Ignoriert: Ost und West ändern Einstellungen zu Flüchtlingen

Der Journalist Hans Zippert schreibt jeden Tag eine Kolumne in der Tageszeitung Die Welt. Dafür wurde er 2007 und 2011 mit dem renommierten Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet. Das muss man wissen, wenn man den Auszug aus seiner Kolumne vom 7. April 2017 liest:

Die Unwillkommenheitsgefühle [sind] im Osten des Landes weitaus größer als im Westen. Das könnte daran liegen, dass die Ostdeutschen sich 1989 auch zu wenig geliebt gefühlt haben. […] Die Westdeutschen wurden aber auch nicht gefragt, ob sie ostdeutsche Wirtschaftsflüchtlinge willkommen heißen würden.

Das wäre schon in den 90ern ziemlich unlustig gewesen, aber darum geht es hier gar nicht. Wir wollen ja inhaltlich argumentieren.

Zippert bezieht sich in seinem Text auf eine neue Umfrage der Bertelsmann-Stiftung. Sie hat untersucht, welche Stimmung in Deutschland Flüchtlingen gegenüber herrscht. Dumm nur: Diese Umfrage stellt das genaue Gegenteil fest — die Stimmung in Ost und West hat sich umgekehrt. So steht in der Welt, ebenfalls am 7. April:

Inzwischen sind demnach 55 Prozent der Westdeutschen gegen einen weiteren Flüchtlingszuzug und 51 Prozent der Ostdeutschen.

Hans Zippert hätte also in seiner eigenen Zeitung lesen können, dass sein Text nicht auf Tatsachen beruht. Dass er über 27 Jahren nach dem Fall der Mauer immer noch in Klischees denkt und seine Kolumne mit müden Stereotypen füllt.

Ach ja, dafür bekommt man übrigens Henri-Nannen-Preise.

Berlin-Wahl: Heute Äpfel, früher Birnen

Berlin-Wahl: Heute Äpfel, früher Birnen

Früher war ja alles besser. Da gab es noch Wahlergebnisse, bei denen eine Partei klar gewann und die anschließenden Koalitionen aus maximal zwei Fraktionen bestanden. Ach, früher!

Die Berlin-Wahl vom Sonntag ist ein gutes Beispiel — sechs Parteien sind nun im Abgeordnetenhaus, drei davon sind notwendig für eine Regierung. Um diesen Umstand zu unterstreichen, hat die Welt eine Infografik erstellt, die die historische Entwicklung darstellen soll:

Berlin-Wahl 1975, 1990, 2016. Grafik: welt.de (19.09.2016)

Dumm nur: An dieser Grafik sind verschiedene Dinge schlicht falsch:

  1. 1990 sind weder die Linkspartei noch Bündnis 90 / Die Grünen angetreten. Beide Parteien gab es zur damaligen Abgeordnetenhauswahl nicht — eine Kontinuitätslinie zur PDS bzw. zur Alternativen Liste zu ziehen, ist recht fragwürdig.
  2. Wenn man es aber doch will: Der PDS-Anteil scheint doppelt so hoch zu sein wie der grüne. Auch das ist fragwürdig, schließlich traten die Alternative Liste und Bündnis 90 — die später zu den Grünen fusionierten — getrennt an. Wenn hier schon eine Kontinuität gezeichnet werden soll, dann hätten diese Werte zusammen gerechnet werden müssen.
  3. Die Wahl 1975 passt nicht in die Reihe: Einige von uns erinnern sich vielleicht daran, dass Berlin (übrigens wie ganz Deutschland) vor 1990 geteilt war. Die 1975er Ergebnisse ließen sich also höchstens mit den Zahlen aus West-Berlin vergleichen. Oder mit Birnen.

„Arbeiterinnen im Wedding sind nicht in Armani rumgelaufen“

Gab es in der DDR eigentlich schöne Mode? Die Welt zeigt sich innovativ und spricht mit einer Ostdeutschen! Dorothea Melis war Moderedakteurin der Modezeitschrift „Sybille“ und kommt im Interview zu Wort.

