8. Mai: Der westdeutsche Blick ist eine Niederlage

Am 20. Juli hielten Antje Vollmer und Philipp von Schulthess, Enkel von Stauffenberg, eine Rede zum Hitler-Attentat 1944. Ihr Kniff: Sie deuten dieses Attentat als einen „Tag der Befreiung“. Sie stellen diese Deutung in eine Reihe mit einem anderen „Tag der Befreiung“, dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Sie nehmen dabei Bezug auf die Weizsäcker-Rede von 1985:

Vor 35 Jahren hat Richard von Weizsäcker in seiner großen Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes die Interpretation geprägt, der 8. Mai sei auch für die Deutschen ein Tag der Befreiung. Das war damals ein mentaler Durchbruch, denn viele hatten bis dahin den 8. Mai nur als Tag der Niederlage begriffen.

Berliner Zeitung, 21. Juli 2020

Interessant sind dabei zwei Dinge: Das Wort „viele“ ist ziemlich unpräzise und die Sicht der DDR – Weizsäcker vertrat ja die BRD – kommt nicht vor. Holen wir das doch nach.

In der DDR war der „Tag der Befreiung“ Teil der offiziellen Erinnerungskultur. Er wurde ab 1950 begangen, teilweise als Feiertag. Die in der Rede angesprochene Sichtweise – der „Tag der Niederlage“ – war eine westdeutsche Sicht, wie die Bundeszentrale für Politische Bildung ausführt.

Dieses Verständnis ist übrigens heute noch problemlos sagbar – so war eine Rede der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Jahr 2013 überschrieben mit „Der 8. Mai war nicht für alle Deutschen ein Tag der Befreiung“. Der Grund: Die deutsche Teilung und das politische System der DDR. Das sind die gleichen Aspekte, die auch im alten Westdeutschland als Begründung für das Sprechen von der „Niederlage“ angeführt wurden. Doch verharmlost das nicht die Verbrechen Deutschlands während der NS-Zeit? Öffentliche Debatten dazu gibt es nicht – der westdeutsche Blick gilt offenbar immer noch als legitim.

Dass das höchste Staatsamt der Bundesrepublik erst 35 Jahre nach der DDR von der Niederlage spricht, kann man also als „Interpretation prägen“ bezeichnen, wie es Antje Vollmer und Philipp von Schulthess tun. Man kann aber auch eine andere Perspektive einnehmen. Eine ostdeutsche etwa und es wie Christoph Dieckmann formulieren: „Endlich gesteht’s der Westen!“

Corinna Harfouch, ein „DDR-Star“?

Corinna Harfouch, ein

Es ist ein Trend, der zum Glück zurückgegangen ist: Menschen mit „DDR-Schauspieler“, „DDR-Autorin“ oder einem ähnlichen Etikett zu bezeichnen. Bei den Nachrufen auf Achim Mentzel haben wir gesehen, wie viel differenzierter das mittlerweile geworden ist. Umso mehr fällt auf, wenn es dann doch wieder passiert. Und wenn das Etikett immer weniger passt. Wie bei der Schauspielerin Corinna Harfouch: Sie wurde nun vom Nordkurier als „DDR-Star“ bezeichnet. Wie kommt das?

36 Jahre alt war Corinna Harfouch im Jahr 1989. Ihr Werdegang in der DDR bis dahin: Von 1978 bis 1981 studierte sie Schauspiel, sie spielte unter Heiner Müller an der Volksbühne und hatte 1988 die erste Titelrolle in einem Spielfilm mit dem Titel „Die Schauspielerin“.

Ihre DDR-Karriere dauerte also elf Jahre — und das auch nur, wenn man ihre Ausbildungszeit mit einrechnet. Acht Jahre sind es, wenn man die Bezeichnung „Schauspielerin“ erst ab dem Abschluss des Studiums ansetzen möchte.

Karriere und Auszeichnungen nach der Wende

Nach 1989 setzte sie Karriere in Gesamtdeutschland fort: Sie spielte Theater in Berlin, 1997 wurde sie zur Schauspielerin des Jahres gewählt. Auch ihr filmisches Schaffen wurde ausgezeichnet. 2001 erhielt sie den Deutschen Fernsehpreis für die Darstellung der „Vera Brühne“. In dem Doku-Spielfilm ging es um einen realen Kriminalfall am Starnberger See in den 1960er Jahren, im tiefsten Westdeutschland also. In „Der Untergang“ von 2004 spielte sie Magda Goebbels. Der Film um die letzten Tage im Führerbunker — einem grundlegend deutschen Thema also — war für den Oscar nominiert.

Neben vielen weiteren Filmen spielte sie auch in den Verfilmungen von Bibi Blocksberg (2002 und 2004), einer wohl ur-westdeutschen Hörspielreihe.

Nun wurde verkündet, dass Corinna Harfouch neue Kommissarin im „Tatort“ werden wird, der großen Krimi-Institution aus der alten Bundesrepublik.

Corinna Harfouch als „DDR-Star“

Zur Erinnerung: In eben jener Meldung zu ihrer neuen Rolle bezeichnet der Nordkurier Corinna Harfouch als „DDR-Star“.

30 Jahre im vereinten Deutschland mit ausgezeichneten Rollen zu gesamt- und westdeutsche Themen reichen offenbar nicht aus, um gegen höchstens elf Schauspieljahre in der DDR anzukommen. Zumindest für den Nordkurier ist dies offenbar die entscheidende Lebensphase der künftigen Tatort-Kommissarin.

Warum die westdeutsche Mitte im Kalten Krieg feststeckt

Wenden wir uns einmal einem Blick auf Ostdeutschland zu, bei dem zunächst gar nicht klar ist, dass er ein zutiefst westdeutscher Blick ist. Und gerade durch diese Unsichtbarkeit gefährlich sein kann. Es geht um die „Mitte“.

Gerade bei den Versuchen zur Regierungsbildung in Thüringen wird immer wieder davon gesprochen: von einer „Politik der Mitte“ mit einem „Kandidaten der Mitte“ für eine „Mitte der Gesellschaft“. Auch die Medien sind mittendrin in der Rhetorik der Politik und wiederholen die Phrasen über eine „Mitte“, anstatt zu schauen: Stimmt das denn? Und was hat das mit Ostdeutschland zu tun?

Die „Mitte“ in Westdeutschland

Beim Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) schrieb Chefredakteur Matthias Koch einen Beitrag rund um die „Mitte“ in Deutschland. Tatsächlich aber kommen vor allem Anekdoten vor, die aus westdeutschen Erfahrungen stammen:

Jahrzehntelang pflegte Deutschland einen Mitte-Kult. Willy Brandt gab die launige Parole aus, die SPD müsse die „Partei des donnernden Sowohl-als-auch“ sein. Die SPD wollte nur ja nicht als zu links, die CDU nur ja nicht als zu rechts erscheinen. Und den meisten Szenenapplaus bekam, wer elegant ins jeweils andere Lager hinüberzugreifen verstand.

Heute vor 30 Jahren: Thüringen feiert die Mitte, Redaktionsnetzwerk Deutschland, 20.02.2020

CDU und SPD: In Westdeutschland konnten die sogenannten Volksparteien nicht nur große Stimmen auf sich vereinen, sie fielen auch in Zeiten des wirtschaftlichen und politischen Erfolgs der BRD. Wie selbstverständlich diese beiden Parteien mit dem Begriff der „Mitte“ verknüpft sind, schrieb die taz im letzten Jahr: „Lediglich Union und SPD müssen sich um die Mitte streiten“, setzt aber auch hinzu: „Eine Partei, die von sich selbst behauptet, die Mitte abzubilden, lohnt es sich infrage zu stellen.“

Indes, die Begrifflichkeit kann bereits auf eine längere Karriere zurückblicken. So schrieb die Zeit 1976: „Die Bundesrepublik läßt sich nur aus der Mitte regieren“. 2001 blickte der Spiegel zurück: „Politik der Mitte – das war für die Sattelzeit der bundesdeutschen Gesellschaft (…) nicht primär eine Losung veränderungs- und experimentierängstlicher Spießer, sondern erfahrungsgesättigte historische Konsequenz aus den europäischen Bürgerkriegen und Pathologien der Extreme in den ersten vier Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts.“

Die aktuelle „Politik der Mitte“ geht zurück auf Angela Merkel, die dies 2001 als Kerngedanken in einem Beitrag formulierte, der in der Welt erschienen ist.

