Sophie Passmann reflektiert ihre Sicht auf den Osten

Im Februar 2018 schrieb Sophie Passmann einen Text für den Spiegel. Der Anlass: Sie war zum ersten Mal in Eisenach. Das ist ja immer ein dankbares Thema für die Medien — Westdeutsche landen in der ostdeutschen Provinz, überleben und erzählen danach davon (siehe auch: der Focus in Strausberg, die taz in Berlin‐Marzahn, der Deutschlandfunk in HalleMoritz von Uslar in ZehdenickAndrea Marshall im Haus der Statistik). Und wie in solchen Fällen üblich, hat diese Person auch etwas über sich gelernt. Sophie Passmann weiß jetzt: Sie hat Vorurteile und ist in einer privilegierten Position.

Über den Text von Passmann hat sich die Zeit‐Redakteurin Valerie Schönian so sehr geärgert, dass sie sich mit Sophie Passmann ein Interview geführt und sie in ihre Heimatstadt Magdeburg eingeladen hat. Sophie Passmann macht dabei deutlich: Sie möchte ihren Blick reflektieren. Aber: Ist es ihr gelungen? Der folgende Text vermischt ihren Spiegel‐Artikel und ihre Antworten im Interview.

Welcher Satz gehört wozu? Wie weit ist Sophie Passmann in ihrer Selbstreflektion gediehen?

Für mich erschien das wie die Pointe der Geschichte: Klar, die Passmann kann nicht in irgendeiner RICHTIGEN Stadt stranden, sondern in EISENACH.

Ich war vorher noch nie bewusst im Osten gewesen, außer vielleicht mal kurz in Leipzig und Erfurt. Eine Stadt wie Eisenach kannte ich nicht. Ich hätte mir so gewünscht, dass der Osten mich überrascht. Aber dann war alles so, wie ich es erwartet hatte. Mein Besuch in Eisenach war kurz. Er bestand aus einer Hotelübernachtung in einem beschämend schönen Hotel, einem Abendessen bei der Sandwich‐Kette Subway und einem kleinen Spaziergang durch das, was Eisenach „Innenstadt“ nennt.

Ich habe in Eisenach zum ersten Mal gemerkt, dass ich eine eigene westdeutsche Arroganz besitze. Dass ich mich als Wessi fühle, hätte ich nie gedacht. Um mich als das Andere zu empfinden, musste ich erst mal in den Osten. Gleichzeitig fällt mir auf, dass ich nicht einen einzigen Ostdeutschen nennen könnte, mit dem ich befreundet bin. Ich habe bestimmt ostdeutsche Freunde – aber vergesse einfach deren Herkunft. Gerade denke ich zum ersten Mal, wie abgefahren dieses ganze Ost‐West‐Ding ist! Dass es auch unsere Generation betrifft. Ich dachte immer, das sei vorbei.

Ich habe Vorurteile gegenüber Ostdeutschland. So, jetzt habe ich es gesagt. Diese Vorurteile sind, wie ja immer, völlig unbegründet, sie entbehren jeder Grundlage. Dieser Ort hier wäre überall ein Highlight. Er ist einfach schön. Aber eben nicht typisch ostdeutsch. Ich habe ja nicht bezweifelt, dass es so was im Osten auch gibt. Ich bin Orts‐Opportunistin. Mir ist es völlig egal, wenn jemand ein schiefes Bild von Freiburg hat. Was ein schlechter Vergleich ist, weil es an Freiburg wenig auszusetzen gibt. Dich würde es wirklich stören, wenn ich Magdeburg nicht gut finde, oder?

Ich glaube, du bist einfach Patriotin und kannst das nicht zugeben – weil es nicht in dein Weltbild passt. Du verintellektualisierst da aber nur ein Gefühl.

Genauso, wie ich jetzt mir und dem Westen abverlange, dass man mal ein bisschen Empathie haben und Privilegien reflektieren sollte – genauso kann ich das auch von den Ostdeutschen verlangen.

Ich kann mir vorstellen, wie das sein muss, wenn so eine 24‐Jährige abends in ein Hotel in Eisenach stapft und mit ihrem Hochdeutsch und ihrem „Bitte“ und „Danke“ deutlich macht, was sie von Eisenach und den Ostdeutschen hält.

Ich wäre auch wortkarg.

Auf die Wiedervereinigung. Haben wir das Problem jetzt gelöst? Pfeffi ist ja schon mal ein guter Beitrag des Ostens zum vereinten Land.