Ist dieser Artikel nun fern aller Klischees? Ach i wo! Schließlich lässt sich in die Fragen ja noch viel hinein packen:

Erkennen Sie heute noch an der Kleidung, wer aus dem Osten kommt und wer aus dem Westen?

Graue Kittelschürze, Hemden aus knisternden Synthetikstoffen — alles nur ein Vorurteil?

In der DDR war Moderedakteurin ja sicherlich kein typischer Beruf.

Haben modisch gekleidete Frauen in der DDR Ärger bekommen?

Gibt es heute bei den Ostdeutschen, die es sich leisten können, einen Nachholbedarf in Sachen Luxus — ähnlich wie etwa bei den neureichen Russen?

Das sind also die großen Themen: Die Mode war grau, modisch war sowieso nichts und die Ostdeutschen hatten ganz schön Nachholbedarf. Und unterscheiden kann man Ost und West sowieso.

Auffällig: Üblicherweise wird die Überschrift zu einem Interview aus einer Antwort gebildet. In diesem Fall lautet die Überschrift aber „Wie schick war die DDR?“ Die westdeutsche Frageposition steht also prominent, nicht die ostdeutsche Antwort.

Aber was sagt Dorothea Melis zu solchen Fragen? Sie macht ganz klare Ansagen:

Die Berlinerin ist nicht elegant. Da unterscheiden sich Ost und West heute überhaupt nicht mehr.

Auffällig ist schon, dass kurz nach der Wende die Frauen [aus der DDR] auf einmal so geschmacklos gekleidet waren. Der Westen war offen, nun konnten sie bei Woolworth am Wühltisch das kaufen, was sie die ganze Zeit vermisst haben.

Kittelschürzen haben die Frauen im Westen doch genauso getragen! Es kann mir keiner erzählen, dass die Arbeiterinnen im Wedding oder im Ruhrgebiet in Armani oder Kenzo rumgelaufen sind.

Bei der Kleidung kaufen [die Ostdeutschen] eher die gängige Konfektion. [Sie] sind im Grunde konformistischer geworden als jemals zuvor.

Doch davon lässt sich die Welt natürlich nicht von ihrer Ostsicht abbringen. Immerhin gibt es ja noch Bildunterschriften zu verteilen!

DDR-Damenmode 1970: Das Kostüm sieht aus wie im Westen, die Platte ist typisch Osten.

Ja, das Kostüm stammt tatsächlich aus der DDR. Und Plattenbau gab es auch im Westen. Muss man ja offenbar immer mal wieder sagen.

Der Welt-Artikel stammt von 2007, ist aber gerade wieder im Netz aufgetaucht. Warum auch immer.

Achim Mentzel, Sinnbild deutscher Kondolenzkultur

Wer hätte das gedacht: Der Tod von Achim Mentzel wird in den Nachrufen als ein Beispiel der deutsch-deutschen Erinnerungskultur verhandelt. Beziehungsweise: Wie sehr sich die Blicke auf ostdeutsche und westdeutsche Leben unterscheiden.

So schreibt Michael Pilz in der Welt:

Es ist noch immer so, dass, wenn ein prominenter Ostmensch stirbt, dem deutschen Osten kondoliert wird. […] Sterben Unterhaltungskünstler aus dem Westen, waren sie nicht Nord-, Süd- oder Westdeutsche, nicht einmal Österreicher oder Südtiroler, sondern Deutsche.

[…]

Ja, er wird fehlen in einem Land, das 25 Jahre nach der Einheitsfeier noch vom Ostrock spricht, sobald die Puhdys unterwegs sind, über Ostderbys im Fußball redet, wenn Dynamo Dresden gegen Hansa Rostock antritt, und wo sich Politiker auf Wahlkampfreisen auf die Marktplätze von Eisenach und Halle stellen und die tüchtigen Eingeborenen loben.

