkeit „17 Pflichtimpfungen über sich ergehen“ lassen müssen. Dass beides direkt zusammen hängt, ist unbestritten, das weiß auch der Artikel. Doch dann kann man nicht gleichzeitig für die Erfolge und gegen deren Ursache sein.

Doch der Artikel von Frank Pergande ist nicht nur unentschlossen: Er ist so DDR-fixiert, dass er die BRD ganz vergisst. „Der Impfzwang entstand zunächst in der Nachkriegszeit“ – streckenweise liest sich das, als hätte das östliche Deutschland seine Einwohner_innen medizinisch unterjocht. Doch es fehlt der entscheidende Hinweis, dass dies in der BRD ursprünglich nicht viel anders war. Pergande hätte dies wissen können, zitiert er doch in weiten Passagen aus einem wissenschaftlichen Aufsatz der Zeitschrift „Zeithistorische Forschungen“. Hier werden die Impfpraktiken in BRD und DDR miteinander verglichen. Im FAZ-Artikel hingegen nicht.

Worauf der wissenschaftliche Artikel auch einen Hinweis bietet: Mit dem Begriff „Impfzwang“ operierte letztlich nur die BRD – und das nicht einmal in Bezug auf die DDR, sondern in Hinblick auf ihren eigenen Umgang mit dem Impfen. Der „Zwang“ ist eine nachträgliche Rückprojektion auf die DDR-Praktiken, die gar nicht so zwanghaft waren. Davon berichtet nicht nur ein Arzt im FAZ-Artikel – was die innere Zerrissenheit des Textes noch weiter unterstreicht – sondern auch Wolfgang Kiehl im Interview mit der Berliner Zeitung. Er war verantwortlich für die Impfungen, die den Masern-Ausbruch von 1970 in der DDR stoppten:

Gegen „Verweigerer“ wurde nichts unternommen. Darum ärgert mich, wenn in der aktuellen Debatte von „Impf-Zwang“ die Rede ist. Nein, wir haben die Impfpflicht aufgefasst als Pflicht des Staates, die Kinder zu schützen und zugleich als Pflicht der Eltern, diese Möglichkeit zu nutzen. Es war eine moralische Pflicht, zum Impfen zu gehen – und bald selbstverständlich. Das basierte nicht auf Zwang, sondern auf hohem Vertrauen gegenüber Ärzten und Gesundheitswesen.

Entscheidend sei, dass Ärzte individuell Überzeugungsarbeit leisten können – dies schaffe man heute aber heute zeitlich nicht mehr. Impfen ist also weniger eine Frage des Klassenkampfes als der Zeit. Notwendig ist es allemal, da ist man sich systemübergreifend einig. Sonst würde sich die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wohl kaum so mit ihrer Kampagne „Deutschland sucht den Impfpass“ abmühen.

 

DDR, Alltag an deutschen Schulen?

Gerne wird so getan, als hätte die DDR 1990 aufgehört zu existieren. Dass dies für die Politik gilt, nicht aber für die Gesellschaft, wird gerne vergessen. Für Deutschlandradio Kultur hat die Schriftstellerin Susanne Schädlich nun beobachtet, dass die DDR immer noch in der Schule nachwirke. Ihr Generalvorwurf:

Der alte Mief! Er weht durch die Schulen, besonders in den östlichen Bezirken Berlins und in den neuen Bundesländern.

Ja, die Schriftstellerin weiß: In westdeutschen Schulen wird deutlich weniger gemieft! Da lachen Schüler_innen und die Lehrer_innen 50+ gemeinsam über die Beiträge von 9gags. Voll yolo, Alter!

Apropos Klassenfahrten. Mit konstanter Bosheit geht es gen Osten, als gebe es den Westen gar nicht, in „Ferienlager“, wo sogar die Straßen Pionierlagerstraße heißen.

Apropos Westen: Wie besessen fahren westdeutsche Klassen in den Osten – schließlich kann man dort nicht nur eine fremde Kultur kennen lernen, sondern ist auch noch billig. Also geht’s etwa in das Schullandheim Bitburg. Ach, das liegt in Rheinland-Pfalz? Verdammt.

So kommt im Geschichtsunterricht die DDR oft nicht vor – kein Wort von Diktatur, Mauertoten, Mangelwirtschaft. Dafür Geschichten aus dem Alltag.

