Der NS/BRD/DDR‐Vergleich ist heiß

25 Jahre Mauerfall werfen ihre Schatten voraus: Die Stasi‐Unterlagenbehörde steht zur Debatte. Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, sieht die Zukunft der Stasi‐Akten im Bundesarchiv, denn:

Die DDR ist auch Teil der westdeutschen Geschichte.

Er spiele damit auf einen wunden Punkt an: Die Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik interessiert im Westen nicht. So weit, so gut. Seine weitergehende Forderung hat mit dieser Feststellung aber nicht mehr viel gemein:

[M]an sollte etwa Nationalsozialismus und DDR gemeinsam betrachten, um vergleichend zu arbeiten.

Nazis sind wie Zombies: Ebenso unerwartet wie untot entern sie jede Debatte und sabbern alle guten Argumente weg.

Jetzt aber mal bitte die ernsthaften Buzzwords sammeln: DDR, westdeutsch, vergleichend. Also, warum denn nicht die zweifache deutsche Nachkriegsgeschichte nebeneinander stellen? Wie haben sie die unmittelbare Vergangenheit verarbeitet, wie gingen sie die Zukunft an, wie war der Umgang mit den jeweiligen Bündnispartnern, etcetera pp.? Ist das so abwegig oder liegt der Vergleich mit dem Zombie‐Regime wirklich so verdammt nahe?

Wobei: Wenn die DDR Teil der westdeutschen Geschichte ist, vergleicht man diese dann nicht auch automatisch mit dem Nationalsozialismus? Ein Kollateralvergleich, sozusagen.

Wo Zombies auftauchen, passieren eben unerwartete Dinge.

Godwin’s law, Stasi‐Edition

Godwin’s law besagt, dass es im Verlauf längerer Diskussionen immer wahrscheinlicher wird, dass jemand einen Nazi‐Vergleich einbringt. Mehr dazu auf Wikipedia.

Möglicherweise muss das dieses Gesetz demnächst um den IM‐Faktor erweitert werden. Denn je länger ein Thema in den Medien ist, desto wahrscheinlicher wird es, dass eine der beteiligten Personen als Inoffizieller Mitarbeiter oder Inoffizielle Mitarbeiterin (IM) der Stasi enttarnt wird.

So ist es jetzt geschehen im Fall Drygalla.

Das ist nur ein Fall von vielen.

Ähnliches passierte 2009 zum Tod von Benno Ohnesorg. 2011 gab es Berichte zur IM‐Tätigkeit von Horst Mahler. Und auch Joachim Gauck wurde in der Nähe zur Stasi vermutet.

Gemeinsam ist all diesen Fällen, dass bereits die Vermutung einer Zusammenarbeit mit der Stasi große mediale Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ob es sie tatsächlich gab und was sie jeweils bedeutet: Das geht in der Regel unter. Und auch das eigentliche Thema steht von da an im Schatten der Stasi. Ganz im Sinne von Godwin’s law.

Kommunisten, Geschichtstotalitaristen und Architektur

„Ist einer ein Kommunist, nur weil er nicht jedes Gebäude, welches zur Zeit der DDR errichtet wurde, sofort niederreißen, abbrennen, total vernichten will?“

So beginnt der Artikel „Die letzten Spuren der DDR“ zu architektonischen Veränderungen im Osten Deutschlands nach 1990.  Wer einen Text aus dem Neuen Deutschland erwartet, muss enttäuscht werden: Der Kommentar stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, verfasst von Claudius Seidl, dem verantwortlichen Redakteur des Feuilletons.

Auch das Resümee ist durchaus überraschend für ein eher konservatives westdeutsches Blatt:

„Vermutlich ist es nur der Nebeneffekt dieses pseudobürgerlichen Geschmacks‐ und Geschichtstotalitarismus: dass die Spuren der DDR aus den Innenstädten verschwinden. […] Was dann aber nichts anderes ist als der brutale Sozialismus, der Schlösser und Kirchen sprengte, zum Zeichen, dass die Herrschaft von Adel und Klerus überwunden sei.“

Wobei sich dies aber auch nicht vorbehaltlos verallgemeinern lässt: So wurde die preußische Architektur in Ost‐Berlin in vielen Teilen wiederhergestellt — was heute Unter den Linden fotografiert wird, ist prinzipiell DDR-(Rekonstruktions-)Bau. Und weshalb Seidl diese Bürgerlichkeit als „pseudo“ abwertet, ist mir auch nicht so klar.

Schließlich verweist Seidl auf das Haus der Kunst in München, dessen Standort und Architektur von Adolf Hitler in Auftrag gegeben wurde und zum ersten Monumentalbau der Diktatur wurde — und das weiterhin für Kunstausstellungen genutzt wird.

Ein äußerst bezeichnender Umgang mit deutscher Vergangenheit, bei dem nationalsozialistische Propaganda erhalten bleibt und Nutzbauten der DDR abgerissen werden.

Rassismus als Generationskonflikt

Erstaunlich, dass es solange gedauert hat, bis diese These in die mediale Öffentlichkeit gedrungen ist: „DDR‐Erziehung ist Schuld an rechter Gewalt“ titelt die Mitteldeutsche Zeitung.

Im Artikel selbst klingt das dann doch etwas anders, denn der Dresdner Politologe Werner Patzelt führt darin die Morde der „Zwickauer Zelle“ auf einen einfachen Generationenkonflikt zurück . Das liest sich dann so:

in einer „sich antifaschistisch gebenden Gesellschaft“ habe man kommunistische Eltern am meisten mit dem ‚Bekenntnis zum Faschismus‘ ärgern können.

Dazu, wie daraus tödliche rassistische Taten entstehen konnten, gibt der Artikel keine Auskunft. Mögliche Erklärungsansätze wie der Wende als Umbruchserfahrung oder immerhin 20 Jahre in einem anderen Land (also der Großteil der Lebenszeit der Personen, um die es geht) werden gar nicht erst in Erwägung gezogen.

Auch gibt dieser Satz eher Rätsel auf: „die Mehrheit der 17 Millionen ehemaligen DDR‐Bürger beweise, dass die DDR‐Sozialisation nicht zwangsläufig zu rechtsradikaler Gewalt geführt habe.“

Zum Schluss fordert Patzelt schließlich einen Vergleich zwischen DDR und NS‐Staat ein — die Gemeinsamkeiten zwischen DDR‐Sozialismus und Nationalsozialismus (z.B. Militarisierung und „Verachtung von Bürgerlichkeit und Intellektualität“) seien bislang zu wenig beachtet worden. Solche Vergleiche dienten allerdings dazu, das 3. Reich zu verharmlosen und die DDR undifferenziert zu betrachten, wie Wolfgang Wippermann in seiner Streitschrift „Dämonisierung durch Vergleich“ kritisiert.

Glückwunsch, Mitteldeutsche Zeitung! Dies ist ein Paradebeispiel für eine Verharmlosung von Rassismus und Nationalsozialismus, gespickt mit DDR‐Dämonisierung.