Bündnis 90: Bedeutend gefeiert und prominent ignoriert

Stell dir vor, du bist als Journalist auf einer Feier und weißt anschließend nicht, was gefeiert wurde. Klingt seltsam? Leider ist dies an diesem Wochenende mehrfach passiert. Denn die Partei „Bündnis 90/Die Grünen“ beging am 10. Januar 2020 einen Doppelgeburtstag — 40 Jahre „Die Grünen“ und 30 Jahre „Bündnis 90“. Und einige Medienberichte haben einen Teil der Feier übersehen.

Zuvor ein kurzer Exkurs in die Geschichte (ausführlich bei Wikipedia): Im Jahr 1980 wurde in Karlsruhe die Bundespartei „Die Grünen“ gegründet. 1990 wiederum bildeten verschiedene Oppositionsgruppen in der DDR die Listenvereinigung „Bündnis 90“. Drei Jahre später schlossen sich beide Gruppen zusammen, die Partei heißt seitdem offiziell „Bündnis 90/Die Grünen“.

Im Januar 2020 nun also das große Jubiläumsfest, die großen Medien berichten ausführlich. Allerdings scheinen sie von ganz unterschiedlichen Festen zu schreiben. Und von ganz unterschiedlichen Parteien.

Die Problematik der zweiteiligen Partei wird allein von Jana Hensel benennt, in der Zeit schreibt sie:

Nicht nur der 40. Geburtstag der West-Grünen wurde begangen, sondern auch der 30. Geburtstag von Bündnis 90, dem ostdeutschen Vorläufer der Partei, der in der Vergangenheit gern mal vergessen wurde.

Jana Hensel: Happy Birthday, Gegenwart, Die Zeit, 11.01.2020

Weitere Erläuterungen zu dieser Problematik oder zur Bedeutung von Bündnis 90 gibt sie allerdings nicht.

Die Süddeutsche Zeitung stellt die Geschichte der Partei ausführlich dar. Selbst die Geschichte der Grünen in der DDR bekommt einen eigenen Abschnitt — so detailliert ist sonst kein Medium bei diesem Thema. Constanze von Bullion schlägt in einem weiteren Artikel in der Süddeutschen eine Verbindung zwischen der Partei und der deutsch-deutschen Geschichte:

Ein Doppelgeburtstag ist das, der ins Geschichtsbuch führt. Keine deutsche Partei hat sich in den letzten Jahrzehnten so vielen Häutungen unterzogen wie die Grünen, und der Staat häutete sich mit, notgedrungen.

Constanze von Bullion: Langer Lauf zum deutschen Staat, Süddeutsche Zeitung, 10.01.2020

Bedeutung von Bündnis 90

Auch andere Artikel sehen die Verbindung aus Bündnis 90 und Grünen als bedeutungsvoll an. So schreibt etwa Sascha Lehnartz in Die Welt:

Dass die Partei in die Mitte der Gesellschaft gerückt sei, sei nicht zuletzt dem Zusammenschluss mit den Bürgerrechtlern vom Bündnis 90 zu verdanken

Sascha Lehnartz: Eine Mahnung von Grumpy Opa Joschka an die stürmische Jugend, Die Welt, 11.01.2020

Und Stephan-Andreas Casdorff meint im Tagesspiegel:

Dass die Grünen zu einer politischen Institution werden konnten, haben sie der Wiedervereinigung zu verdanken. Ohne die und eine nachfolgende Vereinigung mit Bündnis 90 aus dem Osten gäbe es sie heute womöglich gar nicht mehr. Oder nicht so. (…) Die Bürgerbewegung der DDR war gewissermaßen ihre Rettung.

Stephan-Andreas Casdorff: Dem Osten sei Dank!, Tagesspiegel, 12.01.2020

Die DDR-Oppositionellen haben also nicht nur einen Staat zu Fall gebracht, sondern auch die Grünen gerettet! Das ist in dieser Lesart überraschend deutlich und wäre vor ein paar Jahren wahrscheinlich so noch nicht möglich gewesen.

Bündnisgrüne: Konflikte und Ausblicke

Wo aber steht diese Partei aus zwei Herkünften heute? Das Magazin Cicero sieht eine westdeutsche Dominanz:

Doch trotz aller Verneigungen (…) kann auch an diesem Abend auch der Auftritt der ehemaligen Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes Marianne Birthler, nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Partei westdeutsch dominiert ist

Moritz Gathmann, Bastian Brauns: Piep, piep, piep, Cicero, 11.01.2020

Diesen Blick innerhalb hatten wir auf einwende bereits 2018 als „Wessi-Brille“ thematisiert. Beim Jubiläumsfest gerät diese Fokussiert aber in Bewegung, das beobachtet Helene Bubrowski in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung:

Auch Marianne Birthler, die einst Sprecherin von Bündnis 90 und zuletzt Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen war, hatte noch einen Wunsch: Die Partei möge sich in „Bündnisgrüne“ umbenennen. Viele Vertreter der Bürgerbewegungen aus der DDR (…) stören sich daran, dass im normalen Sprachgebrauch der volle sperrige Name „Bündnis 90/Die Grünen“ oft zu „Die Grünen“ verkürzt wird und der Anteil der Ostdeutschen untergeht. Beide Parteivorsitzenden ließen am Freitagabend deutliche Sympathien für diesen Vorstoß erkennen.