Und in der Frankfurter Rundschau analysiert Markus Decker:

Das Label „ostdeutscher Unterhaltungskünstler“ ignoriert die Hälfte seines [Achim Mentzels] künstlerischen Lebens. Es macht den Mann so klein, wie es die DDR nie war. Und es signalisiert denen im Westen, dass sie diesen Achim Mentzel nicht kennen müssen.

[…]

In Achim Mentzels Tod spiegelt sich so gesehen die Wiedervereinigung und was bei ihr bis heute schiefgeht. Während Ostdeutsche es sich seit jeher nicht leisten konnten, vom Westen nichts zu wissen, […] weiß der Westen bis heute nicht wirklich was vom Osten und schämt sich dessen nicht einmal. Ja, nicht selten ist er sogar stolz darauf.

Das ist kein schlechtes Vermächtnis für einen Unterhaltungskünstler, solche Gedanken angestoßen zu haben.

Aktuelle DDR-Vergleiche #22 — Island

Das ist doch endlich einmal ein naheliegender Vergleich, den die Welt da anstellt:

Island ist so groß wie die DDR und mindestens dreimal so tot. Die Bewohnerschaft ist der Bielefelds unterlegen, und das nicht nur zahlenmäßig, sondern auch in jeder anderen Hinsicht. Wer das Pech hat, schon einmal in Bielefeld gewesen zu sein, kann sich leicht ausrechnen, was das bedeutet: Die DDR unter der wirtschaftlichen und intellektuellen Führung Bielefelds – das ist Island, die Heimat der Bekloppten.

Sehr spannend ist der Zusammenhang mit Bielefeld, das es ja gar nicht geben soll. Da ist es mit der DDR natürlich in guter Gesellschaft.

Übrigens: Der Text stammt aus dem aktuellen Buch des ehemaligen Chefredakteurs der Satirezeitschrift „Titanic“, Oliver Maria Schmitt. Hatte mich schon gewundert, warum es bei der Welt plötzlich Texte gibt, die meine Zustimmung finden.

„Organ“

Bei all den Analysen über die DDR und den Osten Deutschen ist die psychoanalytische Sicht noch ein wenig unterbelichtet. In diese Bresche springt nun dankenswerterweise die Welt. Um das nicht unnötig zu vertiefen: Die Überschrift des elaborierten Artikels aus dem Feuilleton sagt bereits alles:

Dieses Wort kann Penis, Stasi und Zeitung bedeuten

Wer es sich nicht schon gedacht hat: Es geht um das „Organ“.

Gedanken des Abstoßens aus dem Westen

„Dann gebt doch Russland die DDR zurück!“ So tönt ein Kommentar der Welt und will ein Beitrag zur Debatte über den Umgang mit Russland sein. Jacques Schuster, Chefkommentator des Blattes, wählt dabei einen recht originellen Einstieg: Er lässt die Realität hinter sich und blickt in etwas, was er als Verdichtung der Meinungen von Matthias Platzeck und Lothar de Maizière bezeichnet. Die einfache Formel: Beide haben Unrecht (deshalb wohl auch „Unrechtsstaat“) und beide kommen von drüben — also denken natürlich alle Ossis so.

Die weiteren Gedankengänge lassen ebenfalls tief blicken: Die Ostdeutschen, aka die neue DDR, handeln in Schusters Phantasterei überhaupt nicht: Sie entscheiden nicht selbst über ihren Austritt aus Deutschland und dem Beitritt zu Russland — nein: Westdeutschland tut dies. Anschließend werde der Kreml die Richtung vorgeben. Souveränität? Doch nicht für Ossis!

So ist also der Osten Deutschlands, wie ihn der Westen gerne sieht: Kollektive Meinung, fremdgesteuert. Als hätte die DDR nie aufgehört zu existieren.

Wer sich den vollständigen Text nicht antun möchte, hier die wichtigsten Zitate fürs Poesiealbum:

Am 1. Januar 2015 sollten alle Bürger der alten Bundesländer in einem Akt der Volkssouveränität erklären, die neuen Bundesländer aus dem Verbund der Bundesrepublik Deutschland zu entlassen. Die DDR soll wieder entstehen.

