„Wessi‐Brille“

Erst kürzlich schrieb Sophie Passmann über ihre westdeutsche Sicht auf den Osten Deutschlands, nun zieht Agatha Kremplewski in der Huffington Post nach. Sie schreibt über ihre Erlebnisse in Görlitz, denn es war ihr „erster Ausflug in den Osten“. Wie in einem Drehbuch folgt sie dabei den gleichen Schritten wie Passmann:

1. Die gelernten Stereotype wiederholen:

Drüben ist es irgendwie ärmlicher als bei uns. Das wussten wir aus Witzen über “Dunkeldeutschland”, über den sächselnden Ossi, der mit dem Trabbi über die Grenze brettert, von Sprüchen wie: “Wir hatten doch nüscht.” […] Naja, und im Osten sitzen halt die Nazis. Das ist ja klar.

2. Die Klischees entdecken:

Deswegen ist es wohl kein Wunder, dass ich schon beim Eintreffen in Görlitz nach Spuren für oder gegen Rechtsradikale suche und mir, neben den wunderschönen Jugendstil‐Gebäuden und nahezu menschenleeren Straßen, als erstes der Stromkasten mit dem Spruch gegen Nazis auffällt.

3. Ganz selbstkritisch mit sich selbst umgehen:

Gleichzeitig stelle ich fest: Ich schaue wieder durch meine Wessi‐Brille und suche geradezu nach bedrohlichen Spuren von politischem Radikalismus. […] Dass viel näherliegende Städte wie zum Beispiel Dortmund über eine sehr aktive Neonaziszene verfügen, hatten wir irgendwie nicht so auf dem Schirm, oder vielleicht haben wir uns den Osten nur einfach noch viel schlimmer vorgestellt […].

4. Am Ende einen versöhnlichen Schluss ziehen:

Wie schön ist es doch, sich als Wessi darauf verlassen zu können: Da drüben ist alles kacke. Wie schön ist es doch, sich als Ossi darauf verlassen zu können: Da drüben sind alle Snobs.

Die Wessi‐Brille in Journalismus und Politik

Die beiden Autorinnen sind da nicht allein. Bei ze.tt schrieb Seyda Kurt im Oktober 2018 ebenfalls darüber, wie ihr unhinterfragter westdeutscher Blick ganz reale Folgen für ihre journalistische Arbeit hat:

Und ich habe eine westdeutsche Sicht auf diese Gesellschaft angelernt bekommen und als Standard angelegt. (…) Wir Journalist*innen arbeiten uns in Dauerschleife an dem Bild der verkorksten Ossis ab, sodass wir nicht im Ansatz so weit sind, die Vielfalt an Lebensrealitäten sichtbar zu machen, die es dort gab und gibt.

Diese neue Selbstkritik gibt es nicht nur im Journalismus — auch in der Politik fasst sie Fuß. So verweist Claudia Müller auf die West‐Brille innerhalb von Bündnis 90 / Die Grünen. Sie koordiniert die Gruppe ostdeutscher Grünen‐Bundestagsabgeordneter — sieben von 64 insgesamt — und meint:

Bündnis 90 ist den Grünen nicht beigetreten, wir haben uns vereinigt – das verpflichtet zu einer gemeinsamen Perspektive. […] Wir Grüne dürfen den westdeutschen Blick auf Land und Leute nicht mit einem gesamtdeutschen verwechseln – die ostdeutsche Perspektive fehlt oft.

Auch bei den Sozialdemokraten kommen prominente Mitglieder aus dem Osten zu dem Schluss: Zu häufig herrsche auch in der SPD Partei ein „Westblick“. Die Ost‐SPD soll „wieder stärker Interessen, Botschaften und Visionen aus ostdeutscher Sicht einbringen“, fordert etwa Manuela Schwesig.

Weg vom Toastbrot‐Journalismus!

Ja, die Zeiten sind hoffentlich vorbei, in denen Redaktionen anhand von Toastbrot über Ostdeutschland befinden und das als Journalismus verstehen. Das liegt auch an Chefredaktionen, die nun ostdeutscher werden — und das ganz selbstbewusst. So schrieb ze.tt-Chefin Marieke Reimann unter der Überschrift „Mehr Ossis in die Medien, bitte!“:

Ich arbeite seit 15 Jahren im deutschen Journalismus und war in jeder Redaktion, in der ich schrieb, die einzige oder eine von sehr wenigen Ostdeutschen. […]

Es [sollte] Anspruch und Aufgabe eines gesamtdeutschen Journalismus sein, ein – einheitliches – Bild aller Ecken unseres Landes zu präsentieren und für eine ausgewogene Berichterstattung zu sorgen. Dann bin ich vielleicht in einigen Jahren nicht mehr eine von ganz wenigen ostdeutschen Chefredakteur*innen Deutschlands.

Die ostdeutsche Herkunft der Chefredakteurin ist den Themen des Portals durchaus anzumerken. Ähnliches bei anderen Portalen unter Ost‐Leitung: So hatte Juliane Leopold als Chefredakteurin bei BuzzFeed durchaus progressiv Ostthemen platziert, inzwischen ist sie Leiterin von tagesschau.de. Auch das langjährige Engagement der „Zeit im Osten“ lässt die alte Dame Zeit auf dem Ost‐Auge wieder besser sehen.

Und weil die ostdeutschen Journalist*innen ja nicht alles selbst machen können: Wie gut, dass im Westen die eigene Sehschwäche gesehen wird. Denn eine neue Brille ist immer eine gute Idee!

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