Stasi? Auf Facebook sagt man alles

Privates bleibt nicht privat — die Kunstinstallation „Am Telefon sagt man nix“ zeigt, wie es ist, wenn fremde Personen über persönliche Dinge Bescheid wissen. Genutzt werden Telefonmitschnitte der Stasi aus den 1980er Jahren, die man über rote Telefonhörer selbst belauschen kann. Die Stasi, ganz schlimm.

Die Künstler_innen sehen aber auch einen aktuellen Bezug:

Für die Initiatoren der Installation weisen die einstigen Abhöraktionen Parallelen zur heutigen Sammelwut von Informationen durch Konzerne wie Google oder Facebook auf. Viele Menschen verstünden das Ausmaß aber gar nicht, beklagt Künstlerin Stefanie Kinsky.

Dumm nur: Die Veranstaltung ist fein säuberlich auf Facebook eingetragen, verlinkt von der Projektwebseite, die gleichfalls bemerkt:

Dennoch geben Menschen weiterhin freigiebig ihre Daten an internationale Großkonzerne wie Google oder Facebook weiter. Doch sind Daten ersteinmal vorhanden, werden sie auch genutzt.

Stimmt: Über die Facebook‐Veranstaltung kann ich sehen, wer sie besucht — und wer dazu einlädt. Darunter ist auch die Initiatorin, die sich im Interview noch über den bedenkenlosen Umgang mit persönlichen Daten beklagte. Wer durch ihre Facebook‐Chronik scrollt, findet Dinge, auf die sie verweist und Kommentare, die sie mit Freunden austauscht. Für diese Gespräche brauche ich keine Stasi und keine Kunstaktion. Facebook, ganz alltäglich.

Ja, unsere Daten sind abrufbereit. Wir tun es ganz freiwillig. Es wäre Zeit, mit dem Zeigefinger auf uns selbst zu zeigen, nicht auf einen längst vergangenen Geheimdienst.

DDR‐Führung und Westen: Gemeinsame Sache bei Kunst‐Enteignungen

Ach ja, der Unrechtsstaat DDR: 25 Millionen Mark Devisen pro Jahr hatte er dadurch erlangt, dass er in den 70er und 80er Jahren Kunst und Antiquitäten privater Sammler und Museen veräußerte. Das war nicht rechtens, auch nicht nach DDR‐Recht.

Was wissen wir heute darüber? Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) schreibt dazu:

Die zuständigen Behörden auf Bundes‐ und Landesebene verfügen, wie eine Telefon‐Umfrage ergeben hat, nur über bruchstückhafte Informationen. […] Während in Forschung und Öffentlichkeit der Raubkunst aus der Zeit des Dritten Reichs die notwendige Aufmerksamkeit geschenkt wird, drohen die Schicksale der Kunstsammler aus der DDR in Vergessenheit zu geraten.

Zu dumm. Denn das Problem ist nicht etwa, dass die ursprünglichen Eigentümer_innen keinen Anspruch auf Wiedergutmachung hätten — denn den haben sie u.a. über das sogenannte Vermögensgesetz. Das Problem ist, dass die Kunstwerke nicht auffindbar sind. Doch wo sind sie geblieben? Die NZZ weiß: Ohne Käufer kein Verkauf. Und die saßen in der Bundesrepublik, in den Niederlanden, England und der Schweiz:

Heerscharen von kunstaffinen Schnäppchenjägern pilgerten in den siebziger und achtziger Jahren nach Ostdeutschland. Auch nachdem die verwerflichen Praktiken öffentlich bekanntgeworden waren, haben sich die Abnehmer, darunter renommierte Auktionshäuser, weiter mit der von der Stasi kontrollierten Kunst und Antiquitäten GmbH eingelassen.

