Aktuelle DDR-Vergleiche #30 – Bürgerversicherung

„Wir brauchen Vielfalt in diesem Land und keine DDR 2.0“, sagt Oliver Bäte. Er ist Vorstandsvorsitzender der Allianz-Versicherung. Was man an diesem Zitat vielleicht nicht sofort erkennt: Damit spricht er sich gegen die Bürgerversicherung aus. Wikipedia definiert sie so:

Der Begriff Bürgerversicherung bezeichnet in Deutschland verschiedene Konzepte eines solidarischen Sozialversicherungssystems mit dem Kennzeichen, dass ausnahmslos alle Bürger und unter Einbeziehung aller Einkunftsarten Beiträge in die gesetzliche Krankenversicherung leisten und gleichermaßen alle Bürger im Versicherungsfall daraus gleiche Leistungen in Anspruch nehmen können.

Dieses Konzept könnte Teil der Koalitionsverhandlungen zwischen CDU/CSU und SPD werden. Warum das aber ein Aufleben der DDR bedeuten würde? Das sagt Bäte nicht. Das Schlagwort reicht offenbar.

Und das nicht zum ersten Mal. Im Dezember 2017 titelte der CDU-Bundestagsabgeordnete Andreas Steier für eine Pressemitteilung zur Bürgerversicherung: „Ich dachte, wir hätten die DDR überwunden, liebe SPD“. Auch hier bleibt es beim deftigen DDR-Wort, im Text fehlt jeder Bezug darauf.

Was die DDR und die Allianz verbindet

Dabei könnte sich Oliver Bäte kaum über die DDR beschweren: Schließlich hat die Allianz nach der Wiedervereinigung das Privatkundengeschäft der staatlichen Versicherung der DDR übernommen. Das Unternehmen wurde dadurch zum Marktführer in den ostdeutschen Bundesländern.

Was Bäte mit „Vielfalt“ meint, hat er übrigens auch nicht erklärt.

Erwartbare Meldungen zur Lebenserwartung

Erwartbare Meldungen zur Lebenserwartung

Wir meckern ja viel zu oft und freuen uns zu wenig. Gerade an diesen sommerlichen Tagen. Also mal eine schöne Meldung:

Die Wiedervereinigung hat dazu geführt, dass die Menschen in den neuen Bundesländern heute länger leben als zu Mauerzeiten.

Das schreibt die Pharmazeutische Zeitung am 23.7. unter Berufung auf die Studie „So geht Einheit“ des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Die Veröffentlichung hatte für einigen Wirbel gesorgt ob der unschönen Unterschiede zwischen West und Ost, die darin stehen – aber bei der Lebenserwartung kann man sich freuen: Endlich etwas, wovon der Osten mal wirklich profitiert hat!

Quelle: So geht Einheit, 2015, S.48.

Quelle: So geht Einheit, 2015, S.48.

Gut, man könnte ein wenig nörgeln und darauf verweisen, dass die Lebenserwartung von Männern aus dem Osten just zur Wendezeit einen klaren Knick erlebt hat und erst 1994 den Stand von vor der Wende wieder erreicht hat. Und dass die DDR-Lebenserwartungen bis 1976 meist näher an den West-Vergleichsgruppen lag als heute oder im Fall der DDR-Männer sogar darüber: Das passt so gar nicht zum Bild des durchstartenden Westens nach Kriegsende. Erläutert werden beide Fälle in der Studie nicht.

Auf eine Sache verweisen Zeitung und Studie auch nur im Nebensatz:

Heutzutage hinge die Lebenserwartung nicht mehr vom Geburtsort, sondern von sozio-ökonomischen Faktoren wie Arbeits- und Einkommensverhältnissen oder dem Bildungsstand ab.

Aber: Wir wollen ja nicht jammern! Schauen wir lieber auf diese schöne Meldung aus dem Jahr 2014:

Länger leben im Osten dank Mauerfall

2014? Ja, am 10.9.2014 titelte das Neue Deutschland so unter Berufung auf eine Studie des Rostocker Max-Planck-Instituts. Dort sagte man begeistert:

„Der Zugewinn an Lebenszeit ist damit eine der größten, wenn auch oft übersehenen Errungenschaften der deutschen Einheit.“

Ach wie schön. Aber wir haben auch noch eine weitere Studie aus dem Jahr 2013:

Ostdeutsche leben länger — dank der deutschen Einheit

Ja, der Tagesspiegel meldete am 9.7.2013 eine Studie der Universität Rostock, die zu diesem Schluss gekommen war. Aber damit nicht genug: 2011 konnte der Wirtschaftsdienst die Angleichung der Lebenserwartung vermelden und 2009 der Focus, immer mit Verweis auf aktuelle Zahlen des Max-Planck-Instituts. Welch schöne Meldungen! Wie verlässlich! Wie wissenschaftlich bahnbrechend!

Man kann es natürlich auch so böse formulieren, wie es die taz 2011 getan hat:

Die Lebenserwartung von Geringverdienern ist entgegen aller Trends in den letzten zehn Jahren deutlich gesunken. […] Das Phänomen betrifft ausschließlich Männer und den Osten härter als den Westen.

Also, das klingt ja gar nicht schön. Aber doch bitte nicht zur Sommerzeit — war doch klar, warum das in der Einheitsstudie so verklausuliert war. Und wehe, jemand kommt damit vor den tollen Einheitsfeierlichkeiten daher!

