Plattenbauten: Immer die gleiche Platte?

Ach ja, es ist eine so einfache Schlussfolgerung: Die Plattenbauten aus der DDR sind nicht lebenswert und ziehen nur sozial schwache Menschen an. Entsprechende Medienberichte gibt es seit Jahren, so auch jetzt wieder. Die Ostsee‐Zeitung vom 21. November berichtet über eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB). Die räumliche Trennung von Arm und Reich sei in ostdeutschen Städten historisch beispiellos, beispielsweise in Rostock.

Aus Sicht der Stadtverwaltung ist die Hauptursache für diese Entwicklung der industrielle Wohnungsbau zu DDR‐Zeiten. WZB‐Studienleiter Helbig bestätigt das: „In Rostock, Erfurt, Potsdam, Weimar oder Halle ergab sich durch die sozialistischen Plattenbauten am Rande der Städte und die Sanierung der Innenstädte nach der Wende eine enorme architektonische Schere.“

Aber was ist das, eine architektonische Schere? Prinzipiell ist das ein Unterschied zwischen sanierten Innenstädten auf der einen Seite und dem Leben in Randgebieten auf der anderen Seite.

Nun müssen unterschiedliche Arten von Wohnhäusern nicht schlimm sein. Das wird es aber, sobald es Konsequenzen für die dort Lebenden hat.

Weil die Plattenbauten weniger begehrt sind, blieben die Mieten hier niedrig. In den Stadtzentren wird’s hingegen immer teurer. „Entsprechend groß ist die soziale Schere: In den Plattenbaugebieten leben vergleichsweise viele Hartz‐IV‐Empfänger“, sagt Helbig.

Damit kommen wir dem eigentlichen Problem näher: Nicht der Plattenbau ist pervers, sondern die Situation in der er steht. Ein Problem, das die Redaktion der Ostsee‐Zeitung hätte sehen können. Denn im gleichen Artikel steht der entsprechende Hinweis. Und auch die Forschenden hätten es sehen können, denn sie haben die Zahlen erhoben:

Zwischen 2005 und 2014 habe die soziale Spaltung in Rostock sogar deutschlandweit am meisten zugenommen.

Plattenbauten und ihr Image

In einer Zeit lange nach der DDR wächst die soziale Spaltung in Rostock. Mit anderen Worten: Nicht die Plattenbauten sind schuld, dass sie als Orte für sozialen Abstieg gelten. Sie wurden dazu gemacht. Von Stadtverwaltungen, die sich nach 1990 nicht um sie gekümmert haben — und von Medien, die eine einfache Erzählform für diese Gebiete hatten. Ebenfalls seit 1990. So schrieb Nikolaus Bernau 2016 in der Berliner Zeitung:

Das Problem sind nicht die Bauten, sondern das negative soziale Image, das mit ihnen inzwischen verbunden ist.

Dieses Image sei oft konstruiert, führt er aus.

Dabei lässt sich auch ein anderes Bild zeichnen. So berichtete der RBB kürzlich über den Bau neuer Typenbauten — und ließ den Architekten ausführlich die Plattenbauten aus der DDR loben:

Es geht — fast im Sinne des gründerzeitlichen Bauens — darum, dass man gute und bewährte Grundrisse zu Modulen zusammenfügt. […] Wir haben uns — durchaus mit Hochachtung — die sehr klugen Grundrisse angeschaut. […] Wir konnten aus der DDR‐Platte etwas lernen — klar.

Es wäre gut, wenn diese Sichtweise die heutige Wahrnehmung bereichern könnten — denn noch wird zu einseitig auf das Leben im Plattenbau gesehen. Dass damit auch Vorannahmen einher gehen, war auch schon in den 1970er Jahren der Fall, wie Nikolaus Bernau schreibt:

Zur Überraschung vieler Forscher stellte sich heraus, dass viele Menschen eigentlich gerne in den von der Politik und den Nicht‐dort‐Wohnenden verachteten Häusern lebten. Aber sie hatten auch das Gefühl, es sei eigentlich sozial nicht akzeptabel, sich hier wohlzufühlen, litten geradezu unter einem kollektiven Minderwertigkeitskomplex.

Ossis für Dorsten

„Osten oder Westen, das spielt doch keine Rolle mehr“, heißt es immer wieder gerne. Für Menschen in Ostdeutschland mag das zutreffen: Sie haben Erfahrungen mit beiden Seiten und kennen sowohl ost‐ wie westdeutsche Geschichte und Kultur. Was im Osten aber selbstverständlich ist, muss in Westdeutschland erklärt werden. In der Dorstener Zeitung aus Nordrhein‐Westfalen erschien nun etwa ein Artikel, der zeigt, was für die Menschen dort offenbar erklärungsbedürftig ist:

Es gibt das Ossi‐Ampelmännchen. Ossi – das steht als Abkürzung für Menschen aus Ostdeutschland. Die hatten schon vor dem Fall der Mauer ein putziges, eigenes Ampelmännchen. Das fand auch im Westen Gefallen. Im Gegensatz zu vielen anderen Dingen aus der ehemaligen DDR.

Im Text schließt übrigens direkt ein Verweis an die Mongolei an.

Fragt sich nur: Was sollten die Menschen in Dorsten sonst noch über Ostdeutschland wissen?

Sophie Passmann reflektiert ihre Sicht auf den Osten

Im Februar 2018 schrieb Sophie Passmann einen Text für den Spiegel. Der Anlass: Sie war zum ersten Mal in Eisenach. Das ist ja immer ein dankbares Thema für die Medien — Westdeutsche landen in der ostdeutschen Provinz, überleben und erzählen danach davon (siehe auch: der Focus in Strausberg, die taz in Berlin‐Marzahn, der Deutschlandfunk in HalleMoritz von Uslar in ZehdenickAndrea Marshall im Haus der Statistik). Und wie in solchen Fällen üblich, hat diese Person auch etwas über sich gelernt. Sophie Passmann weiß jetzt: Sie hat Vorurteile und ist in einer privilegierten Position.