Zwar könnte es sein, dass die Menschen in der neuen DDR ohne die Solidaritätszuschläge und die Hilfen der EU ärmer sein werden, aber es wird schon gehen. Es ging doch damals auch.

Nun schreibt er sich um Kopf und Kragen, werden einige Leser an dieser Stelle denken. Hoffentlich! So abwegig, wie sie klingen, sind diese Sätze jedoch nicht. Sie verdichten den kulturellen Snobismus, die Überheblichkeit und sonstigen geistigen Ausdünstungen, die man in den vergangenen Monaten hierzulande zu hören bekam, nur zu einer gewaltigen gastrischen Explosion.

Es täte ihrem außenpolitischen Gewicht und der eigenen Gelassenheit gut, wenn die Deutschen wieder begönnen, über den Tag hinaus zu denken, und sich daran gewöhnten, dass Konflikte Jahrzehnte währen können. Gelingt es uns nicht, diese Fähigkeiten zu entwickeln, ist es mit unseren Werten, Traditionen und der Freiheit genauso schnell vorbei wie mit unserer Westbindung. Vielleicht aber wünschen einige der Mahner genau dieses.

Presseschau: 9. November 2014

Der 9. November 2014 geht zu Ende — wie wurden die Tageszeitungen zu diesem Termin gestaltet? Hier ein Überblick darüber, wie ein paar ausgewählte Blätter in ihren regulären Samstagsausgaben vom 8. November 2014 mit dem Jahrestag umgegangen sind.

Berliner Zeitung

Titel

Ein großformartiges Foto, mehr nicht. Ein passender Auftakt: Das Thema 25 Jahre Mauerfall hat die Ausgabe auf 72 Seiten völlig in Beschlag genommen – aktuelle Meldungen haben nur auf 8 Seiten Platz gefunden.

Die beste Idee

Eine Zeitleiste von Januar 1989 bis heute, Beiträge von Prominenten und Entscheidungsträger_innen, Ost und West in vielen statistischen Vergleichen, Artikel zu verschiedenen Aspekten: Das Gesamtkonzept dieser Ausgabe ist beeindruckend.

Die doofste Idee

Wer Beiträge von Prominenten und Entscheidungsträger_innen schreiben lässt, kommt zwangsläufig zu einem starken Westblick. Und zu vielen „Ich habe vom Mauerfall gehört“-Sätzen, die nicht so recht in diese Ausgabe passen.

Die beste Erkenntnis

„Die gesamtdeutsche Sportgeschichte seit der Wende ist mehr als die Zusammenführung zweier Dopingsysteme.“

Der doofste Erkenntnis

„Die Deutsche Einheit […] habe ich in Hamburg erlebt […]. Wir waren am Abend mit Freunden zusammen, als wir einen Anruf bekamen: ‚Macht doch mal den Fernseher an, die Mauer ist auf.‘“ Hartmut Mehdorn kann leider nicht den 9. November und 3. Oktober auseinander halten.

Die Welt

Titel

Ein Paar umarmt sich am Grenzübergang Bornholmer Straße. Die Überschrift: „Das Lachen einer Novembernacht“. Die Lyrikabteilung der Welt schlägt zu.

Die beste Idee

Wie ist es eigentlich zur Meldung gekommen, die Schabowski in der Pressekonferenz präsentiert hat? Eine umfangreiche Infografik zeichnet den Weg von 9 Uhr morgens bis 20 Uhr abends nach. Einziger Kritikpunkt: Gezeichnet sieht Egon Krenz aus wie Prinz Charles.

Die doofste Idee

Eine halbe Seite zu Biermanns Frotzeln gegen die Linkspartei ist zu viel Aufmerksamkeit für eine vorhersagbare Episode.

Die beste Erkenntnis

Ostdeutsche steigen eher durch eigene Anstrengungen auf. Einkommen und Status der Eltern im Westen haben einen deutlich größeren Einfluss.

