Alltagsrassismus vs Flüchtlingspolitk

Wie wird über Flüchtlingspolitik, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus gesprochen? Dies sind äußerst sensible Themen — und dass dabei unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt werden können, hat die Süddeutsche Zeitung in ihrer heutigen Ausgabe gezeigt: Thomas Hahn hat sich für den Politikteil in Mecklenburg-Vorpommern umgeschaut und sprach mit Flüchtlingen. Andreas Glas und Bernd Kastner berichten im Lokalteil aus der bayerischen Landeshauptstadt und haben mit CSU- und SPD-Politikern gesprochen.

Im Folgenden sind Zitate aus beiden Artikel nebeneinander gestellt: In der linken Spalte geht es um Flüchtlinge in Mecklenburg-Vorpommern, in der rechten um Flüchtlinge in München. Und es ist vielleicht nur Zufall, dass dies ganz unterschiedlich geschieht.

Flüchtlinge in den Zentralen des braunen Sumpfs Plötzliche Aktivität bei der CSU
Güstrower Alltagsrassismus Gescheiterte Flüchtlingspolitik der Staatsregierung
In Anklam und Güstrow beschreiben die Flüchtlinge die Stimmung in der Stadt als „beängstigend“, „unfreundlich“ und „abweisend“. Er selbst, so Spaenle [Kultusminister, CSU], sei „dauernd draußen“ an der Bayernkaserne und erlebe, dass es immer noch Ängste bei den Bürgern gebe.
Gerade in den großen Städten, in denen viele Zugewanderte leben, ist Vielfalt ein gewachsenes Gut. In der vergangenen Woche hatte zunächst SPD-Oberbürgermeister Dieter Reiter einen Aufnahmestopp für die überfüllte Bayernkaserne verfügt — und damit das Thema Unterbringung, für die eigentlich der Freistaat zuständig ist, an sich gerissen.
Mecklenburg-Vorpommern kann auch anders. In Rostock betreibt der Verein Ökohaus mit Rückhalt aus der Bürgerschaft und ausgebildeten Sozialpädagogen eine gelobte Gemeinschaftsunterkunft. Zugleich hält die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung an. Jüngstes Beispiel sind die Mitarbeiter der Stadtwerke (SWM) und ihrer Tochter M-Net. Nachdem am Freitag der VIP-Bereich des Olympiastadions als Notunterkunft belegt worden war, baten die Firmen spontan ihre Mitarbeiter in der Zentrale um Spenden.
Es ist nirgendwo einfach, ein Flüchtling zu sein. Aber an manchen Orten in Mecklenburg-Vorpommern ist es ein Martyrium. Nahe des Sendlinger-Tor-Platzes schlugen unterdessen Flüchtlinge ein Protestzelt auf, um auf die Situation von Asylbewerber in München hinzuweisen. […] Um ein Lager wie 2013 auf dem Rindermarkt zu verhindern, dürfen diese aber nicht campieren. Die Polizei nahm den Protestierenden deshalb am Sonntagnachmittag Schlafsäcke und Isomatten ab.
Gleichzeitig sitzen Abdoulaye Mbodji und Sherif Barry in der Begegnungsstätte Villa Kunterbündnis am Pferdemarkt und wundern sich über die Atmosphäre in dieser Stadt, in die sie nach ihrer Flucht aus Mauretanien hineingeraten sind. Die beiden CSU-Politiker laden […] die Anwohner der Bayernkaserne zu einem Gespräch ein.
Die kleinen Zentralen des braunen Sumpfs CSU-Staatsregierung
Mecklenburg-Vorpommerns Hinterland München

Vielen Dank an Susanne für den Hinweis.

Einseitiges Einheits-Interesse

Der 25. Jahrestag des Mauerfalls rückt näher — und schon seit Monaten sind Geschichten dazu in den Medien zu finden. Auch der Soli kommt immer wieder in die Diskussion. Auch weil in der Westrepublik gerne geglaubt wird, dass allein sie dafür aufkomme. Da sollte man meinen, dass die Vorstellung des Jahresberichts zur deutschen Einheit auf großes Interesse stößt. Das tat sie auch — aber nur teilweise, wie Markus Decker (Berliner Zeitung) bemerkt:

Bei der gestrigen Pressekonferenz [24.09.2014] zur Vorstellung des Jahresberichts waren Journalisten ostdeutscher Medien und Auslandskorrespondenten übrigens fast unter sich. Auch das sagt über die Einheit ziemlich viel aus.

