Berlin-Wahl: Heute Äpfel, früher Birnen

Berlin-Wahl: Heute Äpfel, früher Birnen

Früher war ja alles besser. Da gab es noch Wahlergebnisse, bei denen eine Partei klar gewann und die anschließenden Koalitionen aus maximal zwei Fraktionen bestanden. Ach, früher!

Die Berlin-Wahl vom Sonntag ist ein gutes Beispiel — sechs Parteien sind nun im Abgeordnetenhaus, drei davon sind notwendig für eine Regierung. Um diesen Umstand zu unterstreichen, hat die Welt eine Infografik erstellt, die die historische Entwicklung darstellen soll:

Berlin-Wahl 1975, 1990, 2016. Grafik: welt.de (19.09.2016)

Dumm nur: An dieser Grafik sind verschiedene Dinge schlicht falsch:

  1. 1990 sind weder die Linkspartei noch Bündnis 90 / Die Grünen angetreten. Beide Parteien gab es zur damaligen Abgeordnetenhauswahl nicht — eine Kontinuitätslinie zur PDS bzw. zur Alternativen Liste zu ziehen, ist recht fragwürdig.
  2. Wenn man es aber doch will: Der PDS-Anteil scheint doppelt so hoch zu sein wie der grüne. Auch das ist fragwürdig, schließlich traten die Alternative Liste und Bündnis 90 — die später zu den Grünen fusionierten — getrennt an. Wenn hier schon eine Kontinuität gezeichnet werden soll, dann hätten diese Werte zusammen gerechnet werden müssen.
  3. Die Wahl 1975 passt nicht in die Reihe: Einige von uns erinnern sich vielleicht daran, dass Berlin (übrigens wie ganz Deutschland) vor 1990 geteilt war. Die 1975er Ergebnisse ließen sich also höchstens mit den Zahlen aus West-Berlin vergleichen. Oder mit Birnen.

Rechtsextrem! Ostdeutsch! Studie! #4

Der Osten Deutschlands ist fremdenfeindlicher als der Westen. Schuld ist das DDR-Erbe. Ach, wie oft haben wir das schon gehört.

Aber stimmt das? Eine neue Studie der Universität Konstanz sagt jetzt: Wenn wir Menschen vergleichen, dann sollten wir differenzierter vorgehen und Personen mit gleichen sozio-demographischen Faktoren vergleichen. Heißt: Nur Menschen mit gleichem Bildungsstand und gleichem Einkommen lassen sich vernünftigerweise zueinander in Beziehung setzen. Und siehe da: Es lassen sich keine signifikanten Unterschiede finden. Wie Johannes Müller, Mitarbeiter der Studie, in der Zeit schreibt:

Die ostdeutschen Individuen waren im Schnitt nicht fremdenfeindlicher als ihre westdeutschen Pendants. […] Die Ergebnisse belegen also die These, dass es eher die individuelle Zusammensetzung der ostdeutschen Bevölkerung und weniger die Prägung durch die Region ist, der Kontexteffekt, die die Fremdenfeindlichkeit erklärt.

Das ist ein weiteres Ergebnis der Studie: Nur für 50 Prozent der Individuen aus Ostdeutschland ließ sich ein passendes Individuum in Westdeutschland finden. Die Bevölkerungen sind demnach sehr unterschiedlich zusammen gesetzt. Da liegen also sehr viele Äpfel und Birnen herum. Wir sollten aufpassen, was wir womit vergleichen.

Ein Rückschluss auf die DDR lässt sich so nur noch schwer ziehen: Wer wirtschaftlich schlecht gestellt ist, sucht tendenziell eher außenstehende Sündenböcke für die eigene Situation — das ist in Ost und West so. Nur eben in Ost häufiger, weil dort mehr Menschen sozial schlechter gestellt sind.

