Ostdeutsche Regie: Wir schließen Horizonte 1

Tilman Krause, leitender Literaturredakteur der Welt, leidet. Denn er musste sich die Inszenierung des „Ring“ von Frank Castorf ansehen. Soweit beruflicher Alltag eines Kritikers. Allerdings hat sein Leid dazu geführt, dass er nun in einer Polemik weit ausholt: Nicht nur Castorf ist doof — nein, Krause attestiert eine grundsätzliche ostdeutsche Unfähigkeit, Kunst zu schaffen. Um sein Fazit schon einmal vorweg zu nehmen:

Wer aus dieser Generation seine intellektuelle Sozialisation in der DDR erfahren hat, kann offenbar etwas kategorial anderes als politische Dekonstruktion via Vulgär‐Provokation nicht mehr aufnehmen. Da reicht dann die gestalterische Kraft vielleicht für Anklam. Für größere Bühnen sollte man nach dem „Ring“-Desaster in Bayreuth endlich dazu übergehen, nach Leuten mit weiterem Horizont Ausschau zu halten.

Schauen wir uns doch einmal die Argumentation Krauses an. Damit auch Menschen mit Ostsozialisations‐Hintergrund die Möglichkeit haben, seine Argumentation nachzuvollziehen.

[Die Regie Castorfs] führt zumindest den fortgeschrittenen Zuschauern ein für allemal vor Augen […]

Lektion 1: Mache immer deutlich, dass du als Vertreter einer intellektuell privilegierten Minderheit sprichst. So wird es schwierig, Kritik an dir zu üben — im Zweifelsfall hat man dich gar nicht verstanden. Man beachte auch den sauber gesetzten Subtext: Im Gesamtbild der Polemik wird klar, dass diese fortgeschrittenen Zuschauer zugleich auch westdeutsche sein müssen. Denn zum einen stellt das Westdeutsche ja ohnehin die ungenannte Norm dar, zum anderen würde die Kritik mit wissenden Ostdeutschen gar keinen Sinn ergeben.

[…] was sie vielleicht beim Besuch von Theater‐ oder Opernaufführungen mit Ost‐Handschrift schon immer ahnten, aber noch nie in dieser Eindringlichkeit erleben konnten: nämlich das Versagen einer spezifischen Ost‐Ästhetik vor allen differenzierteren Hervorbringungen des klassischen europäischen Musik‐ und Sprechtheaterrepertoires.

Lektion 2: Sprich immer für eine ungenannte Menge. Damit ist es nicht nur deine lächerliche Einzelmeinung, sondern eine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit. Wer diese Menschen sind und woher du dieses Stimmungsbild hast: Geschenkt. Ist schließlich eine Polemik. Das wissen auch andere große Medien („Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht“) und weitere Stimmungsmacher („Das wird man doch wohl mal sagen dürfen“).

Das Versagen, wie es nicht nur, aber doch vor allem von Frank Castorfs kruder Mischung aus brechtscher Verfremdung, „dissidentem“ Sozialismus und Proletkult ausgeht. Auch wenn diese Mischung mancherorts noch immer als erfolgreiches Markenzeichen betrachtet wird, vor allem von Ostalgikern und Snobs.

Lektion 3: Behandle deinen Gegner als Stellvertreter einer größeren Gruppe. Denn wenn du dich an einer Einzelperson abarbeitest, müsstest du ihre konkrete Arbeit konkret kritisieren. Je allgemeiner und unspezifischer ihre Gruppe wird („nicht nur, aber doch vor allem“), desto allgemeiner und unspezifischer kannst du ihre unterstellten Weltanschauungen und Ziele gleich mitnehmen. Klischees können übrigens helfen: Über Ostalgiker und Snobs kann man schließlich immer eine Meinung haben.

Er bezeichnet etwas viel Umfänglicheres, nämlich die Beschränktheiten einer Kunstwahrnehmung, die sich in provinzieller Fixierung auf Erfahrungen mit der DDR, wo ja nun in der Tat alles jämmerlich und kleinkariert war, anmaßt, den gescheiterten real existiert habenden Sozialismus wie ein Passepartout über andere künstlerische Weltentwürfe zu stülpen.

Lektion 4: Bringe ein paar Schlagwörter unter. „DDR“, „jämmerlich“ und „kleinkariert“ gehen als Kombination immer, „real existierender Sozialismus“ ist fast schon ein Muss. Das muss auch überhaupt nichts mit dem Thema zu tun haben und sollte auch in den nächsten Jahrzehnten problemlos möglich sein.

Wir sehen also: Der leidende Literaturredakteur bedient sich journalistischer Taschenspielertricks und glaubt wahrscheinlich auch noch an die Klischees, die er für seine Argumentation benötigt. Schade. Die „Welt“ wäre gut beraten, für ihre Redaktion nach Leuten mit weiterem Horizont Ausschau zu halten.

(Übrigens passend dazu ein Zitat Frank Castorfs aus dem letzten Jahr zu Bayreuth: „Jeder von außen ist der Feind. Das ist pure DDR.“)

Danke an Negativpresse Ost für den Hinweis.

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