Dumm nur: Die DDR ist in den Lehrplänen der Bundesländer verbindlich vorgeschrieben. Ja, auch in ostdeutschen Bundesländern (Beispiele aus Mecklenburg-Vorpommern (PDF), Brandenburg (PDF), Sachsen (PDF)). Beziehungsweise: Vor allem in ostdeutschen Bundesländern. In Nordrhein-Westfalen (Lehrplan-PDF) wird die DDR nicht einmal erwähnt. Und in Bremen gibt es einen Bildungsplan nur für den Bereich „Biblische Geschichte“. Da steht die DDR aber auch nicht drin.

Was hat es also zu bedeuten, wenn Susanne Schädlich ihre Vorwürfe an das ostdeutsche Lehrpersonal einleitet mit „Gar nicht ungewöhnlich, dass […]“? Das täuscht statistisch unterfütterte Argumente vor – eingelöst wird das aber nicht. Schade, trotz der wichtigen Erkenntnis bleiben da nicht mehr als hohle Phrasen. Wie etwa der Einstieg:

„Wir haben Pech, wir haben noch DDR-Lehrer“, sagte kürzlich ein Schüler eines Berliner Gymnasiums.

Und welch Pech, dass die Schriftstellerin mit ihrem Beitrag solche Aussagen fördert: Denn ein Vorwurf, es gebe noch BRD-Lehrer, ist schlicht nicht denkbar. Dieser Schüler hat in der deutsch-deutschen Realität also sehr gut gelernt: Ich kann meinen Lehrenden pauschal ihre Herkunft vorwerfen. Irgendein Presseorgan wird das schon verwenden, ohne es zu hinterfragen.

„nichts gegen Aussiedler, aber …“

Das mag jetzt vielleicht überraschen, aber: Angst vor Flüchtlingen ist nicht unbedingt eine ostdeutsche Erfindung. Das ARD-Politikmagazin „Kontraste“ hat dazu einen Fernsehausschnitt aus dem Jahr 1989 gefunden. Eine gute deutsche Tradition also.

Wobei man ergänzen sollte, dass die interviewte Frau höchstwahrscheinlich Westfernsehen gesehen hat.

Staatsbürgerkunde und Neusprech machen „DDR-Sprech“

Zwei tolle Webprojekte haben sich (wieder einmal) zu einem Crossover zusammengefunden: Der Staatsbürgerkunde-Podcast und neusprech.org. Ersterer schaut in Gesprächen auf das Leben in der DDR, letzteres zeigt, wie mit Wörtern aktuell Politik betrieben wird.

Die Schnittmenge findet sich beim Podcast DDR-Sprech (2): Wie werden Begriffe mit DDR-Bezug heute genutzt? Zur Sprache kommen: Lichtgrenze („westdeutsche Sicht“), Stasi 2.0, Montagsdemonstration („feindliche Übernahme“) und Unrechtsstaat. Eine sehr erhellende und vergnügliche Stunde! Aufgenommen beim 31. Chaos Communication Congress.

Die erste Folge „DDR-Sprech (1)“ gibt es übrigens hier.

Pegida: Mit Westfernsehen wär das nicht passiert

Wie lässt sich Pegida erklären? Woher kommt diese Bewegung? Dazu ist in den letzten Wochen schon sehr viel gesagt worden. Doch nun hat der Historiker Heinrich August Winkler die wohl nachvollziehbarste Erklärung gefunden: Fehlendes Westfernsehen! Das zumindest sagte er am 17.1. der Wirtschaftswoche:

Das sogenannte „Tal der Ahnungslosen“. Das wirkt bis heute nach.

Bereits zwei Tage zuvor argumentierte der West-Verfechter („Der lange Weg nach Westen“ heißt seine monumentale Darstellung deutscher Geschichte) gegenüber Deutschlandradio Kultur:

Da ist ja das eigentümliche, dass gerade dort in der Region der ehemaligen DDR, wo man jahrzehntelang kein Westfernsehen empfangen konnte, offenbar auch SED-Parolen besonders stark nachwirken im Sinne eines massiven Anti-Klerikalismus nicht nur, sondern im Sinne einer Negation von Religion schlechthin. Insofern ist es eine Perversion, wenn da der Begriff „Abendland“ benutzt wird.