Über den Text von Passmann hat sich die Zeit‐Redakteurin Valerie Schönian so sehr geärgert, dass sie sich mit Sophie Passmann ein Interview geführt und sie in ihre Heimatstadt Magdeburg eingeladen hat. Sophie Passmann macht dabei deutlich: Sie möchte ihren Blick reflektieren. Aber: Ist es ihr gelungen? Der folgende Text vermischt ihren Spiegel‐Artikel und ihre Antworten im Interview.

Welcher Satz gehört wozu? Wie weit ist Sophie Passmann in ihrer Selbstreflektion gediehen?

Für mich erschien das wie die Pointe der Geschichte: Klar, die Passmann kann nicht in irgendeiner RICHTIGEN Stadt stranden, sondern in EISENACH.

Ich war vorher noch nie bewusst im Osten gewesen, außer vielleicht mal kurz in Leipzig und Erfurt. Eine Stadt wie Eisenach kannte ich nicht. Ich hätte mir so gewünscht, dass der Osten mich überrascht. Aber dann war alles so, wie ich es erwartet hatte. Mein Besuch in Eisenach war kurz. Er bestand aus einer Hotelübernachtung in einem beschämend schönen Hotel, einem Abendessen bei der Sandwich‐Kette Subway und einem kleinen Spaziergang durch das, was Eisenach „Innenstadt“ nennt.

Ich habe in Eisenach zum ersten Mal gemerkt, dass ich eine eigene westdeutsche Arroganz besitze. Dass ich mich als Wessi fühle, hätte ich nie gedacht. Um mich als das Andere zu empfinden, musste ich erst mal in den Osten. Gleichzeitig fällt mir auf, dass ich nicht einen einzigen Ostdeutschen nennen könnte, mit dem ich befreundet bin. Ich habe bestimmt ostdeutsche Freunde – aber vergesse einfach deren Herkunft. Gerade denke ich zum ersten Mal, wie abgefahren dieses ganze Ost‐West‐Ding ist! Dass es auch unsere Generation betrifft. Ich dachte immer, das sei vorbei.

Ich habe Vorurteile gegenüber Ostdeutschland. So, jetzt habe ich es gesagt. Diese Vorurteile sind, wie ja immer, völlig unbegründet, sie entbehren jeder Grundlage. Dieser Ort hier wäre überall ein Highlight. Er ist einfach schön. Aber eben nicht typisch ostdeutsch. Ich habe ja nicht bezweifelt, dass es so was im Osten auch gibt. Ich bin Orts‐Opportunistin. Mir ist es völlig egal, wenn jemand ein schiefes Bild von Freiburg hat. Was ein schlechter Vergleich ist, weil es an Freiburg wenig auszusetzen gibt. Dich würde es wirklich stören, wenn ich Magdeburg nicht gut finde, oder?

Ich glaube, du bist einfach Patriotin und kannst das nicht zugeben – weil es nicht in dein Weltbild passt. Du verintellektualisierst da aber nur ein Gefühl.

Genauso, wie ich jetzt mir und dem Westen abverlange, dass man mal ein bisschen Empathie haben und Privilegien reflektieren sollte – genauso kann ich das auch von den Ostdeutschen verlangen.

Ich kann mir vorstellen, wie das sein muss, wenn so eine 24‐Jährige abends in ein Hotel in Eisenach stapft und mit ihrem Hochdeutsch und ihrem „Bitte“ und „Danke“ deutlich macht, was sie von Eisenach und den Ostdeutschen hält.

Ich wäre auch wortkarg.

Auf die Wiedervereinigung. Haben wir das Problem jetzt gelöst? Pfeffi ist ja schon mal ein guter Beitrag des Ostens zum vereinten Land.

Essen im Osten: Vorurteile gehen durch den Magen

Viele aus dem Westen stammenden Glossenschreiber versuchen den Osten Deutschlands zu verstehen. Unergründlich erscheint er ihnen immer wieder. Umso schöner, dass sie sich nach AfD und Pegida wieder der entscheidenden Seltsamkeit des Ostens zuwenden können: Dem Essen.

Martenstein und Toast (1)

Den Auftakt macht der preisgekrönte Kolumnist Harald Martenstein. Am 9. Oktober 2017 schrieb er die Glosse „Über die politische Botschaft des Toastbrots“.  Sein Problem: Im Osten wird ungetoasteter Toast serviert. Doch das ist nicht alles. Um das allerdings zu verstehen, entrümpeln wir den Text von der satirischen Verfremdung, die eine solche Glosse auszeichnet. Martenstein also in Übersetzung:

Was Martenstein schreibt:

So ein Toastbrot kann natürlich annehmbar schmecken, allerdings nur, nachdem es in einem Toaster getoastet wurde, dazu ist es gemacht, deshalb heißt es „Toastbrot“. Ein ungetoastetes Toastbrot ist nur ein Rohstoff, aus dem durch den Prozess des Toastens etwas Essbares hergestellt wird. Im Osten servieren sie das Toastbrot roh.

Was er damit meint:

Die dummen Ossis haben nicht mal das Feuer erfunden.

Was Martenstein schreibt:

Auf dem Gebiet der ehemaligen DDR wäre es jedenfalls kein Problem, essbares Brot zu kaufen, die Grenze ist offen.

Was er damit meint:

Dabei haben wir ihnen diese zivilisatorische Errungenschaft längst gebracht! Dafür sind wir doch 1989 auf die Straße gegangen!

Was Martenstein schreibt:

Das Schlimmste an der DDR‐Küche waren allerdings diese Toastscheiben.

Was Martenstein damit meint:

Ich hasse Ossis. Vor allem weil ich sie nicht verstehe. Damit mir das allerdings nicht als Vorurteil gegenüber kulturellen Eigenheiten ausgelegt wird, verpacke ich mein Unverständnis in spitzbübische Bemerkungen zu einem offensichtlich unwichtigen Thema.

An einer Stelle jedoch versagen wir. Vermutlich liegt es daran, dass Martenstein an dieser Stelle auch tatsächlich meint, was er schreibt:

Ich glaube inzwischen, dass der ungetoastete Osttoast ein Symbol für den DDR‐Sozialismus ist und deshalb so tief verankert ist in den Geschmacksnerven der Ostdeutschen. Der Sozialismus hat Wohlstand und Demokratie versprochen, beides ließ auf sich warten, so lange, bis die Menschen die Geduld verloren haben. Der Sozialismus war ein Toast, der wunderbar schmecken würde, wenn er erst mal fertig getoastet ist.