Nachdem sich nun die Enteigneten seit Jahren um Rückgabe oder Entschädigung bemühen, kommt ein Gesetzesvorhaben der Bundesländer zur Novellierung des Zivilrechts ins Rollen, denn wie Isabel Pfeiffer‐Poensgen, Generalsekretärin der Kulturstiftung, gegenüber der NZZ meint:

„Das Thema wurde lange ignoriert. 25 Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, auch dieses Kapitel aufzuarbeiten. Das ist eine Frage der Gerechtigkeit.“

Wohl wahr. Allerdings lassen die bundesdeutschen Medien das Thema weiterhin im Dunkeln, erwähnt wurde es nur in einer knappen dpa‐Meldung. Denn wir sollen ja bald Wiedervereinigung feiern und den Unrechtsstaat DDR schlecht finden. Da passt ein Westen nicht ins Bild, der Kunstwerke aus der DDR widerrechtlich aufkaufte und bis heute der Wiedergutmachung widerrechtlich aus dem Weg geht.

Ostdeutsche Regie: Wir schließen Horizonte 1

Tilman Krause, leitender Literaturredakteur der Welt, leidet. Denn er musste sich die Inszenierung des „Ring“ von Frank Castorf ansehen. Soweit beruflicher Alltag eines Kritikers. Allerdings hat sein Leid dazu geführt, dass er nun in einer Polemik weit ausholt: Nicht nur Castorf ist doof — nein, Krause attestiert eine grundsätzliche ostdeutsche Unfähigkeit, Kunst zu schaffen. Um sein Fazit schon einmal vorweg zu nehmen:

Wer aus dieser Generation seine intellektuelle Sozialisation in der DDR erfahren hat, kann offenbar etwas kategorial anderes als politische Dekonstruktion via Vulgär‐Provokation nicht mehr aufnehmen. Da reicht dann die gestalterische Kraft vielleicht für Anklam. Für größere Bühnen sollte man nach dem „Ring“-Desaster in Bayreuth endlich dazu übergehen, nach Leuten mit weiterem Horizont Ausschau zu halten.

Schauen wir uns doch einmal die Argumentation Krauses an. Damit auch Menschen mit Ostsozialisations‐Hintergrund die Möglichkeit haben, seine Argumentation nachzuvollziehen.

[Die Regie Castorfs] führt zumindest den fortgeschrittenen Zuschauern ein für allemal vor Augen […]

Lektion 1: Mache immer deutlich, dass du als Vertreter einer intellektuell privilegierten Minderheit sprichst. So wird es schwierig, Kritik an dir zu üben — im Zweifelsfall hat man dich gar nicht verstanden. Man beachte auch den sauber gesetzten Subtext: Im Gesamtbild der Polemik wird klar, dass diese fortgeschrittenen Zuschauer zugleich auch westdeutsche sein müssen. Denn zum einen stellt das Westdeutsche ja ohnehin die ungenannte Norm dar, zum anderen würde die Kritik mit wissenden Ostdeutschen gar keinen Sinn ergeben.

[…] was sie vielleicht beim Besuch von Theater‐ oder Opernaufführungen mit Ost‐Handschrift schon immer ahnten, aber noch nie in dieser Eindringlichkeit erleben konnten: nämlich das Versagen einer spezifischen Ost‐Ästhetik vor allen differenzierteren Hervorbringungen des klassischen europäischen Musik‐ und Sprechtheaterrepertoires.

Lektion 2: Sprich immer für eine ungenannte Menge. Damit ist es nicht nur deine lächerliche Einzelmeinung, sondern eine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit. Wer diese Menschen sind und woher du dieses Stimmungsbild hast: Geschenkt. Ist schließlich eine Polemik. Das wissen auch andere große Medien („Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht“) und weitere Stimmungsmacher („Das wird man doch wohl mal sagen dürfen“).

Das Versagen, wie es nicht nur, aber doch vor allem von Frank Castorfs kruder Mischung aus brechtscher Verfremdung, „dissidentem“ Sozialismus und Proletkult ausgeht. Auch wenn diese Mischung mancherorts noch immer als erfolgreiches Markenzeichen betrachtet wird, vor allem von Ostalgikern und Snobs.

Lektion 3: Behandle deinen Gegner als Stellvertreter einer größeren Gruppe. Denn wenn du dich an einer Einzelperson abarbeitest, müsstest du ihre konkrete Arbeit konkret kritisieren. Je allgemeiner und unspezifischer ihre Gruppe wird („nicht nur, aber doch vor allem“), desto allgemeiner und unspezifischer kannst du ihre unterstellten Weltanschauungen und Ziele gleich mitnehmen. Klischees können übrigens helfen: Über Ostalgiker und Snobs kann man schließlich immer eine Meinung haben.