Das ist fürwahr eigentümlich: Da konnte der Westen seit 25 Jahren sein Programm ungehindert in das Tal senden – und kommt trotzdem nicht gegen alte Klassenkampf-Parolen an. Verdammt aber auch. Da ist es wohl nur logisch, dass Pegida – selbsternanntes Bollwerk des sogenannten Abendlandes – als letztlich anti-westlich dasteht. Pegida als westliche Sicht auf die Welt – das darf einfach nicht sein!

Doch halt: Pegida steht Winkler zufolge nicht nur in einer Tradition mit der SED, sondern auch – ja, man ahnt es bereits:

Es sei kein Zufall, dass sich ausgerechnet dort eine zutiefst antiwestliche Bewegung formiert habe. Sie knüpfe an die Ressentiments und Vorbehalte der Deutschen gegenüber der westlichen Demokratie zu Beginn des 20. Jahrhunderts an. Dem Pluralismus der westlichen Zivilisation hielt man damals die Verherrlichung eines starken Staates entgegen. Winklers Fazit: „An diese Denktradition, die ganz wesentlich zur Zerstörung der Weimarer Republik beigetragen hat, knüpfen die Initiatoren der Dresdner Demonstrationen an.“ (Wirtschaftswoche)

Was lernen wir daraus? Hätte es 1933 bereits Westfernsehen gegeben, hätte es keine Nazis gegeben. Und keine SED. Und keine Pegida. Manchmal kann es halt so einfach sein. Wenn man ahnungslos ist.

DDR-Führung und Westen: Gemeinsame Sache bei Kunst-Enteignungen

Ach ja, der Unrechtsstaat DDR: 25 Millionen Mark Devisen pro Jahr hatte er dadurch erlangt, dass er in den 70er und 80er Jahren Kunst und Antiquitäten privater Sammler und Museen veräußerte. Das war nicht rechtens, auch nicht nach DDR-Recht.

Was wissen wir heute darüber? Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) schreibt dazu:

Die zuständigen Behörden auf Bundes- und Landesebene verfügen, wie eine Telefon-Umfrage ergeben hat, nur über bruchstückhafte Informationen. […] Während in Forschung und Öffentlichkeit der Raubkunst aus der Zeit des Dritten Reichs die notwendige Aufmerksamkeit geschenkt wird, drohen die Schicksale der Kunstsammler aus der DDR in Vergessenheit zu geraten.

Zu dumm. Denn das Problem ist nicht etwa, dass die ursprünglichen Eigentümer_innen keinen Anspruch auf Wiedergutmachung hätten – denn den haben sie u.a. über das sogenannte Vermögensgesetz. Das Problem ist, dass die Kunstwerke nicht auffindbar sind. Doch wo sind sie geblieben? Die NZZ weiß: Ohne Käufer kein Verkauf. Und die saßen in der Bundesrepublik, in den Niederlanden, England und der Schweiz:

Heerscharen von kunstaffinen Schnäppchenjägern pilgerten in den siebziger und achtziger Jahren nach Ostdeutschland. Auch nachdem die verwerflichen Praktiken öffentlich bekanntgeworden waren, haben sich die Abnehmer, darunter renommierte Auktionshäuser, weiter mit der von der Stasi kontrollierten Kunst und Antiquitäten GmbH eingelassen.

Nachdem sich nun die Enteigneten seit Jahren um Rückgabe oder Entschädigung bemühen, kommt ein Gesetzesvorhaben der Bundesländer zur Novellierung des Zivilrechts ins Rollen, denn wie Isabel Pfeiffer-Poensgen, Generalsekretärin der Kulturstiftung, gegenüber der NZZ meint:

„Das Thema wurde lange ignoriert. 25 Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, auch dieses Kapitel aufzuarbeiten. Das ist eine Frage der Gerechtigkeit.“

Wohl wahr. Allerdings lassen die bundesdeutschen Medien das Thema weiterhin im Dunkeln, erwähnt wurde es nur in einer knappen dpa-Meldung. Denn wir sollen ja bald Wiedervereinigung feiern und den Unrechtsstaat DDR schlecht finden. Da passt ein Westen nicht ins Bild, der Kunstwerke aus der DDR widerrechtlich aufkaufte und bis heute der Wiedergutmachung widerrechtlich aus dem Weg geht.