Gerade deshalb sollten wir die unterschiedlichen Entwicklungen stärker ins Auge fassen:

Die Bevölkerung in Ostdeutschland altert vor allem auf dem Land schneller, weil gut ausgebildete Leute vom Land in die Stadt beziehungsweise nach Westdeutschland ziehen, insbesondere gut ausgebildete junge Frauen. Wenn sich dieser Trend verschärft, bleibt letztendlich eine Bevölkerungsgruppe zurück, die aufgrund ihrer Prädisposition besonders anfällig für xenophobe Einstellungen ist.

Eine generelle Verurteilung des „Osten“ hilft da nicht weiter.

Ich weiß, was der IS 1950 in Berlin getan hat

Zur Erinnerung: Schon im Mai gab es einen recht verschlungenen Vergleich des Islamischen Staates mit der Stasi. Nun hat es auch die SED erwischt — doch der Reihe nach.

In Berlins Mitte wird eine Schloss-Attrappe gebaut, Bauherrin ist die „Stiftung Berliner Schloss — Humboldtforum“. Zu ihrem Vorstand gehört Manfred Rettig, der zuvor den Umzug der Bundesregierung nach Berlin geleitet hat und auch sonst für Regierungsgebäude zuständig war.

In das Humboldtforum sollen verschiedene Ausstellungen einziehen, so möchte der Berliner Senat die eigene Stadt unter dem Titel „Welt.Stadt.Berlin“ präsentieren. Der dafür zuständige Stadtmuseumsdirektor Paul Spiess wird zwar erst im Februar 2016 seinen Dienst antreten. Aber schon jetzt, am 18.11.2015, trafen sich die beiden Männer fürs Repräsentative und sprachen öffentlich über das weitere Vorgehen. Für den Bauherren heißt das: Bloß nicht mehr Kosten! Und irgendwann sprach Manfred Rettig dann den wundersamen Satz:

„Wir hatten den IS 1950 auch in Berlin, das sollten wir nicht vergessen.“

So ein Satz sitzt, nicht einmal eine Woche nach den Anschlägen in Paris: Wurden die jetzt tatsächlich mit dem Abriss eines hässlichen Schlosses durch die DDR-Regierung gleichgesetzt? Offenbar ja. Nikolaus Bernau von der Berliner Zeitung war dabei und findet Rettigs Taktik recht erfolgreich:

Solch historisch bewusstloser Populismus dient vor allem dazu, ein kritisches Gespräch zu verhindern.

Tatsächlich fragte denn auch keiner nach, ob Rettigs stures Festhalten an einem überholten Ausbauplan sinnvoll ist oder ob man nicht doch den Bundestag um einige Millionen bitten sollte, damit das Humboldtforum auch langfristig gut zu nutzen ist.

Populismus ist das, und vor allem ziemlich verwirrter: Was ist es denn nun, was IS und SED verbindet? Je länger man darüber nachdenkt, desto weniger verständlich ist es und umso plausibler erscheinen andere Vergleiche, dieser etwa: Wir hatten den IS auch 2006 in Berlin.

Prinzipiell könnte man aber auch jedes andere Jahr einsetzen. Und jede andere Stadt. Hauptsache provoziert.

Das Smartphone, das eine Banane ist

Vielleicht müssen wir 25 Jahre nach dem Fall einer Mauer einfach damit leben, dass plötzlich DDR-Bezüge auftauchen, wo man sie niemals vermutet hätte. Beispiel gefällig?

Also: Was haben die DDR und ein Smartphone gemeinsam?

Richtig: Bananen!
Oder genauer: DDR-Bananen!

Was wie ein absurder Gedankensprung aussehen mag, ist in Wirklichkeit natürlich äußerst logisch. Denn DDR-Bananen sind eben nicht die Gurken, die uns ein Satireblatt weißmachen wollte — soviel Verständnis der geschichtlichen Wahrheit ist also vorhanden. Denn DDR-Bananen sind selbstverständlich Bananen, die es nicht gab bzw. langer Warteschlangen bedurften. Und da nähern wir uns der Vollendung der Gedankenkette. Denn auch für das Smartphone „Oneplus One“ ist es nötig, Schlange zu stehen. Zwar sind es nur virtuelle Schlangen, und eigentlich ist es eher eine Verlosung — aber das soll dem Vergleich hier keinen Abbruch tun.