Auch wenn eine ostdeutsche Kanzlerin den Begriff zum Kern ihres politischen Anspruchs machte: „Die Politik der Mitte“ ist vor allem ein starkes Element der westdeutschen Geschichte.

Die „Mitte“ in Ostdeutschland

Ganz anders sieht das mit Blick auf das heutige Ostdeutschland aus: Die SED regierte 40 Jahre ohne Wahl. Ihr Alleinvertretungsanspruch war in die Verfassung geschrieben. Quasi eine festgeschriebene Partei der Mitte, wenn man so will. Gleichzeitig aber driftete die Realität davon, der wirtschaftliche und gefühlte Abstand zum Westen vergrößerte sich. Von einer „Mitte“ war aber keine Rede, eher wovon man sich abgrenzen wollte: Dem „Klassenfeind“. Der kam 1989/90 dann auch in die DDR.

Der bereits erwähnte RND-Text setzt eine Rede von Helmut Kohl am 20.02.1990 in Erfurt als Ankerpunkt, als erste ostdeutsche Erfahrung mit der westdeutschen „Mitte“:

Kohls Kritiker, klar, tippten sich damals einmal mehr an den Kopf. Der Kanzler, sagten sie, fahre jetzt durch Ostdeutschland und mache den Menschen unhaltbare Versprechen. Dabei wisse Kohl ja selbst nicht genau, wie dieses oder jenes geregelt werden könne. […] Dennoch lag Kohl goldrichtig

Heute vor 30 Jahren: Thüringen feiert die Mitte, Redaktionsnetzwerk Deutschland, 20.02.2020

Man könnte auch sagen: Kohl führte mit unhaltbaren Versprechungen die Politik der SED weiter.

Je nach Blickwinkel liegen SED und CDU ohnehin nicht weit auseinander. Ja, in ihrem Selbstverständnis war die SED sozialistisch, also „links“ nach vorherrschender Deutung. Dazu passt, dass die Rechtsnachfolgerin der Partei „Die Linke“ heißt. Andererseits stellte Linke-Politikerin Halina Wawzyniak 2017 fest: „Im Kern war die SED eine rechte Partei. Autoritär, nationenbezogen, ausgrenzend von allem was nicht ‚normal‘ war.“ Und: Auch die CDU kann aufgrund ihrer Mitglieder ein Stück weit als SED-Nachfolgepartei gesehen werden. Im Osten Deutschlands ist und war sie häufig Regierungspartei, in Thüringen etwa durchgängig bis 2014.

Mit einer Traditionslinie von einer sozialistischen Einheitpartei sowohl zu einer christlich-demokratischen als auch zu einer linken Partei muss die Definition einer „Mitte“ in Ostdeutschland deutlich anders als in Westdeutschland vonstatten gehen. Man muss sich vielmehr fragen: Passt dieses Modell hier überhaupt?

Was ist diese „Mitte“ überhaupt?

Zugegeben: Wenn es um die Frage der „politischen Mitte“ geht, könnte man sich den differenzierten Blick auf Ost und West komplett schenken. Schließlich ist das Hufeisenschema – eine der Kerntheorien hinter dem Links-Rechts-Mitte-Spektrum – alles andere als differenziert. n‑tv.de verweist darauf, dass das Modell als überholt und zu eindimensional gelte, um die politische Realität zu beschreiben. Im Beitrag kommt auch Politikwissenschaftler und Extremismusforscher Hajo Funke von der Freien Universität Berlin zu Wort:

„In Deutschland ist [die Hufeisentheorie] unter anderem verbunden mit dem rechtskonservativen Theoretiker Eckhard Jesse, der aus einem Kalten-Kriegs-Verständnis der 80er- und frühen 90er-Jahre heraus argumentiert und den Rechtsextremismus wie auch die AfD relativiert. Dieses Konzept tut so, als sei es ganz neutral, tatsächlich richtet es sich aber vor allem gegen die Linke. Es kann die Unterschiede zwischen einer pragmatischen Linken, einer extremen Linken und einer gewaltbereiten Linken nicht erfassen.“

Extremismus — links ist nicht gleich rechts, n‑tv.de, 19.02.2020

In der Mitte des Kalten Krieges

Deutlich werden also zwei Dinge: Das Hufeisenmodell und damit die Festlegung einer wie auch immer gearteten Mitte sind rechtskonservative Konzepte. Sie sind aber vor allem auch westdeutsche Erklärmodelle aus dem Kalten Krieg.

Die „Mitte“ ist also ein Begriff, der eine westdeutsche Normalität beschreibt. Der Osten Deutschlands muss so zwangsläufig als Abweichung auftauchen. Gerade bei den aktuellen Entwicklungen in Thüringen zeigt sich aber auch, welche Folgen es haben kann, wenn ausschließlich eine westdeutsche Erklärungsfolie angelegt wird: Sie macht die Akteur*innen blind für all die Dinge, die in dieser Folie nicht vorgesehen sind. Etwa, wenn sie eine Mitte suchen, wo es sie nicht gibt. Und die Mitte nicht dort sehen, wo sie vorhanden ist.

So lange Medien und Politik von einer „Mitte“ sprechen, die in den verschiedenen Teilen von Deutschland unterschiedlich gilt, stecken Argumentationen und Deutungen im Kalten Krieg fest.

Welch erfrischend neue Blickwinkel möglich sind, wenn man sich vom festgefahrenen Ballast löst, zeigt beispielsweise Martin Machowecz, Leiter des Leipziger Büros der Zeit. Er twitterte am 14. Februar mit Blick auf eine Umfrage zur Hamburger Bürgerschaftswahl:

Bündnis 90: Bedeutend gefeiert und prominent ignoriert

Stell dir vor, du bist als Journalist auf einer Feier und weißt anschließend nicht, was gefeiert wurde. Klingt seltsam? Leider ist dies an diesem Wochenende mehrfach passiert. Denn die Partei „Bündnis 90/Die Grünen“ beging am 10. Januar 2020 einen Doppelgeburtstag — 40 Jahre „Die Grünen“ und 30 Jahre „Bündnis 90“. Und einige Medienberichte haben einen Teil der Feier übersehen.

Zuvor ein kurzer Exkurs in die Geschichte (ausführlich bei Wikipedia): Im Jahr 1980 wurde in Karlsruhe die Bundespartei „Die Grünen“ gegründet. 1990 wiederum bildeten verschiedene Oppositionsgruppen in der DDR die Listenvereinigung „Bündnis 90“. Drei Jahre später schlossen sich beide Gruppen zusammen, die Partei heißt seitdem offiziell „Bündnis 90/Die Grünen“.

Im Januar 2020 nun also das große Jubiläumsfest, die großen Medien berichten ausführlich. Allerdings scheinen sie von ganz unterschiedlichen Festen zu schreiben. Und von ganz unterschiedlichen Parteien.

Die Problematik der zweiteiligen Partei wird allein von Jana Hensel benennt, in der Zeit schreibt sie:

Nicht nur der 40. Geburtstag der West-Grünen wurde begangen, sondern auch der 30. Geburtstag von Bündnis 90, dem ostdeutschen Vorläufer der Partei, der in der Vergangenheit gern mal vergessen wurde.

Jana Hensel: Happy Birthday, Gegenwart, Die Zeit, 11.01.2020

Weitere Erläuterungen zu dieser Problematik oder zur Bedeutung von Bündnis 90 gibt sie allerdings nicht.

Die Süddeutsche Zeitung stellt die Geschichte der Partei ausführlich dar. Selbst die Geschichte der Grünen in der DDR bekommt einen eigenen Abschnitt — so detailliert ist sonst kein Medium bei diesem Thema. Constanze von Bullion schlägt in einem weiteren Artikel in der Süddeutschen eine Verbindung zwischen der Partei und der deutsch-deutschen Geschichte:

Ein Doppelgeburtstag ist das, der ins Geschichtsbuch führt. Keine deutsche Partei hat sich in den letzten Jahrzehnten so vielen Häutungen unterzogen wie die Grünen, und der Staat häutete sich mit, notgedrungen.