Aktuelle DDR-Vergleiche #19 — Israel

Endlich zahlt er sich aus, der Aufwand, der in die politische Vermarktung von „Das Leben der Anderen“ gesteckt wurde: Das Filmheft der Bundeszentrale für politische Bildung, die Unterrichtsmaterialen der politischen Bildung in der Schweiz und die Hinweise des Goethe-Instituts Frankreich, um nur einige zu nennen. Denn endlich führt dieser Spielfilm mit dokumentarischen Andichtungen zu Erkenntnissen, die alles verändern könnten:

Der israelische Soldat D. sah sich „Das Leben der Anderen“ an, ein Drama, in dem die Staatssicherheit der DDR ein Künstlerpaar abhört — und so zerstört. D. spürte Mitleid mit den Opfern, denen die Privatsphäre — ein fundamentales Recht — genommen wurde. Plötzlich durchfuhr es ihn: In der Rolle des Stasi-Mitarbeiters erkannte er sich selbst. „Wir tun genau dasselbe“, sagte D. der israelischen Nachrichtenseite „ynet“. „Nur sehr viel effizienter.“ (zitiert nach n-tv)

Folge: 43 Mitglieder der Elite-Einheit 8200 der israelischen Armee (zuständig für Informationsbeschaffung) möchte nicht mehr gegen Palästinenser spionieren. Deshalb, liebe Einrichtungen der politischen Bildung: Macht weiter! Export euer Unterrichtsmaterial auch in die abgelegensten Abhörmetropolen dieser Welt, etwa nach Fort Meade, Cheltenham und Pullach! Denn die Realität kann die Herzen der Menschen nicht erreichen, nur das Spionieren der Anderen kann es.

Aktuelle DDR-Vergleiche #18 — BER

Wer dachte, dass es mit dem Berlin-Brandenburger Flughafenprojekt nicht mehr schlimmer kommen kann, hat sich geirrt — denn jetzt wird es auch noch mit der DDR verglichen! In einer gemeinsamen Erklärung der verschiedenen Aktions- und Bürgerbündnisse heißt es:

Nur ein Vierteljahrhundert später sehen sich die Menschen der Region wieder mit einer Politik konfrontiert, die auf Machtmissbrauch und Rechtsbruch beruht, die Lügen und Betrug mit Schönfärberei verbindet. Größenwahnsinnige öffentliche Projekte führen dazu, dass vielerorts die Kassen leer sind und es nur noch Mangel zu verwalten gibt.

Kann das sein — so eine direkte Verbindung zwischen damals und heute? Gibt es vielleicht doch etwas, das Menschen an der Macht miteinander verbindet, ganz egal, in welchem System? Lauschen wir doch mal Gunnar Schupelius vom Berliner Boulevardblatt B.Z.:

Abermals wird die DDR verniedlicht und abermals müssen wir klarstellen, wogegen die Bürgerrechtler damals kämpften: Sie kämpften nicht gegen den „Machtmissbrauch“ einzelner Politiker, sondern gegen den Staat DDR, in dem der Machtmissbrauch selbst das System war.

Damit dürften die Unterschiede zwischen den Systemen klar sein, in dem das eine zum falschen System gehörte, während das andere im richtigen ganz unsystematisch ist. Oder so. Und es gibt auch noch eine Belehrung von Herrn Schupelius, hier zum einfacheren Verständnis stark gekürzt:

Wer glaubt, dass diese Verhältnisse mit den heutigen vergleichbar wären, dem ist nicht zu helfen. Ausgerechnet die Flughafen-Gegner profitieren ja von einem politischen System, das ihnen alle Freiheiten und alle Möglichkeiten des Widerstandes zugesteht.

[…]

Nehmt euren DDR-Vergleich zurück, der ist unerträglich.

Übrigens läuft auf der Webseite der B.Z. eine Abstimmung: Hat Gunnar Schupelius Recht? Und immer dran denken: Schön systematisch abstimmen!