Oder er freut sich einfach nur auf den Moment, in dem Ostdeutsche begreifen, wie das eigentlich mit dem Feuer funktioniert. Damit Harald Martenstein endlich den Toast bekommt, den er verdient.

Martenstein und Toast (2)

Harald Martenstein hat das ungetoastete Toast am 9. November 2017 wieder aufgegriffen. Der Anlass: Die Wut über seinen Toasttext habe alles übertroffen, was er kannte. Für einen selbst‐zentrierten‐reflektierten Kolumnisten wie ihn ein gefundenes Fressen! Und für uns erst recht:

Was Martenstein schreibt:

Deutsche Einheit, da kenne ich mich aus. Ich bin aus dem Westen, habe aber seit vielen Jahren einen Wohnsitz in Brandenburg.

Was Martenstein damit meint:

Ich bin hierher gezogen und damit automatisch Experte. Was können mir schon dahergelaufene Einheimische sagen, die nicht einmal das Feuer erfunden haben?

Was Martenstein schreibt:

Das einigermaßen belanglose Thema und der eher freundliche Duktus des Textes einerseits und die grundsätzliche Gekränktheit, die aus etlichen Briefen spricht, stehen in einem sonderbaren Missverhältnis.

Was Martenstein damit meint:

Gott, die Ossis sind ja noch dümmer und empfindlicher als ich dachte.

Was Martenstein schreibt:

Viele Briefe kamen aus Thüringen, dort scheinen die Toast‐Verhältnisse tatsächlich andere zu sein. Ich war zu wohl zu sehr auf Brandenburg und die Ostsee fokussiert, da bitte ich um Pardon.

Was Martenstein damit meint:

DDR ist DDR ist Ostdeutschland. Sollen sich mal nicht so haben.

Was Martenstein schreibt:

Die Wut sucht geradezu nach Anlässen. Da kann man es als Wessi wohl nur noch dann richtig machen, wenn man gar nichts sagt.

Was Martenstein damit meint:

Und denen wollten wir ernsthaft das mit dem Feuer beibringen?

taz und tote Oma

Doch Harald Martenstein ist nicht der einzige, der das Thema Essen und Osten hochkochen lässt. In der taz hat Micha Brumlik am 6. November die Kolumne „Der Untergang der toten Oma“ verfasst. Der Text ist aus ostdeutscher Perspektive recht drollig, beschreibt er doch, wie ein weltgewandter Westdeutscher im Jahr 2017 erstmals mit einem Gericht namens „Tote Oma“ in Kontakt kommt. Und nicht nur das: Recherchen führen Brumlik zu „einschlägigen Websites zur Küche der DDR“, „Munchies“ und „netmoms“ heißen sie. Und so kann er anhand von zwei Internetseiten die gesamte DDR analysieren. Respekt!

Was Brumlik schreibt:

Somit liebte man in der DDR – womöglich kontraphobisch – das Ekelhafte. „Als ekelhaft“, so der noch immer zu wenig gewürdigte Philosoph Aurel Kolnai, „wird immer ein Ding empfunden, das nicht für voll genommen, nicht für wichtig gehalten wird: etwas, das man weder vernichtet noch flieht, sondern hinwegräumt.“

Was Brumlik damit meint:

Ossis sind echt eklig. Ich nehm die jedenfalls nicht für voll, nicht für wichtig.

Was Brumlik schreibt:

Wir werden bei der Analyse dieser Vorliebe einer nachnationalsozialistischen Gesellschaft an der Lust am Kannibalischen nicht vorbeikommen, ebenso wenig wie an dem in den fünfziger Jahren von ehemaligen FDJ‐Mitgliedern geförderten Jugendwahn. Bildet doch eine andere Konserve derselben Produkt­reihe, nämlich „Schulküchentomatensoße“, ein etwa zwölfjähriges Mädchen mit weißem Hemd und blauem FDJ‐Halstuch ab, das mit soßenverschmiertem Mund fröhlich in die Welt schaut.

Was Brumlik damit meint:

Passt auf, im Osten essen sie Menschen! Das ist keine Soße, das ist Soylent Green! Alle in Sicherheit!

Übrigens erkannte die taz schon 2014: „Die DDR ging unter, weil das Essen schlecht war“. Man fragt sich allerdings, was die taz über ein Getränk namens „Tote Tante“ sagen würde. Das stammt immerhin aus Nordfriesland, wie wir auf der einschlägigen Website „herzelieb“ lernen.

Neues Deutschland und Jägerschnitzel

Auch im Neuen Deutschland kommt man am Speisenthema nicht vorbei. Simon Poelchau schreibt am 8. November über das „Jägerschnitzel“:

Besonders hoch ist die Fallhöhe zwischen westdeutschen Erwartungen und ostdeutschen Realitäten, wenn in solchen TINA‐Mensen ein Essen angeboten wird, das in Ost wie West gleich beliebt ist: das Jägerschnitzel. Dem Wessi läuft schon beim Gedanken an ein schönes Stück unpaniertes Kalbsfleisch mit Pilzsauce das Wasser im Mund zusammen. Entsprechend muss er erst mal enttäuscht schlucken, wenn ihm ein Jägerschnitzel Ost vorgesetzt wird: ein paniertes Stück Jagdwurst mit Spirelli‐Butternudeln und eben jener schweren Verbrauchertäuschung aus Ketchup, Mehlschwitze und ein bisschen abgelaufenem Oregano.

Was er damit meinen könnte:

Ostdeutsches. Essen. Ist. Furchtbar. Oder sind es die westdeutschen Erwartungen? Sieht doch keiner mehr durch. Zumindest nicht aus westdeutscher Perspektive.

Guten Appetit!

Vielen Dank an Anne und Mechthild für die Hinweise!

Nach der Wahl: Ich‐Erzähler erzählen über Ostdeutschland

Oh, diese Ostdeutschen! Diese Ostmänner! Nach der Bundestagswahl 2017 zeigen sie vor allem: Die gesamtdeutschen Zeitungsmacher_innen verstehen sie einfach nicht. Was läge also näher, als sich diese Spezies einmal genauer anzusehen? Doch diesmal ist alles schwieriger, schließlich fühlen sich diese Menschen nicht verstanden. Welch Rätsel, dass den westdeutschen Qualitätsmedien da gestellt wird!

