Bischöfe machen ihr Praktikum im Osten

Der Magdeburger Bischof Gerhard Feige hat am 8.6.2015 Kritik an der Ernennung von Heiner Koch zum Erzbischof von Berlin geübt:

Neben Görlitz und Berlin ist Dresden-Meißen damit schon das dritte Bistum im Osten Deutschlands, das seinen Bischof nach nur kurzer Dienstzeit – diesmal handelte es sich lediglich um rund zwei Jahre – wieder verliert. […] Bedauerlicherweise entsteht der Eindruck, ostdeutsche Bistümer seien inzwischen so etwas wie ein „Verschiebebahnhof“ oder wie „Praktikumsstellen“ zur Qualifizierung für „höhere Ämter“.

Sonderlich beliebt scheinen die ungläubigen Bundesländer jedenfalls nicht zu sein — Bischof Wolfgang Ipolt aus Görlitz spricht von „hier in der Diaspora im Osten Deutschlands“.

Differenzierte Wahrnehmung vs globale Abqualifizierung

Die globale Kennzeichnung der DDR als Unrechtsstaat schießt deshalb über die Anerkennung von Unrecht und Freiheitsverletzung, die es in der DDR vielfach gab, weit hinaus. Sie will umfassend delegitimieren und desavouieren. Sie lässt der Normalität, die es vielfach gab, keinen Eigenstand. Sie ist eine Verzerrung der Wirklichkeit in politischer Absicht. Vielleicht sogar in guter Absicht – das Zerrbild des Unrechtsstaates mag gegen eine ihrerseits verzerrende DDR-Nostalgie gerichtet sein. Aber indem der ideologische Schlagabtausch des Kalten Krieges fortgeführt wird, wird der DDR-Nostalgie nicht entgegengewirkt, sondern sie wird provoziert und verstärkt.

Ernst-Wolfgang Böckenförde, Richter des Bundesverfassungsgerichts (1983 – 1996) in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 12.05.2015

Aktuelle DDR-Vergleiche #21 — Islamischer Staat

Widmen wir uns doch einmal dem wunderhaften Werkzeug der Anführungszeichen. Diese possierlichen „Gänsefüßchen“ können so vieles bedeuten: Zitat, Synonym oder auch ironische Distanz. Daher ist immer auch der Kontext wichtig, um verstehen zu können, was gemeint ist. Schauen wir also einmal:

Der Spiegel-Autor Christoph Reuter hat ein Buch über den Islamischen Staat (IS) verfasst und erklärt darin, wie diese Bewegung entstanden ist. Bei n.tv.de wird das Buch rezensiert, in dem Artikel steht folgender Abschnitt:

Gemäß dem Plan dieses Irakers namens Haji Bakr hätten die Dschihadisten, stets geleitet von der Maxime der Machtausbreitung, kühl und hochflexibel ein „Stasi-Kalifat“ errichtet. Die wahren Strippenzieher waren dabei nicht die fanatischen IS-Kämpfer.

Später wird noch der Begriff „Stasi-Dschihadisten“ in den Textfluss eingestreut — da sogar ohne Anführungszeichen. Unklar bleibt: Wo kommen diese Begriffe her? Ist „Stasi-Dschihadist“ eine formelle Berufsbezeichnung innerhalb des IS? Gilt „Stasi-Kalifat“ gar als Trademark für bestimmte Staatsformen? Oder sind das Begriffe aus Reuters Buch, die hier unkommentiert übernommen worden sind?

Oder aber: Ist das alles Quatsch und man nutzt Begriffe wie „Stasi“ nur noch als Buzzword, um Texte aufzulockern? Dass man das „Stasi-Kalifat“ in der Überschrift — auch ohne Anführungszeichen — verwendet, spräche dafür. Ohne angemessene Auseinandersetzung mit den Begriffen und dahinter stehenden Systemen ist es aber nur ein unprofessionelles und unreflektiertes Spiel mit dem Synonym-Wörterbuch.

