Gute Vorsätze für Ostdeutsche 2014

Beginnen wir das neue Jahr doch mit Fragen. Oder nein — schauen wir uns doch einfach die Fragen an, die Christian Bangel auf Zeit Online zu einem Artikel gebastelt hat:

Warum gibt es kein relevantes ostdeutsches Medium?

Was heißt schon relevant? Geht man nach den Verkaufszahlen, befindet sich die Super Illu auf dem 7. Platz der Zeitschriften und Magazine, im Osten ist sie nach eigenen Angaben sogar die meistgelesene Kaufzeitschrift. Damit ist die Super Illu hochgradig relevant für die Menschen dort — auch wenn die mediale Allgegenwärtigkeit von Spiegel, Stern & Co anderes vermuten lassen. Bei den meistzitierten Medien taucht die Zeitschrift hingegen nicht auf: Relevant für die sonstigen Medien in Deutschland ist die Super Illu also nicht. Relevant ist schließlich, was man relevant macht.

Wieso spricht niemand über ein Bundesland Ostdeutschland? Die Probleme der Länder ähneln sich und der Bevölkerungsschwund hat bereits ungezählte Gebietsreformen nötig gemacht.

Dann müsste aber auch mindestens das Ruhrgebiet, wenn nicht gleich ganz Nordrhein‐Westfalen mitmachen. Dort gibt es schließlich ganz ähnliche Probleme. Zumal solch ein Vorgehen nur an alte Muster anknüpfen würde: Der vielfältige Westen hier, dessen ganz verschiedene Bundesländer sich gar nicht auf einen Nenner bringen lassen. Und der Osten dort, ein eindeutig als DDR definierbares Bundesland. Aber all das passt zur Forderung von Christian Bangel:

Es wird Zeit für die Ostdeutschen, sich großzumachen. Nicht als Gesamtdeutsche, sondern als Ostdeutsche, deren Einfluss erkennbar werden muss.

Angela Merkel, Beate Zschäpe, Joachim Gauck, Toni Kroos und Maybritt Illner nennt Bangel als Beispiele bekannter Menschen aus dem Osten. Damit belegt er die Vielfältigkeit der Menschen aus dem Osten, was ja bei mehreren Millionen Einwohner_innen auch nicht überraschen dürfte. Und doch fehlt ihm ein eine eindeutige, ostdeutsche Positionierung dieser Menschen: Irgendwas muss diese Personen doch verbinden, und wenn es nur Pragmatismus ist. Oder (Achtung, Zirkelschluss): Ihre Nichterkennbarkeit als Ostdeutsche.

Wo sind eigentlich die Ostdeutschen? Man erkennt sie nicht am Namen und am Beruf, nicht mehr an ihrer Kleidung und an der Frisur.

Dabei könnte Christian Bangel doch selbst den Anfang machen. Auf seinem Porträt auf Zeit Online erfährt man einige Stationen seines Lebens. Ausgespart wird allerdings die Frage seiner Herkunft, auch im Artikel wird sie nicht angesprochen, obwohl er eindeutig eine Positionierung einfordert. Aufschluss gibt dann eine ältere Website des Autors:

Meine Kollegen nannten mich U.D.O., „Unser dummer Ossi“. Ich glaube, ich möchte darüber reden.

Selbstpositionierung ist dann vielleicht doch nicht so einfach, wie es zunächst aussieht.

Auf ein erfolgreiches Jahr 2014!

Aktuelle DDR‐Vergleiche #15 — Russland

Die Zeit interviewt Boris Reitschuster, Biograf von Wladimir Putin, und entlockt ihm folgende Feststellung:

Putin hat sich ein Russland gebaut, das sehr an die DDR erinnert – DDR plus Kapitalismus und Reisefreiheit.

Komisch. Und ich dachte immer, die DDR sei definiert durch fehlenden Kapitalismus und Reisefreiheit.