Doch Lösung naht! Und sie lautet: Betroffenheitsjournalismus. Dabei geht es nicht nur um die Texte, ihre Beobachtungen und ihre Schlussfolgerungen. Nein, es geht auch um die Menschen hinter den Texten. Denn sie sollten etwas mit Ostdeutschland oder besser noch mit der DDR zu tun haben. Oder besser noch: Betroffene sein.

Dieser Ansatz war so naheliegend, dass kaum eine wichtige Zeitung in Deutschland in den Tagen nach der Bundestagswahl ohne einen entsprechenden Text blieb. Irgendwie schaffte es fast jede Redaktion Menschen mit Ost‐Biografie, Ost‐Erfahrung oder zumindest Ost‐Bekanntschaften auszugraben.

Soviel Osten auf einmal war selten. Wir bieten daher einen Überblick zu diesen Texten. Damit alle endlich etwas über den Osten lernen. Aus erster Hand. Oder aus zweiter Hand. Oder von jemanden, der mal jemanden kannte, der früher was von jemandem gehört hat.

Wer diese Liste ergänzen möchte — gerne bei uns melden!

Der Ostmann

Näher dran ist keine andere Kategorie, denn der „Ostmann“ stand seit dem Wahlergebnis im Mittelpunkt der Diskussion. Nur in dieser Kategorie wird nicht über ihn geredet, hier redet er selbst. Und man kann feststellen: Offenbar gibt es nicht allzu viele Ostmänner, die bundesweit über sich schreiben.

  • Titel: „Oh, Ostmann!“
    • Erschienen in: Die Zeit
    • Zitat: „Ich bin ein ostdeutscher Mann, und eigentlich hatte ich eine Ehrenrettung schreiben wollen.“
  • Titel: „Ich bin der ostdeutsche Mann“
    • Erschienen in: Berliner Zeitung
    • Zitat: „Ich schreibe diese Zeilen als Betroffener. Ich bin seit meiner Geburt ein ostdeutscher Mann. Für meine Mutter war das nie leicht, zumal auch mein Bruder trotz aller ärztlichen Bemühungen ein ostdeutscher Mann wurde.“

Bonus: Der Ostmann im Westen

Wenn man als Redaktion keinen Ostmann im Osten zur Hand hat, kann man ja zumindest einen Ostmann nehmen, der im Westen lebt. Seit über 10 Jahren.

  • Titel: „AfD‐Erfolg bei der Bundestagswahl 2017: Hannes (30) aus Thüringen vergleicht das Revier mit seiner Heimat“
    • Erschienen in: Der Westen
    • Zitat: „Hannes Bieler (30) kommt aus Roßleben in Thüringen. Wie nahezu alle seiner Klassenkameraden kehrte er seiner Heimat nach Abi und Zivildienst den Rücken. Ihn zog es vor elf Jahren in den Westen.“

Die Ostfrau

Immerhin kommt auch sie aus dem Osten und kennt sowohl Land als auch Leute/Männer aus eigener Anschauung. Das ist pures Betroffenheitsgold! Kein Wunder, dass es davon mehrere Texte gibt.

  • Titel: „Die späte Rache der Ossis“
    • Erschienen in: die tageszeitung (taz)
    • Zitat: „Was ist los mit dem Land, in dem ich geboren worden bin und eine glückliche Kindheit hatte? In dem ich studiert habe und das ich – ich kann nicht anders – nach wie vor meine Heimat nenne.“
  • Titel: „Wir Ossis sind nicht alle Neonazis!“
    • Erschienen in: Der Tagesspiegel
    • Zitat: „Bei all dem Ostbashing gestehe ich hier: Ich bin Ossi. Bin ich jetzt auch Neonazi? Zumindest Neonazi‐Versteherin?“
  • Titel: „Kaum läuft was schief, sind die dumm‐naiven Ossis schuld“
    • Erschienen in: Nordkurier
    • Zitat: „Die Wahrheit wollen sie uns erzählen, über uns Ostdeutsche, deren Männer zu mehr als einem Viertel AfD gewählt haben.“
  • Titel: „Werden die Ossis zu nett behandelt?“
    • Erschienen in: Die Zeit
    • Zitat: „Ich bin in Ostdeutschland aufgewachsen, ich lebe hier. Ich treffe täglich irgendwen, der AfD gewählt hat. Diesen Leuten geht es nicht mehrheitlich schlecht. Ihre Wahl war kein Akt der Verzweiflung, sondern einer der gefühlten Emanzipation. Und: eine politische Entscheidung.“

Bonus: Die Ostfrau im Westen

Da gab es doch diese Frau aus dem Osten in der Redaktion? Die immer wieder Wert darauf legt, dass sie ja gar nicht mehr Osten lebt? Die soll mal was schreiben! Wir haben ja sonst keinen für das Thema.

  • Titel: „Immer auf den Osten“
    • Erschienen in: Die Welt
    • Zitat: „Ich bin zwar kein Mann, aber ich bin auch aus dem Osten. Man sieht es mir nur nicht an, denn ich lebe nicht mehr im Osten, sondern schon sehr lange im Westen. Ich wohne schon länger im Westen, als ich im Osten gewohnt habe, länger als die DDR untergegangen ist. Ich wohne in einem Stadtteil von Berlin, der so westlich ist, wie kaum ein anderer, und soweit ich es überblicken kann, bin hier weit und breit die Einzige aus dem Osten. Ich arbeite auch im Westen, nicht nur geografisch, sondern auch politisch, nämlich bei einem Zeitungsverlag, der den Osten, als es ihn noch gab, bekämpft hat, so lange, bis er untergegangen war.“
  • Titel: „AfD im Osten: Ich verstehe das Ergebnis in meiner Heimat nicht“
    • Erschienen in: „Neue Westfälische“
    • Zitat: „Ich lebe bereits seit 2003 in Nordrhein‐Westfalen. Als ich hierher zog war ich 19, aufgewachsen bin ich aber in Cottbus. Das ist meine Heimatstadt, so sehe ich sie auch heute noch.“

Der Westbesuch

Sehen wir der Wahrheit ins Auge — viele Redaktionen in Deutschland kennen gar keine echten Ost‐Menschen. Seitdem es keine West‐Pakete mehr gibt, ist schließlich der letzte Kontakt abgerissen. Und eigentlich muss man auch nicht viel über sie wissen: Was Politik und Klamotten angeht, werden sie ewig hinterherhinken und ansonsten sind sie zu langweilig und egal, um etwas über sie wissen zu müssen. Aber um etwas Empathie zu simulieren, da gibt es ja zum Glück noch die älteren Kollegen. Die sollen einfach mal von früher reden.