Die vergessene Ossi-Fresse

Zu den häufig genannten Klischees über Ostdeutsche gehört, dass sie nicht selbstbewusst genug seien, neulich erst sprach Journalist Michael Jürgs davon. Die Ossis ganz verschüchtert also? In welcher Beziehung Ostdeutsche zum Selbstbewusstsein stehen, dafür hat der Schauspieler Michael Gwisdek einen ganz anderen Ansatz:

Auf den Arbeitgeber durften wir schimpfen, auf die Regierung nicht. Heute ist es andersrum. Wer heute seinen Chef einen Idioten nennt, fliegt aus der Firma. Man muss sich anbiedern und seinen Charakter verleugnen, wenn man nirgends gekündigt werden will. Früher hatten die Leute im Osten mehr Selbstbewusstsein. Wir hatten wirklich alle eine große Fresse.

„Organ“

Bei all den Analysen über die DDR und den Osten Deutschen ist die psychoanalytische Sicht noch ein wenig unterbelichtet. In diese Bresche springt nun dankenswerterweise die Welt. Um das nicht unnötig zu vertiefen: Die Überschrift des elaborierten Artikels aus dem Feuilleton sagt bereits alles:

Dieses Wort kann Penis, Stasi und Zeitung bedeuten

Wer es sich nicht schon gedacht hat: Es geht um das „Organ“.

Lacht doch mal — der Ironievorwurf des Michael Jürgs

1990 stellte Michael Jürgs in einem Leitartikel die Frage „Sollen die Zonis bleiben, wo sie sind?“ — und wurde als Chefredakteur des Stern gefeuert. Seitdem hat ihn das Thema „Osten“ (was immer da jetzt eigentlich das Thema sein soll) nicht losgelassen. Das sagt er auch im Interview mit der Zeit. Dort tritt er als Ost-Experte auf, der zu berichten weiß aus „winzige[n] Dörfer[n], die kein anderer westdeutscher Journalist freiwillig aufsuchen würde.“ Ach wie mutig. Jahrelang hat er also die im Osten beobachtet und freut sich, wenn sie sich weiter entwickeln. Zum Beispiel:

Für mich der wesentlichste Fortschritt: dass so viele Mitbürger in den neuen Ländern gelassener geworden sind. Dass sie über ironische Bemerkungen inzwischen lachen können. Ich mache seit den Neunzigern Lesereisen durch die neuen Länder, früher waren die meisten sofort beleidigt, wenn ich ironisch wurde und einen Witz auf ihre Kosten machte. Heute lachen sie.

Nun ist das mit Ironie und Witzen so eine Sache. Als Journalist sollte Jürgs die publizistische Warnung „Ironie versteht der Leser nie“ kennen. Außerdem unterstreicht die Wikipedia, wie wichtig es ist, das Gegenüber zu verstehen, damit die ironische Bemerkung zündet:

Die erfolgreiche Verwendung von Ironie zeugt nicht nur von der erfolgreichen Reflexion des eigenen Wissens, sondern auch vom erfolgreichen Erkennen des Wissens des Gegenübers und ist daher Ausdruck der Fähigkeit, die Gedanken des anderen vorwegzunehmen und zu reflektieren.

Ganz unironisch kann man also sagen: Es sind nicht die Ostdeutschen, die die jürgsche Ironie nicht verstehen. Es ist Jürgs, der die Ostdeutschen nicht versteht, trotz seiner langjährigen Beobachtung dieser Leute, auf die er so stolz ist:

Inzwischen habe ich dazu drei Bücher geschrieben und als Co-Autor zwei Dokumentationen gedreht.

Vielleicht ist genau das das Problem: Niemand bekommt gerne aus Hamburger Perspektive erklärt, wer man eigentlich ist. Vor allem nicht, wenn es so verallgemeinernd passiert:

ZEIT: Und das [mündige Bürger in einer Zivilgesellschaft zu sein] sollen Ostdeutsche nicht verinnerlicht haben?
Jürgs: Schauen Sie sich die Pegida-Demos an.

Ist das Jürgs‘ Ironie? Wer weiß. Problematisch ist auch, dass für Michael Jürgs am Ende alles auf Befindlichkeiten hinausläuft. In seiner Welt von Ost- und Westdeutschland gibt es keine Lohnunterschiede, keine Vorurteile, keine unterschiedlichen Lebensrealitäten. Nur unterschiedliche Fähigkeiten, mit sich selbst umzugehen:

[…] wir merken jetzt, dass sich viele Ostdeutsche noch nicht auf Augenhöhe mit den Westdeutschen sehen oder zu sehen wagen. Ihr Selbstbewusstsein wächst, aber eben langsam, viele suchen noch nach ihrer Identität.