Aktuelle DDR-Vergleiche #20 – Truman Show

Die Truman Show: Das gesamte Leben eines Menschen ist nur eine Reality-Show fürs Fernsehen – doch er weiß nichts davon. Die DDR der 80er Jahre hat den Regisseur Armin Petras an diesen Film erinnert. Im Interview mit dem Tagesspiegel zeigt sich, dass er mehr als einen simplen Vergleich vor Augen hat:

Man fragte sich, was für ein bizarres Stück führen die hier auf. Mitte der achtziger Jahre war klar, das wird nichts mehr. […] Deshalb lohnt es zu schauen, wann das anfing, eine Farce zu werden – und nicht arrogant davon auszugehen, dass dieses Land schon immer ein schlechter Witz war. Man liest die Erzählung von Christa Wolf und denkt, dass es auch hätte anders kommen können. Es gab doch nicht nur Stalinisten und Duckmäuser, auch suchte man 1949 nicht nur in der DDR nach einer anderen Zukunft. Das Ahlener Programm der CDU von 1947 ist kapitalismuskritischer als alles, was die Linkspartei heute fordert.

 

Gedanken des Abstoßens aus dem Westen

„Dann gebt doch Russland die DDR zurück!“ So tönt ein Kommentar der Welt und will ein Beitrag zur Debatte über den Umgang mit Russland sein. Jacques Schuster, Chefkommentator des Blattes, wählt dabei einen recht originellen Einstieg: Er lässt die Realität hinter sich und blickt in etwas, was er als Verdichtung der Meinungen von Matthias Platzeck und Lothar de Maizière bezeichnet. Die einfache Formel: Beide haben Unrecht (deshalb wohl auch „Unrechtsstaat“) und beide kommen von drüben – also denken natürlich alle Ossis so.

Die weiteren Gedankengänge lassen ebenfalls tief blicken: Die Ostdeutschen, aka die neue DDR, handeln in Schusters Phantasterei überhaupt nicht: Sie entscheiden nicht selbst über ihren Austritt aus Deutschland und dem Beitritt zu Russland – nein: Westdeutschland tut dies. Anschließend werde der Kreml die Richtung vorgeben. Souveränität? Doch nicht für Ossis!

So ist also der Osten Deutschlands, wie ihn der Westen gerne sieht: Kollektive Meinung, fremdgesteuert. Als hätte die DDR nie aufgehört zu existieren.

Wer sich den vollständigen Text nicht antun möchte, hier die wichtigsten Zitate fürs Poesiealbum:

Am 1. Januar 2015 sollten alle Bürger der alten Bundesländer in einem Akt der Volkssouveränität erklären, die neuen Bundesländer aus dem Verbund der Bundesrepublik Deutschland zu entlassen. Die DDR soll wieder entstehen.

Zwar könnte es sein, dass die Menschen in der neuen DDR ohne die Solidaritätszuschläge und die Hilfen der EU ärmer sein werden, aber es wird schon gehen. Es ging doch damals auch.

Nun schreibt er sich um Kopf und Kragen, werden einige Leser an dieser Stelle denken. Hoffentlich! So abwegig, wie sie klingen, sind diese Sätze jedoch nicht. Sie verdichten den kulturellen Snobismus, die Überheblichkeit und sonstigen geistigen Ausdünstungen, die man in den vergangenen Monaten hierzulande zu hören bekam, nur zu einer gewaltigen gastrischen Explosion.

Es täte ihrem außenpolitischen Gewicht und der eigenen Gelassenheit gut, wenn die Deutschen wieder begönnen, über den Tag hinaus zu denken, und sich daran gewöhnten, dass Konflikte Jahrzehnte währen können. Gelingt es uns nicht, diese Fähigkeiten zu entwickeln, ist es mit unseren Werten, Traditionen und der Freiheit genauso schnell vorbei wie mit unserer Westbindung. Vielleicht aber wünschen einige der Mahner genau dieses.