  • Titel: „Die Unsolidarischen — über den Erfolg der AfD bei ostdeutschen Männern“
    • Erschienen in: Stern
    • Zitat: „Ich habe die DDR von den 60er‐Jahren, als ich noch ein kleines Kind war, bis zu ihrem Ende nahezu jedes Jahr mindestens einmal besucht.“
  • Titel: „Vom letzten Tag der DDR“
    • Erschienen in: Süddeutsche
    • Zitat: „Ich saß also am letzten Arbeitstag der DDR‐Justiz im Amtszimmer des Gerichtsdirektors an der Littenstraße. Und ein paar Szenen, die Stimmung dieses Tages dort, möchte ich Ihnen heute schildern, weil am Dienstag der Tag der Deutschen Einheit gefeiert wird — genau 27 Jahre ist das alles nun her.“
  • Titel: „DDR‐Korrespondent liest auf dem Campus“
    • Erschienen in: Rheinische Post
    • Zitat: „Kaum ein Journalist hat das letzte Jahrzehnt der DDR so nah erlebt, wie der aus Heiligenhaus stammende Peter Wensierski. Als jüngster westlicher Reisekorrespondent schrieb er ab 1979 Berichte und Reportagen über das Leben hinter dem „eisernen Vorhang“ und hatte Einblicke in Lebenswelten und Gedanken der Menschen dort.“

Auslandsbesuch

Wir Deutschen, wir haben uns ja immer so schwer mit unserer geteilten Vergangenheit. Warum nicht mal einen britischen Historiker zu Wort kommen lassen? Der ist nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Ausländer. Dem stellen wir dann auch mal die Fragen, die wir uns in Deutschland auch stellen. Aber nicht wagen zu sagen. Jetzt aber!

  • Titel: „Ostdeutschland war von Anfang an ein Fehler, sagt dieser Historiker“
    • Erschienen bei: Vice
    • VICE: Machen die Ostdeutschen uns alles kaputt?
    • VICE: Glauben Sie, dass der Osten gefährlich für Deutschland ist?

Wenn der Focus Ossis gucken geht

Es gibt Texte, die wärmen uralte Klischees über die „Ossis“ auf und lassen einen etwas ratlos zurück. Die fünfte Folge der Reihe „FOCUS sucht das echte Deutschland“ ist so ein Text. Er ist übertitelt mit „Linkenhochburg Strausberg: Wo manche die DDR für das bessere Deutschland halten“ Focus‐Redakteur Frédéric Schwilden besucht eine Hochburg der deutschen Parteien, in diesem Fall also Strausberg in Brandenburg.

Vorgetäuschte Reflexionen

Zu Beginn des Textes schreibt er ganz selbstironisch davon, dass er nun „Ossis gucken“ werde:

„Einfach dorthin fahren, wo man als Westdeutscher den edlen Wilden in Deutschland vermutet. Seit den ersten Pegida‐Aufmärschen in Dresden, seit der Aushebung der rechten Terrorzelle in Freital, seit dem angegriffenen Flüchtlingsbus in Clausnitz ist es eben in Mode gekommen, mindestens einen Fotoapparat, aber besser noch eine Kamera mit Licht und Mikrofon auf den Ostdeutschen zu richten. Darauf zu warten, dass er die Zähne fletscht, sich auf die Brust schlägt oder den Hitlergruß zeigt, sein Revier verteidigt und danach genüsslich beim Discounter eine Banane und ein Dosenbier kauft.“

Da freut sich das einwende‐Herz, denn soviel journalistische Selbstreflexion ist selten. Und doch bleibt ein schaler Beigeschmack. Können wir Stereotype aufbrechen, wenn sie erneut vorgekaut werden? Befriedigen diese Bilder nicht einfach nur die westdeutsche Sicht auf die „da drüben“?

Denn eines fällt auf: In den übrigen Folgen der Focus‐Reihe passiert das nicht. Da steigt der Journalist mit Details und Personen ein. In der CDU‐Folge über Groß Berßen nimmt Schwilden Schweineschnitzel, Klinker‐Häuser und Christian Wulff in den Fokus. Zu den Grünen in Tübingen geht es gleich zu Beginn um Inge und Walter Jens. Und zu Jachenau (CSU) fällt Schwilden der durchaus poetische Satz ein: „jeder der 848 Einwohner hat eine Geschichte, die größer ist als 128 Quadratkilometer, die mindestens so groß ist wie die ganze Welt.“ Zu Strausberg fällt Schwildens Charakterisierung ungleich profaner aus:

„In der Kleinstadt Strausberg (26.213 Einwohner) in Brandenburg trifft man keine edlen Wilden, sondern echte Menschen aus Fleisch und Blut und mit Hirn.“

Links aber besser

Wir erinnern uns: Strausberg wurde in die Focus‐Reihe aufgenommen, weil hier überdurchschnittlich viele Menschen die Linkspartei wählen. Das muss man betonen nachdem es im ersten Absatz um Pegida, rechte Terrorzellen und Hitlergruß ging. Wie bekommt der Artikel da die Kurve zu einer Partei, die mit diesem Phänomen nichts zu tun hat? Schwilden fällt dazu ein clever konstruierter Satz als Überleitung ein:

„Strausberg ist die Hochburg der Linkspartei.“

Und er fährt fort:

„In Strausberg sind noch immer Menschen, die die DDR als das bessere Deutschland empfinden.“

Das Problem mit diesem Satz, der es ja auch in die Überschrift geschafft hat: Er wird nicht belegt. Weder an dieser Stelle, noch im restlichen Artikel. Wenn Schwilden diese Menschen getroffen hat, haben sie es nicht in seinen Text geschafft. Wenn er sie nicht getroffen hat, ist es ein Vorurteil. Beides ist zumindest unsauberer Journalismus.

