Erstmals gab es diese Woche eine Zusammenarbeit zwischen der CDU und der AfD im Bundestag. Dieses Vorgehen des CDU‑Kanzlerkandidaten Friedrich Merz hat anderem Angela Merkel als „falsch“ kritisiert. Für den Tagesspiegel hat Johann Michael Möller die Beziehung zwischen Merkel und Merz analysiert. Was trägt er – der sich laut Tagesspiegel „über Jahrzehnte mit den neuen Ländern beschäftigt“ hat – zur Debatte bei?
Nun ja.
Abwertung ostdeutscher Frauen
Was eigentlich eine politische Analyse sein sollte, beschränkt sich bei ostdeutschen Frauen auf Äußerlichkeiten, auf Stereotypen und auf vermeintliche Abhängigkeiten von Männern. Ganz überraschend nutzt Möller dabei den Begriff „Kohlmädchen“, eine Zuschreibung aus den 1990er Jahren. Helmut Kohl nannte Angela Merkel damals sein „Mädchen“ – eine Bezeichnung, mit der sie sich selbst nicht wohlfühlte: „Es war für mich kaum möglich, als eigenständige Person wahrgenommen zu werden“, sagte sie 2022. Medial wurde Kohls Äußerung jedoch aufgegriffen, sodass Merkel immer wieder als „Kohls Mädchen“ tituliert wurde. Die Schreibweise „Kohlmädchen“ stammt offenbar von Möller. Damit macht er die Frau nicht nur noch unsichtbarer – er verzichtet zudem auf Anführungszeichen und ergänzt den Begriff, sodass bei ihm von „sprichtwörtlichen Kohlmädchen“ gesprochen wird. Ganz so, als sei dies eine etablierte und gerechtfertigte Bezeichnung.
Möller thematisiert auch die „merkwürdig graubraunen Röcke“ von Angela Merkel – wiederum ohne Anführungszeichen. Bei der Beschreibung von Friedrich Merz hingegen fehlen jegliche Äußerungen zu seinem Äußeren. Damit wird deutlich: Auch diese Zuschreibung dient dazu, Angela Merkel herabzuwürdigen – ein vermeintlicher modischer Mangel kann auch eine kulturelle Rückständigkeit suggerieren. Möller steht dabei in bester Tradition der Titanic, die ihre „Zonen-Gaby“ 1989 ebenfalls als unmodisch porträtierte. Aber das war immerhin Satire.
Aufwertung des westdeutschen Mannes
Im Kontrast zu den als rückständig und abhängig dargestellten Ostdeutschen beschreibt Möller die Akteure aus Westdeutschland: Dass ein Bruch zwischen Ost und West nicht sofort sichtbar wurde, sei „erfahrenen Westlotsen zu verdanken, die damals die Geschicke der wiederentstandenen Länder im Osten in die Hand nehmen konnten.“ „Wiederentstandenen“ – als hätte dort die Geschichte erst 1990 begonnen. Kein Wunder, dass es dort angeblich keine erfahrenen Menschen geben konnte. Möller spricht den Ostdeutschen also nicht nur Modernität ab – hier gesteht er ihnen auch keine Kompetenz zu. Und vielleicht sieht er sich selbst auch als „erfahrenen Westlotsen“? Immerhin war der gebürtige Baden-Württemberger von 1992 bis 1995 als Hauptabteilungsleiter beim MDR und von 2006 bis 2016 als MDR‑Hörfunkdirektor tätig.
Ein zentraler Begriff in Möller Analyse ist „Realpolitik“. Dabei unterscheidet er eindeutig zwischen Merz und Merkel: Bei Merz sieht er sie verortet – dies zieht sich von der Überschrift („Merz wagt Realpolitik“) durch den gesamten Text (stellvertretend: „Mut zur Realpolitik“). Bei Merkel hingegen attestiert er ein unerfolgreiches Streben: „Realpolitikerin, die sie immer sein wollte“.
Dies erinnert an ein anderes Urteil über die damalige Bundeskanzlerin, in dem es heißt, „dass sie keine geborene, sondern eine angelernte Bundesdeutsche und Europäerin ist.“ Das hat sie selbst beim Festakt zum Tag der Deutschen Einheit 2021 kritisiert: „Gibt es zwei Sorten von Bundesdeutschen und Europäern – das Original und die Angelernten, die ihre Zugehörigkeit jeden Tag aufs Neue beweisen müssen (…)?“ Entsprechend liest sich auch Möllers Urteil: Es gibt Westdeutsche wie Merz, die echte Realpolitiker sind, und Ostdeutsche wie Merkel, die es nicht schaffen.
Richtig real wird es übrigens nie: Welche realpolitischen Handlungen Möller eigentlich meint, lässt er konsequent unerwähnt. Er findet jedoch Platz, Angela Merkel zu attestieren, dass sie im Gegensatz zu Merz‘ Realpolitik den Konflikt suche – was ihre Aussage abermals abwertet, indem er ihr Rationalität abspricht.
Die Frau und der Hoffnungsträger
Zugespitzt formuliert Möller seine Zuschreibungen schließlich so: „die Frau aus dem Osten und der Hoffnungsträger aus dem Sauerland“. Das heißt im Einzelnen:
- Eine Frau ist immer eine Frau.
- Ein Mann ist auch mal ein Hoffnungsträger.
- Der Osten wird als monolithischer Block (108.594 km²) dargestellt und muss nicht in Bundesländer oder gar einzelne Regionen unterteilt werden.
- Westdeutschland ist so vielfältig, dass häufiger von den einzelnen Bundesländern gesprochen wird – teilweise sogar von noch kleineren Regionen wie dem Sauerland (4.462 km²). (Wikipedia beschreibt diese Region übrigens als geradezu dynamisch: „Eine genaue Abgrenzung ist nicht möglich und die Begriffsdeutung unterliegt einem stetigen Wandel.“ Über die mediale Darstellung des „Ostens“ lässt sich das so gar nicht sagen.)
Und viel mehr lässt sich über Möllers Analyse nicht feststellen. Sie fußt im Kern auf der Abwertung von Frauen und Ostdeutschen als unmodern und irrational einerseits und auf der Aufwertung westdeutschen Handelns als rational und zukunftsgewandt andererseits. Sprachlich ist dieser Text eines westdeutschen Akteurs in den 1990er Jahren stehengeblieben, inhaltlich greift er auf noch ältere Muster zurück.
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