Die Dämonen, die wir riefen: Ostdeutschen-Bashing und Wessi-Diskriminierung 1

„In unserem vereinten Deutschland muss das Ostdeutschen-Bashing endlich ein Ende haben!“

Sagte EU-Parlamentspräsident Martin Schulz am 9. Oktober 2016 in der Leipziger Nikolaikirche. Was für ein Bashing denn?

War es denn ein Bashing, als Stefan Schirmer im August 2015 in der Zeit einen „Säxit“ gefordert hat, einen Austritt Sachsens aus Deutschland? „Wenn aus Ankommen im gemeinsamen Deutschland Arroganz wird, aus Beleidigtsein Hass […]: dann sollen die Sachsen halt ihr eigenes Land aufmachen. Im Ernst.“

Oder hat Jan Fleischauer im Dezember 2015 auf Spiegel Online mit seiner Frage gebasht, ob die Wiedervereinigung ein Fehler war? (West-)Deutschland solle die eigenen Dämonen in den Blick nehmen, forderte er — und meinte damit Ostdeutschland: Dämonen!

Aber wieso immer nur Ostdeutschen-Bashing? Weit schlimmer ist doch die „Wessi-Diskriminierung“! Astrid von Friesen berichtete im September 2016 bei Deutschlandradio Kultur, wie nach der Vereinigung „enthusiastische Westdeutsche […] begeistert in den Osten zogen, um beim Aufbau mitzuhelfen.“ Doch wurde es ihnen gedankt? Nein! Sie wurden „als Fremde angepöbelt“ — damit würde es ihnen genauso ergehen wie „ausländischen Wissenschaftlern und Flüchtlingen“. Eine „Verrohung“ also, deshalb wollen jetzt ganz viele Westdeutsche weg aus Sachsen, sogar ein befreundeter Rechtsanwalt der Autorin. Bevor es zum „Säxit“ kommt. Der ist ja offenbar abgemachte Sache.

Jan Fleischhauer hat heute wieder eine Kolumne geschrieben. Ob er inzwischen mit seinen Dämonen in Kontakt steht, sagt er nicht. Dafür setzt er sich mit dem „Feindbild Ostler“ auseinander:

„Wenn vom Ostler die Rede ist, bleibt es ja nicht bei der Feststellung, dass er anders ist. Auf die Generalisierung folgt in der Regel die Abwertung. […] Vielleicht sind sich Ost und West ähnlicher als sie denken: Wer es nötig hat, sich auf Kosten anderer Luft zu verschaffen, bei dem stimmt im Psychohaushalt etwas nicht.“

Berlin-Wahl: Heute Äpfel, früher Birnen

Berlin-Wahl: Heute Äpfel, früher Birnen

Früher war ja alles besser. Da gab es noch Wahlergebnisse, bei denen eine Partei klar gewann und die anschließenden Koalitionen aus maximal zwei Fraktionen bestanden. Ach, früher!

Die Berlin-Wahl vom Sonntag ist ein gutes Beispiel — sechs Parteien sind nun im Abgeordnetenhaus, drei davon sind notwendig für eine Regierung. Um diesen Umstand zu unterstreichen, hat die Welt eine Infografik erstellt, die die historische Entwicklung darstellen soll:

Berlin-Wahl 1975, 1990, 2016. Grafik: welt.de (19.09.2016)

Dumm nur: An dieser Grafik sind verschiedene Dinge schlicht falsch:

  1. 1990 sind weder die Linkspartei noch Bündnis 90 / Die Grünen angetreten. Beide Parteien gab es zur damaligen Abgeordnetenhauswahl nicht — eine Kontinuitätslinie zur PDS bzw. zur Alternativen Liste zu ziehen, ist recht fragwürdig.
  2. Wenn man es aber doch will: Der PDS-Anteil scheint doppelt so hoch zu sein wie der grüne. Auch das ist fragwürdig, schließlich traten die Alternative Liste und Bündnis 90 — die später zu den Grünen fusionierten — getrennt an. Wenn hier schon eine Kontinuität gezeichnet werden soll, dann hätten diese Werte zusammen gerechnet werden müssen.
  3. Die Wahl 1975 passt nicht in die Reihe: Einige von uns erinnern sich vielleicht daran, dass Berlin (übrigens wie ganz Deutschland) vor 1990 geteilt war. Die 1975er Ergebnisse ließen sich also höchstens mit den Zahlen aus West-Berlin vergleichen. Oder mit Birnen.

zahlen vergleichen 2

mir begegnen gelegentlich statistiken; zahlen von diesem und jenem im vergleich zu zahlen von diesem und anderem. sowas zum beispiel:

Die Zahl der Verkehrstoten ist nach einer aktuellen Prognose des ADAC im Jahr 2013 auf einen historischen Tiefststand gesunken. … Die höchsten Zahlen gab es laut ADAC-Sprecher Andreas Hölzel Anfang der 70er Jahre. «Da hatten wir rund 20 000 Verkehrstote im Jahr.» … Es werde voraussichtlich auch weniger Verletzte geben. Zu erwarten sei ein Rückgang um fast fünf Prozent auf 366 000 verletzte Verkehrsteilnehmer. Dies wäre der niedrigste Stand seit 1954.

oder auch sowas in einem artikel aus dem Jahr 2008:

Die Zahl der Neugeborenentötungen ist in den letzten 30 Jahren etwa gleich geblieben.

na? wem fällt was auf?

ich würde die journalist_innen, adac-sprechenden und wissenschaftler_innen gerne fragen in welchem land sie leben und und welcher Alten-Neuen-BRD sie ihre verkehrstoten und -verletzten und ihre neugeborenentötungen gezählt haben und was sie da eigentlich vergleichen.

wenn die zahl der neugeborenentötungen zwischen 1978 und 2008 in etwa gleich geblieben ist, dann hat sie sich verändert!