Gefährliche Nostalgie

Später im Artikel spricht Schwilden von einer „gefährlichen Nostalgie“. Es geht um den Linke‐Abgeordneten Christian Steinkopf. Über ihn heißt es im Text: Er war Soldat in der DDR, Geschäftsführer einer Sicherheitsfirma und er hat Geschäfte für eine Spedition in Russland gemacht. Der DDR attestiert er akute demokratische Defizite, die er „nicht so schrecklich“ findet. Stasi‐Gefängnisse hält er für rechtmäßig, da deren Insassen gegen Gesetze verstoßen hätten und er schätzt die DDR als Rechtsstaat ein. Das größte Problem Deutschlands sei, „dass wir die Widersprüche von Arm und Reich nicht lösen können“.

Viele Ansichten von Steinkopf kann man kritisieren, seinen Lebenslauf vielleicht auch. Doch all das macht der Text nicht. Er setzt den Abgeordneten in den Kontext der „gefährlichen Nostalgie“ und erklärt doch nicht, was daran gefährlich sein soll. Das ist gefährliche Argumentationslosigkeit, denn Schwilden fällt ein Urteil ohne es zu belegen.

Stasi aus heiterem Himmel

Aber halt! Ein Artikel mit Stereotypen, Klischees und Vorurteilen über den Osten ohne Stasi? Kann das sein? Natürlich nicht! Im letzten Absatz ist das offenbar auch Frédéric Schwilden aufgefallen:

„In Strausberg sieht man, dass der Verstand von Sahra Wagenknecht und die Bürgerlichkeit von Dietmar Bartsch 2017 noch immer nicht reichen, um stasifrei zu sein.“

Wohlgemerkt: Im Artikel war die Stasi bis auf die Bewertung der Gefängnisse kein Thema. Aber für eine Zeitschrift, die mal wieder „Ossis gucken“ will, ist das offenbar kein Grund, auf sie zu verzichten.

Mehrwegtaschen und die DDR

Aldi wird ab Ende des Jahres keine Einwegtaschen mehr verkaufen. Stattdessen wird es Mehrwegtaschen aus Recyclingmaterial geben.

Aber bevor wir uns freuen: Was hat das eigentlich mit der DDR zu tun?

Taschen‐Check

Nun, die Welt schüttelt den DDR‐Bezug locker aus der Assoziationskette. Und das geht so:

Bei Aldi gibt es in Kürze keine Einwegtüten mehr, weder aus Plastik noch aus Papier. Man sagt, das sei gut für die Umwelt. Man sagt, das sei fortschrittlich. In Wirklichkeit droht jedoch die Rückkehr von DDR‐Verhältnissen in deutschen Supermärkten.

Oh Schreck! DDR im Supermarkt! Die Vorstellungen an leere Regale (Bananen!) und Kohl (nicht Helmut!) führen da zuverlässig zu Schnappatmung. Es gibt aber noch Aspekte in diesem Horror‐Szenario, die bislang kaum gewürdigt worden sind — und die malt Finanz‐Redakteur Frank Stocker in den dunkelsten Farben aus:

Denn entweder kauft man dann jedes Mal einen Jutebeutel oder ähnliche Tragehilfen zu fürstlichen Preisen, oder aber man läuft von morgens bis abends stets mit Beutel umher, eben wie damals in der DDR.

Was könnte schließlich dem Freiheitsversprechen der westlichen Zivilisation stärker zuwiderlaufen als Zwang? Entweder Geld für Umweltschutz ausgeben oder sich ständig mit einen Beutel abschleppen müssen: Was könnte es Schlimmeres geben?

Fakten‐Check

Zum Beispiel einen Journalisten, dem es um dumpfe Polemik, nicht aber um Fakten geht. Im Kern plädiert Stocker für eine Beibehaltung der Plastiktüten, weil Mehrwegtaschen die Ökobilanz nicht verbessern würden.

„Dem Fakten‐Check hält dieses Argument allerdings nicht stand“, schreibt dazu das Online‐Magazin watson aus der Schweiz. Es verweist auf Untersuchungen des Eidgenössischen Materialprüfungs‐ und Forschungsanstalt EMPA. Recycling‐Mehrwegtaschen mit dem Label „Blauer Engel“ wiesen demnach eine bessere Ökobilanz auf als alle anderen getesteten Taschen.

Und Frank Stocker selbst weist nicht gerade die beste DDR‐Bilanz auf. Oder mit anderen Worten: Er war offenbar kein Opfer der Taschen‐Diktatur der DDR. Auch wenn man den Schmerz ob der Plastik‐Entsagung in seinem Text förmlich spüren kann. Dafür hat er ein Buch mit dem Titel „Wunderbare Schein‐Welt“ geschrieben.

Lesetipps

Danke an Lars für den Hinweis!

Die taz muss in Marzahn müssen: Irgendwie schön

Die taz wirft einen Blick auf den Berliner Ortsteil Marzahn. Und gleich eine ganze Serie widmet man dem Bezirk! Aber sie wirft auch die Frage auf, ob die Zeitung wirklich will. Oder doch nicht nur muss.

Die Einleitung mit Perspektiven

Nehmen wir nur die Einleitung. Überschrieben ist sie mit „Der Blick von der anderen Seite“. Welcher Blick? Welche andere Seite? Der Text beschreibt den Aufstieg auf den „Skywalk“, einer Aussichtsplattform im 21. Stockwerk eines Hochhauses. Und was sehen die Menschen von hier oben? Dem Text fällt als erstes ein: „den Westteil der Stadt“. Denn man sehe Berlin von hier „mal aus einer anderen Perspektive. Von oben, von Marzahn aus.“

Es ist also eine Frage der Perspektive und die taz möchte gerne mal eine andere einnehmen. Der Blick von der Plattform ist also mehr als metaphorisch, geradezu selbstrefentiell. Man merkt: Die Redaktion kennt bislang nur Stereotype über den Bezirk, die so vielfältig wie Plattenbauten sind. Und findet am Ende doch: „Ja, irgendwie schön hier in Marzahn.“ Aber „irgendwie schön“ ist es fast überall, besonders 70 Meter weit oben. Deutlicher kann die taz nicht formulieren, dass sie keine Ahnung von ihrem Thema hat. Aber trotzdem eine Meinung dazu.