Presseschau: 9. November 2014

Der 9. November 2014 geht zu Ende – wie wurden die Tageszeitungen zu diesem Termin gestaltet? Hier ein Überblick darüber, wie ein paar ausgewählte Blätter in ihren regulären Samstagsausgaben vom 8. November 2014 mit dem Jahrestag umgegangen sind.

Berliner Zeitung

Titel

Ein großformartiges Foto, mehr nicht. Ein passender Auftakt: Das Thema 25 Jahre Mauerfall hat die Ausgabe auf 72 Seiten völlig in Beschlag genommen – aktuelle Meldungen haben nur auf 8 Seiten Platz gefunden.

Die beste Idee

Eine Zeitleiste von Januar 1989 bis heute, Beiträge von Prominenten und Entscheidungsträger_innen, Ost und West in vielen statistischen Vergleichen, Artikel zu verschiedenen Aspekten: Das Gesamtkonzept dieser Ausgabe ist beeindruckend.

Die doofste Idee

Wer Beiträge von Prominenten und Entscheidungsträger_innen schreiben lässt, kommt zwangsläufig zu einem starken Westblick. Und zu vielen „Ich habe vom Mauerfall gehört“-Sätzen, die nicht so recht in diese Ausgabe passen.

Die beste Erkenntnis

„Die gesamtdeutsche Sportgeschichte seit der Wende ist mehr als die Zusammenführung zweier Dopingsysteme.“

Der doofste Erkenntnis

„Die Deutsche Einheit […] habe ich in Hamburg erlebt […]. Wir waren am Abend mit Freunden zusammen, als wir einen Anruf bekamen: ‚Macht doch mal den Fernseher an, die Mauer ist auf.‘“ Hartmut Mehdorn kann leider nicht den 9. November und 3. Oktober auseinander halten.

Die Welt

Titel

Ein Paar umarmt sich am Grenzübergang Bornholmer Straße. Die Überschrift: „Das Lachen einer Novembernacht“. Die Lyrikabteilung der Welt schlägt zu.

Die beste Idee

Wie ist es eigentlich zur Meldung gekommen, die Schabowski in der Pressekonferenz präsentiert hat? Eine umfangreiche Infografik zeichnet den Weg von 9 Uhr morgens bis 20 Uhr abends nach. Einziger Kritikpunkt: Gezeichnet sieht Egon Krenz aus wie Prinz Charles.

Die doofste Idee

Eine halbe Seite zu Biermanns Frotzeln gegen die Linkspartei ist zu viel Aufmerksamkeit für eine vorhersagbare Episode.

Die beste Erkenntnis

Ostdeutsche steigen eher durch eigene Anstrengungen auf. Einkommen und Status der Eltern im Westen haben einen deutlich größeren Einfluss.

Der doofste Erkenntnis

Am 9. 11. 1989 hat die Bild am Sonntag das „Goldene Lenkrad“ in Berlin verliehen. Auch Friede Springer war dabei, wie das groß abgedruckte Foto dokumentiert. Weltgeschichte!

taz

Titel

Honeckers Wachsfigur, Überschrift: „War da was?“ Die taz kann sich nicht erinnern und kann die Realität nicht von Bildern unterscheiden. Ein Problem, das sich durch die gesamte Ausgabe zieht. So gesehen ein sehr konsequenter Titel.

Die beste Idee

Verschiedene Tagebucheinträge vom 8. und 9. November stehen nebeneinander. Leider haben in den meisten Fällen irgendwelche Westdeutschen nur im Fernsehen davon gehört, was dann im Tagebuch doch nicht so spannend ist. Aber es geht hier ja um die Idee.

Die doofste Idee

Ein zweiseitiges Interview mit Felix Loch, achtfachem Weltmeister im Rennrodeln zum Thema Mauerfall – warum nicht? Vielleicht, weil er damals nicht einmal 4 Monate alt war? Entsprechend absurd sind die Fragen: Haben Sie einmal eine DDR-Fahne gehalten? Wann erfuhren Sie zum ersten Mal von der Mauer? Und ganz oft wird gefragt, was die Eltern gesagt und getan haben. Diese Vorgehensweise wurde bislang ja eher der Spitzelei der DDR vorgeworfen.