Der doofste Erkenntnis

Am 9. 11. 1989 hat die Bild am Sonntag das „Goldene Lenkrad“ in Berlin verliehen. Auch Friede Springer war dabei, wie das groß abgedruckte Foto dokumentiert. Weltgeschichte!

taz

Titel

Honeckers Wachsfigur, Überschrift: „War da was?“ Die taz kann sich nicht erinnern und kann die Realität nicht von Bildern unterscheiden. Ein Problem, das sich durch die gesamte Ausgabe zieht. So gesehen ein sehr konsequenter Titel.

Die beste Idee

Verschiedene Tagebucheinträge vom 8. und 9. November stehen nebeneinander. Leider haben in den meisten Fällen irgendwelche Westdeutschen nur im Fernsehen davon gehört, was dann im Tagebuch doch nicht so spannend ist. Aber es geht hier ja um die Idee.

Die doofste Idee

Ein zweiseitiges Interview mit Felix Loch, achtfachem Weltmeister im Rennrodeln zum Thema Mauerfall – warum nicht? Vielleicht, weil er damals nicht einmal 4 Monate alt war? Entsprechend absurd sind die Fragen: Haben Sie einmal eine DDR-Fahne gehalten? Wann erfuhren Sie zum ersten Mal von der Mauer? Und ganz oft wird gefragt, was die Eltern gesagt und getan haben. Diese Vorgehensweise wurde bislang ja eher der Spitzelei der DDR vorgeworfen.

Die beste Erkenntnis

Einwanderer und ihre Kinder waren die eigentlichen Wendeverlierer. „So werden Ostdeutsche und Einwanderer auch gegeneinander ausgespielt. Hier der rassistische und autoritätshörige Ostdeutsche, da der integrationsunwillige und aggressive Migrant – diese Stereotype waren und sind für viele Westdeutsche sehr bequem […].“

Der doofste Erkenntnis

„Wohnungen sind knapp und teuer. Wenn es einen Ort gibt, an dem das zusammenwächst, was zuvor 40 Jahre getrennt war, dann hier. […] Reich, arm, Westen, Osten. Wäre Potsdam ein Film, das Drehbuch wäre ziemlich platt.“ Zum Glück machen sie bei der taz nur Zeitung.

Und noch was: „Die DDR ging unter, weil das Essen schlecht war.“ Das ist nicht mal so ironisch gemeint, wie es klingt.

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Titel

Falls es noch Zweifel gab: „Die Mauer ist offen“. Eine Abbildung zeigt ein Faksimile des FAZ-Titels vom 12. November 1989. Näher kommt man dem Ereignis in Frankfurt offenbar nicht, eine Handvoll Artikel sind in der Ausgabe verstreut.

Die beste Idee

Eine Ausgabe zum Mauerfall ganz ohne Mauererlebnisse und ohne Menschen, die am Abend irgendetwas damit zu tun hatten oder irgendwie davon gehört hatten: Das ist zumindest mutig. Aber dafür gibt es ein großes Foto von Helmut Kohl, wie er eine Rede hält, passend zu einem Artikel darüber, was Helmut Kohl an jenen Tagen so getrieben hat.

Die doofste Idee

In vier (4!) Artikeln wird Biermanns Auftritt im Bundestag behandelt, zwei davon auf der Titelseite. In einem weiteren Text wird sein Wirken in mehreren Absätzen bejubelt. Da wirkt die Welt-Lösung ja geradezu bescheiden.

Die beste Erkenntnis

Günter Schabowski reiste nach 1990 durch ganz Deutschland: „Seine journalistische Ausbildung kam ihm dabei ebenso zugute wie der exotische Reiz eines geläuterten Kommunisten.“

Der doofste Erkenntnis

„Die DDR ist weniger an fehlender Meinungs- und Reisefreiheit gescheitert als am fehlenden ökonomischen Erfolg der staatlichen Kollektive.“

 

Ostdeutsche Regie: Wir schließen Horizonte 1

Tilman Krause, leitender Literaturredakteur der Welt, leidet. Denn er musste sich die Inszenierung des „Ring“ von Frank Castorf ansehen. Soweit beruflicher Alltag eines Kritikers. Allerdings hat sein Leid dazu geführt, dass er nun in einer Polemik weit ausholt: Nicht nur Castorf ist doof — nein, Krause attestiert eine grundsätzliche ostdeutsche Unfähigkeit, Kunst zu schaffen. Um sein Fazit schon einmal vorweg zu nehmen:

Wer aus dieser Generation seine intellektuelle Sozialisation in der DDR erfahren hat, kann offenbar etwas kategorial anderes als politische Dekonstruktion via Vulgär-Provokation nicht mehr aufnehmen. Da reicht dann die gestalterische Kraft vielleicht für Anklam. Für größere Bühnen sollte man nach dem „Ring“-Desaster in Bayreuth endlich dazu übergehen, nach Leuten mit weiterem Horizont Ausschau zu halten.

Schauen wir uns doch einmal die Argumentation Krauses an. Damit auch Menschen mit Ostsozialisations-Hintergrund die Möglichkeit haben, seine Argumentation nachzuvollziehen.

[Die Regie Castorfs] führt zumindest den fortgeschrittenen Zuschauern ein für allemal vor Augen […]

Lektion 1: Mache immer deutlich, dass du als Vertreter einer intellektuell privilegierten Minderheit sprichst. So wird es schwierig, Kritik an dir zu üben — im Zweifelsfall hat man dich gar nicht verstanden. Man beachte auch den sauber gesetzten Subtext: Im Gesamtbild der Polemik wird klar, dass diese fortgeschrittenen Zuschauer zugleich auch westdeutsche sein müssen. Denn zum einen stellt das Westdeutsche ja ohnehin die ungenannte Norm dar, zum anderen würde die Kritik mit wissenden Ostdeutschen gar keinen Sinn ergeben.

[…] was sie vielleicht beim Besuch von Theater- oder Opernaufführungen mit Ost-Handschrift schon immer ahnten, aber noch nie in dieser Eindringlichkeit erleben konnten: nämlich das Versagen einer spezifischen Ost-Ästhetik vor allen differenzierteren Hervorbringungen des klassischen europäischen Musik- und Sprechtheaterrepertoires.

Lektion 2: Sprich immer für eine ungenannte Menge. Damit ist es nicht nur deine lächerliche Einzelmeinung, sondern eine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit. Wer diese Menschen sind und woher du dieses Stimmungsbild hast: Geschenkt. Ist schließlich eine Polemik. Das wissen auch andere große Medien („Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht“) und weitere Stimmungsmacher („Das wird man doch wohl mal sagen dürfen“).

Das Versagen, wie es nicht nur, aber doch vor allem von Frank Castorfs kruder Mischung aus brechtscher Verfremdung, „dissidentem“ Sozialismus und Proletkult ausgeht. Auch wenn diese Mischung mancherorts noch immer als erfolgreiches Markenzeichen betrachtet wird, vor allem von Ostalgikern und Snobs.

Lektion 3: Behandle deinen Gegner als Stellvertreter einer größeren Gruppe. Denn wenn du dich an einer Einzelperson abarbeitest, müsstest du ihre konkrete Arbeit konkret kritisieren. Je allgemeiner und unspezifischer ihre Gruppe wird („nicht nur, aber doch vor allem“), desto allgemeiner und unspezifischer kannst du ihre unterstellten Weltanschauungen und Ziele gleich mitnehmen. Klischees können übrigens helfen: Über Ostalgiker und Snobs kann man schließlich immer eine Meinung haben.

Er bezeichnet etwas viel Umfänglicheres, nämlich die Beschränktheiten einer Kunstwahrnehmung, die sich in provinzieller Fixierung auf Erfahrungen mit der DDR, wo ja nun in der Tat alles jämmerlich und kleinkariert war, anmaßt, den gescheiterten real existiert habenden Sozialismus wie ein Passepartout über andere künstlerische Weltentwürfe zu stülpen.

Lektion 4: Bringe ein paar Schlagwörter unter. „DDR“, „jämmerlich“ und „kleinkariert“ gehen als Kombination immer, „real existierender Sozialismus“ ist fast schon ein Muss. Das muss auch überhaupt nichts mit dem Thema zu tun haben und sollte auch in den nächsten Jahrzehnten problemlos möglich sein.

