Zähne-Zahlen in Ost und West

Nein, sowas: Da sind die Ostdeutschen doch tatsächlich einmal den Westdeutschen voraus. Denn die Krankenkasse Barmer GEK hat den „Zahnreport“ vorgestellt. Ganz neue Erkenntnis: Die Menschen im Osten gehen häufiger zu Zahnärztinnen und Zahnärzten. Eine Erklärung gibt es natürlich auch gleich dazu:

Menschen aus der ehemaligen DDR kümmerten sich mehr um ihre Zähne, weil dort in Kindertagesstätten und Horten viel Wert auf Zahnpflege gelegt worden sei, vermutet der Vizechef der Barmer GEK, Rolf-Ulrich Schlenker.

Das ist natürlich schön. Denn das ist nicht nur besser für die Gesundheit, sondern auch für den Geldbeutel:

Tatsächlich sind die Gesamtausgaben der Krankenkassen für Kronen und anderen Zahnersatz in den neuen Ländern deutlich niedriger als im Westen. Zudem zeigen die Zahlen der Barmer GEK, dass die Ostdeutschen im Fall der Fälle weniger aus der eigenen Tasche zuzahlen.

Äh, Moment: Wenn den zahnbewussten Ossis ihre Gesundheit dermaßen wichtig ist, sollten die doch bei der Behandlung nicht sparen. Vielleicht gibt es doch noch einen ganz einfachen Grund dafür?

Die Ostdeutschen wählen lediglich den preiswerten Standard, weil sie sich nicht mehr leisten wollen oder können. Kassen-Vorstand Schlenker tippt auf Letzteres: „Hier zeigt sich ein Wohlstandsgefälle.“

Tja, da kann man noch so viel Prägung und Erfahrung aus Kindertagesstätten und Horten mitbringen: Mehr Geld gibt’s dadurch auch nicht. Oder vielleicht ist ein häufiger Zahnarztbesuch einfach die bessere Methode, noch mehr Kosten zu vermeiden? Ich kann mich gerade nicht entscheiden, ob eine 25 Jahre alte Prägung oder aktuelle finanzielle Sorgen wichtiger sind …

Gute Vorsätze für Ostdeutsche 2014

Beginnen wir das neue Jahr doch mit Fragen. Oder nein — schauen wir uns doch einfach die Fragen an, die Christian Bangel auf Zeit Online zu einem Artikel gebastelt hat:

Warum gibt es kein relevantes ostdeutsches Medium?

Was heißt schon relevant? Geht man nach den Verkaufszahlen, befindet sich die Super Illu auf dem 7. Platz der Zeitschriften und Magazine, im Osten ist sie nach eigenen Angaben sogar die meistgelesene Kaufzeitschrift. Damit ist die Super Illu hochgradig relevant für die Menschen dort — auch wenn die mediale Allgegenwärtigkeit von Spiegel, Stern & Co anderes vermuten lassen. Bei den meistzitierten Medien taucht die Zeitschrift hingegen nicht auf: Relevant für die sonstigen Medien in Deutschland ist die Super Illu also nicht. Relevant ist schließlich, was man relevant macht.

Wieso spricht niemand über ein Bundesland Ostdeutschland? Die Probleme der Länder ähneln sich und der Bevölkerungsschwund hat bereits ungezählte Gebietsreformen nötig gemacht.

Dann müsste aber auch mindestens das Ruhrgebiet, wenn nicht gleich ganz Nordrhein-Westfalen mitmachen. Dort gibt es schließlich ganz ähnliche Probleme. Zumal solch ein Vorgehen nur an alte Muster anknüpfen würde: Der vielfältige Westen hier, dessen ganz verschiedene Bundesländer sich gar nicht auf einen Nenner bringen lassen. Und der Osten dort, ein eindeutig als DDR definierbares Bundesland. Aber all das passt zur Forderung von Christian Bangel:

Es wird Zeit für die Ostdeutschen, sich großzumachen. Nicht als Gesamtdeutsche, sondern als Ostdeutsche, deren Einfluss erkennbar werden muss.

