Lumpen‐Wettbewerb: Stasi vs SED

Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (also: Die Jahn‐Behörde) lädt zur Diskussion. Denn seit der letzten Publikation des Behörden‐Mitarbeiters Ilko‐Sascha Kowalczuk fragt man sich dort, ob die Stasi oder die SED schlimmer waren.

Weil man das Thema ernst und wissenschaftlich angeht, wird die öffentliche Diskussionsveranstaltung „Der größte Lump…?“* genannt. Und weil man die eigene Rolle kritisch hinterfragen möchte, sitzen bis auf eine Ausnahme ausschließlich aktuelle und ehemalige Mitarbeiter der Behörde auf dem Podium. Der externe Podiumsgast schließlich ist der unvermeidliche Klaus Schroeder, Leiter des sogenannten „Forschungsverbundes SED‐Staat“, der seine Vorannahme bereits im Titel trägt.

Vielleicht findet man ja am Ende heraus, dass das durch den Stasi‐Beauftragten untersuchte Stasi‐Land und der von Schroeder beschworene SED‐Staat auf das gleiche Land abzielen. Und wundert sich dann, warum das bislang niemandem aufgefallen ist.

„Der größte Lump…?“

Eine aktuelle Debatte über Verrat und Denunziation

19. März 2013, 20 Uhr

Collegium Hungaricum
Dorotheenstraße 12
10117 Berlin‐Mitte

* Der Titel verweist vermutlich auf ein Zitat, das August Heinrich Hoffmann von Fallersleben zugeschrieben wird:
„Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.“

Armutszeugnis: Wenn die DDR die BRD entlastet

Entwarnung: Armut und Reichtum in Deutschland liegen doch nicht so weit auseinander. Schließlich sind sie ja nur relativ. Mit dieser Einstein’schen Auslegung des vierten Armuts‐ und Reichtumsbericht der Bundesregierung tut sich Klaus Schroeder im Berliner Tagesspiegel hervor. Tenor: Die Ungleichheit bei uns ist dermaßen relativ, dass wir eigentlich relativ gleich sind.

Dass der Politologe sich zu einem aktuellen Thema äußert, verwundert – schließlich ist er als Leiter des Forschungsverbundes SED‐Staat eher für die Auslegung der Vergangenheit zuständig. Und tatsächlich kann Schroeder seine Passion im Verlauf seines Artikels nicht verhehlen und spricht unerwartet das vergangene Land an:

Selbst der Sozialismus in der DDR führte zu ähnlichen Ergebnissen.

Analog zu heutigen Verhältnissen hätten zehn Prozent der Konteninhaber 60 Prozent der Geldvermögen besessen. Mit der Wende schließlich hätte sich Schroeder zufolge die Situation der Menschen aus der DDR verbessert:

Sie erlebten durch das soziale Netz in Deutschland einen Wohlstandssprung, wurden aber als „arm“ eingestuft.

Worin dieser „Wohlstandssprung“ konkret besteht, erklärt Schroeder nicht und er verschweigt auch, dass die Vermögensverhältnisse zwischen Ost‐ und Westdeutschland immer noch sehr unterschiedlich sind: Westdeutsche Haushalte verfügen durchschnittlich über 132.000 Euro, ostdeutsche über 55.000 Euro. Dass hier ein relativer Unterschied besteht, sollte Schroeder nicht verwundern, wenn er sein eigenes Argument ernst nehmen würde.

Doch um eine ernsthafte Auseinandersetzung geht es ohnehin nicht. Denn die Vermögensverteilung in der DDR taugt nicht als relativierendes Argument für die aktuellen Vermögensverhältnisse. Ein Blick auf die Pareto‐Verteilung zeigt: Die Besitzverhältnisse von Arm und Reich sind unabhängig vom politischen System ähnlich verteilt. Es ist also mehr ein statistisches als ein politisches Phänomen.