Hier beginnt, Jürgs‘ Logik Löcher zu zeigen: Ist nicht schon die Ablehnung seiner als Ironie gemeinten Bemerkungen Ausdruck von Selbstbewusstsein? Oder steht am Ende nicht doch die Erkenntnis, dass der westdeutsche Journalist Michael Jürgs bestimmt, was Humor und was Selbstbewusstsein ist — nicht aber das ostdeutsche Publikum selbst? Dann ist es aber feige, sich hinter einem Vorhang aus Ironie zu verstecken. Soviel Selbstbewusstsein sollte aber gerade Michael Jürgs besitzen.

Schließlich sagte er 2008 in einem Interview — auch mit der Zeit, auch über das gleiche Thema „Osten“ — über seinen berüchtigten Stern-Artikel :

Ich würde den Text auch wieder so schreiben, denn mein Grundsatz war, dass die deutsche Einheit nicht zu meinem Traum von Europa gehörte.

Michael Jürgs möchte also nicht mit den Zonis zusammenleben. Warum denn nicht gleich so deutlich?

 

Impfen in der DDR — und die FAZ spricht lieber vom Klassenkampf

„Das Impfen war auch Klassenkampf“ — so titelt ein FAZ-Artikel. Und ist dabei hin- und hergerissen: Nur eine Handvoll Maserfälle gebe es derzeit im Osten Deutschlands — doch in der DDR habe man bis zur Volljährigkeit „17 Pflichtimpfungen über sich ergehen“ lassen müssen. Dass beides direkt zusammen hängt, ist unbestritten, das weiß auch der Artikel. Doch dann kann man nicht gleichzeitig für die Erfolge und gegen deren Ursache sein.

Doch der Artikel von Frank Pergande ist nicht nur unentschlossen: Er ist so DDR-fixiert, dass er die BRD ganz vergisst. „Der Impfzwang entstand zunächst in der Nachkriegszeit“ — streckenweise liest sich das, als hätte das östliche Deutschland seine Einwohner_innen medizinisch unterjocht. Doch es fehlt der entscheidende Hinweis, dass dies in der BRD ursprünglich nicht viel anders war. Pergande hätte dies wissen können, zitiert er doch in weiten Passagen aus einem wissenschaftlichen Aufsatz der Zeitschrift „Zeithistorische Forschungen“. Hier werden die Impfpraktiken in BRD und DDR miteinander verglichen. Im FAZ-Artikel hingegen nicht.

Worauf der wissenschaftliche Artikel auch einen Hinweis bietet: Mit dem Begriff „Impfzwang“ operierte letztlich nur die BRD — und das nicht einmal in Bezug auf die DDR, sondern in Hinblick auf ihren eigenen Umgang mit dem Impfen. Der „Zwang“ ist eine nachträgliche Rückprojektion auf die DDR-Praktiken, die gar nicht so zwanghaft waren. Davon berichtet nicht nur ein Arzt im FAZ-Artikel — was die innere Zerrissenheit des Textes noch weiter unterstreicht — sondern auch Wolfgang Kiehl im Interview mit der Berliner Zeitung. Er war verantwortlich für die Impfungen, die den Masern-Ausbruch von 1970 in der DDR stoppten:

Gegen „Verweigerer“ wurde nichts unternommen. Darum ärgert mich, wenn in der aktuellen Debatte von „Impf-Zwang“ die Rede ist. Nein, wir haben die Impfpflicht aufgefasst als Pflicht des Staates, die Kinder zu schützen und zugleich als Pflicht der Eltern, diese Möglichkeit zu nutzen. Es war eine moralische Pflicht, zum Impfen zu gehen – und bald selbstverständlich. Das basierte nicht auf Zwang, sondern auf hohem Vertrauen gegenüber Ärzten und Gesundheitswesen.

Entscheidend sei, dass Ärzte individuell Überzeugungsarbeit leisten können — dies schaffe man heute aber heute zeitlich nicht mehr. Impfen ist also weniger eine Frage des Klassenkampfes als der Zeit. Notwendig ist es allemal, da ist man sich systemübergreifend einig. Sonst würde sich die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wohl kaum so mit ihrer Kampagne „Deutschland sucht den Impfpass“ abmühen.

 

DDR, Alltag an deutschen Schulen?