Danke an @SabineRennefanz für den Hinweis

Aktuelle DDR‐Vergleiche #14 — USA

Der Vergleich der Aktivitäten der NSA mit denen der Stasi ist ja nicht neu. Nun wurde dies aber mutmaßlich an höchster Stelle verhandelt: Während sich Bundespräsident Gauck im Juli noch gegen entsprechende Vergleiche verwehrte, ist Angela Merkel nun soweit:

„Das ist wie bei der Stasi“

Das sagte sie nicht irgendwem, sondern direkt an Barack Obama gerichtet. So berichtet zumindest die New York Times. Der britische Guardian macht gleich eine große Überschrift daraus.

In den deutschen Medien indes bleibt es recht ruhig, Berichte gibt es bei stern.de, der Thüringer Allgemeinen, dem Tagesspiegel und versteckt bei Spiegel Online. Warum diese Zurückhaltung? Die Überschrift des Schweizer Blattes „20 Minuten“ verweist auf die Gründe: „Hat Merkel das S‐Wort gesagt?“

Uiuiui.

Wenn der Westen weint: Wendeverlierer, buhuhu

Westdeutschland ist Wendeverlierer.

So beginnt Henryk M. Broder seine Polemik in der Welt. Dies ist als journalistische Spielart ganz famos, denn man kann munter Behauptungen aufstellen, emotional argumentieren und an altbekannte Bilder in den Köpfen anknüpfen. Da wachsen im Osten ganz ironiefrei blühende Landschaften und schöne Innenstädte. Und im Westen?

Die Industrieruinen stehen jetzt im Westen und legen Zeugnis ab vom Niedergang ganzer Regionen.

Dass vor allem das Ruhrgebiet den Wechsel von der Industrie‐ zur Dienstleistungsgesellschaft verkraften musste, ist bekannt. Was dies allerdings mit der Wende zu tun hat, erschließt sich nicht so ganz. Und der Blick auf Gebäude und Landschaften bleibt bezeichnenderweise an der Oberfläche. Ganz andere Aussagen mal kurz angerissen: Die meisten Millionäre Deutschlands gibt es in Düsseldorf, München, Frankfurt, Stuttgart und Hamburg. Schlusslichter sind hier übrigens Mecklenburg‐Vorpommern, Sachsen‐Anhalt und Thüringen. Beim monatlichen Nettoeinkommen treten die Wendegewinner laut Broder erst ab Platz 10 auf, damit allesamt unter dem deutschen Durchschnitt. Westdeutscher Niedergang sieht anders aus.

Düsseldorf sieht heute wie Leipzig vor 30 Jahren aus: heruntergekommen, trostlos, verschlissen. Allerdings immer noch besser als Dortmund, Duisburg, Mannheim, Stuttgart, Aachen oder Mainz, wo man sich offenbar mit der fortschreitenden Verelendung abgefunden hat.

Das Problem ist eher: Düsseldorf sieht immer noch aus, wie es vor 30 Jahren ausgesehen hat. Und ich sage es nur ungern, dafür aber polemisch: Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Städte jemals schön waren. So wie auch Eisenhüttenstadt niemals eine Perle an der Oder war. Wer schöne Innenstädte sucht, wird sie auch an vielen Stellen in Deutschland finden. Unabhängig von der Region, aber auch nur da, wo es die Städte hergeben: Münster, Lübeck, Nürnberg oder Rothenburg ob der Tauber etwa.

Es geht aber eigentlich um etwas ganz anderes, das erkennt auch Henryk M. Broder:

Während man inzwischen im Osten als Gast fair und freundlich behandelt wird, regiert im Westen die Abzocke.

[…] Hässlichkeit wirkt wie ein Virus, wer sich vor Ansteckung schützen will, macht entweder die Augen zu oder redet sich ein, er müsse eben Opfer bringen, damit sich eines Tages eine Utopie erfüllt. So war es bis zur Wende in der DDR, und so ist es heute in weiten Teilen des Westens, wo sich allmählich die Erkenntnis durchsetzt, dass man zu den Wendeverlierern gehört. Wozu soll man sich dann noch anstrengen?

Damit ist das Bild komplett: Schäbige Innenstädte, Abzocke, fehlende Anstrengung — und das bei einem hohen Einkommensniveau und vielen Millionären. Das Problem, lieber Herr Broder, lieber Westen: Es ist hausgemacht.