Constanze von Bullion: Langer Lauf zum deutschen Staat, Süddeutsche Zeitung, 10.01.2020

Bedeutung von Bündnis 90

Auch andere Artikel sehen die Verbindung aus Bündnis 90 und Grünen als bedeutungsvoll an. So schreibt etwa Sascha Lehnartz in Die Welt:

Dass die Partei in die Mitte der Gesellschaft gerückt sei, sei nicht zuletzt dem Zusammenschluss mit den Bürgerrechtlern vom Bündnis 90 zu verdanken

Sascha Lehnartz: Eine Mahnung von Grumpy Opa Joschka an die stürmische Jugend, Die Welt, 11.01.2020

Und Stephan-Andreas Casdorff meint im Tagesspiegel:

Dass die Grünen zu einer politischen Institution werden konnten, haben sie der Wiedervereinigung zu verdanken. Ohne die und eine nachfolgende Vereinigung mit Bündnis 90 aus dem Osten gäbe es sie heute womöglich gar nicht mehr. Oder nicht so. (…) Die Bürgerbewegung der DDR war gewissermaßen ihre Rettung.

Stephan-Andreas Casdorff: Dem Osten sei Dank!, Tagesspiegel, 12.01.2020

Die DDR-Oppositionellen haben also nicht nur einen Staat zu Fall gebracht, sondern auch die Grünen gerettet! Das ist in dieser Lesart überraschend deutlich und wäre vor ein paar Jahren wahrscheinlich so noch nicht möglich gewesen.

Bündnisgrüne: Konflikte und Ausblicke

Wo aber steht diese Partei aus zwei Herkünften heute? Das Magazin Cicero sieht eine westdeutsche Dominanz:

Doch trotz aller Verneigungen (…) kann auch an diesem Abend auch der Auftritt der ehemaligen Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes Marianne Birthler, nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Partei westdeutsch dominiert ist

Moritz Gathmann, Bastian Brauns: Piep, piep, piep, Cicero, 11.01.2020

Diesen Blick innerhalb hatten wir auf einwende bereits 2018 als „Wessi-Brille“ thematisiert. Beim Jubiläumsfest gerät diese Fokussiert aber in Bewegung, das beobachtet Helene Bubrowski in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung:

Auch Marianne Birthler, die einst Sprecherin von Bündnis 90 und zuletzt Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen war, hatte noch einen Wunsch: Die Partei möge sich in „Bündnisgrüne“ umbenennen. Viele Vertreter der Bürgerbewegungen aus der DDR (…) stören sich daran, dass im normalen Sprachgebrauch der volle sperrige Name „Bündnis 90/Die Grünen“ oft zu „Die Grünen“ verkürzt wird und der Anteil der Ostdeutschen untergeht. Beide Parteivorsitzenden ließen am Freitagabend deutliche Sympathien für diesen Vorstoß erkennen.

Helene Bubrowski: Die Grünen genießen ihren Albtraum, FAZ, 11.01.2020

Valerie Höhne vom Spiegel fällt die Bezeichnung ebenfalls auf — und wagt einen Blick in die Zukunft:

Der Begriff „Bündnisgrüne“ fällt auf, er wird an diesem Abend mehrfach gebraucht. (…) Vielleicht ist es der erste Schritt, den umständlichen Parteinamen Bündnis 90/Die Grünen in einen einfacheren umzuwandeln, in einen, der dem ostdeutschen Bündnis im Namen einen ebenbürtigen Platz einräumt

Valerie Höhne: Trau‘ keinem über 40, Der Spiegel, 11.01.2020

Prominent ausgeblendet

Ohne Bündnis 90 würde es die Grünen nicht mehr geben. Eine neue Bezeichnung für die Partei wird etabliert.

Das sind bedeutende Erkenntnisse aus einer Jubiläumsfeier, an der eine journalistische Berichterstattung nicht vorbei kommen kann, oder?

Doch! Schließlich wurde 2019 ausreichend auf Ostdeutsche und ihre Befindlichkeiten geschaut — jetzt ist mal eine gute westdeutsche Partei aus guter alter westdeutscher Sicht dran!

So verkürzt der Stern den Zusammenschluss auf eine Umbenennung, das Twix unter den Parteien also:

1993 hatten sie sich — trotz heftiger Konflikte — zusammengeschlossen und heißen nun seitdem Bündnis90/Die Grünen.

Von der Öko-Opposition zur Regierungspartei: Wie sich die Grünen verändert haben, stern, 10.01.2020

Der Bonner General-Anzeiger verkürzt weiter und schmeißt sowohl Bündnis 90 als auch den Zusammenschluss von 1993 aus der Wahrnehmung:

Das war die Lehre der verlorenen Bundestagswahl von 1990. Wie keine andere Partei hat sie sich danach gewandelt.

Helge Matthiesen: Eine Erfolgsgeschichte, General-Anzeiger, 10.01.2020

Die Augsburger Allgemeine, die tageszeitung und Die Welt schweigen sich über die ostdeutschen Aspekte der Partei gleich komplett aus. Eine 45-minütige Dokumentation der ARD findet darüber auch auch kein Wort. (Danke an Robert Heinrich für den Hinweis.)

Sensible Sichtbarmachung

Nun ließe sich vortrefflich streiten: Welche Rolle spielt die DDR-Opposition denn heute noch in der Partei Bündnis 90/Die Grünen? Welchen Stellenwert hat dieser Zusammenschluss im Vergleich zu den ökologischen Ansprüchen der Partei? Lässt sich die Partei überhaupt als eine west-ostdeutsche Partei verstehen?

Das alles sind und wären wichtige Fragen, die in Medienberichten im doppelten Jubiläumsjahr – 40 Jahre „Bündnis90/Die Grünen“ und 30 Jahre Wiedervereinigung – unbedingt gestellt werden müssten. Denn gerade durch die ausführliche Berichterstattung über den Osten im letzten Jahr ist deutlich geworden: Es kann nicht so weiter gehen wie bisher.

Es ist also gut, dass der mediale Blick auf diese Parteifeier so unterschiedlich ist. Denn er zeigt, dass die Wahrnehmung ostdeutscher Belange sensibler wird. Und dass noch viel zu tun ist.

Tag der deutschen Einheit 2019 in den Medien: 9 Thesen

Tag der deutschen Einheit 2019 in den Medien: 9 Thesen

30 Jahre Mauerfall. Seit Monaten wird in den Medien das Wesen Ostdeutschlands ergründet, am 1. September wurde in Brandenburg und Sachsen gewählt, Ende Oktober geben die Menschen in Thüringen ihre Stimme ab. Ostdeutschland stand selten so im medialen Fokus.

Wer aber am 2. Oktober vor dem Zeitungskiosk stand, musste etwas suchen, das Thema des nächsten Tages zu finden: Vielen Zeitungen war der Tag der Deutschen Einheit offenbar nicht wichtig genug, um ihn auf die Titelseite zu heben.

Wir schauen uns deshalb die überregionalen Zeitungen an, bei denen es der 3. Oktober auf die Titelseite geschafft hat. Welche Themen setzen sie und wie haben sie diese umgesetzt? Und abschließend geben wir einen Überblick, was sich daraus lernen lässt. Für die deutsch-deutsche Berichterstattung zum zentralen deutsch-deutschen Thema.

Frankfurter Allgemeine Zeitung

FAZ: Ausgabe zum Tag der deutschen Einheit 2019
FAZ, 2.10.2019

Vor fünf Jahren hat es eine Banane auf die Titelseite der FAZ geschafft, diesmal war die Panzerparade zum 70. Jahrestag Chinas wichtiger. Trotzdem beschäftigen sich gleich zwei Artikel auf dem Titel mit der deutschen Einheit.

