Sprechen wir einmal über Diskursverschiebung. Ein akademisch-abstrakter Begriff, aber was heißt das konkret?
Es bedeutet: Schritt für Schritt finden wir als Gesellschaft Dinge richtig, die wir ein paar Schritte zuvor nicht gut fanden. Wir denken Dinge, für die wir kürzlich noch heftig kritisiert worden wären. Dafür gibt es nun Kopfnicken von allen Seiten, bestenfalls ein Schulterzucken. Voilà, eine Gesellschaft ist sich einig, der Diskurs wurde verschoben!
Schauen wir uns das an einem Beispiel an.
2018: Ein rechtes Problem in Ostdeutschland
Im Jahr 2018 sah ein Titelbild des Spiegel so aus:

Vor einem tiefschwarzen Hintergrund wird Sachsen buchstäblich braun, die Schrift wird zur Fraktur. Die Botschaft war eindeutig: In diesem Bundesland droht die Wiederkehr des Nationalsozialismus. Der Untertitel lautete entsprechend „Wenn Rechte nach der Macht greifen“.
In keinem anderen Bundesland ist die AfD so erfolgreich: Nach jüngsten Umfragen würde sie bei der Landtagswahl im nächsten Jahr 26 der insgesamt 60 Direktmandate gewinnen, jeder Vierte würde sein Kreuz bei der AfD machen.
Das war 2018 in Sachsen. Damals war das also ein Skandal, ein bedrohliches Zeichen.
Doch wie würde denn der Spiegel titeln, wenn vergleichbare Zahlen auf ganz Deutschland zuträfen? Würde sich das Wort „Deutschland“ in braune Versalien färben? Würde es analog zum Sachsen-Artikel heißen: „Warum Deutschland ein rechtes Problem hat“?
2025: Kein rechtes Problem in Gesamt-Deutschland
Anfang April 2025 wurde die AfD in einer Umfrage erstmals stärkste Kraft in Deutschland. Ein historischer Moment – erstmals seit den 1930er Jahren erreicht eine als rechtsextrem eingestufte Partei eine Mehrheit.
War das dem Spiegel einen Aufmacher in der entsprechenden Woche wert?

Nein. „Mit Ach und Krach“ hieß es stattdessen. Gemeint waren die Regierungsparteien, die kaum noch handlungsfähig seien.
Die Situation in Deutschland ist ab dieser Woche vergleichbar zu der in Sachsen 2018, aber der Spiegel thematisiert kein „rechtes Problem“. Stattdessen gibt es solche Inhalte in dieser Ausgabe:
Der Leitartikel titelt: „Mit Abschreckung wird die Migrationswende nicht gelingen“. In einem weiteren Artikel geht es um Vorwürfe gegen einen Historiker in Würzburg, dass er für rechte Medien geschrieben habe. Er bekommt viel Platz zur Verteidigung und wird als Opfer einer „politisch motivierten Kampagne linker Studenten“ präsentiert.
Im Heft finden wir also folgende Positionen:
- Etablierte Parteien, die es nicht schaffen, zu regieren.
- Migration, die fundamental geändert werden muss
- Wissenschaftsfreiheit wird eingeschränkt, wenn der Vorwurf einer Nähe zu rechten Positionen erhoben wird.
Das sind alles Themen, die in den vergangenen Jahren von der AfD gesetzt wurden. Themen, über die jetzt ziemlich anders geschrieben wird als noch vor einigen Jahren. Nach vielen kleinen Schritten sind die Themen der AfD im Mainstream angekommen.
Natürlich kann man argumentieren, dass der Spiegel nur eine andere Schwerpunktsetzung wählt. Doch genau hier zeigt sich die Verschiebung.
Das Muster: Rechts, das sind die Ostdeutschen
Auch in den Ausgaben davor und danach gibt es keine Titelbild, das wie 2018 auf die rechte Macht aufmerksam machen würde. In ganz Deutschland, nicht nur in Sachsen.
Sachsen. Das war ja der Blick von Hamburg, von Westdeutschland nach drüben, zu den anderen, nach Ostdeutschland. Dorthin kann man leicht auf die Wiederkehr rechter Gedanken und Taten zeigen. Die Botschaft über Ostdeutschland lautet quasi: „Dort drüben im Osten sind sie braun.“
Das Selbstbild hingegen ist ganz anders: „Wir Deutsche (lies: Westdeutsche) sind keine Nazis. Unsere Parteien sind unfähig. Schutzsuchende sollte man abweisen und Historiker dürfen auch mal rechts sein. Das ist doch nicht rechts, wenn man sowas denkt! Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“
Genau so funktioniert Diskursverschiebung. Rechte Positionen sickern ein, erst unmerklich, dann selbstverständlich. Aber rechts, das sind nur die anderen.
Wie man Angst macht
Eine weitere Ausgabe mit Diskursverschiebung gab es in einer Ausgabe vom November 2024, das klar Bezug nimmt auf die „Messermänner“-Erzählung der AfD. Die Partei will damit Angst erzeugen, der Spiegel macht mit:

Dabei muss der Begriff „Migration“ nicht einmal fallen. Die „AfD“ muss sowieso nicht erwähnt werden. Warum auch? Das Thema hat sie längst gesetzt.
Und dass die Statistiken etwas anderes sagen als das Angst-Gefühl? Fakten braucht niemand bei starken Emotionen und Titelbildern.
Wenn es aber darum geht, ob Deutschland insgesamt (also auch Westdeutschland) ein rechtes Problem hat, da ist der Spiegel klar: Nein.
Vor ziemlich genau einem Jahr titelte er etwa:

„Wie Faschismus beginnt“ lautet der Titel, und noch vor Donald Trump und Marine Le Pen steht Björn Höcke an erster Stelle.
„Wenn Rechte nach der Macht greifen“ – gilt das Schlagwort vom Sachsen-Titel 2018 jetzt global gesehen also auch für Deutschland?
Wie gesagt: Nein.
Und wieder: Ein rechtes Problem in Ostdeutschland
In der Ankündigung des Themas im Heft heißt es nämlich: „Ob in Frankreich, Italien, Ungarn, den USA oder in Ostdeutschland: Ein rechter Populismus fordert die Demokratie heraus.“

Rechts, das ist in der Lesart des Spiegel also wieder nur das andere Deutschland. Der Rest des Landes, der hat kein rechtes Problem.
Wahrscheinlich unwissend greift die Zeitschrift dabei einen DDR-Witz auf: „Wie heißen die drei größten Staaten der Welt? USA, UdSSR, Unsere DDR“. Es ist also geradezu lächerlich, welche Verrenkung der Spiegel hier unternimmt, damit das rechte Problem nichts mit der eigenen gesamt-deutschen Identität zu tun hat.
Ein weiteres Thema, das auf dem Titel angekündigt wird: „Migration: Tricksen mit der Bezahlkarte“. Der eigene Titel-Text entlarvt, was dahinter steckt: „Wie Faschismus beginnt“.
Das ist das perfide an einer Diskursverschiebung, wie sie hier im Spiegel-Beispiel zu sehen ist: Sie sorgt dafür, dass nur andere rechts werden können, Ostdeutschland in diesem Fall. Deutschland wird in dieser Logik aber niemals rechts, da ist es umgekehrt: Rechts wird zum neuen Normal. So isser, der Ossi Wessi.
Wie geht es jetzt weiter? In dieser Woche meldete der ARD-Deutschlandtrend: Die AfD erreicht deutschlandweit erstmals 25 Prozent. Wieder ein rechter Rekord. Und der Spiegel thematisiert in der aktuellen Ausgabe tatsächlich eine Macht. Aber diesmal ist es keine rechte Macht:

Gut möglich also, dass der Spiegel rechte Positionen gar nicht mehr als Gefahr betrachtet. Ganz anders als 2018, als es nur den Osten und nicht Gesamt-Deutschland betraf. Der Diskursverschiebung sei Dank.


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