Die real existierende DDR der BILD

„Doch wie sähe es heute östlich der Elbe aus, wenn die Mauer nicht gefallen wäre? BILD skizziert das Leben in einer DDR des Jahres 2013 – mit Handys, maroden Städten und einer immer noch herrschenden SED. Selbstverständlich alles Utopie.“

Die Bild‐Zeitung pfeift auf die reale Gegenwart und denkt sich lieber eine andere aus. Das nennt sich kontrafaktische Geschichte und ist das Gegenteil einer Zeitungsmeldung. Aber egal. Natürlich läuft alles schlecht, ein wenig tragikomisch und irgendwie ist das Land im Jahr 1978 hängengeblieben. Aber der Text ist auch ein wenig subversiv und versteckt auch Kritik an der BRD. Nämlich hier:

„Ohne die Wiedervereinigung stürzte die Bundesrepublik in eine tiefe Rezession, viele Betriebe mussten dicht machen.“

Da fragt man sich schon, warum es der DDR da eigentlich nicht besser ginge. Aber das wäre wohl zu viel der Utopie.

Watt’n das? 1

Im Gegensatz zur landläufigen Meinung gibt es in Europa noch einige unentdeckte Gebiete. Doch Markus Lanz nimmt es auf sich, die weißen Flecke auf der Landkarte zu erforschen. Als investigativer Nahost‐Experte fragte er also in der „Wetten dass“-Ausgabe vom 9.11.2013:

Waren Sie schon einmal so weit um Osten?
zitiert nach diepresse.com

Die Sendung fand in Halle (Saale) statt, die Frage ging an Lukas Podolski. Ja, an Lukas Podolski.

Es scheint, die Deutschlandkarte muss ein wenig überarbeitet werden: Irgendwo zwischen Ost‐ und Westdeutschland muss noch Polen hinein gequetscht werden. Und Halle schien ja bereits für den Deutschlandfunk den östlichsten Zipfel des bekannten Universums darzustellen.

Migrant Schrägstrich Ossi

Liebe Medien,

könnt ihr nicht ein wenig mehr auf einer Linie sein? Ich möchte ja keine Gleichschaltung, bewahre! Aber ein paar grundsätzliche Dinge sollten einfach klar sein. Etwa die Sache mit den Ostdeutschen und den Migrant_innen. Kann man die nun in einem Atemzug nennen oder nicht?

Die FAZ hat da einen ganz klaren Vorstoß gemacht, als sie im September den Frankfurter Soziologen Tilmann Allert zitierte:

„Die islamische Kultur und die Menschen aus den neuen Bundesländern sind vereint in dem Wunsch, Ambivalenzen zu vermeiden.“ Sie wollten zwar den „Kuchen der Moderne“ essen, brächten aber nur eine halbierte Integrationsbereitschaft auf […]

kostenpflichtig im FAZ‐Archiv (der Rest wird aber nicht besser. Versprochen.)

Über solch klare Ansage freut man sich. Und nun sowas:

„Migranten glücklicher als Ostdeutsche“

titelt Die Welt

Also was jetzt? Ostdeutsch‐migrantisches als zweiköpfiger Schreck des westsituierten Bildungsbürgertums? Oder soll man diese beiden homogenisierten Gruppen doch lieber gegeneinander ausspielen?

Liebe Medien, schafft Klarheit in eurem Weltbild! Und wenn es nur für mich ist.

Danke an Kati für den FAZ‐Artikel und den Tweet von @wiebkehollersen

Krankheitsgrund: DDR‐Vergangenheit

Wann sind Menschen aus Ostdeutschland eigentlich vollwertig in die westliche Demokratie integriert? Sie sind es, wenn sie wieder zwischenmenschliche Bindungen aufbauen können.

