Presseschau: 9. November 2014

Der 9. November 2014 geht zu Ende — wie wurden die Tageszeitungen zu diesem Termin gestaltet? Hier ein Überblick darüber, wie ein paar ausgewählte Blätter in ihren regulären Samstagsausgaben vom 8. November 2014 mit dem Jahrestag umgegangen sind.

Berliner Zeitung

Titel

Ein großformartiges Foto, mehr nicht. Ein passender Auftakt: Das Thema 25 Jahre Mauerfall hat die Ausgabe auf 72 Seiten völlig in Beschlag genommen – aktuelle Meldungen haben nur auf 8 Seiten Platz gefunden.

Die beste Idee

Eine Zeitleiste von Januar 1989 bis heute, Beiträge von Prominenten und Entscheidungsträger_innen, Ost und West in vielen statistischen Vergleichen, Artikel zu verschiedenen Aspekten: Das Gesamtkonzept dieser Ausgabe ist beeindruckend.

Die doofste Idee

Wer Beiträge von Prominenten und Entscheidungsträger_innen schreiben lässt, kommt zwangsläufig zu einem starken Westblick. Und zu vielen „Ich habe vom Mauerfall gehört“-Sätzen, die nicht so recht in diese Ausgabe passen.

Die beste Erkenntnis

„Die gesamtdeutsche Sportgeschichte seit der Wende ist mehr als die Zusammenführung zweier Dopingsysteme.“

Der doofste Erkenntnis

„Die Deutsche Einheit […] habe ich in Hamburg erlebt […]. Wir waren am Abend mit Freunden zusammen, als wir einen Anruf bekamen: ‚Macht doch mal den Fernseher an, die Mauer ist auf.‘“ Hartmut Mehdorn kann leider nicht den 9. November und 3. Oktober auseinander halten.

Die Welt

Titel

Ein Paar umarmt sich am Grenzübergang Bornholmer Straße. Die Überschrift: „Das Lachen einer Novembernacht“. Die Lyrikabteilung der Welt schlägt zu.

Die beste Idee

Wie ist es eigentlich zur Meldung gekommen, die Schabowski in der Pressekonferenz präsentiert hat? Eine umfangreiche Infografik zeichnet den Weg von 9 Uhr morgens bis 20 Uhr abends nach. Einziger Kritikpunkt: Gezeichnet sieht Egon Krenz aus wie Prinz Charles.

Die doofste Idee

Eine halbe Seite zu Biermanns Frotzeln gegen die Linkspartei ist zu viel Aufmerksamkeit für eine vorhersagbare Episode.

Die beste Erkenntnis

Ostdeutsche steigen eher durch eigene Anstrengungen auf. Einkommen und Status der Eltern im Westen haben einen deutlich größeren Einfluss.

Der doofste Erkenntnis

Am 9. 11. 1989 hat die Bild am Sonntag das „Goldene Lenkrad“ in Berlin verliehen. Auch Friede Springer war dabei, wie das groß abgedruckte Foto dokumentiert. Weltgeschichte!

taz

Titel

Honeckers Wachsfigur, Überschrift: „War da was?“ Die taz kann sich nicht erinnern und kann die Realität nicht von Bildern unterscheiden. Ein Problem, das sich durch die gesamte Ausgabe zieht. So gesehen ein sehr konsequenter Titel.

Die beste Idee

Verschiedene Tagebucheinträge vom 8. und 9. November stehen nebeneinander. Leider haben in den meisten Fällen irgendwelche Westdeutschen nur im Fernsehen davon gehört, was dann im Tagebuch doch nicht so spannend ist. Aber es geht hier ja um die Idee.

Die doofste Idee

Ein zweiseitiges Interview mit Felix Loch, achtfachem Weltmeister im Rennrodeln zum Thema Mauerfall – warum nicht? Vielleicht, weil er damals nicht einmal 4 Monate alt war? Entsprechend absurd sind die Fragen: Haben Sie einmal eine DDR‐Fahne gehalten? Wann erfuhren Sie zum ersten Mal von der Mauer? Und ganz oft wird gefragt, was die Eltern gesagt und getan haben. Diese Vorgehensweise wurde bislang ja eher der Spitzelei der DDR vorgeworfen.

