Kunst in Ost und West — Wessis teilen den Himmel 1

„Schroffe Kontraste und harte Fronten prägten die Jahre zwischen 1945 und 1968“

So heißt es in einem Flyer zur Vortragsreihe „Nach 1945. Revisionen der Nachkriegsmoderne“ in der Neuen Nationalgalerie Berlin. Dort wird darauf verwiesen, dass der Gegensatz zwischen Ost und West in verschiedenen Aspekten der Kunst zum Ausdruck gekommen sei: „Abstraktion versus Figuration, die Verwendung neuer Materialien im Gegensatz zur klassischen Malerei, Konsumkritik und Kommerzialisierung.“

So weit, so wissenschaftlich.

Der Flyer stellt zudem die Themen der Vortragsreihe vor und fragt:

„Welches Bild machen wir uns von der Nachkriegsmoderne?“

Doch wer ist dieses „wir“? Der Flyer sagt dazu:

„Renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind eingeladen […]“

Dazu zählen konkret:

Zusammen gefasst heißt das: Von denjenigen, die ausdrücklich über die Kunst in Ost und West zwischen 1945 und 1968 sprechen, kann jede Person eine beeindruckende Vita mit Aufenthalten im In- und Ausland vorweisen — allerdings ist kaum ein registrierter Aufenthalt in Ostdeutschland dabei. Von einer ostdeutschen Sozialisation ganz zu schweigen.

Das bedeutet auch: Dieses „wir“, von dem im Einleitungstext die Rede ist, ist ein ausnahmslos westliches „wir“, das eine Seite des zu behandelnden Themas überhaupt nicht zu Wort kommen lässt. Der westliche Blick auf die Vergangenheit wird damit zum Subjekt, das den Osten lediglich als Objekt beobachtet.

Wohlgemerkt: Es geht mir nicht darum, dass ostdeutsch sozialisierte Wissenschaftler_innen einen besseren oder prinzipiell anderen Blick auf dieses Thema hätten. Es geht mir schlicht um die Frage: Wie will man ernsthaft über einen Aspekt deutsch-deutscher Vergangenheit sprechen, wenn eine Seite dabei gar nicht zu Wort kommt?

Die Ausstellung, die durch diese Vorträge begleitet wird, heißt „Der geteilte Himmel“. Eine Hälfte des Firmaments bleibt somit wohl dunkel.

Es gibt zudem Kritik zum Konzept der Ausstellung, das wie die Vorträge auf Gegensätze aufbaut:

„Es ist ein einfaches, duales Schema und eignet sich für eine klare Sortierung. Ob damit eine historisch vernünftige Darstellung der Kunst zwischen 1945 und 1968 gelingen kann, erweist sich in Berlin als mehr als fraglich.“

Danke an ostdenken für den Hinweis.

Rotkäppchensalon 2

Neue Perspektiven auf und aus ‚dem‘ Osten, das verspricht die Diskussionsreihe „Rotkäppchensalon“ in Berlin. Unter dem Motto „Alles schon gesagt? — Noch lange nicht!“ sind vom 24. April bis 3. Juli 2012 jeden Dienstag unterschiedliche Referentinnen und Referenten aus der Wissenschaft geladen, aber auch Holger Witzel wird zu Gast sein.

Rotkäppchensalon — Diskussionsreihe
Dienstags 20 Uhr

Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Sozialwissenschaften

Universitätsstraße 3b, Raum 004
10117 Berlin

Hier gibt es das komplette Programm. Organisiert wird die Veranstaltung von Daniel Kubiak und Sandra Matthäus.

Mauerblicke

Mauerblicke

„Die Sicht auf die Grenzmauer ist die Sicht des West-Bürgers“, schreiben die Bauhistoriker Johannes Cramer und Tobias Rütenik in der Zeitung der Technischen Universität Berlin. Und tatsächlich ist auf den immer wiederkehrenden Bilder die Berliner Mauer farbig besprüht und Menschen stehen direkt davor. So sah die Mauer im Ostteil der Stadt nicht aus.

Wie sie aussah, das war für Cramer und sein Team nicht leicht nachzuvollziehen. Denn die Mauer ist bis zum Herbst 1990 abgetragen worden, wenig ist erhalten geblieben. So musste auf die gleiche Weise geforscht werden, wie es für antike oder mittelalterliche Stadtmauern üblich ist. Dabei wurde festgestellt, dass aus DDR-Sicht bis zu 15 Hindernisse an der Grenzanlage überwunden werden mussten, um bis nach West-Berlin zu gelangen. Weitere Erkenntnisse zu den Entscheidungsprozessen und zur Umsetzung legen die Wissenschaftler_innen nun vor:

Johannes Cramer, Tobias Rütenik, Philipp Speiser, Gabri van Tussenbroek, Peter Boeger:
Die Baugeschichte der Berliner Mauer
447 Seiten, Petersberg (Michael Imhof Verlag) 2011
69 Euro

Doch wie sah er nun aus, dieser östliche Blick auf die Mauer? Bislang waren kaum Aufnahmen bekannt, denn das Fotografieren der Anlage war verboten. Umso erstaunlicher nun eine Ausstellung in Berlin: 1500 protokollarische Fotos von DDR-Soldaten aus den Jahren 1966 – 76 wurden vom Fotografen Arwed Messmer zu 340 Panoramen zusammengefügt. Die Literatin Annett Gröschner hat Protokollausschnitte von den jeweiligen Wachposten als Bildunterschrift hinzugefügt.

Die entstandenen Aufnahmen zeigen ein Bild der Mauer, das dem westlichen Blick bislang verschlossen war — eine weite Grenzanlage, an deren Ende erst die kahle Mauer zu sehen ist. Allerdings ist es absurd, dies als „andere Sicht“ zu bezeichnen — immerhin ist dies die Sicht des Landes, das die Mauer aufgestellt hatte. Bislang war lediglich die westliche Sicht medial präsent, nun also die eigentliche Sicht:

Aus anderer Sicht. Die frühe Berliner Mauer.
Unter den Linden 40, 6.8. — 3.10, täglich 10 — 20 Uhr.

(via Berliner Zeitung)

Doch: „noch nie gesehen“ und „bislang unbekannt“ ist dieser Blick auf die Mauer keinesfalls, auch wenn damit die wissenschaftlichen und künstlerischen Arbeiten beworben werden. Die Menschen in Ost-Berlin hatten ihn tagtäglich vor sich.