Das Smartphone, das eine Banane ist

Vielleicht müssen wir 25 Jahre nach dem Fall einer Mauer einfach damit leben, dass plötzlich DDR‐Bezüge auftauchen, wo man sie niemals vermutet hätte. Beispiel gefällig?

Also: Was haben die DDR und ein Smartphone gemeinsam?

Richtig: Bananen!
Oder genauer: DDR‐Bananen!

Was wie ein absurder Gedankensprung aussehen mag, ist in Wirklichkeit natürlich äußerst logisch. Denn DDR‐Bananen sind eben nicht die Gurken, die uns ein Satireblatt weißmachen wollte — soviel Verständnis der geschichtlichen Wahrheit ist also vorhanden. Denn DDR‐Bananen sind selbstverständlich Bananen, die es nicht gab bzw. langer Warteschlangen bedurften. Und da nähern wir uns der Vollendung der Gedankenkette. Denn auch für das Smartphone „Oneplus One“ ist es nötig, Schlange zu stehen. Zwar sind es nur virtuelle Schlangen, und eigentlich ist es eher eine Verlosung — aber das soll dem Vergleich hier keinen Abbruch tun.

Klingt nerdig? Muss es auch, denn diesen Vergleich hat das Computer‐Magazin „com!“ angestellt. Kein Scherz.

Wobei ich ja glaube, dass diese Abstraktionsleistung ein wenig übertrieben für die Zielgruppe ist. Schließlich gehören künstliche Verknappung und lange Schlangen bei Apple regelmäßig zur Verkaufsstrategie. Und Äpfel und Bananen kann man ja dann doch irgendwie vergleichen. Vielleicht.

Zähne‐Zahlen in Ost und West

Nein, sowas: Da sind die Ostdeutschen doch tatsächlich einmal den Westdeutschen voraus. Denn die Krankenkasse Barmer GEK hat den „Zahnreport“ vorgestellt. Ganz neue Erkenntnis: Die Menschen im Osten gehen häufiger zu Zahnärztinnen und Zahnärzten. Eine Erklärung gibt es natürlich auch gleich dazu:

Menschen aus der ehemaligen DDR kümmerten sich mehr um ihre Zähne, weil dort in Kindertagesstätten und Horten viel Wert auf Zahnpflege gelegt worden sei, vermutet der Vizechef der Barmer GEK, Rolf‐Ulrich Schlenker.

Das ist natürlich schön. Denn das ist nicht nur besser für die Gesundheit, sondern auch für den Geldbeutel:

Tatsächlich sind die Gesamtausgaben der Krankenkassen für Kronen und anderen Zahnersatz in den neuen Ländern deutlich niedriger als im Westen. Zudem zeigen die Zahlen der Barmer GEK, dass die Ostdeutschen im Fall der Fälle weniger aus der eigenen Tasche zuzahlen.

Äh, Moment: Wenn den zahnbewussten Ossis ihre Gesundheit dermaßen wichtig ist, sollten die doch bei der Behandlung nicht sparen. Vielleicht gibt es doch noch einen ganz einfachen Grund dafür?

Die Ostdeutschen wählen lediglich den preiswerten Standard, weil sie sich nicht mehr leisten wollen oder können. Kassen‐Vorstand Schlenker tippt auf Letzteres: „Hier zeigt sich ein Wohlstandsgefälle.“

Tja, da kann man noch so viel Prägung und Erfahrung aus Kindertagesstätten und Horten mitbringen: Mehr Geld gibt’s dadurch auch nicht. Oder vielleicht ist ein häufiger Zahnarztbesuch einfach die bessere Methode, noch mehr Kosten zu vermeiden? Ich kann mich gerade nicht entscheiden, ob eine 25 Jahre alte Prägung oder aktuelle finanzielle Sorgen wichtiger sind …

Aktuelle DDR‐Vergleiche #17 — Französische Justiz

Nicolas Sarkozy hat die Abhörmethoden der französischen Justiz mit Stasi‐Praktiken verglichen:

Das ist kein Ausschnitt aus dem wunderbaren Film ‚Das Leben der Anderen‘ über Ost‐Deutschland und die Aktivitäten der Stasi. Das geschieht in Frankreich.