Mut auf der Titelseite

Der erste Kommentar beschäftigt sich dem „Mut, der die Deutschen verbindet“. Mut ist auch die große Klammer des Textes, vom speziellen Mut in der DDR hin zum Mut, das aktuell Trennende zu überwinden. Das liest sich recht staatstragend und das ist kein Wunder: „Mut verbindet“ ist das Motto der diesjährigen Einheitsfeier in Kiel. Und so hat man das Gefühl, der Text von Jasper von Altenbockum könnte auch als Rede bei den Feierlichkeiten gehalten werden. Inhaltlich spannt er entsprechend den Bogen von der „Wiedervereinigung im Stil Helmut Kohls“ über die Grundfrage in Deutschland und Europa (Wie soll man mit Feinden der Demokratie umgehen?) hin zu einer Rede von Joachim Gauck, die ausführlich zitiert wird. Zu denken gibt der Kommentar aber auch:

„Was ist die Einheit, wenn gar nicht zusammenfinden soll, was nicht zusammengehört?“

Auch der zweite Artikel dreht sich um das Aufsatzthema Mut, diesmal ist es „Mut, der Zäune überwindet“. Und während darüber staatstragende Worte gefunden wurden, sind es hier pathetische Worte eines Motivationstrainers: „Mut, nicht Verdrossenheit, kann Zäune überwinden und Mauern zum Einsturz bringen. Und Freiheit erringen.“

Ganz gut mit Autobahnanbindung

Einen ganz anderen Ansatz findet die Reportage „Wer weg ist, bleibt meist weg“ aus dem Ressort Politik: Timo Steppat begleitet das Klassentreffen des Abijahrgangs 2004 aus dem thüringischen Hermsdorf. Gleichzeitig zeichnet der Text nach, was Bevölkerungsschwund für eine ostdeutsche Kleinstadt bedeutet. Der Text bringt immer dann die spannendsten Erkenntnisse, wenn er die Protagonisten zu Wort kommen.

Der Autor dagegen hält sich meist im Hintergrund. Wenn er dann doch einmal urteilt, dann weiß man, warum die Beobachtung der Menschen die besseren Stellen sind. So heißt es an einer Stelle:

„Hermsdorf steht ganz gut da. Es gibt eine Autobahnanbindung, in einer halben Stunde ist man in Jena; es gibt einen Bahnhof, von dem aus man mit dem Zug in gut 50 Minuten in Erfurt ist. (…) Den einen Arbeitgeber für alle gibt es nicht mehr. (…) Es ist komplizierter geworden.“

Wir erinnern uns: Der Absatz begann mit den Worten „Hermsdorf steht ganz gut da“.

„Noch nicht einmal klar, was überhaupt gefeiert wird“

Im Feuilleton ist die deutsche Einheit ebenfalls ein Thema – in diesem Fall mit dem Gastbeitrag „Dreißig Jahre friedliche Revolution und keiner geht hin“ vom ostdeutschen Forscher Hagen Findeis. Er stellt fest, dass es nicht gelungen sei, ein erinnerungskulturelles Narrativ über die DDR zu etablieren, dass für Mehrheit anschlussfähig wäre. „Ja, es ist noch nicht einmal klar, was überhaupt gefeiert wird.“

Die Ostdeutschen seien noch auf der Suche nach einer angemessenen Form des Gedenkens an ihre Geschichte. Die offiziell eingerichteten Stellen und die öffentlichen Diskussionen gingen nämlich an der Lebenswelt von Ostdeutschen vorbei. Findeis plädiert deshalb dafür, dass Ostdeutsche ihre Verschiedenartigkeit gegenseitig wahrnehmen und respektieren sollten.

Ost-Filme endlich ästhetisch-erzählerisch

In der Rezension zum Fernsehfilm „Wendezeit“ freut sich Oliver Jungen, dass in Filmen über die DDR und ihr Ende „ästhetisch-erzählerische Kriterien wieder die Oberhand über Moral, Geschichtsvermittlung und Sensationsklamauk gewonnen haben“.

Oder weniger akademisch ausdrückt: Toll, dass DDR-Filme jetzt vor allem gut aussehen und eine gute Geschichte erzählen. Interessanterweise beginnt Jungens Aufzählung früherer Filme mit „Good Bye Lenin!“. Dieser Trend ist schon seit mehreren Jahren zu beobachten: Der Blick auf Ost-Filme beginnt mit westdeutschen Regisseuren, frühere Filme wie „Sonnenallee“ haben da keinen Platz.

„Geld entscheidet“

Im Ressort Wirtschaft gibt es ein Interview mit Klaus Brodführer, langjähriger Bürgermeister von Schleusinger in Thüringen. Die Rubrik erklärt sich, wenn man sich diese Auswahl von Brodführer-Zitaten anschaut:

  • Die Einheit bedeutet für mich Freiheit – aber Freiheit mit Leistung.“
  • „Wir haben die Stadtsanierung geschafft und sind schuldenfrei“
  • „Geld entscheidet“
  • „Andere Städte hatten in der Zeit fünf verschiedene Bürgermeister, einer hat mehr Schulden gemacht als der andere.“
  • „Die DDRler haben wenig verdient, der Stadt hat (…) bezahlt. Das war aber nicht umsonst. Uns ist das Geld vorher genommen worden und damit auch unsere Freiheit. Heute will ich das Geld selbst ausgeben“

Süddeutsche Zeitung

Süddeutsche Zeitung: Ausgabe zum Tag der deutschen Einheit 2019
Süddeutsche Zeitung, 2.10.2019

Ein Trabant im atmosphärisch-roten Schatten blickt von der Titelseite der „Feiertagsausgabe“, daneben heißt es „In der Ostkurve“. Soviel vorab: Die Fußball-Metapher klärt sich nicht auf.

Die Gruppe dazwischen

Als wäre ein Trabi nicht genug, wird man auf der Seite des Titelthemas von zwei Ampelmännchen begrüßt. Puh.

Glücklicherweise ist der Artikel „Ohne die Grenze“ von Cornelius Pollmer  umso erhellender. Es ist ein pointiertes Plädoyer gegen simple Erklärungen durch die einseitige Interpretation von Statistiken oder einfache Positionen. Schlechtredner und Schönredner gäbe es, aber am interessantesten sei die Gruppe dazwischen mit differenzierten Positionen.

„Es gibt in dieser Gruppe schließlich die pragmatische Ansicht, das doch ein Deutschland möglich sein müsse, das seine Zusammengehörigkeit schätzt, ohne fortbestehende Unterschiede wegreden oder verschweigen zu müssen.“

„Die Menschen hier sind nicht anders als im Westen“

Für ein Interview spricht die SZ mit Axel Noack, dem ehemaligen Bischof von Magdeburg. Er fragt etwa: „Wer hört sich die Geschichten derer an, die nicht so gut angekommen sind?“ und bedauert: „Die Menschen hier sind nicht anders als im Westen, aber sie leben in einer anderen Zusammensetzung. Das wird viel zu wenig thematisiert.“

Benachteiligung im Westen

Ganz überraschend gibt es noch einen Text über die Stadt Hagen im Ruhrgebiet. Richtig: Westdeutschland ist auch Teil der deutschen Einheit, auch wenn die bisherigen Texte bislang wie selbstverständlich um Ostdeutschland gekreist sind. Warum eigentlich? Der Blick auf den Westen täte gut, um ein vollständiges Bild von Deutschland zur Einheit zu bekommen.

Der Text „Was den Neid schürt“ zeigt nämlich, wie nüchtern und erhellend ein Artikel über die wirtschaftliche Situation einer Region ausfallen kann, wenn eben genau diese Wirtschaft im Fokus steht. Und nicht noch soziologische, psychologische und weitere Erklärungen bemüht werden, wie das so oft bei Texten über Ostdeutschland der Fall ist.

Warum die DDR dem Westen leblos vorkam

Das Porträt „Der Kronzeuge“ schließlich beschreibt wie Ulrich Schwarz seine Zeit in der DDR verbracht hat. Er war DDR-Korrespondent des Spiegel – und der einzige West-Journalist bei der Demonstration am 9. Oktober 1989 in Leipzig.