Er bezeichnet etwas viel Umfänglicheres, nämlich die Beschränktheiten einer Kunstwahrnehmung, die sich in provinzieller Fixierung auf Erfahrungen mit der DDR, wo ja nun in der Tat alles jämmerlich und kleinkariert war, anmaßt, den gescheiterten real existiert habenden Sozialismus wie ein Passepartout über andere künstlerische Weltentwürfe zu stülpen.

Lektion 4: Bringe ein paar Schlagwörter unter. „DDR“, „jämmerlich“ und „kleinkariert“ gehen als Kombination immer, „real existierender Sozialismus“ ist fast schon ein Muss. Das muss auch überhaupt nichts mit dem Thema zu tun haben und sollte auch in den nächsten Jahrzehnten problemlos möglich sein.

Wir sehen also: Der leidende Literaturredakteur bedient sich journalistischer Taschenspielertricks und glaubt wahrscheinlich auch noch an die Klischees, die er für seine Argumentation benötigt. Schade. Die „Welt“ wäre gut beraten, für ihre Redaktion nach Leuten mit weiterem Horizont Ausschau zu halten.

(Übrigens passend dazu ein Zitat Frank Castorfs aus dem letzten Jahr zu Bayreuth: „Jeder von außen ist der Feind. Das ist pure DDR.“)

Danke an Negativpresse Ost für den Hinweis.

DDR‐Architektur: Von Ignoranz zum Abriss

„Es wird das gleiche Muster verfolgt wie beim Palast der Republik: Erst lässt man das Haus leerstehen und pflegt es nicht. So dass es vergammelt und alle sich dann mit dem Abriss abfinden.“

So Architekt Wolf Rüdiger Eisentraut. Er hat vor 25 Jahren die „Galerie M“ in Berlin‐Marzahn entworfen, die nun abgerissen statt saniert werden soll. Bei dem Gebäude handelt es sich um eines von zwei Neubauten, die in der DDR für die Bildende Kunst errichtet worden sind. Bei einem Abriss würde nur noch die Kunsthalle Rostock bezeugen, wie dieser Staat Kunst präsentieren wollte.

Die Banalität der Kunst

In Weimar, Erfurt und Gera eröffnen Ausstellungen, die Kunst aus der DDR präsentieren. Wie brisant dies ist, zeigt allein die Überschrift der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zum Thema: „Auch östlich der Grenze gab es Künstler“. Titel in Zeitungsartikel müssen die Aufmerksamkeit auf sich lenken, zum Lesen anregen. Und offenbar kann eine solche banale Feststellung dies 2012 noch erreichen, nach 22 Jahren in einem vereinten Deutschland. Es ist beunruhigend, wie wenig man offenbar voneinander weiß. Anders ist eine solche Überschrift nicht zu erklären in der FAZ, deren Überschriften vielleicht vieles sind, aber nicht banal.

Julia Voss verweist in ihrem Artikel auf die aktuelle Problematik der DDR‐Kunstwerke wie etwa die Depot‐Frage. Auch verweist sie auf die vielfältigen Erkenntnisse, die über diese Objekte möglich sind. Schließlich zieht sie einige erhellende Vergleiche zwischen Kunst in Ost und West. Und sie resümiert:

Im Osten stellt man sich den unbequemen Fragen, im Westen steht die Aufarbeitung des bundesdeutschen Kunstsystems im Kalten Krieg noch aus.

Kunst in Ost und West — Wessis teilen den Himmel 1

„Schroffe Kontraste und harte Fronten prägten die Jahre zwischen 1945 und 1968“

So heißt es in einem Flyer zur Vortragsreihe „Nach 1945. Revisionen der Nachkriegsmoderne“ in der Neuen Nationalgalerie Berlin. Dort wird darauf verwiesen, dass der Gegensatz zwischen Ost und West in verschiedenen Aspekten der Kunst zum Ausdruck gekommen sei: „Abstraktion versus Figuration, die Verwendung neuer Materialien im Gegensatz zur klassischen Malerei, Konsumkritik und Kommerzialisierung.“

So weit, so wissenschaftlich.