Die beste Erkenntnis

Einwanderer und ihre Kinder waren die eigentlichen Wendeverlierer. „So werden Ostdeutsche und Einwanderer auch gegeneinander ausgespielt. Hier der rassistische und autoritätshörige Ostdeutsche, da der integrationsunwillige und aggressive Migrant – diese Stereotype waren und sind für viele Westdeutsche sehr bequem […].“

Der doofste Erkenntnis

„Wohnungen sind knapp und teuer. Wenn es einen Ort gibt, an dem das zusammenwächst, was zuvor 40 Jahre getrennt war, dann hier. […] Reich, arm, Westen, Osten. Wäre Potsdam ein Film, das Drehbuch wäre ziemlich platt.“ Zum Glück machen sie bei der taz nur Zeitung.

Und noch was: „Die DDR ging unter, weil das Essen schlecht war.“ Das ist nicht mal so ironisch gemeint, wie es klingt.

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Titel

Falls es noch Zweifel gab: „Die Mauer ist offen“. Eine Abbildung zeigt ein Faksimile des FAZ‐Titels vom 12. November 1989. Näher kommt man dem Ereignis in Frankfurt offenbar nicht, eine Handvoll Artikel sind in der Ausgabe verstreut.

Die beste Idee

Eine Ausgabe zum Mauerfall ganz ohne Mauererlebnisse und ohne Menschen, die am Abend irgendetwas damit zu tun hatten oder irgendwie davon gehört hatten: Das ist zumindest mutig. Aber dafür gibt es ein großes Foto von Helmut Kohl, wie er eine Rede hält, passend zu einem Artikel darüber, was Helmut Kohl an jenen Tagen so getrieben hat.

Die doofste Idee

In vier (4!) Artikeln wird Biermanns Auftritt im Bundestag behandelt, zwei davon auf der Titelseite. In einem weiteren Text wird sein Wirken in mehreren Absätzen bejubelt. Da wirkt die Welt‐Lösung ja geradezu bescheiden.

Die beste Erkenntnis

Günter Schabowski reiste nach 1990 durch ganz Deutschland: „Seine journalistische Ausbildung kam ihm dabei ebenso zugute wie der exotische Reiz eines geläuterten Kommunisten.“

Der doofste Erkenntnis

„Die DDR ist weniger an fehlender Meinungs‐ und Reisefreiheit gescheitert als am fehlenden ökonomischen Erfolg der staatlichen Kollektive.“

 

Honniland: Wo die wilden Ossis wohnen

Liebe Medien — ärgern Sie sich nicht auch manchmal, dass es immer schwerer wird, mal so richtiges DDR‐Leben zu zeigen? Wie soll man da vernünftig über den Mauerfall berichten? Nach 25 Jahren sind echte Ossis ja kaum noch zu finden — muss auch hier mit aufwendigen CGI‐Effekten ausgeholfen werden?

Das muss nicht sein! Denn in Chemnitz eröffnet jetzt das Honniland. Ja, richtig: Honniland! Der Name hat zwar bei der Online‐Umfrage „Wie heißt Ostdeutschland politisch korrekt?“ keine einzige Stimme bekommen, aber darum geht es hier gar nicht. Vielmehr ist das neue Wahrzeichen der Stadt eine Mischung aus Disneyland und Honeymoon, ein Erlebnispark mit Wohlfühlambiente also. Zwei Wohnungen wurden hierzu mit DDR‐Dingen eingerichtet.

Doch Spaß beiseite. Wie geht man journalistisch angemessen mit dieser Thematik um? Der Artikel der Freien Presse aus Sachsen zeigt, wo es langgeht: Nie kommt der Eindruck auf, er stelle die Leiterin der Einrichtung zur Schau. Oder er präsentiere unreflektiert nostalgische Schauwerte. Oder beides. Wirklich: Nie nie nie. Das ist auch der Grund, weshalb ich hier nicht daraus zitiere.

Also liebe Medien: Nehmen Sie diese Mischung aus Museum und Nachbarschaftstreff in Ihr Mauerfall‐Repertoire auf: Endlich echte Ossis, die sich genauso verhalten, wie Sie es brauchen! Wenn Sie aus den westlichen Bundesländern kommen, ist das ja sogar noch eine Exklusiv‐Story.

