Neuland fürs tazland: Die tageszeitung entdeckt den Osten!

Preisfrage: Was ist das aktuellste Neuland?

  1. Der Merkelativ für „Internet“
  2. Ein Bio-Siegel, das die Gefühle der taz-LeserInnenschaft gerade aufwühlt.
  3. Die Erkenntnis der taz, dass die Mauer nicht mehr steht.

Antwort: 2. Das Bio-Siegel lügt uns an! Buh!

Oh, und auch 3., denn die tageszeitung (in Kleinbuchstaben) startet jetzt einen ganz neuen Scheiß: taz.neuland (in Kleinbuchstaben und mit Punkt). Sprich: Die taz entdeckt den Osten! 2016! Famos. Dazu heißt es im hauseigenen Blog:

Die taz ist ein Kind der westdeutschen Alternativkultur und fremdelt bisweilen immer noch mit der Gesellschaft, die keine Erfahrungen mit dieser Gegenkultur gemacht hat.

Mediale Selbstkritik, wer hätte das gedacht? Doch halt — die taz zeigt auch hier ihren plumpen Westdeutschismus: Sie nimmt — neckisch kreativ — einen Trabi als Illustration und zieht die „Zone“ den „neuen Bundesländern“ vor. Es besteht also weiterhin der Nachholbedarf, den wir hier schon mehrfach attestiert haben.

Nun gut — mit der Projektbeschreibung mag die Redaktion ja bewusst anecken wollen. Doch wie sieht es mit dem Projekt selbst aus? Die Sonderseite soll mittwochs und freitags erscheinen und zwar ausschließlich in der Zone im Osten. Der westdeutschen Neuland-Gegenkultur ist die ostdeutsche Neuland-Unbekanntkultur wohl nicht zuzumuten. Was soll’s — die Zeit macht das seit 2009 genauso. Die taz also voll im Trend.

Schließen wir aber mit den lyrischen Worten der taz, die ihre Haltung zu dem ihr unbekannten Deutschland wunderbar entlarvend auf den Punkt bringt. Der Osten ist nämlich kein Ort von Nachrichten. Nein:

Es darf gespielt werden. Der Osten ist die Spielwiese.

Na dann: Willkommen in der Gegenkultur!

Aktuelle DDR-Vergleiche # 11 — Die Zonen-Bären 1

Im Berliner Stadtbezirk Mitte gibt es einen Bärenzwinger. Dort leben die Braunbärinnen Maxi und Schnute unter nicht ganz so „artgerechten“ Bedingungen, was auch schon länger kritisiert wird. Die taz hat nun erneute Bemühungen die Bärinnen umzusiedeln zum Anlass genommen, einen DDR-Vergleich anzubringen, der irgendwo zwischen lahm und dämlich angesiedelt ist:

Im Artikel Zonen-Bären hoffen auf Reisefreiheit ist zu lesen

„Seit ihrer Geburt in der DDR leben die beiden Bärinnen hinter einer Mauer in einem 480 Quadratmeter großen Zwinger…“

Ich habe ein wenig gerechnet. Seit 1990 gibt es bekanntermaßen die DDR nicht mehr. Die Zonen-Bärin Schnute ist jetzt 31 Jahre alt und lebt seit 23 in der BRD. Sie hat also acht Jahre ihres Lebens in der DDR verbracht. Die Zonen-Bärin Maxi ist 27 Jahre alt und hat damit ganze vier Jahre in der DDR und 23 Jahre in der BRD gelebt. In diesen 23 Jahren BRD hat sich für die beiden nicht viel geändert.

Die Verweise auf die Zone, die DDR, die Mauer und die Reisefreiheit erscheinen mit da sehr angemessen, lustig und geradezu sensationell-originell.
Ich hätte aber trotzdem einen Vorschlag für einen tagesaktuelleren Vergleich: BeBerlin-Bären hoffen auf Abschaffung der Residenzpflicht.

„Zone“

Bei manchen Begriffen über den Osten Deutschlands wundert man sich, dass sie immer noch gebraucht werden. „Zone“ ist einer von ihnen.

Wer dieses Wort verwendet, stammt ziemlich sicher aus der ehemaligen Bundesrepublik, denn „Zone“ ist Kalter Krieg pur: Damit wird nicht sachlich auf eine der Besatzungszonen verwiesen, die nach dem 2. Weltkrieg errichtet worden sind. Stattdessen war es stets eine pejorative Wendung, die immer aus westdeutscher Sicht gesprochen wurde und die Sowjetische Besatzungszone bzw. die Deutsche Demokratische Republik meinte. „Zone“, das klingt abgegrenzt, klein, nicht eigenständig. Dieses kleine Wort fasst also prägnant zusammen, wie der Osten im Westen gerne gesehen wurde und wird — auch wenn dieser Westen Deutschlands rein politisch am Anfang auch nicht mehr war als eben dies: Ein Haufen Zonen. Das Reden von der „Zone“ half aber dabei, das Land im Osten nicht als Land bezeichnen zu müssen.