Es ist zwar schade, dass die Menschen aus der DDR so nur zu beobachteten Demonstranten (und so zum beobachteten Objekt) oder zur allgegenwärtigen Stasi werden —  erhellend für den Blick auf den Osten ist das Porträt aber allemal. So habe Schwarz darauf geachtet, dass seine Quellen in den Artikeln nicht zu orten waren. Die Folge:

„Deswegen lasen sich all die Texte so leblos, so unkonkret – so wie dem Westen die gesamte DDR vorkam.“

Die Zeit

Die Zeit: Ausgabe zum Tag der deutschen Einheit 2019
Die Zeit, 2.10.2019

Die Wochenzeitung trägt in ihrer Ausgabe am 2. Oktober zweifellos am dicksten auf: Auf dem Titelbild recken FDJler ihre Fäuste und großes Zitat prangt darüber: „Die staatliche Willkür in der DDR war auch nicht schlimmer als heute“. Darunter heißt es nicht minder bedeutungsschwanger: „Ein großer Teil der Ostdeutschen schaut skeptisch auf die Demokratie. Was ist in den letzten 30 Jahren schiefgegangen?“

Die Panik des Scheiterns

Das Titelthema führt die historische Symbolik konsequent weiter, ein riesiges Staatswappen der DDR hängt über dem Artikel, die Überschrift ruft: „Jetzt hört mal zu!“

Im Fließtext werden die schweren Sätze der Titelseite fortgesetzt:

  • „Alles in allem ist die Stimmung mies, ausgerechnet zum Fest der deutschen Einheit. Etwas läuft gründlich schief.“
  • „Kommt da etwas in den Fundamenten der Republik ins Rutschen? Steht gar die Einheit im Begriff zu scheitern?“
  • „Die Repressalien, die Stasi, die Mauer – alles vergessen? Ist die Erinnerung an das Unrecht der Diktatur tatsächlich so sehr verblasst?“
  • „Die Befunde sind in weiten Teilen beunruhigend“

Dabei fokussiert der Text auf zwei Antworten: 41% der Befragten finden, man könne seine Meinung heute nicht freier oder sogar nur weniger frei äußern als vor 1989. 58% haben das Gefühl, heute nicht besser vor staatlicher Willkür geschützt zu sein als in der DDR.

In der zweiten Hälfte des Textes lässt der Texte aber Expert*innen zu Wort kommen – und plötzlich können die Statistiken auch anders gelesen werden: Der Leiter der Zeit-Studie etwa weitet den Blick von den Erfahrungen der DDR- auf die Nachwendezeit. Auch der Umgang der Kanzlerin mit den Geflüchteten würde eine Rolle spielen.

Raj Kollmorgen von der Hochschule Zittau-Görlitz ergänzt: Nicht jede ostdeutsche Kritik am Funktionieren der Demokratie sei als Systemkritik zu verstehen. Denn um die 80% der Ostdeutschen halten die Demokratie für die beste Staatsform.

Und schließlich stellt der Artikel fest: Aus den Ergebnissen der Umfrage ließen sich verschiedene Handlungsanweisungen ablesen: Löhne, Renten und Repräsentanz in Politik und Wirtschaft wären demnach naheliegende Aktionsfelder.

Die Zeit setzt also groß auf aufsehenerregende Zahlen – und scheitert auf hohem Niveau. Die Zahlen sind fraglos wichtig und können gute Erkenntnisse liefern. Auch der Artikel bietet diese Ansätze – leider muss man zunächst skandalisierend-aufgeregte Absätze hinter sich bringen. Schade.

Treuhand-Skandale statt Anerkennung

In der gleichen Ausgabe gibt es aber auch einen wunderbaren Artikel: Sechs Menschen sprechen darüber, wie sie an unterschiedlichen Positionen die Treuhand erlebt haben. Zwischendurch wird das Geschehen fundiert einsortiert – einer der Autoren ist Marcus Böick, der zur Treuhand forscht.

Die große Stärke des Artikels „Das abgeschriebene Land“: Er lässt die Menschen zu Wort kommen, ganz ohne Skandalisierung. Die Aktivitäten der Treuhand erscheinen so wie eine Lupe für das Aufeinandertreffen von Ost und West, mit all seinen Widersprüchen. Die kleinen und großen Erlebnisse fangen das wunderbar ein.

Darunter sind Blickpunkte, die es früher nicht in die Medien geschafft haben. So bewundert Johannes Ludewig, die Betriebsräte, aber deren Arbeit „hat keine Anerkennung erfahren in den Medien und in der bundesdeutschen Öffentlichkeit. Die interessierten sich nur für Transfer-Milliarden und für Skandale, aber nicht für den mühsamen Alltag von Umstrukturierungen und Neubeginn“.

Neun Thesen zur deutsch-deutschen Berichterstattung

Ein dritter Oktober im Jahr 2019, drei überregionale Zeitungen. Was lässt sich daraus lernen für die Berichterstattung über die deutsche Einheit, über Ostdeutschland und Westdeutschland?

  • Weniger Meinung: Auf vorschnelle Urteile und Skandalisierungen von Journalist*innen lässt sich gut verzichten. Wir sollten lieber hören, was Menschen erleben, erlebt haben und was Expert*innen zu sagen haben.
  • Mehr Vielfältigkeit in Ostdeutschland: Die Abkehr von der DDR funktioniert dann am besten, wenn die Unterschiedlichkeit innerhalb des Ostens unterstrichen wird. Ansonsten wird fortgeschrieben, was die DDR-Führung so gerne gewollt hatte: Ein gleichgeschaltetes Volk ohne Unterschiede.
  • Mehr Westdeutschland: Der Tag der deutschen Einheit betrifft schließlich beide Seiten.
  • Weniger Klischees: Erkenntnisse lassen sich nur gewinnen, wenn Vorurteile zurückgelassen werden. Das Bild über den Osten, über die DDR sollte eben nicht mit den vorhandenen Realitäten im Osten verwechselt werden. Gerade deshalb kommt den Medien eine besondere Bedeutung zu.
  • Mehr Fokussierung: Nicht immer muss ein Text die große Erklärung bieten. Merke: Nicht immer ist ein Blick auf mögliche Prägungen durch die DDR nötig und sinnvoll.
  • Mehr Transparenz: Wer ist diese Person, deren Text ich lese? Schreibt sie über ein „wir“ oder über ein „die“?
  • Nicht instrumentalisieren: Im Gespräch kann man erklären, beim Ankreuzen eines Fragebogens kann man das nicht. Zahlen lassen sich unterschiedlich interpretieren. Vertraut den Menschen, nicht den Statistiken!
  • Weniger urteilen: Ein richtiges Gedenken, eine richtige Haltung lässt sich nicht vorgeben. Unterschiedliche Haltungen müssen gehört, verstanden und ausgehalten werden. Dann kann man in der Gesellschaft auch damit umgehen.
  • Alle Medien – Zeitungen, Radio, Fernsehen, Webangebote – sie müssen nun auch Raum bieten für die Dinge, die sie einfordern: Ein Austausch von Erfahrungen, von Diskussionen. Ein gegenseitiges Zuhören. Und sie müssen die Konsequenzen selbst auch umsetzen: Ein höherer Anteil von Ostdeutschen und anderen Herkünften in den Redaktionen etwa. Damit ein kritischer Blick auf die eigenen Texte möglich wird.

In eigener Sache: einwende beim Medienmagazin Zapp

Am 28.08. hat das Medienmagazin Zapp über die Spiegel-Titelseite „So isser, der Ossi“ berichtet. In der Rolle des Betroffenen mit Blog konnte ich im Beitrag zu Wort kommen:

Zum nachlesen: Unsere ausführliche Analyse der Titelseiten des Spiegel der letzten 30 Jahre gibt es hier.

Der Spiegel der Wessis: Eine Geschichte in Titelbildern

Der Spiegel der Wessis: Eine Geschichte in Titelbildern

Reden wir einmal über Bilder. Denn Bilder bilden Wahrnehmungen ab, und sie prägen ein öffentliches Bewusstsein. Gerade Titelbilder von Zeitungen und Zeitschriften sind dabei ein wichtiges Feld – sollen sie doch aufmerksam machen und damit zum Kauf anregen. Das Wochenmagazin „Spiegel“ schafft das immer wieder. Mal trifft es den Nerv der Zeit, mal provoziert es – manchmal beides.

Seit 24. August 2019 liegt der Spiegel mit einem Titelbild in den Regalen, das endlich Erklärung verspricht: „So isser, der Ossi.“ Bebildert ist es mit einem Anglerhut in schwarz-rot-gold.