Helene Bubrowski: Die Grünen genießen ihren Albtraum, FAZ, 11.01.2020

Valerie Höhne vom Spiegel fällt die Bezeichnung ebenfalls auf — und wagt einen Blick in die Zukunft:

Der Begriff „Bündnisgrüne“ fällt auf, er wird an diesem Abend mehrfach gebraucht. (…) Vielleicht ist es der erste Schritt, den umständlichen Parteinamen Bündnis 90/Die Grünen in einen einfacheren umzuwandeln, in einen, der dem ostdeutschen Bündnis im Namen einen ebenbürtigen Platz einräumt

Valerie Höhne: Trau‘ keinem über 40, Der Spiegel, 11.01.2020

Prominent ausgeblendet

Ohne Bündnis 90 würde es die Grünen nicht mehr geben. Eine neue Bezeichnung für die Partei wird etabliert.

Das sind bedeutende Erkenntnisse aus einer Jubiläumsfeier, an der eine journalistische Berichterstattung nicht vorbei kommen kann, oder?

Doch! Schließlich wurde 2019 ausreichend auf Ostdeutsche und ihre Befindlichkeiten geschaut — jetzt ist mal eine gute westdeutsche Partei aus guter alter westdeutscher Sicht dran!

So verkürzt der Stern den Zusammenschluss auf eine Umbenennung, das Twix unter den Parteien also:

1993 hatten sie sich — trotz heftiger Konflikte — zusammengeschlossen und heißen nun seitdem Bündnis90/Die Grünen.

Von der Öko-Opposition zur Regierungspartei: Wie sich die Grünen verändert haben, stern, 10.01.2020

Der Bonner General-Anzeiger verkürzt weiter und schmeißt sowohl Bündnis 90 als auch den Zusammenschluss von 1993 aus der Wahrnehmung:

Das war die Lehre der verlorenen Bundestagswahl von 1990. Wie keine andere Partei hat sie sich danach gewandelt.

Helge Matthiesen: Eine Erfolgsgeschichte, General-Anzeiger, 10.01.2020

Die Augsburger Allgemeine, die tageszeitung und Die Welt schweigen sich über die ostdeutschen Aspekte der Partei gleich komplett aus. Eine 45-minütige Dokumentation der ARD findet darüber auch auch kein Wort. (Danke an Robert Heinrich für den Hinweis.)

Sensible Sichtbarmachung

Nun ließe sich vortrefflich streiten: Welche Rolle spielt die DDR-Opposition denn heute noch in der Partei Bündnis 90/Die Grünen? Welchen Stellenwert hat dieser Zusammenschluss im Vergleich zu den ökologischen Ansprüchen der Partei? Lässt sich die Partei überhaupt als eine west-ostdeutsche Partei verstehen?

Das alles sind und wären wichtige Fragen, die in Medienberichten im doppelten Jubiläumsjahr – 40 Jahre „Bündnis90/Die Grünen“ und 30 Jahre Wiedervereinigung – unbedingt gestellt werden müssten. Denn gerade durch die ausführliche Berichterstattung über den Osten im letzten Jahr ist deutlich geworden: Es kann nicht so weiter gehen wie bisher.

Es ist also gut, dass der mediale Blick auf diese Parteifeier so unterschiedlich ist. Denn er zeigt, dass die Wahrnehmung ostdeutscher Belange sensibler wird. Und dass noch viel zu tun ist.

Goldrausch: Eine strukturlose Dokumentation

„Wie können die Menschen zum Subjekt ihrer Geschichte werden?“

Matthias Artzt und Gerd Gebhardt stellten sich im Oktober 1989 diese Frage, als sie das Ende der DDR kommen sahen. Die Wissenschaftler sahen das Eigentum in einer Schlüsselrolle — der Wechsel zum Kapitalismus musste sinnvoll gelöst werden. Sie entwickelten ein Konzept, in dem das DDR-Wort des „Volkseigentum“ ernst genommen wurde: Länder und Kommunen hätten etwas vom Staatsbesitz erhalten, vor allem aber die Bürgerinnen und Bürger. Einen Namen für dieses Konzept hatten sie auch: Treuhand.