Des Würfels Kern

Da triumphiert der Tagesspiegel aus Berlin: Ganz lange wurde ganz fies behauptet, dass der Kapitalismus unmoralische Menschen hervorbringe. Solch moralischer Sieg Ostdeutschlands nagt natürlich und so kann jetzt Malte Lehming, Leiter des Meinungs-Ressorts, stolz verkünden:

Hat der real existierende Sozialismus also die besseren Menschen hervorgebracht? Nein, ganz und gar nicht.

Unter dem Stichwort „Sozialismus verdirbt den Charakter“ zitiert er aus einem Experiment, dessen Ergebnisse vor über zwei Monaten veröffentlicht worden sind: Forscher_innen der Duke University (USA) und der Ludwig-Maximilians-Universität München ließen Berliner würfeln: Sie sollten sich beim Würfeln entscheiden, ob die oben oder unten liegende Seite gezählt werden soll. Das sollten sie vor dem Wurf tun, mussten es aber erst danach mitteilen. Folge: Alle haben gemogelt, aber die ostdeutschen Schummler lagen mehr über dem statistischen Mittel als die westdeutschen. Und: Wer längere Zeit in der DDR gelebt hat, hat tendenziell mehr getrickst. Also folgert die Studie und der Tagesspiegel zitiert:

„Das System des Sozialismus hatte einen nachhaltigen Einfluss auf die Moral seiner Bürger.“ Das freilich bedeute nicht, dass die Ostdeutschen amoralischer seien, sie könnten auch nur besser gelernt haben, sich in einem vorgegebenen festen Rahmen vorteilsbringend zu behaupten.

Nun möchte ich ja das mediale Gejubel (der Tagesspiegel verlinkt auf ebenso begeisterte Artikel der Süddeutschen Zeitung und des Economist) ungern stören. Nur: Kritischer Journalismus sieht anders aus. Zum einen ist die Zahl von 259 Personen wohl kaum repräsentativ und deren Akquirierung auf Bürgerämtern sorgt nicht unbedingt zu einem möglichst breiten Bevölkerungsdurchschnitt. Und überhaupt: Berlin? Das ist sicherlich praktisch für diejenigen, die die Studie durchgeführt haben, aber finden sich gerade hier „typische“ Ost- bzw. Westdeutsche? Hier in der Hauptstadt der DDR und der westdeutschen Insel, die nach der Wende zur gemeinsamen Hauptstadt wurden? Zudem ist es ein starkes Stück, aus einer Koinzidenz (Menschen mit diesem und jenem familiären Hintergrund haben sich auf diese Weise verhalten) eine Kausalität zu konstruieren.

All das sind systemimmanente Probleme experimenteller Studien. Doch es hätte den medialen Berichten gut gestanden, sie kritisch zu beleuchten: Wie valide sind die Zahlen, wie lassen sie sich deuten? So zeigt etwa die Verteilung der „westdeutschen“ Würfe in der Studie ein harmonischeres Bild als die der „ostdeutschen“. Um hier auch einmal eine Kausalität zu bilden: Westdeutsche schummeln gerissener. Immerhin hatten sie mehr Zeit, es zu lernen.

Ostdeutsche Regie: Wir schließen Horizonte 1

Tilman Krause, leitender Literaturredakteur der Welt, leidet. Denn er musste sich die Inszenierung des „Ring“ von Frank Castorf ansehen. Soweit beruflicher Alltag eines Kritikers. Allerdings hat sein Leid dazu geführt, dass er nun in einer Polemik weit ausholt: Nicht nur Castorf ist doof — nein, Krause attestiert eine grundsätzliche ostdeutsche Unfähigkeit, Kunst zu schaffen. Um sein Fazit schon einmal vorweg zu nehmen:

Wer aus dieser Generation seine intellektuelle Sozialisation in der DDR erfahren hat, kann offenbar etwas kategorial anderes als politische Dekonstruktion via Vulgär-Provokation nicht mehr aufnehmen. Da reicht dann die gestalterische Kraft vielleicht für Anklam. Für größere Bühnen sollte man nach dem „Ring“-Desaster in Bayreuth endlich dazu übergehen, nach Leuten mit weiterem Horizont Ausschau zu halten.