Spiegel 35 / 2019

Vor ziemlich genau einem Jahr erlangte ein Pegida-Demonstrant mit einem solchen Kleidungsstück unfreiwillige Berühmtheit. Er kritisierte ein Kamerateam weil er nicht gefilmt werden wollte und ließ das Filmteam von der Polizei kontrollieren. Der – natürlich – gut dokumentierte Vorfall bestach durch die polterige Impertinenz des Betroffenen und wurde von klassischen Medien und in Social Media bereitwillig aufgenommen. Die taz hatte etwa am 24. August 2018 – also exakt ein Jahr vor dem aktuellen Spiegel-Titel – ein recht ähnliches Titelbild mit der Fokussierung auf den Anglerhut:

taz 24.08.2018

Der Anglerhut mit markanter Farbgebung ist also im wahrsten Sinne ein Symbol-Bild für Ostdeutschland geworden. Genauer gesagt: Für Ostdeutsche mit rechter Einstellung einerseits und mit wenig Intelligenz andererseits. Also genauso, wie man sich in Westdeutschland Ostdeutsche gerne vorstellt.

Gerade der „dumme Ostdeutsche“ hat in der bildlichen Darstellung Tradition. Die bekannteste Darstellung dürfte das Titelbild der Titanic vom November 1989 sein:

Titanic November 1989

„Meine erste Banane“ heißt es hier – eine geschälte Gurke lässt auch bei „Zonen-Gaby“ wenig Auffassungsgabe vermuten. Und auch dort spielte Kleidung eine Rolle in der öffentlichen Darstellung eines „Ossi“: Was heute der Anglerhut ist, war damals die Jeansjacke. Wie etwa das Neue Deutschland 2015 im Interview mit dem Covermodell feststellt:

Das Bild ging später um die ganze Welt. Auch weil mit ihm die Ostdeutschen als einfältige, konsumgeile Trottel in hässlichen Stonewashed-Jeansjacken abgestempelt werden konnten.

Neues Deutschland, 03.01.2015

Auch beim Spiegel landete Ende 1989 eine Kopfbedeckung auf dem Titelbild. Es gibt aber zwei Unterschiede zum aktuellen Cover: Es handelt sich um die klassische Zipfelmütze des „deutschen Michel“, also eine Darstellung des Deutschen an sich. Und unter dieser Mütze stecken zwei Deutsche, Ost und West.

Spiegel 51/1989

Unter diesem Hut blieben die Deutschen laut Spiegel nicht lange: Mitte 1990 sind sie immerhin noch durch die verknoteten Krawatten verbunden. Der Texttext verweist aber bereits darauf, dass man „vereint aber fremd“ sei:

SPIEGEL 39/1990

Mitte 1992 spricht man aber bereits von einer „neuen Teilung“ – „Deutsche gegen Deutsche“. Entsprechend blicken Ost und West übel gelaunt in unterschiedliche Richtungen, Zusammenhalt gibt nur ein Strick, der sie aneinander kettet.

SPIEGEL 34/1992

Über die Jahre scheint sich der Abstand noch weiter vergrößert zu haben: 1999 stehen Menschen aus Ost und West weit entfernt auf einer durchbrochenen Brücke. Um die Lücke zu füllen, wird ein Handschlag herangehoben – hier wird wieder der Strick verwendet, der aber bereits eine bedenklich empfindliche Stelle besitzt

SPIEGEL 10/1999

Diese Entwicklung geschieht parallel zu einer weiteren Titelbild-Erzählung des Spiegel: Der Osten kostet. Anfang 1990 etwa fragte man aufgrund einer „Massenflucht“ aus der DDR: „Gefahr für den Wohlstand?“

SPIEGEL 4/1990

Und Mitte 1991 lautete die Frage aufgrund von „Steuer-Opfern für den Osten“: „Wieviel noch?“ Hier wird ein Westdeutscher von riesigen Händen ausgewrungen:

SPIEGEL 27/1991

Beide Titelbilder zeigen also einen klar westdeutschen Blick, der den Osten wahlweise als Belastung oder als Bedrohung wahrnimmt. Die Angst vor der „Gefahr aus dem Osten“ ist übrigens schon deutlich älter: Bereits im Alten Griechenland fürchtete man sich auf diese Weise vor dem Perserreich.

Aber zurück in die 1990er Jahre aus Sicht des Spiegel. Der war sich nämlich offenbar nicht einig, ob Ostdeutschland denn nun eine Erfolgsgeschichte ist oder nicht. So hieß es 1994: „Der Osten is‘ stark“,

SPIEGEL 33/1994

Anfang 1995 aber hieß es „Milliardengrab ‚Aufschwung Ost‘“. Wobei auch der westdeutsche Blick zählt: Ahnen die Spiegel-Lesenden im Westen jetzt wohl, dass ihr Solidarbeitrag wohl doch nicht gut angelegt sein dürfte.

SPIEGEL 7/1995

„Der neue Osten“ heißt es wiederum 1996 – bei der bunten Comicgrafik muss man vermuten: Neu gleich gut.

SPIEGEL 41/1996

Das ist recht interessant, hat der Spiegel bei Titelseiten 1995 und 1996 den Erfolg der „Blühenden Landschaften“ in Frage gestellt. In beiden Fällen liegt das DDR-Staatswappen halb verrottet in einer Wiese.

SPIEGEL 36/1995
SPIEGEL 25/1996

Was auffällt: Diese Titelbilder besitzen bislang recht wenig „typische“ Ost-Symbolik. Das sollte sich ändern. Denn ebenfalls 1995 findet der Spiegel erste Symbol-Bilder für die Ostdeutschen. Da man in einer Umfrage ein „Heimweh nach der alten Ordnung“ gefunden habe, trägt eine Frau stolz eine DDR-Flagge und erotisch eine FDJ-Bluse.

SPIEGEL 27/1995

Die Hemden von FDJ und Pionieren hatten es dann eine Zeitlang tatsächlich ins öffentliche Bewusstsein als DDR-Symbole geschafft. In der „DDR-Show“ von RTL trug etwa Kati Witt ein Pionierhemd, was ihr auch Kritik einbrachte.

Kati Witt in der „DDR-Show“ 2003

Ach, die Symbole, endlich, mag man beim Spiegel frohlockt haben! 2004 hatte das Magazin mit dem Ampelmännchen ein anderes ostdeutsches Symbol gefunden und eine griffige Zeile gleich dazu: „Jammertal“ hieß es zu 15 Jahren Deutsche Einheit.

SPIEGEL 39/2004

Damit war der Spiegel nah am „Jammerossi“ — und bereits recht nah am aktuellen Spiegelbild: Ein klares bildliches Symbol gepaart mit einem klaren Urteil über den Osten. Der jammernde Ossi halt, entweder über die wirtschaftliche Situation oder weil er bei einer Demonstration gefilmt wird.

Was im Jahr 2004 aber noch fehlt, das ist der Verweis auf den rechten Osten. Das lieferte der Spiegel dann im Jahr 2018:

SPIEGEL 36/2018

Ein ganzes Bundesland wird rechts, sagt uns die Illustration ganz zugespitzt. Bei einer anderen Titelseite aus dem gleichen Jahr ist der Spiegel etwas ausführlicher: „Revolution“ heißt es da und „Warum die Deutschen so oft scheitern“. 1989 steht in der Auflistung, auch wenn das entsprechende Foto hinter dem westdeutschen Symbol Rudi Dutschke recht versteckt abgebildet ist.

SPIEGEL 42/2018

Aber: Ist 1989 denn tatsächlich gescheitert? Aus Sicht des Spiegel und der Geschichte seiner Titelseiten ist die Antwort wahrscheinlich klar: Ja. Denn die Ostdeutschen sind dumm, sie kosten und rechts sind sie jetzt auch noch geworden.

Die Titelseiten des Spiegel dürften aber auch eine Antwort darauf geben, warum das Magazin im Osten Deutschlands vergleichsweise wenig gelesen wird, weniger als die „SuperIllu“ etwa. Aber wer möchte denn auch eine Zeitschrift kaufen, auf der man als jammernd, als dumm oder als rechts dargestellt wird? Und versteht der Spiegel seine potenziellen Käuferinnen und Käufer tatsächlich so?