 

Und noch ein privater Hinweis: Ich möchte in einigen Jahren die Ausstellung „Muttiland“ eröffnen und Wohnungen originalgetreu wie heute einrichten. Da freue ich mich über: Alles von Ikea, ein paar iPads, eine Platte von Helene Fischer und vielleicht noch ein WM‐Shirt mit selbst gemachtem 4. Stern. Wir hatten ja doch nicht alles.

Eigentor Geburtsort

Zu Anfang sollten wir einige Dinge feststellen: Fußball ist nur ein Spiel. Ticket‐Verkäufer_innen müssen nicht über profunde Geographie‐Kenntnisse verfügen. Und Geburtsorte sagen nicht zwangsläufig etwas über die Gewaltbereitschaft derjenigen aus, die von dort stammen. So weit, so einfach.

Schwierig wird es, wenn das alles nicht mehr stimmt. Wenn Fußball‐Fans im Stadion zur Gefahr werden. Wenn die Vereinsführung bestimmte Fans nur im Gästeblock haben möchte. Und beim Ticketverkauf unklar wird, von wem diese Gefahr eigentlich ausgeht. So geschehen beim Kartenvorverkauf für das Match Holstein Kiel gegen Hansa Rostock. Die Aussagen von Interessenten und Vereinsführung sind da recht unterschiedlich — daher hier einige Ausschnitte:

[Zuschauer können nur im Fanshop die Karten kaufen.] Ausnahme laut Geschäftsführer Wolfgang Schwenke: „Diejenigen, die in Rostock geboren sind“.
Quelle

Die Regelung betreffe laut Schwenke den „umliegenden Postleitzahlenbereich von Rostock“.
Quelle

[Betroffene mit Geburtsorten in Sachsen, Sachsen‐Anhalt und Thüringen berichten, dass sie keine Karten bekommen konnten.] „Wenn Sie im Westen geboren wären, hätte ich Ihnen Karten verkauft“, sagte die Dame im Fanshop. […] Auch ein Interessent aus Lübeck bekam keine Karten, „weil Lübeck angeblich näher an Rostock als an Kiel liegt und Lübecker sich auch nicht mit Kielern verstehen“.
Quelle

Interessenten, die entweder direkt aus Rostock kommen oder aus einem Ort, der weniger als 100 Kilometer vom Rostocker Stadtkern entfernt liegt, [dürfen] ausschließlich Karten für den Gästeblock erwerben.
Quelle

Es habe „absolut nichts mit Diskriminierung zu tun, und es tut mir leid, wenn Fans keine Karten bekommen“, [so der Geschäftsführer von Holstein Kiel]. Aber irgendwo müsse man anfangen, und Ostdeutsche seien generell gewaltbereiter.
Quelle

Die Grenze der Diskriminierung sieht [Christoph Schickhardt, Anwalt für Recht im professionellen Sport], im konkreten Fall jedoch nicht überschritten. Unzulässig wäre seiner Auffassung nach, wie zunächst berichtet, der Ausschluss der Zuschauer aus dem gesamten Osten Deutschlands. „Hier gäbe es dann keine sachlichen Gründe mehr. Das wäre nicht zulässig“.
Quelle

„Wir meinen, wer 24 Jahre nach der deutschen Einheit Ostdeutsche generell für gewalttätiger hält, als Westdeutsche, sollte im deutschen Fußball kein Amt bekleiden“.
Blau‐Weiß‐Rote Hilfe Rostock

Mein Vorschlag zur Güte: Die Mitarbeiter_innen von Holstein Kiel bekommen Nachhilfe in Geografie und alle Ostdeutschen, die nicht den gängigen Klischees entsprechen, suchen sich einen neuen Geburtsort. Alle Probleme gelöst!

Klischee‐Check: Doofe Ostbetriebe

„Das Klischee sagt, die ostdeutschen Betriebe starteten technisch veraltet und unternehmerisch unerfahren in die Marktwirtschaft und konnten nach 1990 nur durch eine schnelle Übernahme westlicher Standards überleben“, sagte [der Göttinger Sozialwissenschaftler Klaus‐Peter] Buss. Eine kürzlich abgeschlossene Untersuchung unter seiner Leitung habe jedoch gezeigt, „dass der Erfolg dieser Unternehmen vielfach auf Kompetenzen aufbaut, die auf Produktionserfahrungen unter Planwirtschaftsbedingungen zurückgehen.“
(gefunden auf SVZ Online)

Na, das kommt ja irgendwie unerwartet. Obwohl: Eigentlich nicht. Aber schön, dass man sich einmal daran gemacht hat, das nachzuprüfen.