Wir sehen also: Der leidende Literaturredakteur bedient sich journalistischer Taschenspielertricks und glaubt wahrscheinlich auch noch an die Klischees, die er für seine Argumentation benötigt. Schade. Die „Welt“ wäre gut beraten, für ihre Redaktion nach Leuten mit weiterem Horizont Ausschau zu halten.

(Übrigens passend dazu ein Zitat Frank Castorfs aus dem letzten Jahr zu Bayreuth: „Jeder von außen ist der Feind. Das ist pure DDR.“)

Danke an Negativpresse Ost für den Hinweis.

Darüber lacht die Welt?

Liebe Journalistinnen und Journalisten der Welt,

Sie geben aktuell Tipps, wie man „gebürtige Ostdeutsche zur Weißglut bringt“. Sie tun dies in der Rubrik „Reise“ zwischen Kalabrien und Kreuzfahrten, was entweder vollkommen ehrlich ist oder aber versteckte Satire — wie subversiv!

Nur: Ich verstehe diesen Artikel einfach nicht. Sollten diese Ratschläge tatsächlich ernst gemeint sein, dann verfehlen sie ihr Ziel meilenweit. Die ostdeutschen Reaktionen darauf werden wohl kaum „Weißglut“ sein, sondern schlicht Mitleid: Wenn es im Jahr 2014 tatsächlich noch Menschen gibt, die mit solch ausgetretenen Klischees um die Ecke kommen, kann man sie nur in den Arm nehmen und streicheln: Es war doch nicht alles schlecht in den letzten 25 Jahren. Nicht weinen.

Wenn dies aber lustig sein soll, dann verstehe ich leider den Humor nicht. Soll er die anderen, die ostdeutschen Gewohnheiten aufs Korn nehmen? Dafür argumentiert Ihr Text zu besserwisserisch, von oben herab. Humor funktioniert aber genau anders herum: Nicht auf die da unten herumtrampeln, sondern über die da oben lachen. Prinzipiell haben Sie das auch erkannt und versuchen sich immer wieder in die untergeordnete Position zu mogeln und erwähnen „Westdeutsche, die sich ausgegrenzt fühlen“, Westdeutsche, die unter ostdeutschem Toilettenpapier leiden mussten oder „dreiviertel acht“ nicht kennen. Allerdings: Guter Humor kennt sein Angriffsziel und nicht nur sich selbst. Wer keine Ahnung hat und sich trotzdem lustig macht, wirkt ignorant.

Und so bleibt als Ironie, dass Ihr Beitrag in jeglicher Hinsicht fehl am Platze ist: Er hebt im Jahr 25 des Mauerfalls auf deutlich veraltete Muster in der deutsch-deutschen Kommunikation ab. Und er ist als Satire gänzlich unbrauchbar.

Es ist mir klar, dass das Sommerloch immer größer wird. Natürlich wurde in 24 Erinnerungsjahren alles schon mal gemacht und Ideen liegen nicht auf der Straße. Und bestimmt will man auch mal so fies sein wie Holger Witzel mit „Schnauze, Wessi“. Das ist alles richtig. Man sollte es aber auch können.

Freundlichst,
Ihr kritischer Beobachter von einwende

P.S.: Wann kommen eigentlich die Tipps für Ostdeutsche? Als ausgemachte Experten sollten Sie ja bestens wissen, wie man Sie Westdeutsche ärgern kann. Folgende Dinge habe ich probiert: In Hamburg sage ich bei jeder Gelegenheit „Grüß Gott“. Beim Betreten der Wohnungen meiner Wessi-Freunde ziehe ich grundsätzlich die Schuhe aus. Bei Gesprächen mit Menschen aus der alten BRD korrigiere ich jedes ihrer „ich“ mit „wir“. Und wenn ich in westdeutschen Cafés warten muss, balle ich die Faust und rufe „Wir sind das Volk!“ Leider alles ohne Erfolg.