Die DDR als reale Fiktion — Christoph Hein und die Ohnmacht seiner Erinnerung

Christoph Hein hat „Das Leben der Anderen“ kritisiert. In der öffentlichen Debatte dazu weicht man aber einer entscheidenden Frage aus: Wie authentisch kann die DDR noch sein, wenn die Fiktion überzeugender wirkt?

In der Süddeutschen Zeitung erschien am 24. Januar 2019 ein Auszug aus Christoph Heins Buch „Gegenlauschangriff — Anekdoten aus dem letzten deutsch-deutschen Kriege“. Er schildert darin, wie Florian Henckel von Donnersmarck im Jahr 2002 von ihm das „typische Leben eines typischen Dramatikers der DDR“ wissen wollte. Das Gespräch schildert Hein als Vorbereitung für „Das Leben der Anderen“. Der Film kam 2005 in die Kinos kam und Henckel von Donnersmarck führte Regie. Ausgezeichnet wurde der Film unter anderem mit dem Oscar.

In seinem Text kritisiert Hein verschiedene Aspekte des Films, dramaturgisch begründete Verkürzungen und Zuspitzungen. Er meint schließlich:

„Das Leben der Anderen“ beschreibt nicht die Achtzigerjahre in der DDR

Die anschließende Diskussion dreht sich vor allem darum, welche Deutungshoheit Christoph Hein über seine eigene Erinnerung haben kann. Eine „Selbstverleugnung des Wissens um die eigenen tristen Lebensumstände“, wirft ihm Andreas Platthaus in der FAZ vor. Thorsten Arend, ehemaliger Lektor von Hein, hielt bei Deutschlandfunk Kultur dagegen: „Es muss natürlich möglich sein, auf seinen Erfahrungen zu beharren und sie ernstgenommen zu sehen. Wenn dann gleich der Vorwurf kommt, na ja, wir wissen es besser, und deine Erinnerungen sind falsch, dann tut man sie so beiseite, wie das eigentlich überhaupt nicht sein dürfte. Das scheint mir schon ein Ost-West-Problem zu sein“.

„Möglichst große Authentizität“

Dabei sind Erinnerungen und die Frage nach authentischer Darstellung entscheidend, gerade bei diesem Film. Denn: Im damaligen Presseheft wird auf Seite 14 unterstrichen, dass „der Film bis ins kleinste Detail authentisch wurde“, man wollte „möglichst große Authentizität“ gewährleisten“. Dieser Anstrich des Authentischen wurde aufgenommen. Die Bundeszentrale hat 2006 ein Filmheft zu „Das Leben der Anderen“ veröffentlicht, gedacht zur Verwendung im Schulunterricht.

Die Authentizität war auch ein wichtiger Aspekt bei Veröffentlichung des Films. „Ja, sage ich, so war es“, urteilte Joachim Gauck 2006 im Stern. Werner Schulz hingegen meinte 2007 in der Welt, dass Donnersmarck das System Stasi nicht verstanden hätte. Einen Offizier wie im Film habe es entsprechend nicht geben können. Er stellte schon damals fest:

„Mit der DDR-Geschichte kann man offenbar losgelöst von historischer Authentizität frei und phantasievoll umgehen.“

Daran hat sich seitdem nichts geändert: Am 11. März 2019 bespricht Susanne Lenz in der Frankfurter Rundschau Dirk Brauns‘ „Die Unscheinbaren“. Der Roman ist an die Familiengeschichte des Autors angelehnt. Im letzten Absatz vergleicht die Rezensentin Fiktion und Realität: „Der Sohn, der in der DDR bei der Großmutter blieb, hatte anders als im Buch beschrieben, keine Nachteile oder Anfeindungen zu ertragen, wie der Buch-Sohn nach der Verhaftung der Eltern. Sogar studieren konnte er.“

„Westdeutsche Fantasie“

Ein Detail, mag man meinen. Doch auch fiktionale Stoffe prägen den Blick auf Vergangenheit. Vielmehr noch: Durch ihren emotionale Inszenierung, ihre Zuspitzung und ihren breite Öffentlichkeit sind sie oft weit prägender als klassische Dokumentationen – siehe etwa das Filmheft zu „Das Leben der Anderen“. Und wenn sich eine Darstellung explizit authentisch nennt, auf historische Berater_innen zurückgreift, die eigene Geschichte in den Fokus setzt, dann muss sie sich auch daran messen lassen. Dann kann und darf sie sich nicht mehr auf dramaturgische Ausreden zurückziehen. Mit jeder Fiktionalisierung wird ein Geschichtsbild, ein Bild, eine Sicht geprägt und immer mehr muss man fragen, wie sehr dieses Bild der realen Geschichte der DDR entspricht – oder dem Bild, wie das wir in der Rückschau sehen. Sehen möchten. Mit Bezug auf die Hein-Debatte meint etwa Adam Soboczynsk in der Zeit: „Wir hätten die DDR in der Rückschau gerne als Räuberpistole, sie war aber vor allem eine Qual.“

Warum hier nicht genug aufgehorcht werden kann, zeigt eine Episode, die Christoph Hein in seinem Auszug schildert und in der Debatte um die Verlässlichkeit seiner Erinnerung eher untergegangen ist. In einem Universitätsseminar habe ein Professor erklärt, dass Jakob Hein als Autor seiner Anti-Zensur-Rede von 1987 nicht ins Gefängnis gekommen sei.

„Das sei unmöglich, beharrten die Studenten, so könne es nicht gewesen sein, sie wüssten das ganz genau, weil sie ja den Film ‚Das Leben der Anderen‘ gesehen hätten.“

Hein resümiert:

„Der Film wurde ein Welterfolg. Es ist aussichtslos für mich, meine Lebensgeschichte dagegensetzen zu wollen. Ich werde meine Erinnerungen dem Kino anpassen müssen.“

Die DDR, so muss festgehalten werden, existiert offenbar inzwischen vor allem als Fiktion, als ein Leben der Anderen in einer anderen Welt. Und an dieser Fiktion sind die Menschen, die die Realität dieses Landes kannten, kaum mehr beteiligt. So schreibt Adam Soboczynsk in seinem Artikel: „Auf dem 10. Schriftstellerkongress der DDR mit einer aufsehenerregenden Rede die Abschaffung der Zensur zu verlangen, dafür brauchte man mehr Rückgrat, als die westdeutsche Fantasie heute hergibt.“

Doch Geschichte ist komplexer als die Fantasie einer einzelnen Gruppe. Wie jüngst erst Historikerin Mary Fulbrook feststellt, gibt es nur dämonisierende oder verharmlosende Darstellungen der DDR. Es wird Zeit, dass die DDR-Darstellungen vielfältiger werden. Wie wäre es zur Abwechslung mit der Realität — und ostdeutschen Erinnerungen und Fantasien?

Plattenbauten: Immer die gleiche Platte?

Ach ja, es ist eine so einfache Schlussfolgerung: Die Plattenbauten aus der DDR sind nicht lebenswert und ziehen nur sozial schwache Menschen an. Entsprechende Medienberichte gibt es seit Jahren, so auch jetzt wieder. Die Ostsee-Zeitung vom 21. November berichtet über eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB). Die räumliche Trennung von Arm und Reich sei in ostdeutschen Städten historisch beispiellos, beispielsweise in Rostock.

Aus Sicht der Stadtverwaltung ist die Hauptursache für diese Entwicklung der industrielle Wohnungsbau zu DDR-Zeiten. WZB-Studienleiter Helbig bestätigt das: „In Rostock, Erfurt, Potsdam, Weimar oder Halle ergab sich durch die sozialistischen Plattenbauten am Rande der Städte und die Sanierung der Innenstädte nach der Wende eine enorme architektonische Schere.“

Aber was ist das, eine architektonische Schere? Prinzipiell ist das ein Unterschied zwischen sanierten Innenstädten auf der einen Seite und dem Leben in Randgebieten auf der anderen Seite.

Nun müssen unterschiedliche Arten von Wohnhäusern nicht schlimm sein. Das wird es aber, sobald es Konsequenzen für die dort Lebenden hat.