Schauen wir uns doch einmal die Argumentation Krauses an. Damit auch Menschen mit Ostsozialisations-Hintergrund die Möglichkeit haben, seine Argumentation nachzuvollziehen.

[Die Regie Castorfs] führt zumindest den fortgeschrittenen Zuschauern ein für allemal vor Augen […]

Lektion 1: Mache immer deutlich, dass du als Vertreter einer intellektuell privilegierten Minderheit sprichst. So wird es schwierig, Kritik an dir zu üben — im Zweifelsfall hat man dich gar nicht verstanden. Man beachte auch den sauber gesetzten Subtext: Im Gesamtbild der Polemik wird klar, dass diese fortgeschrittenen Zuschauer zugleich auch westdeutsche sein müssen. Denn zum einen stellt das Westdeutsche ja ohnehin die ungenannte Norm dar, zum anderen würde die Kritik mit wissenden Ostdeutschen gar keinen Sinn ergeben.

[…] was sie vielleicht beim Besuch von Theater- oder Opernaufführungen mit Ost-Handschrift schon immer ahnten, aber noch nie in dieser Eindringlichkeit erleben konnten: nämlich das Versagen einer spezifischen Ost-Ästhetik vor allen differenzierteren Hervorbringungen des klassischen europäischen Musik- und Sprechtheaterrepertoires.

Lektion 2: Sprich immer für eine ungenannte Menge. Damit ist es nicht nur deine lächerliche Einzelmeinung, sondern eine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit. Wer diese Menschen sind und woher du dieses Stimmungsbild hast: Geschenkt. Ist schließlich eine Polemik. Das wissen auch andere große Medien („Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht“) und weitere Stimmungsmacher („Das wird man doch wohl mal sagen dürfen“).

Das Versagen, wie es nicht nur, aber doch vor allem von Frank Castorfs kruder Mischung aus brechtscher Verfremdung, „dissidentem“ Sozialismus und Proletkult ausgeht. Auch wenn diese Mischung mancherorts noch immer als erfolgreiches Markenzeichen betrachtet wird, vor allem von Ostalgikern und Snobs.

Lektion 3: Behandle deinen Gegner als Stellvertreter einer größeren Gruppe. Denn wenn du dich an einer Einzelperson abarbeitest, müsstest du ihre konkrete Arbeit konkret kritisieren. Je allgemeiner und unspezifischer ihre Gruppe wird („nicht nur, aber doch vor allem“), desto allgemeiner und unspezifischer kannst du ihre unterstellten Weltanschauungen und Ziele gleich mitnehmen. Klischees können übrigens helfen: Über Ostalgiker und Snobs kann man schließlich immer eine Meinung haben.

Er bezeichnet etwas viel Umfänglicheres, nämlich die Beschränktheiten einer Kunstwahrnehmung, die sich in provinzieller Fixierung auf Erfahrungen mit der DDR, wo ja nun in der Tat alles jämmerlich und kleinkariert war, anmaßt, den gescheiterten real existiert habenden Sozialismus wie ein Passepartout über andere künstlerische Weltentwürfe zu stülpen.

Lektion 4: Bringe ein paar Schlagwörter unter. „DDR“, „jämmerlich“ und „kleinkariert“ gehen als Kombination immer, „real existierender Sozialismus“ ist fast schon ein Muss. Das muss auch überhaupt nichts mit dem Thema zu tun haben und sollte auch in den nächsten Jahrzehnten problemlos möglich sein.

Wir sehen also: Der leidende Literaturredakteur bedient sich journalistischer Taschenspielertricks und glaubt wahrscheinlich auch noch an die Klischees, die er für seine Argumentation benötigt. Schade. Die „Welt“ wäre gut beraten, für ihre Redaktion nach Leuten mit weiterem Horizont Ausschau zu halten.

(Übrigens passend dazu ein Zitat Frank Castorfs aus dem letzten Jahr zu Bayreuth: „Jeder von außen ist der Feind. Das ist pure DDR.“)

Danke an Negativpresse Ost für den Hinweis.

Honniland: Wo die wilden Ossis wohnen

Liebe Medien — ärgern Sie sich nicht auch manchmal, dass es immer schwerer wird, mal so richtiges DDR-Leben zu zeigen? Wie soll man da vernünftig über den Mauerfall berichten? Nach 25 Jahren sind echte Ossis ja kaum noch zu finden — muss auch hier mit aufwendigen CGI-Effekten ausgeholfen werden?