Der Flyer stellt zudem die Themen der Vortragsreihe vor und fragt:

„Welches Bild machen wir uns von der Nachkriegsmoderne?“

Doch wer ist dieses „wir“? Der Flyer sagt dazu:

„Renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind eingeladen […]“

Dazu zählen konkret:

Zusammen gefasst heißt das: Von denjenigen, die ausdrücklich über die Kunst in Ost und West zwischen 1945 und 1968 sprechen, kann jede Person eine beeindruckende Vita mit Aufenthalten im In‐ und Ausland vorweisen — allerdings ist kaum ein registrierter Aufenthalt in Ostdeutschland dabei. Von einer ostdeutschen Sozialisation ganz zu schweigen.

Das bedeutet auch: Dieses „wir“, von dem im Einleitungstext die Rede ist, ist ein ausnahmslos westliches „wir“, das eine Seite des zu behandelnden Themas überhaupt nicht zu Wort kommen lässt. Der westliche Blick auf die Vergangenheit wird damit zum Subjekt, das den Osten lediglich als Objekt beobachtet.

Wohlgemerkt: Es geht mir nicht darum, dass ostdeutsch sozialisierte Wissenschaftler_innen einen besseren oder prinzipiell anderen Blick auf dieses Thema hätten. Es geht mir schlicht um die Frage: Wie will man ernsthaft über einen Aspekt deutsch‐deutscher Vergangenheit sprechen, wenn eine Seite dabei gar nicht zu Wort kommt?

Die Ausstellung, die durch diese Vorträge begleitet wird, heißt „Der geteilte Himmel“. Eine Hälfte des Firmaments bleibt somit wohl dunkel.

Es gibt zudem Kritik zum Konzept der Ausstellung, das wie die Vorträge auf Gegensätze aufbaut:

„Es ist ein einfaches, duales Schema und eignet sich für eine klare Sortierung. Ob damit eine historisch vernünftige Darstellung der Kunst zwischen 1945 und 1968 gelingen kann, erweist sich in Berlin als mehr als fraglich.“

Danke an ostdenken für den Hinweis.

DDR‐Design: Depot statt Museum 2

Man stelle sich vor: Ein Museum verfügt in seinem Depot über mehr als 160.000 Gegenstände und alles, was dem zuständigen Kurator dazu einfällt, ist:

„Eine Design‐Ausstellung wird es nicht geben.“

Abwegig? Genauso ist es geschehen: Am 15. 03. 2012 lud das Museum der Dinge in Berlin zu einer Diskussionsrunde — und bereits der Titel war verräterisch: „DDR‐Design – zu Recht vergessen?“ Das klingt, als sei es eine legitime Frage, ob man sich überhaupt mit Dingen der Vergangenheit beschäftigen sollte. Ob man der DDR eine eigene Design‐Kultur, eine eigene Kreativität zugestehen könne. Mit Fragen wie diesen beschäftigt man sich am besten an den Design‐Stücken selbst. Doch das lässt der Kurator des Bonner Hauses der Geschichte, Dietmar Preißler, nicht zu — siehe Zitat oben. Und auf diese Weise wird die Antwort bereits vorweg genommen. Dieser Umstand ist umso brisanter, da der Rat für Formgebung derzeit ein deutsches Design‐Museum plant. Böte dies nicht Platz, das Design der DDR und der ehemaligen BRD in Beziehung zu setzen? Es sieht leider nicht so aus, als sei dies gewünscht.

Die Gegenstände aus der DDR bleiben vorerst im Depot in Berlin‐Spandau. Zumindest 1000 Objekte seien online verfügbar, allerdings ist die entsprechende Datenbank zur Zeit nicht verfügbar. Wie auch immer — das ändert nichts daran, dass westdeutsches Design als deutsches Design im Museum zu finden ist, während ostdeutsches Design nicht öffentlich zugänglich ist:

„Es ist ein Skandal, dass sie seit Jahren im Depot sind“,
so lautet denn auch das Urteil des Designhistorikers Walter Schieffele.

Die Zitate stammen aus dem Veranstaltungsbericht der Märkischen Allgemeinen Zeitung. Weitere Eindrücke gibt es beim Berliner Tagesspiegel.