Wenn Rechtsextremismus medial zum reinen Ost-Problem wird

Rechtsextremismus ist ein gesamtdeutsches Problem. Doch wenn man sich manche Berichte anschaut, könnte man fast glauben, Neonazis existieren nur östlich der Elbe. Besonders deutlich wird das in einem aktuellen Artikel des Deutschlandfunk Kultur über die rechtsterroristische Gruppe „Letzte Verteidigungswelle“. Der Text hat einen wichtigen und erschütternden Anlass: Die Verhaftung von fünf mutmaßlich rechtsextremen Jugendlichen, die teilweise noch minderjährig sind. 

Doch wer den Artikel aufmerksam liest, merkt: Der Westen kommt kaum vor. Ein blinder Fleck angesichts aktueller Entwicklungen.

Ostdeutschland im Fokus – Westdeutschland im Blindspot

Schon die ersten Absätze des Textes machen klar, wohin die Reise geht: Die Festnahmen fanden in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Hessen statt – aber über Hessen erfahren wir danach kein einziges Wort mehr. Stattdessen rücken ostdeutsche Bundesländer ins Zentrum der Analyse: „Ist Rechtsextremismus wieder zu einer populären Jugendkultur geworden, wie er es einst in den ostdeutschen Bundesländern in den 1990er-Jahren […] war?“ Der Begriff „Baseballschlägerjahre“ fällt früh – ein starkes Bild, das sich in die mediale Erinnerung an ostdeutsche Gewalt der Nachwendezeit eingebrannt hat.

Rassistische Gewalt in den 1990ern in Ostdeutschland war real und brutal. Bei den Anschlägen von Rostock-Lichtenhagen oder Hoyerswerda waren menschenverachtende Gewalt real und der Rechtsstaat oft erschreckend passiv. Aber: Wenn solche Narrative heute wieder hervorgeholt werden, ohne Westdeutschland mitzudenken, entsteht ein schiefes Bild.

Denn das Ausmaß rechtsextremer Straftaten ist bundesweit erschreckend. Laut Bundeskriminalamt gab es 2024 mehr als 41.000 rechtsextreme Delikte – ein Anstieg um fast 43 Prozent. Diese Zahl betrifft nicht nur den Osten. Und doch: Der Artikel verliert kein Wort darüber, wie sich Rechtsextremismus in westdeutschen Städten oder ländlichen Regionen zeigt – wie eben in Hessen. Das ist keine kleine Leerstelle, sondern ein echter blinder Fleck.

Klare Narrative – aber zu einseitig

Ein zentrales Problem des Artikels ist sein klares, fast schon abgeschlossen wirkendes Erklärmuster: Junge Nazis? Die gibt’s wieder, vor allem im Osten, gerne mit Glatze, Bomberjacke und „Ästhetik der Härte“. Das ist keine Erfindung – solche Symboliken werden tatsächlich gepflegt. Der zitierte Lorenz Blumenthaler von der Amadeu Antonio Stiftung beschreibt das treffend. Aber indem der Text fast ausschließlich solche ostdeutschen Szenen aufruft, entsteht eine gefährliche Engführung: Das neue Neonazi-Problem ist ein Ost-Problem.

Dabei sprechen andere Fakten eine deutlich breitere Sprache. Bei der letzten Bundestagswahl etwa lag der AfD-Anteil unter den 18- bis 24-Jährigen bundesweit bei 21 Prozent – in der gesamten Altersgruppe. Auch in westdeutschen Flächenländern holte die AfD zweistellige Ergebnisse. Rechte Gewalt, rechte Jugendkulturen, rechte Influencer – all das wirkt nicht nur in den neuen Bundesländern. Trotzdem: Der Artikel schweigt dazu. Westdeutsche Schulen? Jugendzentren? Rechtsradikale Netzwerke im Internet, die aus Bayern oder Hessen gesteuert werden? Kein Thema.

Wer spricht – und wer bleibt stumm?

Auch die Auswahl der zitierten Expert*innen zeigt eine klare Ostzentrierung: Die meisten kommen aus ostdeutschen Kontexten – Magdeburg, Brandenburg, Ost-Berlin. Das ist per se nichts Schlechtes. 

Aber wenn ausschließlich solche Perspektiven auftauchen, fehlt ein Ausgleich. Wo bleiben westdeutsche Stimmen, die beispielsweise Erfahrungen mit rechtsextremen Cliquen im Ruhrgebiet, im Sauerland oder in der Pfalz teilen könnten? Wer den Text liest, bekommt so ungewollt den Eindruck: In westdeutschen Klassenzimmern herrscht Demokratie, in ostdeutschen der rechte Mob. 

Eine zu einfache Erzählung.

Das große Ganze: Rechtsextremismus ist nicht regional, sondern systemisch

Warum ist das alles wichtig? Weil mediale Erzählungen Wirklichkeit mitgestalten. Wenn wir Rechtsextremismus immer wieder als ostdeutsches „Sonderproblem“ darstellen, drohen wir die reale Gefahr zu unterschätzen – dort, wo sie sich anders zeigt: In Burschenschaften in Westdeutschland. In digitalen Echokammern aus Bayern. In AfD-Hochburgen in Rheinland-Pfalz. Und zugleich vermitteln wir vielen Ostdeutschen ein Gefühl: Ihr seid schon wieder die Verdächtigen. Die Problemkinder. Die Gewaltbereiten. So können wir keine gesamtgesellschaftlichen Probleme lösen.

Dabei liegt die Lösung längst auf dem Tisch: Der Artikel selbst endet mit einem wichtigen Appell. Es brauche „eine klare gesellschaftliche Ab- und Ausgrenzung von Menschenfeindlichkeit und rechtsextremen Weltbildern“ – und langfristige Prävention. Genau. Aber dafür müssen wir auch anerkennen, dass diese Weltbilder überall entstehen können – nicht nur da, wo früher die Mauer stand.

Fazit: Mehr Balance, bitte!

Der Artikel des Deutschlandradios will aufklären – und tut das auch in Teilen sehr eindrucksvoll. Aber er leidet unter einem alten Muster: Ostdeutschland als Projektionsfläche für alles, was politisch schiefläuft. Eine differenziertere, ausgewogenere Berichterstattung wäre hier nicht nur journalistisch fairer – sie wäre auch hilfreicher im Kampf gegen das, was wir alle nicht mehr dulden dürfen: rechten Hass, egal wo.

Also, liebe Redaktionen: Lasst uns den ganzen Raum im Blick behalten – von Flensburg bis zum Allgäu, von Eisenach bis ins Emsland. Die Demokratie braucht überall Schutz.

Transparenzhinweis

Ich habe KI genutzt, um den besprochenen Artikel zu analysieren und die Struktur des Textes zu erstellen.


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