Die beste Erkenntnis

Einwanderer und ihre Kinder waren die eigentlichen Wendeverlierer. „So werden Ostdeutsche und Einwanderer auch gegeneinander ausgespielt. Hier der rassistische und autoritätshörige Ostdeutsche, da der integrationsunwillige und aggressive Migrant – diese Stereotype waren und sind für viele Westdeutsche sehr bequem […].“

Der doofste Erkenntnis

„Wohnungen sind knapp und teuer. Wenn es einen Ort gibt, an dem das zusammenwächst, was zuvor 40 Jahre getrennt war, dann hier. […] Reich, arm, Westen, Osten. Wäre Potsdam ein Film, das Drehbuch wäre ziemlich platt.“ Zum Glück machen sie bei der taz nur Zeitung.

Und noch was: „Die DDR ging unter, weil das Essen schlecht war.“ Das ist nicht mal so ironisch gemeint, wie es klingt.

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Titel

Falls es noch Zweifel gab: „Die Mauer ist offen“. Eine Abbildung zeigt ein Faksimile des FAZ-Titels vom 12. November 1989. Näher kommt man dem Ereignis in Frankfurt offenbar nicht, eine Handvoll Artikel sind in der Ausgabe verstreut.

Die beste Idee

Eine Ausgabe zum Mauerfall ganz ohne Mauererlebnisse und ohne Menschen, die am Abend irgendetwas damit zu tun hatten oder irgendwie davon gehört hatten: Das ist zumindest mutig. Aber dafür gibt es ein großes Foto von Helmut Kohl, wie er eine Rede hält, passend zu einem Artikel darüber, was Helmut Kohl an jenen Tagen so getrieben hat.

Die doofste Idee

In vier (4!) Artikeln wird Biermanns Auftritt im Bundestag behandelt, zwei davon auf der Titelseite. In einem weiteren Text wird sein Wirken in mehreren Absätzen bejubelt. Da wirkt die Welt-Lösung ja geradezu bescheiden.

Die beste Erkenntnis

Günter Schabowski reiste nach 1990 durch ganz Deutschland: „Seine journalistische Ausbildung kam ihm dabei ebenso zugute wie der exotische Reiz eines geläuterten Kommunisten.“

Der doofste Erkenntnis

„Die DDR ist weniger an fehlender Meinungs- und Reisefreiheit gescheitert als am fehlenden ökonomischen Erfolg der staatlichen Kollektive.“

 

Bullshit-Bingo: Der ultimativ-mediale Blick auf den Osten

Bullshit-Bingo: Der ultimativ-mediale Blick auf den Osten

Das Jubiläumsjahr zu 25 Jahren Mauerfall kocht dem Höhepunkt entgegen – Zeit für ein Spiel!

Denn inzwischen kommt man kaum noch an Geschichten über die DDR und ihr Ende vorbei. Es werden so viele Zeitzeugen porträtiert, dass man kaum noch weiß, wer dazu noch nicht befragt wurde. Überhaupt: Seit Anfang des Jahres schlängeln sich Geschichten durch die Gazetten, dass man gar nicht mehr weiß, was man überhaupt noch wissen wollen würde. Wenn nicht sowieso noch mehr kommen würde. Gründliche Recherchen stehen da neben gründlich aus dem Finger-Gesaugtem. Die „Zeit im Osten“ hat deshalb schon im Juni einige Tipps und Vorahnungen zum Feierjahr gegeben.

Nutzen wir also den Umstand und spielen ein wenig Bullshit-Bingo. Die Regeln:

  1. Bullshit-Bingo: Der ultimativ-mediale Blick auf den Osten ausdrucken und bereit legen
  2. Immer wenn eine Phrase oder ein Ereignis aus der Tabelle eintrifft: Ankreuzen! Dabei ist es völlig egal, ob es in Print-, Radio-, TV- oder Online-Beiträgen geschieht.
  3. Wenn eine Reihe (senkrecht, horizontal, diagonal) voll ist: „Bullshit!“ rufen.
  4. Bonus: Wenn alle Felder angekreuzt sind: „Ich sehe zu viele Beiträge zum Mauerfall!“ rufen
  5. Bonus-Bonus: Das auch noch in die Kommentare zu diesem Beitrag posten. Da freuen wir uns natürlich über alle Quellen, hehe.

Also dann: Viel Spaß beim Mauerfall – lasst die Spiele beginnen!