So der frühere frühere französische Präsident in einem Gastbeitrag für Le Figaro.

Mon Dieu! Aber der muss es ja wissen …

Was ist schlimmer als ein BND?

Da zieht die Zentrale des BND vom beschaulichen Pullach in die Hauptstadt Berlin. Das „wohl sicherste Gebäude“ der Stadt ist entstanden, es hat schuss‐ und abhörsichere Fenster, Kameras überwachen die Umgebung. Insgesamt sollen hier 4.000 Personen arbeiten — für den deutschen Geheimdienst, der für die Auslandsaufklärung  zuständig ist. Wie wichtig die Geheimhaltung auch für das Gebäude ist, lässt sich daran sehen, dass der Diebstahl von Bauplänen 2011 für einen Skandal sorgte.

Doch was bewegt die Menschen, die direkt daneben wohnen? Die Bild‐Zeitung hat es herausgefunden: Das Gebäude verhindert, dass Sonnenlicht auf den Balkon eines Bewohners fällt. Doch das ist noch nicht alles:

Seine größte Angst: „Die Stasi könnte sich hinter dem BND verstecken.“

Stasi‐Methoden beim BND, über den wir ja sonst alles wissen? Auweia, das könnte unserem Lieblingsgeheimdienst echt schaden.

 

Danke an Anna für den Hinweis!

DDR macht Schule in Thüringen und Bayern

Wie sollte angemessen mit der DDR im Schulunterricht umgegangen werden? Zwei aktuelle Beispiele gehen da völlig unterschiedlich heran:

Im ersten Fall lässt eine Lehrerin ein Theaterstück über die DDR aufführen. Das wird in der Welt kritisiert.

Im zweiten Fall wird an mehreren Tagen die DDR in der Schule nachgestellt. Das wird im Bayerischen Rundfunk für gut befunden:

Fall 1 geschah an einem Gymnasium in Suhl unter Anleitung einer Lehrerin mit DDR‐Vergangenheit bzw. „DDR‐Tick“, wie es im Artikel heißt. Sie hatte sich im Blauhemd der FDJ fotografieren lassen. Fall 2 ereignete sich an einem Gymnasium in Coburg, die Schülerinnen und Schüler hatten dafür mit Zeitzeugen gesprochen. Verkauft wurden Kekse mit Hammer und Sichel.

Aber natürlich bleiben das zwei komplett unterschiedliche Aktionen, die völlig unterschiedlich bewertet werden müssen. Wo kommen wir denn sonst hin, wenn wir plötzlich Ähnlichkeiten zwischen Bayern und Thüringen sehen würden?

Aktuelle DDR‐Vergleiche #16 — Alice Schwarzer

Einige Vergleiche sind offenbar so naheliegend, dass ich alleine nie darauf gekommen wäre. Dies ist so ein Fall, denn die Zeitschrift Cicero betitelt einen Kommentar:

Alice Schwarzer: Der Erich Honecker des Feminismus

Tja, was soll man da argumentativ gegen setzen? Ist dann Erich Honecker die Alice Schwarzer der DDR? Und die Emma das neue Neue Deutschland? War Erich wegen Steuerhinterziehung in Chile und muss Alice Asyl in der Schweiz suchen, weil sie jetzt auf einer Ebene mit Uli Hoeneß steht? Was war der eigentlich in der DDR?

Fragen über Fragen. Und keine Antworten.