Gerne wird so getan, als hätte die DDR 1990 aufgehört zu existieren. Dass dies für die Politik gilt, nicht aber für die Gesellschaft, wird gerne vergessen. Für Deutschlandradio Kultur hat die Schriftstellerin Susanne Schädlich nun beobachtet, dass die DDR immer noch in der Schule nachwirke. Ihr Generalvorwurf:

Der alte Mief! Er weht durch die Schulen, besonders in den östlichen Bezirken Berlins und in den neuen Bundesländern.

Ja, die Schriftstellerin weiß: In westdeutschen Schulen wird deutlich weniger gemieft! Da lachen Schüler_innen und die Lehrer_innen 50+ gemeinsam über die Beiträge von 9gags. Voll yolo, Alter!

Apropos Klassenfahrten. Mit konstanter Bosheit geht es gen Osten, als gebe es den Westen gar nicht, in „Ferienlager“, wo sogar die Straßen Pionierlagerstraße heißen.

Apropos Westen: Wie besessen fahren westdeutsche Klassen in den Osten — schließlich kann man dort nicht nur eine fremde Kultur kennen lernen, sondern ist auch noch billig. Also geht’s etwa in das Schullandheim Bitburg. Ach, das liegt in Rheinland-Pfalz? Verdammt.

So kommt im Geschichtsunterricht die DDR oft nicht vor – kein Wort von Diktatur, Mauertoten, Mangelwirtschaft. Dafür Geschichten aus dem Alltag.

Dumm nur: Die DDR ist in den Lehrplänen der Bundesländer verbindlich vorgeschrieben. Ja, auch in ostdeutschen Bundesländern (Beispiele aus Mecklenburg-Vorpommern (PDF), Brandenburg (PDF), Sachsen (PDF)). Beziehungsweise: Vor allem in ostdeutschen Bundesländern. In Nordrhein-Westfalen (Lehrplan-PDF) wird die DDR nicht einmal erwähnt. Und in Bremen gibt es einen Bildungsplan nur für den Bereich „Biblische Geschichte“. Da steht die DDR aber auch nicht drin.

Was hat es also zu bedeuten, wenn Susanne Schädlich ihre Vorwürfe an das ostdeutsche Lehrpersonal einleitet mit „Gar nicht ungewöhnlich, dass […]“? Das täuscht statistisch unterfütterte Argumente vor — eingelöst wird das aber nicht. Schade, trotz der wichtigen Erkenntnis bleiben da nicht mehr als hohle Phrasen. Wie etwa der Einstieg:

„Wir haben Pech, wir haben noch DDR-Lehrer“, sagte kürzlich ein Schüler eines Berliner Gymnasiums.

Und welch Pech, dass die Schriftstellerin mit ihrem Beitrag solche Aussagen fördert: Denn ein Vorwurf, es gebe noch BRD-Lehrer, ist schlicht nicht denkbar. Dieser Schüler hat in der deutsch-deutschen Realität also sehr gut gelernt: Ich kann meinen Lehrenden pauschal ihre Herkunft vorwerfen. Irgendein Presseorgan wird das schon verwenden, ohne es zu hinterfragen.

„nichts gegen Aussiedler, aber …“

Das mag jetzt vielleicht überraschen, aber: Angst vor Flüchtlingen ist nicht unbedingt eine ostdeutsche Erfindung. Das ARD-Politikmagazin „Kontraste“ hat dazu einen Fernsehausschnitt aus dem Jahr 1989 gefunden. Eine gute deutsche Tradition also.

Wobei man ergänzen sollte, dass die interviewte Frau höchstwahrscheinlich Westfernsehen gesehen hat.

Staatsbürgerkunde und Neusprech machen „DDR-Sprech“

Zwei tolle Webprojekte haben sich (wieder einmal) zu einem Crossover zusammengefunden: Der Staatsbürgerkunde-Podcast und neusprech.org. Ersterer schaut in Gesprächen auf das Leben in der DDR, letzteres zeigt, wie mit Wörtern aktuell Politik betrieben wird.

Die Schnittmenge findet sich beim Podcast DDR-Sprech (2): Wie werden Begriffe mit DDR-Bezug heute genutzt? Zur Sprache kommen: Lichtgrenze („westdeutsche Sicht“), Stasi 2.0, Montagsdemonstration („feindliche Übernahme“) und Unrechtsstaat. Eine sehr erhellende und vergnügliche Stunde! Aufgenommen beim 31. Chaos Communication Congress.

Die erste Folge „DDR-Sprech (1)“ gibt es übrigens hier.