Darüber lacht die Welt?

Liebe Journalistinnen und Journalisten der Welt,

Sie geben aktuell Tipps, wie man „gebürtige Ostdeutsche zur Weißglut bringt“. Sie tun dies in der Rubrik „Reise“ zwischen Kalabrien und Kreuzfahrten, was entweder vollkommen ehrlich ist oder aber versteckte Satire — wie subversiv!

Nur: Ich verstehe diesen Artikel einfach nicht. Sollten diese Ratschläge tatsächlich ernst gemeint sein, dann verfehlen sie ihr Ziel meilenweit. Die ostdeutschen Reaktionen darauf werden wohl kaum „Weißglut“ sein, sondern schlicht Mitleid: Wenn es im Jahr 2014 tatsächlich noch Menschen gibt, die mit solch ausgetretenen Klischees um die Ecke kommen, kann man sie nur in den Arm nehmen und streicheln: Es war doch nicht alles schlecht in den letzten 25 Jahren. Nicht weinen.

Wenn dies aber lustig sein soll, dann verstehe ich leider den Humor nicht. Soll er die anderen, die ostdeutschen Gewohnheiten aufs Korn nehmen? Dafür argumentiert Ihr Text zu besserwisserisch, von oben herab. Humor funktioniert aber genau anders herum: Nicht auf die da unten herumtrampeln, sondern über die da oben lachen. Prinzipiell haben Sie das auch erkannt und versuchen sich immer wieder in die untergeordnete Position zu mogeln und erwähnen „Westdeutsche, die sich ausgegrenzt fühlen“, Westdeutsche, die unter ostdeutschem Toilettenpapier leiden mussten oder „dreiviertel acht“ nicht kennen. Allerdings: Guter Humor kennt sein Angriffsziel und nicht nur sich selbst. Wer keine Ahnung hat und sich trotzdem lustig macht, wirkt ignorant.

Und so bleibt als Ironie, dass Ihr Beitrag in jeglicher Hinsicht fehl am Platze ist: Er hebt im Jahr 25 des Mauerfalls auf deutlich veraltete Muster in der deutsch‐deutschen Kommunikation ab. Und er ist als Satire gänzlich unbrauchbar.

Es ist mir klar, dass das Sommerloch immer größer wird. Natürlich wurde in 24 Erinnerungsjahren alles schon mal gemacht und Ideen liegen nicht auf der Straße. Und bestimmt will man auch mal so fies sein wie Holger Witzel mit „Schnauze, Wessi“. Das ist alles richtig. Man sollte es aber auch können.

Freundlichst,
Ihr kritischer Beobachter von einwende

P.S.: Wann kommen eigentlich die Tipps für Ostdeutsche? Als ausgemachte Experten sollten Sie ja bestens wissen, wie man Sie Westdeutsche ärgern kann. Folgende Dinge habe ich probiert: In Hamburg sage ich bei jeder Gelegenheit „Grüß Gott“. Beim Betreten der Wohnungen meiner Wessi‐Freunde ziehe ich grundsätzlich die Schuhe aus. Bei Gesprächen mit Menschen aus der alten BRD korrigiere ich jedes ihrer „ich“ mit „wir“. Und wenn ich in westdeutschen Cafés warten muss, balle ich die Faust und rufe „Wir sind das Volk!“ Leider alles ohne Erfolg.

Super: Illu mit dem Ossi‐Blick

Im April 2011 war es soweit: Mit Robert Schneider wurde ein gebürtiger Ostdeutscher Chefredakteur der Super‐Illu. Zuvor stand der Bayer Jochen Wolff 20 Jahre an der Spitze des Blattes, das in Ostdeutschland erfolgreicher ist als viele Zeitschriften aus dem Westen Deutschlands. Und das deshalb auch gerne argwöhnisch belächelt wird, wie etwa dieser taz-Artikel von 2007 zeigt.