Wenn sich Wessis im Osten gruseln: Haus der Statistik 1

Westdeutsche entdecken den Osten: Dieses Genre ist nicht einfach nicht totzukriegen. Aktuell präsentiert der Rundfunk Berlin‐Brandenburg ein Beispiel: Unter dem Titel „Mein erster sozialistischer Plattenbau“ berichtet Andrea Marshall, wie sie das Haus der Statistik am Berliner Alexanderplatz in einem Studentenjob erlebt hat.

Haus der statistik. berlin-mitte

Recherche? Nein Danke!

Der Beitrag ist als Kolumne einsortiert. Und wie in dieser Textgattung üblich, verzichtet die Autorin auf sichere Fakten. Angesagt sind stattdessen ungefähre Angaben, diffuse Erinnerungen und Vermutungen. Ein paar Beispiele:

Es muss im Winter 1990/91 oder kurz danach gewesen sein.

[Es war ein sozialistischer Plattenbau], in dem planwirtschaftliche Rechenkunst praktiziert worden war, jedenfalls stellte ich mir das so vor.

[Das Markt‐ und Meinungsforschungsinstitut] war nach meiner Erinnerung das erste, das sich auf das Erforschen der Meinung ehemaliger DDR‐Bürger spezialisiert hatte.

Nicht erinnern kann ich mich, ob wir Interviewer damals im Stasi‐Trakt saßen. Das ist gut möglich.

Dass Marshall dabei gleich alle DDR‐Menschen mit Telefonanschluss zur staatstragenden Elite zählt: Geschenkt. Die Pointe hätte eine Recherche ja nur verdorben.

Hauptsache Gefühl

Wie hat sich die Autorin gefühlt? Emotionen sind schließlich essenziell, wenn der Westen ostdeutsche Atmosphäre einfängt. Das funktioniert natürlich am besten, wenn ein Schauer über den westdeutschen Rücken läuft:

Ich persönlich verbinde mit dem Gebäude gruselige Erinnerungen, seitdem ich es zu Wendezeiten selbst erlebt habe.

Schon die Aufgabe, das Büro überhaupt zu finden, erforderte Nervenstärke. Bei Einbruch der Dunkelheit war der Komplex für mich ein einziger, gespenstischer Irrgarten aus kilometerlangen, menschenleeren Gängen und Fluren.

Oder war da doch noch jemand? Seltsame Geräusche, Hirngespinste? Und die Frage: Komme ich jemals wieder lebend aus diesem unentrinnbaren Labyrinth? So fühlte es sich an.

Warum das alles?

Das Haus der Statistik steht seit acht Jahren leer — künftig soll dort ein Ort für Behörden, aber auch für Kultur, Bildung, Soziales und Wohnen enstehen. Auch eine „Akademie der Zusammenkunft“ ist geplant. Warum aber beschäftigt sich der RBB mit 25 Jahre alten Erinnerungen und Gefühlen einer Studentin? Wäre es nicht sinnvoller, Gegenwart und Zukunft des Standortes kritisch zu thematisieren, recherchieren und analysieren? Der Text verrät uns nichts darüber. Aber dann hätten wir ja die Gelegenheit verpasst, den alten westdeutschen Blick auf den Osten zu bestaunen.

Rezension: Deutschboden (Film)

Im Jahr 2010 erschien das Buch „Deutschboden. Eine teilnehmende Beobachtung“: Der Journalist Moritz von Uslar verbrachte drei Monate in einer brandenburgischen Kleinstadt und machte so ein großes Ding daraus. 2014 kam eine Verfilmung ins Kino, nun ist sie noch bis 21.9. in der ARD Mediathek zu sehen.

Sollte man sich das ansehen? Nun, die Bildsprache ist sehr schön und die Gespräche mit den Menschen aus Zehdenick sind wunderbare Momente, in denen der Film durchaus einem Lebensgefühl näher kommt. Das Problem sind die ewigen Sequenzen dazwischen, in denen Moritz von Uslar ununterbrochen davon redet, wie er sich gefühlt hat, sich gerade fühlt und noch fühlen wird. Er glaubt, Ostdeutschland besser kennen zu lernen, doch dabei ist er so sehr in seinen Erwartungshaltungen gefangen, dass er der anderen Seite kaum Raum gibt.