Angela Merkel, Beate Zschäpe, Joachim Gauck, Toni Kroos und Maybritt Illner nennt Bangel als Beispiele bekannter Menschen aus dem Osten. Damit belegt er die Vielfältigkeit der Menschen aus dem Osten, was ja bei mehreren Millionen Einwohner_innen auch nicht überraschen dürfte. Und doch fehlt ihm ein eine eindeutige, ostdeutsche Positionierung dieser Menschen: Irgendwas muss diese Personen doch verbinden, und wenn es nur Pragmatismus ist. Oder (Achtung, Zirkelschluss): Ihre Nichterkennbarkeit als Ostdeutsche.

Wo sind eigentlich die Ostdeutschen? Man erkennt sie nicht am Namen und am Beruf, nicht mehr an ihrer Kleidung und an der Frisur.

Dabei könnte Christian Bangel doch selbst den Anfang machen. Auf seinem Porträt auf Zeit Online erfährt man einige Stationen seines Lebens. Ausgespart wird allerdings die Frage seiner Herkunft, auch im Artikel wird sie nicht angesprochen, obwohl er eindeutig eine Positionierung einfordert. Aufschluss gibt dann eine ältere Website des Autors:

Meine Kollegen nannten mich U.D.O., „Unser dummer Ossi“. Ich glaube, ich möchte darüber reden.

Selbstpositionierung ist dann vielleicht doch nicht so einfach, wie es zunächst aussieht.

Auf ein erfolgreiches Jahr 2014!

Aktuelle DDR-Vergleiche #15 — Russland

Die Zeit interviewt Boris Reitschuster, Biograf von Wladimir Putin, und entlockt ihm folgende Feststellung:

Putin hat sich ein Russland gebaut, das sehr an die DDR erinnert – DDR plus Kapitalismus und Reisefreiheit.

Komisch. Und ich dachte immer, die DDR sei definiert durch fehlenden Kapitalismus und Reisefreiheit.

Danke an @SabineRennefanz für den Hinweis

Die real existierende DDR der BILD

„Doch wie sähe es heute östlich der Elbe aus, wenn die Mauer nicht gefallen wäre? BILD skizziert das Leben in einer DDR des Jahres 2013 – mit Handys, maroden Städten und einer immer noch herrschenden SED. Selbstverständlich alles Utopie.“

Die Bild-Zeitung pfeift auf die reale Gegenwart und denkt sich lieber eine andere aus. Das nennt sich kontrafaktische Geschichte und ist das Gegenteil einer Zeitungsmeldung. Aber egal. Natürlich läuft alles schlecht, ein wenig tragikomisch und irgendwie ist das Land im Jahr 1978 hängengeblieben. Aber der Text ist auch ein wenig subversiv und versteckt auch Kritik an der BRD. Nämlich hier:

„Ohne die Wiedervereinigung stürzte die Bundesrepublik in eine tiefe Rezession, viele Betriebe mussten dicht machen.“

Da fragt man sich schon, warum es der DDR da eigentlich nicht besser ginge. Aber das wäre wohl zu viel der Utopie.

Krankheitsgrund: DDR-Vergangenheit

Wann sind Menschen aus Ostdeutschland eigentlich vollwertig in die westliche Demokratie integriert? Sie sind es, wenn sie wieder zwischenmenschliche Bindungen aufbauen können.

Kein Scherz: Der Sachverständige Thomas S. soll mit seinen Gutachten bei gerichtlichen Sorgerechtsentscheidungen helfen. Sieht er Anhaltspunkte für eine Persönlichkeitsstörung bei den Erziehungsberechtigten, begründet er sie in verschiedenen Fällen auf diese Weise:

„die diktatorischen Gesellschaftsverhältnisse der früheren DDR […], in welcher Herr […] etwa vier Jahrzehnte aufwuchs […], dürften vor allem in bindungstechnischer Hinsicht deutliche Spuren bei diesem hinterlassen haben“

zitiert nach MDR exakt

Ein wenig viel Spekulation. Laut Psychologe Werner Leitner ist so eine Schlussfolgerung, aufbauend auf Mutmaßungen, nicht haltbar. Doch Gerichte folgen eben diesen Gedanken. Konsequent heißt das: Das Aufwachsen in der DDR ist ein pathologischer Umstand per se — das Leben in der Diktatur eine Krankheit mit Folgen. Ostdeutsche sind krank, weil sie Ostdeutsche sind.

