Aktuelle DDR‐Vergleiche #20 — Truman Show

Die Truman Show: Das gesamte Leben eines Menschen ist nur eine Reality‐Show fürs Fernsehen — doch er weiß nichts davon. Die DDR der 80er Jahre hat den Regisseur Armin Petras an diesen Film erinnert. Im Interview mit dem Tagesspiegel zeigt sich, dass er mehr als einen simplen Vergleich vor Augen hat:

Man fragte sich, was für ein bizarres Stück führen die hier auf. Mitte der achtziger Jahre war klar, das wird nichts mehr. […] Deshalb lohnt es zu schauen, wann das anfing, eine Farce zu werden – und nicht arrogant davon auszugehen, dass dieses Land schon immer ein schlechter Witz war. Man liest die Erzählung von Christa Wolf und denkt, dass es auch hätte anders kommen können. Es gab doch nicht nur Stalinisten und Duckmäuser, auch suchte man 1949 nicht nur in der DDR nach einer anderen Zukunft. Das Ahlener Programm der CDU von 1947 ist kapitalismuskritischer als alles, was die Linkspartei heute fordert.

 

Die DDR, Land ohne Literatur

Die Buchhandlungen müssen wohl umsortieren, wenn sich die Ansicht von Werner Fuld durchsetzt. Der Autor und Literaturkritiker spricht den Werken von Christa Wolf, Heiner Müller, Franz Fühmann und anderen nämlich jede ästhetische Qualität ab. Grund sei die Zensur in der DDR gewesen. Die in der DDR publizierte Literatur verdiene daher nicht den Namen Literatur im Sinne westeuropäischer Literatur — es habe sich vielmehr um „Lebenshilfe“ gehandelt.

So behauptet Fuld im Interview mit Deutschlandradio Kultur:

Und ein Buch, das erscheinen durfte, nur weil es vollkommen konform mit den gesellschaftspolitischen und ästhetischen Vorstellungen der herrschenden Klasse ist, das kann keine besonders gute Literatur sein.

Hier ließe sich ähnlich polemisch entgegnen: Schade, dann ist kein einziges Buch auf dem gesamtdeutschen Buchmarkt im fuldschen Sinne als Literatur zu bezeichnen — in der Marktwirtschaft werden nun einmal die Dinge publiziert, bei denen davon ausgegangen wird, dass sie von vielen Menschen gekauft werden. Heißt: Mit dieser Argumentationslinie kann man sich wohl kaum einem sinnvollen Literaturbegriff nähern.

Ein großes Lob kommt indes Frank Meyer zu, der das Interview mit Fuld führte. Er macht auf dessen westzentrierte Zirkelschlüsse aufmerksam:

Fuld: Im Übrigen ist ein Großteil der DDR‐Literatur ja inzwischen verschwunden. Man redet überhaupt nicht mehr davon, und das ist ja auch ein Zeichen, dass es …

Meyer: Das tun Sie vielleicht nicht, Herr Fuld. Ich kenne viele andere Leser, die das genau tun.

Er weist auf die simple Argumentation Fulds hin:

Meyer: Ja, im Bezug auf die sozialistischen Länder schließen Sie ja genau diesen vereinfachten Schluss, dass alles, was verboten wurde, die bessere Literatur ist, und alles, was erscheinen durfte, literarisch nichts wert ist.

Und schließlich zeigt Meyer auf, was Werner Fuld mit diesem Interview unter Beweis gestellt hat — er hat keine Ahnung von dem, was er kritisiert:

Meyer: Ich habe leider den Eindruck, dass Sie keine Kenntnis haben von den Literaturverhältnissen in der DDR. Es gab eine Unmenge von Büchern, die DDR‐Leser ermutigt haben, sich gegen dieses System zu stellen.

Christa Wolf, so behauptet Fuld, wäre in Kürze vergessen. Für den Autoren Werner Fuld ist ein ähnliches Schicksal anzunehmen. Bis dahin unbedingt zu empfehlen als Lehrstück deutsch‐deutscher Literaturkritik ist das Interview von Frank Meyer mit Werner Fuld.