Klingt nerdig? Muss es auch, denn diesen Vergleich hat das Computer-Magazin „com!“ angestellt. Kein Scherz.

Wobei ich ja glaube, dass diese Abstraktionsleistung ein wenig übertrieben für die Zielgruppe ist. Schließlich gehören künstliche Verknappung und lange Schlangen bei Apple regelmäßig zur Verkaufsstrategie. Und Äpfel und Bananen kann man ja dann doch irgendwie vergleichen. Vielleicht.

Aktuelle DDR-Vergleiche #5 — Angela Merkel 1

Ich als Ossi darf so was sagen: Das Wahlergebnis [von Angela Merkel auf dem CDU-Parteitag] war ja fast so wie bei Erich Honecker, fast 100%. Und dass die beide Ossis sind, will ich jetzt gar nicht als Vergleich heranziehen. Sondern: Was man bei der Regierung Merkel sieht, was man bei dieser Bundeskanzlerin sieht: Sie hat genau wie Erich Honecker den Kontakt zum Alltag der Leute, den Kontakt zur wirklichen Realität verloren.

Katrin Göring-Eckardt auf dem Landesparteitag der Grünen NRW zur Bundestagswahl 2013 am 7.12.2012 (im Video ab Minute 2:33)

Merke:

  1. Nur Ossis dürfen Ossis mit Ossis vergleichen Oder Staatsratsvorsitzende mit Bundeskanzlern. Oder Saarländer mit Hamburgerinnen. Oder Äpfel mit Birnen.
  2. Herkunft schlägt Parteizugehörigkeit, denn: Ein Vergleich von Merkel mit Helmut Kohl wäre vielleicht ähnlich (un)sinnig gewesen. Aber: Der ist als Rheinland-Pfälzer nun mal definitiv kein Ossi.
  3. So ein Vergleich wäre bei den Grünen gar nicht möglich. Na ja, vielleicht doch. Claudia Roth kann schließlich alles.

Armutszeugnis: Wenn die DDR die BRD entlastet

Entwarnung: Armut und Reichtum in Deutschland liegen doch nicht so weit auseinander. Schließlich sind sie ja nur relativ. Mit dieser Einstein’schen Auslegung des vierten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung tut sich Klaus Schroeder im Berliner Tagesspiegel hervor. Tenor: Die Ungleichheit bei uns ist dermaßen relativ, dass wir eigentlich relativ gleich sind.

Dass der Politologe sich zu einem aktuellen Thema äußert, verwundert – schließlich ist er als Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat eher für die Auslegung der Vergangenheit zuständig. Und tatsächlich kann Schroeder seine Passion im Verlauf seines Artikels nicht verhehlen und spricht unerwartet das vergangene Land an:

Selbst der Sozialismus in der DDR führte zu ähnlichen Ergebnissen.

Analog zu heutigen Verhältnissen hätten zehn Prozent der Konteninhaber 60 Prozent der Geldvermögen besessen. Mit der Wende schließlich hätte sich Schroeder zufolge die Situation der Menschen aus der DDR verbessert:

Sie erlebten durch das soziale Netz in Deutschland einen Wohlstandssprung, wurden aber als „arm“ eingestuft.

Worin dieser „Wohlstandssprung“ konkret besteht, erklärt Schroeder nicht und er verschweigt auch, dass die Vermögensverhältnisse zwischen Ost- und Westdeutschland immer noch sehr unterschiedlich sind: Westdeutsche Haushalte verfügen durchschnittlich über 132.000 Euro, ostdeutsche über 55.000 Euro. Dass hier ein relativer Unterschied besteht, sollte Schroeder nicht verwundern, wenn er sein eigenes Argument ernst nehmen würde.