Impfen in der DDR — und die FAZ spricht lieber vom Klassenkampf

„Das Impfen war auch Klassenkampf“ — so titelt ein FAZ-Artikel. Und ist dabei hin- und hergerissen: Nur eine Handvoll Maserfälle gebe es derzeit im Osten Deutschlands — doch in der DDR habe man bis zur Volljährigkeit „17 Pflichtimpfungen über sich ergehen“ lassen müssen. Dass beides direkt zusammen hängt, ist unbestritten, das weiß auch der Artikel. Doch dann kann man nicht gleichzeitig für die Erfolge und gegen deren Ursache sein.

Doch der Artikel von Frank Pergande ist nicht nur unentschlossen: Er ist so DDR-fixiert, dass er die BRD ganz vergisst. „Der Impfzwang entstand zunächst in der Nachkriegszeit“ — streckenweise liest sich das, als hätte das östliche Deutschland seine Einwohner_innen medizinisch unterjocht. Doch es fehlt der entscheidende Hinweis, dass dies in der BRD ursprünglich nicht viel anders war. Pergande hätte dies wissen können, zitiert er doch in weiten Passagen aus einem wissenschaftlichen Aufsatz der Zeitschrift „Zeithistorische Forschungen“. Hier werden die Impfpraktiken in BRD und DDR miteinander verglichen. Im FAZ-Artikel hingegen nicht.

Worauf der wissenschaftliche Artikel auch einen Hinweis bietet: Mit dem Begriff „Impfzwang“ operierte letztlich nur die BRD — und das nicht einmal in Bezug auf die DDR, sondern in Hinblick auf ihren eigenen Umgang mit dem Impfen. Der „Zwang“ ist eine nachträgliche Rückprojektion auf die DDR-Praktiken, die gar nicht so zwanghaft waren. Davon berichtet nicht nur ein Arzt im FAZ-Artikel — was die innere Zerrissenheit des Textes noch weiter unterstreicht — sondern auch Wolfgang Kiehl im Interview mit der Berliner Zeitung. Er war verantwortlich für die Impfungen, die den Masern-Ausbruch von 1970 in der DDR stoppten:

Gegen „Verweigerer“ wurde nichts unternommen. Darum ärgert mich, wenn in der aktuellen Debatte von „Impf-Zwang“ die Rede ist. Nein, wir haben die Impfpflicht aufgefasst als Pflicht des Staates, die Kinder zu schützen und zugleich als Pflicht der Eltern, diese Möglichkeit zu nutzen. Es war eine moralische Pflicht, zum Impfen zu gehen – und bald selbstverständlich. Das basierte nicht auf Zwang, sondern auf hohem Vertrauen gegenüber Ärzten und Gesundheitswesen.

Entscheidend sei, dass Ärzte individuell Überzeugungsarbeit leisten können — dies schaffe man heute aber heute zeitlich nicht mehr. Impfen ist also weniger eine Frage des Klassenkampfes als der Zeit. Notwendig ist es allemal, da ist man sich systemübergreifend einig. Sonst würde sich die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wohl kaum so mit ihrer Kampagne „Deutschland sucht den Impfpass“ abmühen.

 

Zähne-Zahlen in Ost und West

Nein, sowas: Da sind die Ostdeutschen doch tatsächlich einmal den Westdeutschen voraus. Denn die Krankenkasse Barmer GEK hat den „Zahnreport“ vorgestellt. Ganz neue Erkenntnis: Die Menschen im Osten gehen häufiger zu Zahnärztinnen und Zahnärzten. Eine Erklärung gibt es natürlich auch gleich dazu:

Menschen aus der ehemaligen DDR kümmerten sich mehr um ihre Zähne, weil dort in Kindertagesstätten und Horten viel Wert auf Zahnpflege gelegt worden sei, vermutet der Vizechef der Barmer GEK, Rolf-Ulrich Schlenker.

Das ist natürlich schön. Denn das ist nicht nur besser für die Gesundheit, sondern auch für den Geldbeutel:

Tatsächlich sind die Gesamtausgaben der Krankenkassen für Kronen und anderen Zahnersatz in den neuen Ländern deutlich niedriger als im Westen. Zudem zeigen die Zahlen der Barmer GEK, dass die Ostdeutschen im Fall der Fälle weniger aus der eigenen Tasche zuzahlen.

Äh, Moment: Wenn den zahnbewussten Ossis ihre Gesundheit dermaßen wichtig ist, sollten die doch bei der Behandlung nicht sparen. Vielleicht gibt es doch noch einen ganz einfachen Grund dafür?

Die Ostdeutschen wählen lediglich den preiswerten Standard, weil sie sich nicht mehr leisten wollen oder können. Kassen-Vorstand Schlenker tippt auf Letzteres: „Hier zeigt sich ein Wohlstandsgefälle.“

Tja, da kann man noch so viel Prägung und Erfahrung aus Kindertagesstätten und Horten mitbringen: Mehr Geld gibt’s dadurch auch nicht. Oder vielleicht ist ein häufiger Zahnarztbesuch einfach die bessere Methode, noch mehr Kosten zu vermeiden? Ich kann mich gerade nicht entscheiden, ob eine 25 Jahre alte Prägung oder aktuelle finanzielle Sorgen wichtiger sind …