Es kam aber anders als gedacht: Politische Entscheidungen wurden in der alten BRD gefällt, auch die durchführenden Personen und Firmen stammten von dort. Sie einte, dass ihre eigenen Interessen im Vordergrund standen: Die Sicherung der eigenen Position, die Ausschaltung möglicher Konkurrenz oder persönliche Bereicherung. Der Umgang der Treuhandanstalt mit dem Vermögen der DDR wird mittlerweile als Fehlleistung eingeschätzt, Werner Schulz (Bündnis90/Grüne) nennt es das „größte Betrugskapitel in der Wirtschaftsgeschichte Deutschlands“.

Geschenkt. Die wirtschaftliche Abwicklung eines Staates war ohne Beispiel — das Vorgehen war also schon von der Grundanlage risikohaft und damit fehleranfällig.

Ein guter Grund also, daraus zu lernen: Die ARD zeigte am 9.10. die Dokumentation „Goldrausch — die Geschichte der Treuhand“ (hier in der Mediathek). Doch dass sie diese Geschichte und ihre Strukturen erklärt, scheint nach einer Reportage der Berliner Zeitung fraglich. Artzt und Gebhardt tauchen im Film nur kurz als Stichwortgeber auf, ihre Konzepte gar nicht. Stattdessen setzt der Film einen Fokus auf Klaus Klamroth, den Leiter der Hallenser Treuhand-Niederlassung. Er wird als naiv dargestellt — das strukturelle Problem der Treuhand verschwindet so hinter persönlichen Unzulänglichkeiten. (Ganz ähnlich sieht übrigens Roland Berger diese Zeit: Nur einige wenige Westdeutsche hätten schadhaft gehandelt. Die Individualisierung von Verantwortung scheint en vogue). Artzt und Gebhardt kritisieren diese Schwerpunktsetzung, denn:

„Wie soll ein großer Zusammenhang erzählt werden mit Figuren, die nicht überblicken, was sie tun?“

So sah es wohl auch Dirk Laabs, der seinen Namen als Regisseur der Dokumentation zurückzog. Seine Recherchen finden sich im gleichnamigen Buch. Es macht deutlich: Die wirtschaftliche Abwicklung der DDR war voller Akteure, deren unterschiedlichen Motive miteinander verflochten waren. Doch dahinter standen professionelle Entscheidungsträger, die entsprechende Strukturen schafften.

Dass es eine Dokumentation im Jahr 2013 nicht schafft, diese Zusammenhänge darzustellen, zeigt eines: Artzt und Gebhardt waren erfolglos in ihrem Bestreben, die Menschen zum Subjekt ihrer Geschichte zu machen.

[mediathek url=„http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1137852/Frontal21-Dokumentation%3A+Beutezug+Ost#/beitrag/video/1137852/Frontal21-Dokumentation-Beutezug-Ost“]

(Die ZDF-Doku „Beutezug Ost“ von 2010 hatte mit dem komplexen Thema hingegen kein Problem.)

Wenn DDR-Mord, dann Stasi

In der ARD lief am 30. Januar 2013 der Spielfilm „Mord in Eberswalde“ (und ist zur Zeit nach 20 Uhr in der Mediathek zu sehen). Grundlage ist der „Fall Hagedorn“, bei dem 1969 zwei Jungen ermordet wurden. Bereits 1974 wurde dieses Verbrechen für den DDR-„Polizeiruf“ verfilmt, aber erst 2011 ausgestrahlt. 2001 produzierte die ARD eine Dokumentation über die Morde.

Und nun diese neue Verfilmung. Als Rezensent der Berliner Zeitung schreibt Torsten Wahl (leider nicht online verfügbar), dass sich der Film sachlich gebe, aber letztlich Klischees aneinander füge: lebenspraller Ost-Mann trifft verkniffenen Karrieristen, zudem spannt der eine dem anderen die Frau aus. An einer grauen Wand hängt ein FDJ-Emblem. Außerdem schreibt Wahl:

Wer sich noch einmal die ARD-Doku zum „Fall Hagedorn“ ansieht, in der die damals beteiligten Kriminalisten nüchtern ihre lange Zeit vergebliche Arbeit erklären, sieht deutlich, wie sehr die jetzige Verfilmung die damalige Tätersuche unbedingt politisch aufladen und den ignoranten Stasi-Leuten eine Mitschuld an einem weiteren Mord des Täters unterschieben will. Merke: Die Stasi ist halt immer schuld.

Ein DDR-Film ohne Stasi, das ist offenbar undenkbar. Und mir kommt auch die Verknüpfung zwischen dem Triebleben eines Kommissars mit einem Verbrechen bekannt vor: Dies gibt es ebenfalls in der DDR-Fiktion „Plan D“. Zufall?