Doch das will die taz ändern und findet sogar noch eine Rentnerin als Stichwortgeberin:

Die Dame ist fast 80 Jahre als und aus Gropiusstadt angereist, „weil ich den Ausblick mal von der anderen Seite genießen wollte“.

Das ehemals linke Blatt ist also zu einem Reiseführer geworden für die Westberliner Generation 65 plus, die in ihrem Ruhestand endlich Zeit und Mut hat, den Ostblock der eigenen Stadt zu erkunden. Irgendwie schön.

Der Hausbesuch im Konjunktiv

Doch die taz schaut nicht nur von oben herab, sie geht auch hin zu den Menschen. Für den Artikel „Die Freiheit im siebten Stock“ besucht sie deshalb ein Paar, das seit 1979 dort lebt. Darin steht dieser Satz:

Anders als die Bewohner sozialen Wohnungsbaus im Westen, die sich oft eher abgeschoben fühlten, heißt es von den Erstbeziehern in Marzahn, sie hätten hier alles mitgestaltet. Sie hätten immer gern hier gewohnt.

Hier wird nicht nur inhaltlich Ost und West getrennt, sondern vor allem sprachlich. Mit den Bewohnern im Westen wird eine emotionale Bindung konstruiert: Sie hätten sich abgeschoben gefühlt. Bei den Menschen im Osten hingegen: „heißt es“ und „sie hätten“ — und das sogar zweimal. Das ist der maximale Konjunktiv. Mehr Abstand kann ein Text gar nicht ausdrücken.

Notiz am Rande: Susanne Messmer, die Autorin des Artikels, stammt aus Marburg und schreibt ansonsten über China. Liegt ja fast so weit im Osten wie Marzahn.

Das Interview mit Nachfragen

Die taz hat natürlich auch ein Expertinnen‐Interview geführt, in diesem Fall ist Christine Hannemann die Gesprächspartnerin. Sie stammt aus Ostberlin, was bei solch einem Interview nicht oft passiert (hier unsere bisherigen Beispiele). Wie gut, dass die taz immer noch ihre Stereotypen hat (siehe oben). Denn nur so kann sie am Ende des Gesprächs diese Fragen einstreuen:

Was würden Sie einer syrischen Familie sagen, die aus einer Flüchtlingsunterkunft ausziehen muss und sich in Berlin bestenfalls eine Wohnung in Marzahn leisten kann?

Und was einer Mittelschichtsfamilie aus der Innenstadt, die aus ökonomischen Gründen dort hinziehen muss?

Müssen. Nicht leisten können. Ökonomische Gründe. Das sind also die Gründe, die für die taz für ein Leben in Marzahn sprechen, das auch ein Sinnbild des Ostens für die Zeitung ist. Irgendwie Platte. Irgendwie schön. Aber vor allem: Irgendwie unbekannt. Und irgendwie was zum Jubiläum machen müssen.

Der gottlose Osten — Berichte zum Kirchentag

Es ist Kirchentag, vom 24. bis 28. Mai treffen sich evangelische Laien in Berlin und Wittenberg. Ein Kirchentag im Osten Deutschlands also – welch wunderbare Gelegenheit, den Glauben in Ostdeutschland zu besuchen. Finden jedenfalls einige Medien. Doch was haben sie entdeckt? Mangel, keinen Glauben, Hoffnung.

Es gibt nur einen Gott

Wenn es um Glauben in Ostdeutschland geht, dann geht es ums Christentum. Kein Text sagt das explizit, aber es geht um Protestantismus und Katholizismus. Nicht um spirituelle Bewegungen oder heidnische Religionen, nicht um Buddhismus oder den Islam – und schon gar nicht um Sozialismus oder Kommunismus.

Schließlich gibt es für das Christentum klare Zahlen: 14 Prozent zahlen etwa in Wittenberg Kirchensteuer, der Rest hat sich dagegen entschieden. Oder wie es Kerstin Decker im Tagesspiegel formuliert:

Nie war der Himmel blauer. Auch das ist ein Gottesbeweis, den verstehen auch die 86 Prozent der Wittenberger, die sich daran gewöhnt haben, ohne Beistand von oben zu leben.

Etwas fehlt

Wenn man den Berichten zum Glauben in Ostdeutschland glauben kann, dann geht es auch immer um einen Mangel:

„Ja, leider sei sie Atheistin; es klingt wie: Da kann man nichts machen!“ heißt es im Tagesspiegel.

„In Gefahr ist […] die gesamte Kultur, die das Religiöse hervorgebracht hat.“, schreibt Markus Decker in der Berliner Zeitung (Print‐Ausgabe vom 24.5.2017).

Und bei der ARD heißt es: „In den meisten Familien wachsen die Kinder schon in der dritten Generation ohne Kontakt mit religiösem Wissen und ohne Erfahrungen mit religiöser Praxis auf: ein Traditionsabbruch, der unumkehrbar scheint.“

Vorteile gibt es wohl nicht beim Schwinden des Christentums, wenn man diese Erlebnisberichten aus dem gottlosen Ostdeutschland liest. Als ob tatsächlich Leerstellen blieben, die nicht durch andere Gedanken und Vorstellungen geschlossen werden würden. „Mein Glaube wurzelt in der Überzeugung, dass wir in etwas Größerem aufgehoben sind“, so beschreibt Markus Decker in der Berliner Zeitung seinen persönlichen Zugang zum christlichen Glauben. Doch gerade das ist es: individuell. Jeder Mensch kann dieses Gefühl woanders finden: Star‐Trek‐Fans und Kommunisten können da sicher zustimmen.