Kein Scherz: Der Sachverständige Thomas S. soll mit seinen Gutachten bei gerichtlichen Sorgerechtsentscheidungen helfen. Sieht er Anhaltspunkte für eine Persönlichkeitsstörung bei den Erziehungsberechtigten, begründet er sie in verschiedenen Fällen auf diese Weise:

„die diktatorischen Gesellschaftsverhältnisse der früheren DDR […], in welcher Herr […] etwa vier Jahrzehnte aufwuchs […], dürften vor allem in bindungstechnischer Hinsicht deutliche Spuren bei diesem hinterlassen haben“

zitiert nach MDR exakt

Ein wenig viel Spekulation. Laut Psychologe Werner Leitner ist so eine Schlussfolgerung, aufbauend auf Mutmaßungen, nicht haltbar. Doch Gerichte folgen eben diesen Gedanken. Konsequent heißt das: Das Aufwachsen in der DDR ist ein pathologischer Umstand per se — das Leben in der Diktatur eine Krankheit mit Folgen. Ostdeutsche sind krank, weil sie Ostdeutsche sind.

In die gleiche Kerbe schlägt übrigens auch Psychotherapeut Hans Joachim Maaz, wenn er bei Ostdeutschen unterdrückte Gefühle und charakterliche Deformationen feststellt.

Danke an ШНАУЦЕ ВЕССИ auf Facebook für den Hinweis

Ossi, big in Japan

Verlassen wir doch einmal die heimatlichen Gefilde und schauen, wie im Ausland die Rolle eines Ostdeutschen besetzt wird. So hat die japanische Firma Konami im Februar 2013 das Videospiel „Metal Gear Rising: Revengeance“ für Playstation 3 und Xbox 360 veröffentlicht. Die Handlung ist im Jahr 2018 angesiedelt. Ein Charakter des Spiels ist Doktor Wilhelm Voigt, ein Kybernetik‐Experte — der aus der DDR stammt.

Diese Herkunft ist bemerkenswert: Wer hätte damit gerechnet, dass man in Japan auf die DDR Bezug nimmt? Und das in einem Medium, dass stark auf eine junge Zielgruppe fokussiert? Spannend sind auch die Charaktereigenschaften, mit denen diese Figur ausgestattet wurde:

  • dicker Akzent
  • ähnelt allen anderen deutschen Ärzten, die man als Klischee kennt
  • steigert sich in seine Arbeit
  • sympathisch
  • hat Humor
  • ist moralisch einwandfrei
  • riskiert sein Leben
  • maßgeblich daran beteiligt, zahlreiche Unschuldige zu retten

Ein Ossi als Held? Das geht auch nur, wenn man den Begriff „Jammer‐Ossi“ nicht kennt.

Wenn das Bildungsniveau von Osten nach Westen fällt 1

„Ein Grund für das gute Abschneiden der ostdeutschen Länder ist tatsächlich die Tradition der polytechnischen Bildung in der DDR“, glaubt Hans Merkens, Erziehungswissenschaftler an der Freien Universität (FU). „Diese Art Bildung war technikfreundlicher als die Allgemeinbildung in der Bundesrepublik.“ […] Auch die Lehrerausbildung sei viel praxisnäher gewesen. […] Erst jetzt werde dieser Praxisbezug wieder in die gesamtdeutsche Lehrerausbildung übernommen, so Merkens.

Erziehungswissenschaftler Hans Merkens in der Berliner Zeitung

Ein Bildungstest des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen hat Neuntklässler in naturwissenschaftlichen Fächern überprüft. Und ein überraschend deutliches Bildungsgefälle Ost‐West festgestellt — bislang konnten Unterschiede eher von Norden nach Süden ausgemacht werden. Ost/West? Kaum ein Artikel stellte sich einer so naheliegenden Interpretation wie einleitendes Zitat. Man nehme etwa den Bericht der Süddeutschen Zeitung, die ansonsten durchaus auf das Erbe der DDR Bezug nimmt, hier aber kaum Ursachen für das Testergebnis aufzeigt.  Im Tagesspiegel kommt zudem eine Stimme zu Wort, die das Ergebnis gar nicht so toll findet:

„Erschreckend“ nannte dagegen der Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz‐Peter Meidinger die großen Leistungsunterschiede im Ländervergleich. Deutschland dürfe sich nicht damit abfinden, „weil damit auch unterschiedliche Zukunftschancen verbunden sind“.

Komisch. Solange noch das Nord‐Süd‐Gefälle galt, wurde eher gefragt, wie die Bundesländer von Bayern lernen könnten. Erschreckend war dies nie.