Goldrausch: Eine strukturlose Dokumentation

„Wie können die Menschen zum Subjekt ihrer Geschichte werden?“

Matthias Artzt und Gerd Gebhardt stellten sich im Oktober 1989 diese Frage, als sie das Ende der DDR kommen sahen. Die Wissenschaftler sahen das Eigentum in einer Schlüsselrolle — der Wechsel zum Kapitalismus musste sinnvoll gelöst werden. Sie entwickelten ein Konzept, in dem das DDR‐Wort des „Volkseigentum“ ernst genommen wurde: Länder und Kommunen hätten etwas vom Staatsbesitz erhalten, vor allem aber die Bürgerinnen und Bürger. Einen Namen für dieses Konzept hatten sie auch: Treuhand.

Es kam aber anders als gedacht: Politische Entscheidungen wurden in der alten BRD gefällt, auch die durchführenden Personen und Firmen stammten von dort. Sie einte, dass ihre eigenen Interessen im Vordergrund standen: Die Sicherung der eigenen Position, die Ausschaltung möglicher Konkurrenz oder persönliche Bereicherung. Der Umgang der Treuhandanstalt mit dem Vermögen der DDR wird mittlerweile als Fehlleistung eingeschätzt, Werner Schulz (Bündnis90/Grüne) nennt es das „größte Betrugskapitel in der Wirtschaftsgeschichte Deutschlands“.

Geschenkt. Die wirtschaftliche Abwicklung eines Staates war ohne Beispiel — das Vorgehen war also schon von der Grundanlage risikohaft und damit fehleranfällig.

Ein guter Grund also, daraus zu lernen: Die ARD zeigte am 9.10. die Dokumentation „Goldrausch — die Geschichte der Treuhand“ (hier in der Mediathek). Doch dass sie diese Geschichte und ihre Strukturen erklärt, scheint nach einer Reportage der Berliner Zeitung fraglich. Artzt und Gebhardt tauchen im Film nur kurz als Stichwortgeber auf, ihre Konzepte gar nicht. Stattdessen setzt der Film einen Fokus auf Klaus Klamroth, den Leiter der Hallenser Treuhand‐Niederlassung. Er wird als naiv dargestellt — das strukturelle Problem der Treuhand verschwindet so hinter persönlichen Unzulänglichkeiten. (Ganz ähnlich sieht übrigens Roland Berger diese Zeit: Nur einige wenige Westdeutsche hätten schadhaft gehandelt. Die Individualisierung von Verantwortung scheint en vogue). Artzt und Gebhardt kritisieren diese Schwerpunktsetzung, denn:

„Wie soll ein großer Zusammenhang erzählt werden mit Figuren, die nicht überblicken, was sie tun?“

So sah es wohl auch Dirk Laabs, der seinen Namen als Regisseur der Dokumentation zurückzog. Seine Recherchen finden sich im gleichnamigen Buch. Es macht deutlich: Die wirtschaftliche Abwicklung der DDR war voller Akteure, deren unterschiedlichen Motive miteinander verflochten waren. Doch dahinter standen professionelle Entscheidungsträger, die entsprechende Strukturen schafften.

Dass es eine Dokumentation im Jahr 2013 nicht schafft, diese Zusammenhänge darzustellen, zeigt eines: Artzt und Gebhardt waren erfolglos in ihrem Bestreben, die Menschen zum Subjekt ihrer Geschichte zu machen.

[mediathek url=„http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1137852/Frontal21-Dokumentation%3A+Beutezug+Ost#/beitrag/video/1137852/Frontal21-Dokumentation-Beutezug-Ost“]

(Die ZDF‐Doku „Beutezug Ost“ von 2010 hatte mit dem komplexen Thema hingegen kein Problem.)

Wenn DDR‐Mord, dann Stasi

In der ARD lief am 30. Januar 2013 der Spielfilm „Mord in Eberswalde“ (und ist zur Zeit nach 20 Uhr in der Mediathek zu sehen). Grundlage ist der „Fall Hagedorn“, bei dem 1969 zwei Jungen ermordet wurden. Bereits 1974 wurde dieses Verbrechen für den DDR-„Polizeiruf“ verfilmt, aber erst 2011 ausgestrahlt. 2001 produzierte die ARD eine Dokumentation über die Morde.

Und nun diese neue Verfilmung. Als Rezensent der Berliner Zeitung schreibt Torsten Wahl (leider nicht online verfügbar), dass sich der Film sachlich gebe, aber letztlich Klischees aneinander füge: lebenspraller Ost‐Mann trifft verkniffenen Karrieristen, zudem spannt der eine dem anderen die Frau aus. An einer grauen Wand hängt ein FDJ‐Emblem. Außerdem schreibt Wahl:

Wer sich noch einmal die ARD‐Doku zum „Fall Hagedorn“ ansieht, in der die damals beteiligten Kriminalisten nüchtern ihre lange Zeit vergebliche Arbeit erklären, sieht deutlich, wie sehr die jetzige Verfilmung die damalige Tätersuche unbedingt politisch aufladen und den ignoranten Stasi‐Leuten eine Mitschuld an einem weiteren Mord des Täters unterschieben will. Merke: Die Stasi ist halt immer schuld.

Ein DDR‐Film ohne Stasi, das ist offenbar undenkbar. Und mir kommt auch die Verknüpfung zwischen dem Triebleben eines Kommissars mit einem Verbrechen bekannt vor: Dies gibt es ebenfalls in der DDR‐Fiktion „Plan D“. Zufall?