Dritte Generation Stasi

Das Interesse an den Stasi‐Akten bleibt auf einem hohen Niveau — wie die Berliner Zeitung berichtet, wurden 2012 über 88.000 Anträge von Privatpersonen auf Akteneinsicht gestellt. Das sind 10 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Sechs Prozent der Gesamtanträge stammen dabei von Kindern und Geschwistern, die in die Akten ihrer verstorbenen Angehörigen sehen wollten. Markus Decker, Autor der Zeitung, sieht dieses hohe Interesse auch als Indiz für das Engagement der Initiative „Dritte Generation Ost“.

In der heutigen Printausgabe der Berliner Zeitung äußerte sich mit Johannes Staemmler ein Vertreter dieses Netzwerks* zu diesem Thema. Er sieht einen Grund für die Nachfrage nach Akteneinsicht darin, dass die „letzten DDR‐Kinder erwachsen genug geworden sind, um bewusst der Frage nachzugehen, wo sie eigentlich herkommen“. Als zentrale Fragen nennt er:

Woher komme ich? Wie haben meine Eltern gelebt? Was haben die unter welchen Umständen entscheiden müssen? […] Was war eigentlich die DDR? Wie hat sie funktioniert? Und wie hat sie auch uns geprägt?

Um diese Fragen zu beantworten, findet Staemmler Gespräche wichtig. Er weiß aber auch: Wer sich dem Widerstand zurechnen könne, habe keine Schwierigkeiten zu erzählen. Die anderen würden dazu neigen, das Gespräch abzubrechen. Sein Tipp:

Gespräche werden einfacher, wenn echtes Interesse an der Frage besteht, wie Menschen gelebt haben.

Keine Frage: Es ist wichtig Fragen zu stellen und den Dialog zwischen den Generationen zu führen. Stasi‐Akten in diesen Prozess zu denken, hinterlässt bei mir allerdings einen bitteren Nachgeschmack. Welcher Erkenntnisgewinn soll dahinter stecken? In einem der Szenarien möchte ich mehr über das Leben meiner verstorbenen Eltern erfahren, indem ich Observationsberichte über sie lese. In dem anderen Szenario möchte ich nicht nur mit ihnen sprechen, sondern auch in ihren Akten lesen. Warum? Vertraue ich ihnen nicht? Ist die Existenz von Akten bereits Beleg für die Dissidenz der Eltern — oder waren sie Mitläufer, falls es keine Akten gibt?

Keine Frage: Die Stasi‐Akten sind wichtige Unterlagen deutscher Geschichte, sie sind Zeugnis des Umgangs eines Staates mit seinen Menschen. Man muss sie allerdings mit historisch‐kritischen Fragen bearbeiten: Wer hat sie für wen geschrieben? Welche Interessen standen dahinter? Wie vertrauenswürdig sind diese Quellen also? Diese Fragen lassen sich nur individuell, nicht pauschal beantworten. Vor allem deswegen sind sie als zentrales Mittel zur Klärung der Vergangenheit einzelner Personen vollkommen ungeeignet.

Wer das hingegen propagiert, macht sich die Methoden der Staatssicherheit zu eigen. Denn wer unkritisch auf Geheimdienst‐Berichte setzt, kann auf keine ehrliche Auseinandersetzung mit einer komplexen Vergangenheit hoffen. Vertrauen und Lücken gehören dazu, auch wenn auskunftfreudige Akten verführerisch erscheinen.

 

* Die Dritte Generation Ost ist eine Initiative, die ein Netzwerk für die heute 25‐ bis 35‐jährigen Menschen aus Ostdeutschland bilden möchte. Demografisch gesehen gehöre ich zu dieser Altersgruppe — ich möchte mich allerdings dagegen verwehren, von dieser Gruppe bei ihren öffentlichen Meinungsäußerungen vereinnahmt zu werden: Sie kann nicht für mich sprechen, auch wenn sie gerne so tut, als ob sie die Sichtweise einer ganzen Generation vertritt.

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