Einen Vorteil hat aber seine Unfähigkeit, sich zurückzunehmen: Selten hört man die Vorannahmen über den Osten so präzise formuliert, so ungeschönt ausgesprochen: „Jeder normaler Mensch will hier wegziehen“, sagt er und schon weiß man, wer hier als „normal“ gesetzt wird. Die Menschen, die hier offenbar bleiben, sind es wohl nicht. Nicht umsonst vermittelt von Uslar also den Eindruck, als würde er exotisierte Ureinwohner beobachten, als müsste er allen Mut zusammen nehmen, um die Kneipe zu betreten. Und wie unter Zwang nennt er alle Dinge, die er für Überbleibsel aus der DDR hält. Einem ganz fremden Land wohl. Und wenn der Protagonist sich am Ende angekommen fühlt, da hat man die klassische Heldenreise vor sich. Naja, geblieben ist er dann aber trotzdem nicht.

Ein lehrreicher Film also — nicht unbedingt über den Ostboden, aber über die Person, die ihn betreten hat.

Die Suche der Zeitungen nach dem Osten

Bereits seit einiger Zeit fragen sich die großen westdeutschen Zeitungen, warum sie in den nicht mehr ganz so neuen Bundesländern so selten gekauft werden. Daher gibt es einige Initiativen, die zeigen sollen: Hey, wir interessieren uns doch für euch im Osten! So betreibt die „Zeit“ das Projekt „Zeit im Osten“ und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ lässt unter dem Namen „Wostkinder“ bloggen. Alles schön und rüttelt nicht an den etablierten Inhalten und Strukturen.

Und die „Süddeutsche Zeitung“, die trotz ihres Namens bundesweit erscheint? Die präsentierte 2010 zu 20 Jahren deutscher Einheit die Reportagereihe „Unser Osten“. Wem das zu vereinnahmend klingt, darf sich freuen:
Im Leitartikel der heutigen Ausgabe geht es um den Andrang auf die Universitäten, eigentlich eine gesamtdeutsche Problematik. Doch Redakteur Johann Osel nimmt in „In der Bildungsbäckerei“ eindeutig Bezug auf „drüben“:

So bleiben Numerus‐clausus‐Opfern zwei Optionen: Man kann die Provinz entdecken lernen, oder die neuen Länder.

Hier sind sie wieder, das Wir und die Anderen. Wir die weltgewandten Großstädter, dort die Provinz. Wir Wessis. Ihr Ossis. Vielleicht lernen wir euch irgendwann einmal kennen.

Hm. Wieso werden diese Zeitungen eigentlich nicht so oft in den neueren Bundesländern gelesen?

Der Deutschlandfunk auf Entdeckungsreise in Halle (Saale)

Der Deutschlandfunk (DLF) hatte am 16. Mai zu einer Diskussion zum Solidarpakt Ost nach Halle (Saale) geladen. Es ging um politische und wirtschaftliche Fragen: Ist das nur ein Wahlkampfthema? Benötigen auch Gebiete im Westen Unterstützung? Der DLF schaffte es, diese Themen mit den Methoden einer Auslandskorrespondenz zu vermitteln.

Wie Berichterstattung aus einem anderen Land hört es sich nämlich an, wenn die Reporterin in Live‐Schaltungen sinngemäß berichten darf: „Nein, noch keine goldenen Bürgersteige gefunden. Aber wir bleiben dran.“ Die Gespräche mit der einheimischen Bevölkerung wirken wie eine Reise in eine fremde Welt: Irgendwie ist alles anders hier.

Aufschlussreich auch der Blick von Jutta Günther vom Institut für Wirtschaftsforschung, die ihren zehnjährigen Aufenthalt in Halle resümiert:

Mir fällt auf, dass in Halle die Menschen anders gekleidet sind als in Braunschweig. Mir fällt auf, dass die Autos anders aussehen. Aber mir fällt auch auf, dass die Menschen sowohl in Halle als auch in Braunschweig glücklich sind. Vielleicht sogar etwas glücklicher in Halle.

Insgesamt waren es überwiegend Menschen westdeutscher Herkunft, die als Experten auftreten durften — der Blick von außen dominierte also. In der Diskussionsrunde selbst gab es mit Dagmar Szabados, der Oberbürgermeisterin der Stadt, zumindest eine ostdeutsche Stimme.

Die Sendung „Wo sind die ‚goldenen Bürgersteige‘? Der Streit um den Solidarpakt“ zum Nachhören.