Doch um eine ernsthafte Auseinandersetzung geht es ohnehin nicht. Denn die Vermögensverteilung in der DDR taugt nicht als relativierendes Argument für die aktuellen Vermögensverhältnisse. Ein Blick auf die Pareto-Verteilung zeigt: Die Besitzverhältnisse von Arm und Reich sind unabhängig vom politischen System ähnlich verteilt. Es ist also mehr ein statistisches als ein politisches Phänomen.

Die Relativierung Schroeders von Armut und Reichtum hat eher einen anderen Hintergrund: Bereits 2010 erstellte er eine Studie im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Die INSM propagiert marktliberale Reformen und nimmt dafür Einfluss auf Medien und spannt prominente Fürsprecher ein. Für ihre Methoden steht sie regelmäßig in der Kritik.

Behauptungen, Auslassungen und Verharmlosung durch unpassende relativierende Vergleiche — wenn Klaus Schroeder am Ende schreibt: „Der deutsche Sozialstaat hat sich bewährt“, dann tut der DDR-Kritiker also vor allem eins: Er betreibt Propaganda.

Deutsche demografische… 1

es sind die kleinen kleinigkeiten. auf tagesschau.de gab es gerade einen artikel zu „Bevölkerungsstatistik: Deutsche bekommen immer weniger Kinder“. nun ja, demografie halt. und was steht da drin, was in diesem blog interessiert? dies hier:

Noch nie sind in Deutschland weniger Babys geboren worden als im vergangenen Jahr. Gerade einmal 663.000 Kinder kamen 2011 zur Welt — 15.000 weniger als noch ein Jahr zuvor. […] Zum Vergleich: 1964 wurden in Deutschland noch knapp 1,4 Millionen Babys geboren. Seitdem sinkt die Geburtenrate stetig.

was für zahlen werden da eigentlich verglichen? fällt das niemandem auf? ich weiß, liebes tagesschau.de: es hieß 1964 (bundesrepublik) deutschland und es heißt heute, 2012, (bundesrepublik) deutschland. aber, liebes tagesschau.de, es ist dennoch seit ende 1990 ein anderes land. nicht in nur in sachen demografie, aber dahingehend doch zweifelsohne?

Marshall statt Treuhand: Erinnerung bestimmt wirtschaftliches Handeln 3

„Eines empört mich: Dass in der Euro-Krise noch keiner gefragt hat, was man vom Osten lernen kann.“
Antje Hermenau, Fraktionsvorsitzende der Grünen im sächsischen Landtag, im Gespräch mit der ZEIT

Ganz so ist es nicht: Ulrich Blum, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, hat im Juni 2011 in der Financial Times auf die Ähnlichkeit zwischen der aktuellen Situation Griechenlands und der Situation der DDR Anfang 1990 hingewiesen. Seine Schlussfolgerung: „Griechenland heute fallen zu lassen birgt ähnliche Risiken, wie seinerzeit die DDR in den Staatskonkurs zu treiben.“

Und im Mai 2011 sagte Jean-Claude Juncker, Chef der Euro-Gruppe, dem Spiegel: „Ich würde es sehr begrüßen, wenn unsere griechischen Freunde nach dem Vorbild der deutschen Treuhandanstalt eine regierungsunabhängige Privatisierungsagentur gründen würden.“ Allerdings kann man nicht oft genug darauf hinweisen, dass die Treuhandanstalt keineswegs das Ideal war, zu dem man streben sollte.

Offenbar ist es bei diesen Vorschlägen geblieben. Und überhaupt ist es schwierig mit historischen Vergleichen: Die DDR war nicht Griechenland, die Drachme ist nicht die Ostmark und die politischen wie wirtschaftlichen Verhältnisse haben sich seit 1990 sowieso umfassend geändert. Politik sollte keine geschichtliche Rückschau bieten, sondern aktuelle Lösungen für aktuelle Probleme.

Was läge also näher, als auf westeuropäische Erfahrungen von 1948 zurück zu greifen? Der Marshallplan schien plötzlich die einzige Möglichkeit, die wirtschaftliche Situation zu fassen:

Manchmal möchte ich die politisch Verantwortlichen und die Medien bei ihrer Einfallslosigkeit einfach nur bedauern …