In die gleiche Kerbe schlägt übrigens auch Psychotherapeut Hans Joachim Maaz, wenn er bei Ostdeutschen unterdrückte Gefühle und charakterliche Deformationen feststellt.

Danke an ШНАУЦЕ ВЕССИ auf Facebook für den Hinweis

Ossi, big in Japan

Verlassen wir doch einmal die heimatlichen Gefilde und schauen, wie im Ausland die Rolle eines Ostdeutschen besetzt wird. So hat die japanische Firma Konami im Februar 2013 das Videospiel „Metal Gear Rising: Revengeance“ für Playstation 3 und Xbox 360 veröffentlicht. Die Handlung ist im Jahr 2018 angesiedelt. Ein Charakter des Spiels ist Doktor Wilhelm Voigt, ein Kybernetik-Experte — der aus der DDR stammt.

Diese Herkunft ist bemerkenswert: Wer hätte damit gerechnet, dass man in Japan auf die DDR Bezug nimmt? Und das in einem Medium, dass stark auf eine junge Zielgruppe fokussiert? Spannend sind auch die Charaktereigenschaften, mit denen diese Figur ausgestattet wurde:

  • dicker Akzent
  • ähnelt allen anderen deutschen Ärzten, die man als Klischee kennt
  • steigert sich in seine Arbeit
  • sympathisch
  • hat Humor
  • ist moralisch einwandfrei
  • riskiert sein Leben
  • maßgeblich daran beteiligt, zahlreiche Unschuldige zu retten

Ein Ossi als Held? Das geht auch nur, wenn man den Begriff „Jammer-Ossi“ nicht kennt.

Ein Kessel bunter Vorurteile

Ach ja: So sicher wie Weihnachten kommt auch jedes Jahr der Tag der deutschen Einheit. Dieses Jahr beschenkt uns das Hohenloher Tagblatt (sic!) mit einer umfassenden Sammlung westdeutscher Klischees über den Osten. Oder um genau zu sein: Jugendliche aus dem Landkreis Hall sagen, was ihnen zu dem Thema einfällt und die Redaktion nickt zustimmend. Das reicht von der sächselnden Überschrift über eine Bildergalerie mit Sand- und Ampelmännchen hin zu Rechtsextremismus und Nacktbaden.

Schauense rein, greifense zu: Soviele Vorurteile gibt’s so bald nicht wieder! Jedenfalls nicht so unreflektiert!

Deshalb nur deren Auflistung und keine unserer üblichen Kommentierungen — es ist einfach zu spät, um anderen Menschen die Arbeit abzunehmen.

  • In den neuen Bundesländern machen weniger Schüler Abitur als in den alten Bundesländern
  • Ostdeutsche sind weniger demokratisiert und beteiligen sich weniger an der Politik
  • In den neuen Bundesländern sind Frauen jünger, wenn sie ihr erstes Kind bekommen
  • Immer mehr junge Menschen wandern aus den neuen in die alten Bundesländer ab
  • Im Osten gibt es viele Rechtsextreme
  • Jeder Zweite im Osten ist arbeitslos
  • In den neuen Bundesländern sprechen alle sächsisch
  • Viele Leute im Osten wohnen in Plattenbauten
  • Im Osten baden alle nackt
  • Viele der damaligen Modetrends werden heute wieder getragen, oft auch kombiniert mit verschiedenen Accessoires, die der heutigen Mode entsprechen
  • Schlager und Stimmungslieder waren den „Ossis“ wichtig. Außerdem Rock -, Jazz — und Blues
  • Berlins Ampelmännchen erobern die Welt

Wobei ich ja immer noch glaube, dass das eine schlecht gekennzeichnet Satire-Seite sein muss.

Übrigens: Wer den 3. Oktober etwas intelligenter angehen möchte, findet im Tagesspiegel immerhin ein ganz neues Wort: Kostalgie! Sehr appetitanregend.