Ein Funken Hoffnung

Offenbar müssen Berichte aus dem atheistischen Osten auch immer zeigen, dass es Anlass zur Hoffnung gibt:

Sei es mit einem kurzen Hinweis in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung: „Aber [der Wittenberger Bürokaufmann Henning] Schulz ist immerhin auch noch Kirchenmitglied.“

Oder mit dem unerwarteten Abschlusssatz aus dem Tagesspiegel: „Mag sein, Gott will an dieser kleinen Stadt etwas Großes tun.“

Markus Decker findet eine persönliche Erfahrung berichtenswert: „Friedrich Schorlemmer […] sagte eines Tages zu mir: ‚Sie sind einer von uns.‘“

Es geht aber auch ein paar Nummern größer, wie die Hannoversche Allgemeine zeigt: Hier lässt sich ein Unfallopfer nach dem Anblick seines Wagens mit der Erkenntnis taufen: „Das musste Gott gewesen sein.“

Wieder einmal: Die Perspektive

All das macht klar: Das Thema „Glauben im Osten“ wird aus einer klaren Perspektive erzählt. Eine Perspektive, der das Christentum wichtig ist. Die sich ein Leben ohne dessen Rituale nicht vorstellen kann, nicht vorstellen will. Das ist legitim. Daraus einem ganzen Gebiet einen Mangel zu attestieren, ist es nicht. Gerade weil schon die Beschränkung auf das Christentum genau das ist: Eine Einengung der Sichtweisen, der Perspektiven. Das können die Protestanten beim Kirchentag tun. Die Medien hingegen sollten einen breiteren Blick einnehmen.

Ich konnte nur einen Bericht einer großen deutschen Zeitung finden, die eine andere Perspektive einnimmt. Dieser Text zeigt, warum wir verschiedene Ansätze brauchen und nicht noch mehr Texte, die bloß nachtrauern. Wie kann das aussehen? Hier sind Auszüge aus dem Text von Robert Ide, erschienen im Tagesspiegel Berlin:

Warum, um Himmels willen, betet man sie an, diese Kunstfiguren und ihre Litaneien aus oft althergebrachten Märchensagen? […]

Mir ist unverständlich, warum in einer säkular organisierten Demokratie die Kirche so viel Macht hat. Die Mitgliedsbeiträge der schrumpfenden Glaubensgemeinschaften werden seltsamerweise von den staatlichen Finanzämtern miteingezogen (nach dem Umbruch wurden übrigens erst einmal alle Ostdeutschen zwangseingemeindet und mussten bis zu einem Stichtag wieder austreten, obwohl sie selbst nie eingetreten waren). […]

Aber man kann auch ohne sie und angeblich von Göttern geschaffene Gebote versuchen, ein guter Mitmensch zu sein.

Rechtsextrem! Ostdeutsch! Studie! #5

Es ist wieder soweit: Eine neue Studie beschäftigt sich mit dem Rechtsextremismus im Osten Deutschlands. Also aufgepasst, Stereotypen, Klischees und Vorurteile volle Kraft voraus!

Was ist passiert?

Am 18. Mai 2017 hat das Göttinger Institut für Demokratieforschung den Abschlussberichts des Forschungsprojektes „Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland“ veröffentlicht. Darin werden Ursachen und Hintergründe für Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und fremdenfeindlich motivierte Übergriffe in Ostdeutschland untersucht. Die Ostbeauftragte der Bundesregierung hatte diese Studie in Auftrag gegeben.

Wie wird es dargestellt?

Für einen Großteil der Medienlandschaft ist die Sache klar, zumindest in den Überschriften:

Auffällig ist dabei: Die Texte selbst sind weitaus differenzierter als die zugespitzten Überschriften vermuten lassen. Absurderweise bedeutet das, dass sie ihnen widersprechen. Denn die Studie widerspricht solch vereinfachenden Aussagen explizit.

Was ist dran?

Das wichtigste vorneweg: Die Studie kann keine Aussage über Ostdeutschland treffen, weil sie Ostdeutschland nicht untersucht hat.

Die Forscher haben keine flächendeckende empirische Untersuchung gemacht, sondern zwei Regionen heraus gegriffen, die durch asylfeindliche Proteste aufgefallen waren: die Region Dresden mit den Städten Freital und Heidenau sowie Erfurt mit dem Stadtteil Herrenberg. Dort führten sie 2016 knapp vierzig Einzelinterviews mit Akteuren aus Politik, Zivilgesellschaft und Wissenschaft.

Quelle: Berliner Zeitung

Oder anders ausgedrückt: Es ist, als hätte man mit 40 Menschen in der Eifel und auf Sylt gesprochen und könnte danach etwas über Linksextremismus in Westdeutschland sagen. Was lokale Erkenntnisse bedeuten, können immer nur Vermutungen sein.

Damit sind aber auch viele Schlussfolgerungen der Studie und der Medien hinfällig. Hinweise zur DDR‐Vergangenheit etwa, die vielfach genannt werden. Kein Scherz, auch fast 30 Jahre nach dem Mauerfall lassen sich damit die Handlungen von Menschen erklären, die gerade mal volljährig sind.

Deutlichen Anlass zum Stirnrunzeln bietet aber die Studie selbst. Auf der einen Seite betont sie, dass der Ost‐West‐Gegensatz gar nicht so entscheidend sei. Dass das Verhältnis von Stadt und Land viel stärker wirke. Und doch graben die Wissenschaftler_innen für ihr Fazit so tief in der DDR‐Klischeekiste, dass sie das mit Ost und West wohl doch ernster nehmen.

Und nicht nur das: Die Journalistin Sabine Rennefanz verweist darauf, dass die Studie nicht nur von einer „ostdeutschen Mentalität“ ausgeht, sondern auch die europäische Dimension ausblendet. Die rechtsextremen Bewegungen in Frankreich, den Niederlanden und weiteren Staaten können mit einer DDR‐fixierten Analyse schließlich nicht erklärt werden.

Was lernen wir daraus?

Wenn es um Rechtsextremismus und Ostdeutschland geht, kommt es schnell zu pauschalen Urteilen. Auch wenn Studien differenzierte Erkenntnisse gewinnen, spitzen Journalist_innen und auch die Forschenden selbst lieber zu. Mit einem Blick in die Studie hätten sie festgestellt, dass sie damit Teil des Problems sind:

Unsere Befragten haben das Gefühl, dass die als überheblich wahrgenommenen Bewohner der alten Bundesländer sie noch immer geringschätzen; vor allem aber sind sie darüber verärgert, dass westdeutsche Journalisten und Politiker den Eindruck erwecken, Rechtsextremismus sei in den neuen Ländern weiter verbreitet als in den alten Bundesländern.