Mauerfall‐Einheit: Vereinnehmen ohne übernehmen

Wie funktioniert eigentlich Vereinnahmung von Geschichte? Hier ein aktuelles Beispiel: Die in der DDR geborene Piraten‐Politikerin Anke Domscheit‐Berg hat der Zeit ein umfangreiches Interview gegeben. Darin sagt sie unter anderem:

Der Mauerfall ist die endlose Energiequelle, die mich immer antreiben wird. […] Ich wollte eine bessere DDR, einen dritten Weg. Aber davon sprach dann niemand mehr, die runden Tische verschwanden, viele wollten nur noch die D‐Mark. […] Als wir auf die Straße gingen, hatten wir eine Vision von einer besseren Welt. […] Wir, die dablieben, wollten den dritten Weg, wir wollten eine bessere Gesellschaft. Das geht ja nicht, wenn man abhaut und alle anderen dalässt. […] Überlegen Sie mal: Wir Ostdeutschen wissen sogar, wie man Geheimdienste abschafft, wir haben das selbst einmal gemacht.

Der dritte Weg, das war ein zentrales Ziel der Dissidenten ab Anfang der 1980er Jahre: Sie wollten eine demokratisch reformierte DDR. Die Idee des Sozialismus fanden sie nicht schlecht — nur dessen Umsetzung. Die Wiedervereinigung hingegen war eine politisch und ökonomisch motivierte Idee der bundesdeutschen Kohl‐Regierung. Der Rest ist Geschichte.

Nun aber zur Vereinnahmung. Im Tagesspiegel schreibt Chefredakteur Lorenz Maroldt eine Replik zu diesem Text — er argumentiert aber gar nicht für oder gegen Domscheit‐Berg, sondern führt ausgehend von ihrem Interview die Meinungen von SPD‐Politiker aus dem Jahr 1989 vor. Das sieht dann so aus:

Die wichtigste Botschaft des Lebens gehe von den Ereignissen damals aus: Nichts, wirklich nichts müsse so bleiben wie es ist, schreibt sie, egal, wie stabil es aussieht. […] Dass irgendwann die Mauer fällt und die Einheit kommt, dass so etwas geht, das haben vor ’89 – und auch noch mittendrin – nur die wenigsten erwartet. Erich Honecker sah sie noch in hundert Jahren stehen, und auch im Westen, hier besonders im linken, grünen, sozialdemokratischen Milieu, war die Sache abgehakt, mindestens das. […] Noch kurz vor dem Mauerfall erklärte [Egon Bahr apodiktisch]: ‚Es gibt keine Chance, die deutschen Staaten zusammenzuführen.‘ […] Doch die Wucht der Ereignisse, die Bahr überrollte, so wie auch Hans‐Jochen Vogel (‚illusionäres Wiedervereinigungsgerede‘, September ’89), Oskar Lafontaine (‚historischer Schwachsinn‘, Dezember ’89), Willy Brandt (‚die Hoffnung auf Wiedervereinigung wird gerade zur Lebenslüge‘, September ’89), Gerhard Schröder (‚keine Chance‘, September ’89), wirkt nach, ist nicht vergangen.

Und wir sehen: Plötzlich sind der Mauerfall und die Vereinigung der beiden deutschen Staaten untrennbar miteinander verbunden. Und es scheint Maroldt nicht zu stören, dass seine Zitatgeberin etwas ganz anderes sagt. Da passt es, dass sein Mauerfall‐Einheits‐Brei zu einem Naturereignis ohne Akteure wird: „Ereignisse“, „die Sache“. Keine Rede von denen, die auf die Straße gingen und viel riskierten. Keine Rede von Menschen wie Anke Domscheit‐Berg. Sie würden wohl nur diese vereinnahmende Sichtweise stören.

zahlen vergleichen 2

mir begegnen gelegentlich statistiken; zahlen von diesem und jenem im vergleich zu zahlen von diesem und anderem. sowas zum beispiel:

Die Zahl der Verkehrstoten ist nach einer aktuellen Prognose des ADAC im Jahr 2013 auf einen historischen Tiefststand gesunken. … Die höchsten Zahlen gab es laut ADAC‐Sprecher Andreas Hölzel Anfang der 70er Jahre. «Da hatten wir rund 20 000 Verkehrstote im Jahr.» … Es werde voraussichtlich auch weniger Verletzte geben. Zu erwarten sei ein Rückgang um fast fünf Prozent auf 366 000 verletzte Verkehrsteilnehmer. Dies wäre der niedrigste Stand seit 1954.

oder auch sowas in einem artikel aus dem Jahr 2008:

Die Zahl der Neugeborenentötungen ist in den letzten 30 Jahren etwa gleich geblieben.

na? wem fällt was auf?

ich würde die journalist_innen, adac‐sprechenden und wissenschaftler_innen gerne fragen in welchem land sie leben und und welcher Alten‐Neuen‐BRD sie ihre verkehrstoten und -verletzten und ihre neugeborenentötungen gezählt haben und was sie da eigentlich vergleichen.

wenn die zahl der neugeborenentötungen zwischen 1978 und 2008 in etwa gleich geblieben ist, dann hat sie sich verändert!

Der NS/BRD/DDR‐Vergleich ist heiß

25 Jahre Mauerfall werfen ihre Schatten voraus: Die Stasi‐Unterlagenbehörde steht zur Debatte. Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, sieht die Zukunft der Stasi‐Akten im Bundesarchiv, denn:

Die DDR ist auch Teil der westdeutschen Geschichte.

Er spiele damit auf einen wunden Punkt an: Die Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik interessiert im Westen nicht. So weit, so gut. Seine weitergehende Forderung hat mit dieser Feststellung aber nicht mehr viel gemein:

[M]an sollte etwa Nationalsozialismus und DDR gemeinsam betrachten, um vergleichend zu arbeiten.

Nazis sind wie Zombies: Ebenso unerwartet wie untot entern sie jede Debatte und sabbern alle guten Argumente weg.

Jetzt aber mal bitte die ernsthaften Buzzwords sammeln: DDR, westdeutsch, vergleichend. Also, warum denn nicht die zweifache deutsche Nachkriegsgeschichte nebeneinander stellen? Wie haben sie die unmittelbare Vergangenheit verarbeitet, wie gingen sie die Zukunft an, wie war der Umgang mit den jeweiligen Bündnispartnern, etcetera pp.? Ist das so abwegig oder liegt der Vergleich mit dem Zombie‐Regime wirklich so verdammt nahe?

Wobei: Wenn die DDR Teil der westdeutschen Geschichte ist, vergleicht man diese dann nicht auch automatisch mit dem Nationalsozialismus? Ein Kollateralvergleich, sozusagen.

Wo Zombies auftauchen, passieren eben unerwartete Dinge.

„DDR‐Skier“

Die Kanzlerin macht sich auf zum Skiurlaub, stürzt, verletzt sich und wer ist schuld? Richtig:

Auch diesmal wurde Merkel in der Loipe gesichtet — mit lila Stirnband, grauem Fleece‐Pullover und einem Paar Langlauf‐Skier der DDR‐Marke „Germina“.

So die Augsburger Allgemeine

Der ursprüngliche Titel des Artikels war übrigens noch etwas expliziter. Auf der Website selbst wurde das inzwischen geändert, Google News zeigt es aber noch:

Bruch im Beckenbereich: Sturz auf DDR-Skiern: Angela Merkel regiert nach ...

Bruch im Beckenbereich: Sturz auf DDR‐Skiern: Angela Merkel regiert nach …

Übrigens gab es dann doch noch Entwarnung:

Tatsächlich waren die Skis der Bundeskanzlerin so Jahrgang 1992 – 95, sagt Germina‐Geschäftsführer Maik Notnagel zu Blick.ch.

Nicht auszudenken, wenn die Skier vor 1990 gebaut worden wären. Dann wären es bestimmt IM‐Latten gewesen.