Als es nach 1990 keine zwei deutsche Staaten und schon gar keine Zonen mehr gab, existierte die „Zone“ dennoch munter weiter. Stellvertretend dafür mögen Vorschläge im openthesaurus stehen, die die „Zone“ als Synonym für die neuen Bundesländer begreifen. Auch in der Presse taucht das Wort immer wieder gerne und vor allem unreflektiert auf: „Zielstrebig aus der Zone“ (Die Welt, 12.06.2012) heißt es da oder auch „Zärtlich in der Zone“ (Der Spiegel, 11.02.2012). Die „Zone“ wird offenbar vor allem der Alliteration wegen verwendet. Natürlich nur deswegen.

Wer sich also einem westdeutsch geprägten Wahrnehmungskosmos anbiedern möchte, sollte die „Zone“ verwenden, so wie es Jana Hensel bereits 2002 recht erfolgreich mit „Zonenkinder“ getan hat.

Westzentriertes Wikipedia-Abschreiben

Die innerdeutsche Grenze, im Volksmund auch „Zonengrenze“ genannt, teilte die DDR und Westdeutschland 40 Jahre lang auf einer Länge von fast 1400 Kilometern.

schreibt die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) in ihrer heutigen Ausgabe. Und zeigt, wie man bereits in einem Satz journalistisch schlampig arbeiten kann:

  1.  „DDR“ und „Westdeutschland“ sind keine gleichwertigen Begriffe: „DDR“ ist die offizielle Abkürzung für „Deutsche Demokratische Republik“, mit „Westdeutschland“ wurde eher inoffiziell die ehemalige Bundesrepublik von innen und außen bezeichnet. Solche nicht-gleichwertigen Kombinationen treten häufig auf — oft steht die abgekürzte „DDR“ dann auch neben einer „Bundesrepublik“. Sprich: „Republik“ und „Deutschland werden ungern ausgeschrieben, wenn es um die Deutsche Demokratische Republik geht.
  2. Das mit dem Volksmund ist ja eine schwierige Sache, besonders in der historischen Rückschau. Eins kann hier aber sicher sein: „Zonengrenze“ wurde wie „Zone“ höchstens in der ehemaligen BRD benutzt — schließlich verstand sie die DDR bis 1969 nicht als eigenständigen Staat. Die Menschen in der DDR sagten übrigens in der Regel nicht „Antifaschistischer Schutzwall“, wie es die politische Führung gerne gehört hätte. Stattdessen sagten sie wohl schlicht und einfach „Die Grenze“. Manchmal kann es so einfach sein mit dem Volksmund.
  3. Vielleicht würde es auch helfen, richtig aus der Wikipedia abzuschreiben — von dort stammt nämlich das Zitat. Dort allerdings deutlich schlauer, was Punkt 1 und 2 betrifft. In der FAS wurde das dann auf Westsicht eingekürzt:

Als innerdeutsche Grenze, im allgemeinen Sprachgebrauch oft auch deutsch-deutsche Grenze oder „Zonengrenze“ genannt, wird die ehemalige knapp 1400 Kilometer lange Grenze zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland bezeichnet.

„Ehemalige DDR“ 1

Bei der „ehemaligen DDR“ handelt es sich streng genommen einen Pleonasmus und ist damit der weiße Schimmel unter den Kampfbegriffen: Eine Wortzusammensetzung, die nicht nur überflüssig ist (die DDR ist schließlich per se Vergangenheit), sondern oftmals seltsame Blüten treibt. „XYZ wurde in der ehemaligen DDR geboren“ ist immer wieder zu lesen. Doch wie kann man in einem nicht existierenden Staat geboren werden? Noch bizarrer sind Taten der Stasi, wenn sie in dieser „ehemaligen DDR“ stattgefunden haben sollen – handelt es sich dabei nicht um die heutige Bundesrepublik? Demnach wäre die Stasi noch immer aktiv und niemand tut etwas dagegen? Wie kann das sein?

Die „ehemalige DDR“ ist ein Überbleibsel aus dem Kalten Krieg. Damals sprach man in der ehemaligen BRD von der „SBZ“, der „Zone“ oder der „sogenannten DDR“. Die DDR beim Namen zu nennen, hieß sie anzuerkennen und das durfte nicht sein. Nun also „ehemalig“, selbst im Rückblick auf die Vergangenheit: Die nachträgliche Aberkennung ihrer Existenz.

Die DDR hat demnach niemals existiert.

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