Das muss nicht sein! Denn in Chemnitz eröffnet jetzt das Honniland. Ja, richtig: Honniland! Der Name hat zwar bei der Online-Umfrage „Wie heißt Ostdeutschland politisch korrekt?“ keine einzige Stimme bekommen, aber darum geht es hier gar nicht. Vielmehr ist das neue Wahrzeichen der Stadt eine Mischung aus Disneyland und Honeymoon, ein Erlebnispark mit Wohlfühlambiente also. Zwei Wohnungen wurden hierzu mit DDR-Dingen eingerichtet.

Doch Spaß beiseite. Wie geht man journalistisch angemessen mit dieser Thematik um? Der Artikel der Freien Presse aus Sachsen zeigt, wo es langgeht: Nie kommt der Eindruck auf, er stelle die Leiterin der Einrichtung zur Schau. Oder er präsentiere unreflektiert nostalgische Schauwerte. Oder beides. Wirklich: Nie nie nie. Das ist auch der Grund, weshalb ich hier nicht daraus zitiere.

Also liebe Medien: Nehmen Sie diese Mischung aus Museum und Nachbarschaftstreff in Ihr Mauerfall-Repertoire auf: Endlich echte Ossis, die sich genauso verhalten, wie Sie es brauchen! Wenn Sie aus den westlichen Bundesländern kommen, ist das ja sogar noch eine Exklusiv-Story.

 

Und noch ein privater Hinweis: Ich möchte in einigen Jahren die Ausstellung „Muttiland“ eröffnen und Wohnungen originalgetreu wie heute einrichten. Da freue ich mich über: Alles von Ikea, ein paar iPads, eine Platte von Helene Fischer und vielleicht noch ein WM-Shirt mit selbst gemachtem 4. Stern. Wir hatten ja doch nicht alles.

Hello, Lenin?

In Berlin wird derzeit um einen Kopf gestritten, um Lenins Kopf.

Aber der Reihe nach: 1970 wurde das Lenindenkmal im Osten Berlins aufgestellt. 1991 wurde es dann in 129 Segmente zerteilt und in einem Waldstück vergraben. Vor fünf Jahren schließlich wurde der Kopf für eine große Dauerausstellung über politische Denkmäler in Berlin eingeplant: „Enthüllt. Berlin und seine Denkmäler“ wird 2015 eröffnet. Lenins Kopf soll dort die Zeit von 1945 bis 1989 symbolisieren.

Doch nun macht der Berliner Senat einen Rückzieher: Geht nicht, denn das Denkmal geht nur als Ganzes. Und die Restaurierung kostet ja auch. Und überhaupt: Wir wissen gar nicht, wo der Kopf eigentlich liegt.

Unsinn, sagen etwa Alexander Koch, Präsident des Deutschen Historischen Museums und Andreas Nachama, Direktor der Topografie des Terrors. So meint Koch, mit dem Exponat könnte der gesellschaftlich-politischen Bedeutung solcher Denkmäler in der DDR nachgegangen werden. Die aktuelle Diskussion zeigt aber: Die gesellschaftlich-politische Bedeutung im aktuellen System ist mindestens genauso erhellend.

Die Metapher in ihrem Lauf

25 Jahre Mauerfall — das Jubiläum rückt immer näher. Das nutzen Medien nicht nur zum Namedropping, sondern auch gerne zum Datedropping. So hat der Berliner Tagesspiegel herausgefunden:

In der Geschichte vom Ende der Deutschen Demokratischen Republik gehört der 14. August 1989 zu den chronisch unterschätzen Tagen.

Warum das? An diesem Tag bekam Erich Honecker das erste Muster eines 32-bit-Mikroprozessors — da war die DDR allerdings ein paar Jahre zu spät dran. Was laut Tagesspiegel aber ungleich schätzenswerter sei: Der Staatsratsvorsitzende sprach bei der Gelegenheit von Ochs‘ und Esel.