Aber es war natürlich seltsam: Ein Bayer schafft es, Geschichten und Bilder zu finden, die in den nicht mehr ganz neuen Bundesländern erfolgreich sind. Was würde nun der aus Leipzig stammende Schneider tun? Zuvor war er stellvertretender Chefredakteur der Bild am Sonntag, also bestens vertraut mit den Tricks des westdeutschen Journalismus. Würde er also das Potenzial des Publikums der Super‐Illu nutzen, es vielleicht aus dem Bild des „Jammer‐Ossis“ hinaus führen? Hin zu einer Welt, in der sie selbstbewusst wissen, woher sie kommen und wohin sie gehen?

Nun ja. Nicht ganz, wie diese Episode aus einer Reportage der Berliner Zeitung zeigt:

Die Fotos zu einem Interview mit dem Schauspieler Thomas Kretschmann lässt er komplett auswechseln. Sie sind ihm alle zu männlich. „Komm, nimm das“, sagt er zu [dem Layouter] Grabowski. „Das ist so ein schüchterner Ossi‐Blick.“ Grabowski, selbst Ostler, weiß nicht, was das sein soll, ein schüchterner Ossi‐Blick, aber wenn der Chef es so will. Er ist ja hier nicht nur der Geschichtenerzähler, er verkauft mit jedem Heft auch ein bisschen ostdeutsche Seele.

25 Jahre #1

25 Jahre #1

Zwischendurch hatte ich die Titelseite der Berliner Zeitung vom 16. Mai verloren — jetzt ist sie wieder da. Man beachte das subtile Zusammenspiel zwischen der Titelstory und dem Anreißer oben. Ganz großes Kino!
Berliner Zeitung, 16.05.2014

 

Das Smartphone, das eine Banane ist

Vielleicht müssen wir 25 Jahre nach dem Fall einer Mauer einfach damit leben, dass plötzlich DDR‐Bezüge auftauchen, wo man sie niemals vermutet hätte. Beispiel gefällig?

Also: Was haben die DDR und ein Smartphone gemeinsam?

Richtig: Bananen!
Oder genauer: DDR‐Bananen!

Was wie ein absurder Gedankensprung aussehen mag, ist in Wirklichkeit natürlich äußerst logisch. Denn DDR‐Bananen sind eben nicht die Gurken, die uns ein Satireblatt weißmachen wollte — soviel Verständnis der geschichtlichen Wahrheit ist also vorhanden. Denn DDR‐Bananen sind selbstverständlich Bananen, die es nicht gab bzw. langer Warteschlangen bedurften. Und da nähern wir uns der Vollendung der Gedankenkette. Denn auch für das Smartphone „Oneplus One“ ist es nötig, Schlange zu stehen. Zwar sind es nur virtuelle Schlangen, und eigentlich ist es eher eine Verlosung — aber das soll dem Vergleich hier keinen Abbruch tun.

Klingt nerdig? Muss es auch, denn diesen Vergleich hat das Computer‐Magazin „com!“ angestellt. Kein Scherz.

Wobei ich ja glaube, dass diese Abstraktionsleistung ein wenig übertrieben für die Zielgruppe ist. Schließlich gehören künstliche Verknappung und lange Schlangen bei Apple regelmäßig zur Verkaufsstrategie. Und Äpfel und Bananen kann man ja dann doch irgendwie vergleichen. Vielleicht.

Zähne‐Zahlen in Ost und West

Nein, sowas: Da sind die Ostdeutschen doch tatsächlich einmal den Westdeutschen voraus. Denn die Krankenkasse Barmer GEK hat den „Zahnreport“ vorgestellt. Ganz neue Erkenntnis: Die Menschen im Osten gehen häufiger zu Zahnärztinnen und Zahnärzten. Eine Erklärung gibt es natürlich auch gleich dazu:

Menschen aus der ehemaligen DDR kümmerten sich mehr um ihre Zähne, weil dort in Kindertagesstätten und Horten viel Wert auf Zahnpflege gelegt worden sei, vermutet der Vizechef der Barmer GEK, Rolf‐Ulrich Schlenker.

Das ist natürlich schön. Denn das ist nicht nur besser für die Gesundheit, sondern auch für den Geldbeutel:

Tatsächlich sind die Gesamtausgaben der Krankenkassen für Kronen und anderen Zahnersatz in den neuen Ländern deutlich niedriger als im Westen. Zudem zeigen die Zahlen der Barmer GEK, dass die Ostdeutschen im Fall der Fälle weniger aus der eigenen Tasche zuzahlen.