Die Relativierung Schroeders von Armut und Reichtum hat eher einen anderen Hintergrund: Bereits 2010 erstellte er eine Studie im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Die INSM propagiert marktliberale Reformen und nimmt dafür Einfluss auf Medien und spannt prominente Fürsprecher ein. Für ihre Methoden steht sie regelmäßig in der Kritik.

Behauptungen, Auslassungen und Verharmlosung durch unpassende relativierende Vergleiche — wenn Klaus Schroeder am Ende schreibt: „Der deutsche Sozialstaat hat sich bewährt“, dann tut der DDR‐Kritiker also vor allem eins: Er betreibt Propaganda.

Weiße Weste(n) oder: wo kommen die Rechten her? 3

Expertenmeinungen zu den Ursachen rassistischer Gewalt in den neuen Bundesländern haben im Moment Hochkonjunktur. Mit dabei ist natürlich auch Klaus Schroeder vom Forschungsverbund SED‐Staat der FU Berlin, der stets gefragt wird, wenn ein DDR‐Thema ansteht.

Im Berliner Tagesspiegel hat er bereits am 8. Dezember einen Gastkommentar geschrieben, in dem er die Ursprünge der ostdeutschen rechtsradikalen Gesinnungen erklärt. Dazu zählen: Die autoritären Erziehungsformen und -inhalte an den DDR‐Schulen, die auf Unterordnung und Kollektivität abgezielt hätten. Die Vollerwerbstätigkeit beider Elternteile, durch die es wenig Zeit innerhalb der Familie gegeben hätte. Die Wende, in der man sich entweder an eben diese erprobten Formen gehalten habe — oder die Kinder einfach gewähren ließ. Für Schroeder steht fest:

Viele Jugendliche hatten ebenso wenig wie ihre Eltern und Lehrer das kompromissfähige Austragen von Konflikten gelernt.

Dass eine solche Rückführung auf die DDR‐Zeit und die ersten Jahre nach 1989 vielleicht doch etwas kurz greift — über 20 Jahre später — das ahnt auch Schroeder. Im allerletzten Absatz schreibt er schließlich, dass das DDR‐Erbe nicht alles erklären könne. „Verwahrlosungs‐ und Verrohungstendenzen, die aus dem beschleunigten sozialen Wandel, dem fehlenden Zusammengehörigkeitsgefühl und dem Wertewandel resultieren, betreffen die moderne Gesellschaft insgesamt.“ Und er fordert, Verantwortung für das Gemeinwesen zu übernehmen: „Polizei und Politik sind allein nicht in der Lage, den Feinden der Demokratie Grenzen zu setzen.“ Wohlgemerkt: hier schreibt er über Deutschland heute und insgesamt.

Das sind trübe Aussichten und eine traurige Bilanz für ein Land, das sich moralisch als soviel fortschrittlicher versteht als die DDR und ihr Erbe.

Doch es gibt handfeste Probleme in diesem Text: Schroeder schafft es, den westdeutschen Einfluss auf die ostdeutsche Nazi‐Szene komplett auszublenden: Wie mit dem Mauerfall die Kameradschaften den Osten als neuen Rekrutierungsraum für sich entdeckten und sich ungehindert ausbreiten konnten. Wie staatliche soziale und kulturelle Angebote  immer weiter gekürzt wurden — und Alternativen aus der rechten Ecke kamen.

Schroeder konstruiert somit einen autarken rechten Raum in Ostdeutschland — und damit eine weiße Weste für den Westen, denn hier konnten ja bereits in den „80er Jahren rechtsradikale Parteien und neonazistische Gruppen zurückgedrängt werden“. So das Selbstbild der BRD.

Weitere Kritikpunkte an Schroeder liefert ein weiterer Artikel im Tagesspiegel, der heute erschienen ist. Leider wird hier nur noch von „Gewaltbereitschaft“ gesprochen — der Rassismus, der ist offenbar völlig verschwunden. Denn dann müsste man sich ja mit ihm beschäftigen — gesamtdeutsch und ohne sich daran aufzuhängen, die Schuld zwischen Ost und West hin‐ und herzuschieben.