Der Artikel wirft von jenem Spruch ausgehend ein paar Schlaglichter auf die letzten Tage der Republik: Computertechnik  („Rückstand“), Fernsehen („erster Triumph der Informationsgesellschaft“) und Kopiergeräte („Mangel“). Und er klärt auf, dass Rückkopplung zum Fall des Staates beigetragen hat. Ja richtig, Rückkopplung:

Das Pfeifen wird die DDR von da an bis zu ihrem Ende als stetes Hintergrundgeräusch begleiten. Es rührt von einem Effekt her, den Techniker als „Rückkopplung“ kennen.

Zurück zum Honecker-Zitat: Der Tagesspiegel ist sehr verwundert über die weihnachtsgeschichtliche Anspielung eines Atheisten. Dabei hätte man leicht herausfinden können, dass Honecker dachte, er zitiere August Bebel. Zumindest geht der Slogan mindestens auf das Jahr 1886 zurück, auf die Zeit der Sozialistenverfolgung.

Und noch ein abschließendes Datedropping: Der Artikel erschien am 14.08.2014 im Tagesspiegel. Dort erschien er auch schon am 31.10.2009. Wir sehen uns also in 5 Jahren wieder!

Eigentor Geburtsort

Zu Anfang sollten wir einige Dinge feststellen: Fußball ist nur ein Spiel. Ticket-Verkäufer_innen müssen nicht über profunde Geographie-Kenntnisse verfügen. Und Geburtsorte sagen nicht zwangsläufig etwas über die Gewaltbereitschaft derjenigen aus, die von dort stammen. So weit, so einfach.

Schwierig wird es, wenn das alles nicht mehr stimmt. Wenn Fußball-Fans im Stadion zur Gefahr werden. Wenn die Vereinsführung bestimmte Fans nur im Gästeblock haben möchte. Und beim Ticketverkauf unklar wird, von wem diese Gefahr eigentlich ausgeht. So geschehen beim Kartenvorverkauf für das Match Holstein Kiel gegen Hansa Rostock. Die Aussagen von Interessenten und Vereinsführung sind da recht unterschiedlich — daher hier einige Ausschnitte:

[Zuschauer können nur im Fanshop die Karten kaufen.] Ausnahme laut Geschäftsführer Wolfgang Schwenke: „Diejenigen, die in Rostock geboren sind“.
Quelle

Die Regelung betreffe laut Schwenke den „umliegenden Postleitzahlenbereich von Rostock“.
Quelle

[Betroffene mit Geburtsorten in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen berichten, dass sie keine Karten bekommen konnten.] „Wenn Sie im Westen geboren wären, hätte ich Ihnen Karten verkauft“, sagte die Dame im Fanshop. […] Auch ein Interessent aus Lübeck bekam keine Karten, „weil Lübeck angeblich näher an Rostock als an Kiel liegt und Lübecker sich auch nicht mit Kielern verstehen“.
Quelle

Interessenten, die entweder direkt aus Rostock kommen oder aus einem Ort, der weniger als 100 Kilometer vom Rostocker Stadtkern entfernt liegt, [dürfen] ausschließlich Karten für den Gästeblock erwerben.
Quelle

Es habe „absolut nichts mit Diskriminierung zu tun, und es tut mir leid, wenn Fans keine Karten bekommen“, [so der Geschäftsführer von Holstein Kiel]. Aber irgendwo müsse man anfangen, und Ostdeutsche seien generell gewaltbereiter.
Quelle

Die Grenze der Diskriminierung sieht [Christoph Schickhardt, Anwalt für Recht im professionellen Sport], im konkreten Fall jedoch nicht überschritten. Unzulässig wäre seiner Auffassung nach, wie zunächst berichtet, der Ausschluss der Zuschauer aus dem gesamten Osten Deutschlands. „Hier gäbe es dann keine sachlichen Gründe mehr. Das wäre nicht zulässig“.
Quelle

„Wir meinen, wer 24 Jahre nach der deutschen Einheit Ostdeutsche generell für gewalttätiger hält, als Westdeutsche, sollte im deutschen Fußball kein Amt bekleiden“.
Blau-Weiß-Rote Hilfe Rostock

Mein Vorschlag zur Güte: Die Mitarbeiter_innen von Holstein Kiel bekommen Nachhilfe in Geografie und alle Ostdeutschen, die nicht den gängigen Klischees entsprechen, suchen sich einen neuen Geburtsort. Alle Probleme gelöst!