Äh, Moment: Wenn den zahnbewussten Ossis ihre Gesundheit dermaßen wichtig ist, sollten die doch bei der Behandlung nicht sparen. Vielleicht gibt es doch noch einen ganz einfachen Grund dafür?

Die Ostdeutschen wählen lediglich den preiswerten Standard, weil sie sich nicht mehr leisten wollen oder können. Kassen‐Vorstand Schlenker tippt auf Letzteres: „Hier zeigt sich ein Wohlstandsgefälle.“

Tja, da kann man noch so viel Prägung und Erfahrung aus Kindertagesstätten und Horten mitbringen: Mehr Geld gibt’s dadurch auch nicht. Oder vielleicht ist ein häufiger Zahnarztbesuch einfach die bessere Methode, noch mehr Kosten zu vermeiden? Ich kann mich gerade nicht entscheiden, ob eine 25 Jahre alte Prägung oder aktuelle finanzielle Sorgen wichtiger sind …

Gute Vorsätze für Ostdeutsche 2014

Beginnen wir das neue Jahr doch mit Fragen. Oder nein — schauen wir uns doch einfach die Fragen an, die Christian Bangel auf Zeit Online zu einem Artikel gebastelt hat:

Warum gibt es kein relevantes ostdeutsches Medium?

Was heißt schon relevant? Geht man nach den Verkaufszahlen, befindet sich die Super Illu auf dem 7. Platz der Zeitschriften und Magazine, im Osten ist sie nach eigenen Angaben sogar die meistgelesene Kaufzeitschrift. Damit ist die Super Illu hochgradig relevant für die Menschen dort — auch wenn die mediale Allgegenwärtigkeit von Spiegel, Stern & Co anderes vermuten lassen. Bei den meistzitierten Medien taucht die Zeitschrift hingegen nicht auf: Relevant für die sonstigen Medien in Deutschland ist die Super Illu also nicht. Relevant ist schließlich, was man relevant macht.

Wieso spricht niemand über ein Bundesland Ostdeutschland? Die Probleme der Länder ähneln sich und der Bevölkerungsschwund hat bereits ungezählte Gebietsreformen nötig gemacht.

Dann müsste aber auch mindestens das Ruhrgebiet, wenn nicht gleich ganz Nordrhein‐Westfalen mitmachen. Dort gibt es schließlich ganz ähnliche Probleme. Zumal solch ein Vorgehen nur an alte Muster anknüpfen würde: Der vielfältige Westen hier, dessen ganz verschiedene Bundesländer sich gar nicht auf einen Nenner bringen lassen. Und der Osten dort, ein eindeutig als DDR definierbares Bundesland. Aber all das passt zur Forderung von Christian Bangel:

Es wird Zeit für die Ostdeutschen, sich großzumachen. Nicht als Gesamtdeutsche, sondern als Ostdeutsche, deren Einfluss erkennbar werden muss.

Angela Merkel, Beate Zschäpe, Joachim Gauck, Toni Kroos und Maybritt Illner nennt Bangel als Beispiele bekannter Menschen aus dem Osten. Damit belegt er die Vielfältigkeit der Menschen aus dem Osten, was ja bei mehreren Millionen Einwohner_innen auch nicht überraschen dürfte. Und doch fehlt ihm ein eine eindeutige, ostdeutsche Positionierung dieser Menschen: Irgendwas muss diese Personen doch verbinden, und wenn es nur Pragmatismus ist. Oder (Achtung, Zirkelschluss): Ihre Nichterkennbarkeit als Ostdeutsche.

Wo sind eigentlich die Ostdeutschen? Man erkennt sie nicht am Namen und am Beruf, nicht mehr an ihrer Kleidung und an der Frisur.

Dabei könnte Christian Bangel doch selbst den Anfang machen. Auf seinem Porträt auf Zeit Online erfährt man einige Stationen seines Lebens. Ausgespart wird allerdings die Frage seiner Herkunft, auch im Artikel wird sie nicht angesprochen, obwohl er eindeutig eine Positionierung einfordert. Aufschluss gibt dann eine ältere Website des Autors:

Meine Kollegen nannten mich U.D.O., „Unser dummer Ossi“. Ich glaube, ich möchte darüber reden.

Selbstpositionierung ist dann vielleicht doch nicht so einfach, wie es zunächst aussieht.

Auf ein erfolgreiches Jahr 2014!