Weil die Plattenbauten weniger begehrt sind, blieben die Mieten hier niedrig. In den Stadtzentren wird’s hingegen immer teurer. „Entsprechend groß ist die soziale Schere: In den Plattenbaugebieten leben vergleichsweise viele Hartz-IV-Empfänger“, sagt Helbig.

Damit kommen wir dem eigentlichen Problem näher: Nicht der Plattenbau ist pervers, sondern die Situation in der er steht. Ein Problem, das die Redaktion der Ostsee-Zeitung hätte sehen können. Denn im gleichen Artikel steht der entsprechende Hinweis. Und auch die Forschenden hätten es sehen können, denn sie haben die Zahlen erhoben:

Zwischen 2005 und 2014 habe die soziale Spaltung in Rostock sogar deutschlandweit am meisten zugenommen.

Plattenbauten und ihr Image

In einer Zeit lange nach der DDR wächst die soziale Spaltung in Rostock. Mit anderen Worten: Nicht die Plattenbauten sind schuld, dass sie als Orte für sozialen Abstieg gelten. Sie wurden dazu gemacht. Von Stadtverwaltungen, die sich nach 1990 nicht um sie gekümmert haben — und von Medien, die eine einfache Erzählform für diese Gebiete hatten. Ebenfalls seit 1990. So schrieb Nikolaus Bernau 2016 in der Berliner Zeitung:

Das Problem sind nicht die Bauten, sondern das negative soziale Image, das mit ihnen inzwischen verbunden ist.

Dieses Image sei oft konstruiert, führt er aus.

Dabei lässt sich auch ein anderes Bild zeichnen. So berichtete der RBB kürzlich über den Bau neuer Typenbauten — und ließ den Architekten ausführlich die Plattenbauten aus der DDR loben:

Es geht — fast im Sinne des gründerzeitlichen Bauens — darum, dass man gute und bewährte Grundrisse zu Modulen zusammenfügt. […] Wir haben uns — durchaus mit Hochachtung — die sehr klugen Grundrisse angeschaut. […] Wir konnten aus der DDR-Platte etwas lernen — klar.

Es wäre gut, wenn diese Sichtweise die heutige Wahrnehmung bereichern könnten — denn noch wird zu einseitig auf das Leben im Plattenbau gesehen. Dass damit auch Vorannahmen einher gehen, war auch schon in den 1970er Jahren der Fall, wie Nikolaus Bernau schreibt:

Zur Überraschung vieler Forscher stellte sich heraus, dass viele Menschen eigentlich gerne in den von der Politik und den Nicht-dort-Wohnenden verachteten Häusern lebten. Aber sie hatten auch das Gefühl, es sei eigentlich sozial nicht akzeptabel, sich hier wohlzufühlen, litten geradezu unter einem kollektiven Minderwertigkeitskomplex.

„Wessi-Brille“

Erst kürzlich schrieb Sophie Passmann über ihre westdeutsche Sicht auf den Osten Deutschlands, nun zieht Agatha Kremplewski in der Huffington Post nach. Sie schreibt über ihre Erlebnisse in Görlitz, denn es war ihr „erster Ausflug in den Osten“. Wie in einem Drehbuch folgt sie dabei den gleichen Schritten wie Passmann:

1. Die gelernten Stereotype wiederholen:

Drüben ist es irgendwie ärmlicher als bei uns. Das wussten wir aus Witzen über “Dunkeldeutschland”, über den sächselnden Ossi, der mit dem Trabbi über die Grenze brettert, von Sprüchen wie: “Wir hatten doch nüscht.” […] Naja, und im Osten sitzen halt die Nazis. Das ist ja klar.

2. Die Klischees entdecken:

Deswegen ist es wohl kein Wunder, dass ich schon beim Eintreffen in Görlitz nach Spuren für oder gegen Rechtsradikale suche und mir, neben den wunderschönen Jugendstil-Gebäuden und nahezu menschenleeren Straßen, als erstes der Stromkasten mit dem Spruch gegen Nazis auffällt.

3. Ganz selbstkritisch mit sich selbst umgehen:

Gleichzeitig stelle ich fest: Ich schaue wieder durch meine Wessi-Brille und suche geradezu nach bedrohlichen Spuren von politischem Radikalismus. […] Dass viel näherliegende Städte wie zum Beispiel Dortmund über eine sehr aktive Neonaziszene verfügen, hatten wir irgendwie nicht so auf dem Schirm, oder vielleicht haben wir uns den Osten nur einfach noch viel schlimmer vorgestellt […].

4. Am Ende einen versöhnlichen Schluss ziehen:

Wie schön ist es doch, sich als Wessi darauf verlassen zu können: Da drüben ist alles kacke. Wie schön ist es doch, sich als Ossi darauf verlassen zu können: Da drüben sind alle Snobs.

Die Wessi-Brille in Journalismus und Politik

Die beiden Autorinnen sind da nicht allein. Bei ze.tt schrieb Seyda Kurt im Oktober 2018 ebenfalls darüber, wie ihr unhinterfragter westdeutscher Blick ganz reale Folgen für ihre journalistische Arbeit hat:

Und ich habe eine westdeutsche Sicht auf diese Gesellschaft angelernt bekommen und als Standard angelegt. (…) Wir Journalist*innen arbeiten uns in Dauerschleife an dem Bild der verkorksten Ossis ab, sodass wir nicht im Ansatz so weit sind, die Vielfalt an Lebensrealitäten sichtbar zu machen, die es dort gab und gibt.

Diese neue Selbstkritik gibt es nicht nur im Journalismus — auch in der Politik fasst sie Fuß. So verweist Claudia Müller auf die West-Brille innerhalb von Bündnis 90 / Die Grünen. Sie koordiniert die Gruppe ostdeutscher Grünen-Bundestagsabgeordneter — sieben von 64 insgesamt — und meint:

Bündnis 90 ist den Grünen nicht beigetreten, wir haben uns vereinigt – das verpflichtet zu einer gemeinsamen Perspektive. […] Wir Grüne dürfen den westdeutschen Blick auf Land und Leute nicht mit einem gesamtdeutschen verwechseln – die ostdeutsche Perspektive fehlt oft.

Auch bei den Sozialdemokraten kommen prominente Mitglieder aus dem Osten zu dem Schluss: Zu häufig herrsche auch in der SPD Partei ein „Westblick“. Die Ost-SPD soll „wieder stärker Interessen, Botschaften und Visionen aus ostdeutscher Sicht einbringen“, fordert etwa Manuela Schwesig.

Weg vom Toastbrot-Journalismus!

Ja, die Zeiten sind hoffentlich vorbei, in denen Redaktionen anhand von Toastbrot über Ostdeutschland befinden und das als Journalismus verstehen. Das liegt auch an Chefredaktionen, die nun ostdeutscher werden — und das ganz selbstbewusst. So schrieb ze.tt-Chefin Marieke Reimann unter der Überschrift „Mehr Ossis in die Medien, bitte!“:

Ich arbeite seit 15 Jahren im deutschen Journalismus und war in jeder Redaktion, in der ich schrieb, die einzige oder eine von sehr wenigen Ostdeutschen. […]

Es [sollte] Anspruch und Aufgabe eines gesamtdeutschen Journalismus sein, ein – einheitliches – Bild aller Ecken unseres Landes zu präsentieren und für eine ausgewogene Berichterstattung zu sorgen. Dann bin ich vielleicht in einigen Jahren nicht mehr eine von ganz wenigen ostdeutschen Chefredakteur*innen Deutschlands.

Die ostdeutsche Herkunft der Chefredakteurin ist den Themen des Portals durchaus anzumerken. Ähnliches bei anderen Portalen unter Ost-Leitung: So hatte Juliane Leopold als Chefredakteurin bei BuzzFeed durchaus progressiv Ostthemen platziert, inzwischen ist sie Leiterin von tagesschau.de. Auch das langjährige Engagement der „Zeit im Osten“ lässt die alte Dame Zeit auf dem Ost-Auge wieder besser sehen.

Und weil die ostdeutschen Journalist*innen ja nicht alles selbst machen können: Wie gut, dass im Westen die eigene Sehschwäche gesehen wird. Denn eine neue Brille ist immer eine gute Idee!

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