Honniland: Wo die wilden Ossis wohnen

Liebe Medien — ärgern Sie sich nicht auch manchmal, dass es immer schwerer wird, mal so richtiges DDR-Leben zu zeigen? Wie soll man da vernünftig über den Mauerfall berichten? Nach 25 Jahren sind echte Ossis ja kaum noch zu finden — muss auch hier mit aufwendigen CGI-Effekten ausgeholfen werden?

Das muss nicht sein! Denn in Chemnitz eröffnet jetzt das Honniland. Ja, richtig: Honniland! Der Name hat zwar bei der Online-Umfrage „Wie heißt Ostdeutschland politisch korrekt?“ keine einzige Stimme bekommen, aber darum geht es hier gar nicht. Vielmehr ist das neue Wahrzeichen der Stadt eine Mischung aus Disneyland und Honeymoon, ein Erlebnispark mit Wohlfühlambiente also. Zwei Wohnungen wurden hierzu mit DDR-Dingen eingerichtet.

Doch Spaß beiseite. Wie geht man journalistisch angemessen mit dieser Thematik um? Der Artikel der Freien Presse aus Sachsen zeigt, wo es langgeht: Nie kommt der Eindruck auf, er stelle die Leiterin der Einrichtung zur Schau. Oder er präsentiere unreflektiert nostalgische Schauwerte. Oder beides. Wirklich: Nie nie nie. Das ist auch der Grund, weshalb ich hier nicht daraus zitiere.

Also liebe Medien: Nehmen Sie diese Mischung aus Museum und Nachbarschaftstreff in Ihr Mauerfall-Repertoire auf: Endlich echte Ossis, die sich genauso verhalten, wie Sie es brauchen! Wenn Sie aus den westlichen Bundesländern kommen, ist das ja sogar noch eine Exklusiv-Story.

 

Und noch ein privater Hinweis: Ich möchte in einigen Jahren die Ausstellung „Muttiland“ eröffnen und Wohnungen originalgetreu wie heute einrichten. Da freue ich mich über: Alles von Ikea, ein paar iPads, eine Platte von Helene Fischer und vielleicht noch ein WM-Shirt mit selbst gemachtem 4. Stern. Wir hatten ja doch nicht alles.

DDR-Alltag im Museum

(seit februar liegt ein taz-artikel in meinem browser, der hier nun endlich doch noch verbloggt werden soll.)

dem Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR e.V. sollen laut taz teilweise die gelder gestrichen werden. ein neuerer artikel aus der märkischen oderzeitung weist darauf hin, dass sich die finanzprobleme seit anfang diesen jahres eher noch zugespitzt haben.

ich selbst kenne das dokumentationszentrum alltagskultur der ddr (noch) nicht und kann deswegen nicht schreiben, ob ich die sammlung und deren erforschung, aufbereitung und ausstellung angemessen finde oder nicht. ungeachtet dessen, fände ich es traurig, wenn ein sammlung mit „mehr als 150.000 Objekte aus allen Bereichen des DDR-Alltags“ nicht mehr für museumsbesucher_innen und forscher_innen zugänglich wäre oder sogar verschrottet würde.

auf welcher grundlage wollen wir uns heute und in zukunft ein urteil über ddr-alltagsgeschichte bilden, wenn solche museen und ihre sammlungen nicht erhalten werden? oder wollen wir das vielleicht nicht?

DDR-Design: Depot statt Museum 2

Man stelle sich vor: Ein Museum verfügt in seinem Depot über mehr als 160.000 Gegenstände und alles, was dem zuständigen Kurator dazu einfällt, ist:

„Eine Design-Ausstellung wird es nicht geben.“

Abwegig? Genauso ist es geschehen: Am 15. 03. 2012 lud das Museum der Dinge in Berlin zu einer Diskussionsrunde — und bereits der Titel war verräterisch: „DDR-Design – zu Recht vergessen?“ Das klingt, als sei es eine legitime Frage, ob man sich überhaupt mit Dingen der Vergangenheit beschäftigen sollte. Ob man der DDR eine eigene Design-Kultur, eine eigene Kreativität zugestehen könne. Mit Fragen wie diesen beschäftigt man sich am besten an den Design-Stücken selbst. Doch das lässt der Kurator des Bonner Hauses der Geschichte, Dietmar Preißler, nicht zu — siehe Zitat oben. Und auf diese Weise wird die Antwort bereits vorweg genommen. Dieser Umstand ist umso brisanter, da der Rat für Formgebung derzeit ein deutsches Design-Museum plant. Böte dies nicht Platz, das Design der DDR und der ehemaligen BRD in Beziehung zu setzen? Es sieht leider nicht so aus, als sei dies gewünscht.

Die Gegenstände aus der DDR bleiben vorerst im Depot in Berlin-Spandau. Zumindest 1000 Objekte seien online verfügbar, allerdings ist die entsprechende Datenbank zur Zeit nicht verfügbar. Wie auch immer — das ändert nichts daran, dass westdeutsches Design als deutsches Design im Museum zu finden ist, während ostdeutsches Design nicht öffentlich zugänglich ist:

„Es ist ein Skandal, dass sie seit Jahren im Depot sind“,
so lautet denn auch das Urteil des Designhistorikers Walter Schieffele.

Die Zitate stammen aus dem Veranstaltungsbericht der Märkischen Allgemeinen Zeitung. Weitere Eindrücke gibt es beim Berliner Tagesspiegel.

Das reduzierte DDR-Bild im Museum

Die DDR im Museum, das heißt momentan vor allem Reduktion: Entweder als verklärte Vergangenheit oder als Schurkenstaat. Eine seriöse Aufarbeitung der DDR-Geschichte sei so nicht möglich, so Wolfgang Benz, ehemaliger Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin. Benz schreibt zu den musealen Darstellungen:

In den meisten musealen Inszenierungen erscheint die DDR, je nach Intention, als Gefängnis, als militärischer Technikpark, als Konsumstrecke armer Leute, als Landschaft seltsamen Verkehrsgeschehens, als untergegangene Lebenswelt, an die nostalgische Annäherung leichtfällt. Reflektierter Umgang mit den Gründungsmythen und Rechtfertigungsstrategien, mit Ideologie und Zielen der Deutschen Demokratischen Republik als Gegenentwurf zur Bundesrepublik Deutschland findet in den musealen Anstrengungen und Einrichtungen nicht statt.