Ostloses Europa

Von einer Schublade in die nächste: Zunächst wirft Peer Steinbrück Angela Merkel fehlende Begeisterung für Europa vor. Geschenkt. Er tut dies allerdings mit einem äußerst westzentrierten Blick:

Die Tatsache, dass sie [Merkel] jedenfalls bis 1989/ 90 eine ganz andere persönliche und politische Sozialisation erlebt hat als die, die diese europäische Integration seit Anfang der 50er Jahre erlebt haben, […] das spielt in meinen Augen schon eine Rolle

Peer Steinbrück im Tagesspiegel, 04.08.2013

Der SPD-Spitzenkandidat glaubt offenbar, er könne einen Wahlsieg erringen, wenn er sich gegen die ostdeutsche Bevölkerung wendet. Das ist Rhetorik eines kalten Kriegers: Die im Osten sind doch zurück geblieben. Nicht so günstig für die Umfragewerte, also wurde bei einer Wahlveranstaltung in Halle munter zurück gerudert. Steinbrück entdeckt nun auch ganz tolle Eigenschaften der Ostdeutschen:

Zupacken, zusammenhalten, Solidarität, Probleme gemeinsam meistern, sich nicht entmutigen lassen

Peer Steinbrück in Halle an der Saale, 10.08.2013

Bau auf, bau auf — wir sind das Volk — Solidarität! Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Und zu dieser differenzierten Einschätzung ist der Peer von ganz alleine gekommen? Wie gut, dass er da nicht auf alte SED-Propaganda hereingefallen ist.

Jedenfalls hat Steinbrücks Ossi-Wissen auch Kritik hervorgerufen. Bei SPD und Bündnis90/Grüne (Schwachsinn, dämlich, peinlich), aber natürlich auch in den Medien. So findet Katja Tichomirowa:

Europa in der jetzigen Form gäbe es nicht ohne die Osteuropäer

Berliner Zeitung, 11.08.2013

Und eine äußerst differenzierte Einschätzung kommt von FAZ-Redakteur Matthias Wyssuwa:

Steinbrück rede über Ostdeutsche wie über Fremde, kritisiert Sachsens Ministerpräsident Tillich und benennt doch nicht den entscheidenden Fehler des SPD-Kanzlerkandidaten: Dass der überhaupt noch pauschal über Ostdeutsche redet. Als gäbe es keine regionalen Unterschiede, keine eigenen Wege und Entscheidungen, als würde der Stempel „ostdeutsch“ noch immer alles erklären — oder entschuldigen.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.08.2013

Jetzt, eine Woche danach, interessiert das alles übrigens niemanden mehr. Schließlich stehen CDU und SPD kurz vor der ‑ähem- Wiedervereinigung.

Kinder und Filme gehen immer

Relativieren müsse man Behauptungen von Behörden-Leiter Roland Jahn, wonach das Interesse an den Akten stetig wachse. Es wachse lediglich, wenn es viele Stasi-Filme gebe und Kinder plötzlich die Akten ihrer Eltern einsehen könnten.

So wird Richard Schröder in der Berliner Zeitung zitiert. Er ist Vorsitzender des Beirats der Stasi-Unterlagen-Behörde. Im gleichen Atemzug stellte er auch das Amt des Bundesbeauftragten infrage: Zu herausgehoben sei es, unabhängig wie sonst nur die Regierung.

Hat die Behörde also mal wieder Probleme: Einfach die alte Werbeweisheit befolgen und irgendwas mit Kindern machen. Oder Filme.

Aktuelle DDR-Vergleiche #12 — Bayreuth

Der in Ost-Berlin geborene Frank Castorf inszeniert in Bayreuth den „Ring des Nibelungen“ als 17-stündige Großproduktion. Und zugleich kritisiert er im Spiegel das Leitungsteam der Festspiele:

„Jeder von außen ist der Feind. Das ist pure DDR.“

Außerdem verglich er die Arbeit an der Aufführung mit „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Ob damit aber auch die TV-Soap und die DDR gleichgesetzt werden können, wurde nicht geklärt.