Geschichtspolitik mit Schlössern 1

Ich habe ja immer gedacht, die Vernichtung von DDR‐Architektur in der Innenstadt zeigt den Kampf West gegen Ost: Der Palast der Republik musste weg, weil er für das besiegte sozialistische Gesellschaftssystem stand. Dass dort stattdessen das Berliner Stadtschloss wiederaufgebaut werden sollte, hielt ich für ein Feigenblatt, um die Dinge nicht direkt ansprechen zu müssen. So dachte ich.

Doch offenbar ging es wirklich um das Schloss oder vielmehr: Es geht um die Wiederkehr Preußens. Denn auch das Glienicker Jagdschloss im Westteil der Stadt soll „wiederhergestellt“ werden: 1964 hatte Architekt Max Taut dort Veränderungen vornehmen lassen, weil die Berliner Mauer den ursprünglichen Zugang versperrte. CDU‐Politiker Uwe Lehmann‐Brauns nennt dieses Geschichtszeugnis „Verunstaltung“. Nikolaus Bernau plädiert in der Berliner Zeitung dafür, den baulichen Zustand bestehen zu lassen.

Architektur lässt sich einfach in die Kategorien „gefällt mir“ / „gefällt mir nicht“ packen. Doch Schönheit liegt in den Augen der Betrachtenden, die Geschichte aber hat sich in die Gebäude selbst eingeschrieben. Jeder Versuch, ein preußisches Bauwerk „wiederherzustellen“ (Jagdschloss Glienicke) oder „neu zu errichten“ (Stadtschloss) zeugt nur davon, die letzten 100 Jahre Geschichte aus dem Stadtbild tilgen. Gerade in Berlin mit seiner vielfältigen Geschichte ein gefährliches Unterfangen.

One comment on “Geschichtspolitik mit Schlössern

  1. Reply Kati Jul 29,2011 18:57

    zu dem thema wäre bestimmt die habil‐schrift von beate binder (HU Berlin) spannend: Streitfall Stadtmitte. Der Berliner Schloßplatz.

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