Reise nach Ostdeutschland: Verstehen oder Voyeurismus?

Vom 12. bis 19. Juli schon etwas vor? Nein? Dann auf zum Ossigucken! Kein Scherz: Die Schweizer Wochenzeitung WOZ lädt zu einer achttägigen Leser*innenreise nach Leipzig und Ost-Berlin ein. Anlass sind die Wahlergebnisse der Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen im Herbst. Diese erscheinen im Widerspruch zu den Zielen der Friedlichen Revolution von 1989.

Keine Frage: Es ist wichtig und sinnvoll, vor Ort zu sein und die damaligen wie auch heutigen Geschehnisse zu verstehen. Die Zeitzeug*innen, Historiker*innen und Aktivist*innen, die auf dem Programm stehen, sind hierfür hervorragend ausgewählt und repräsentieren ein breites Spektrum an Sichtweisen.

Dennoch: Der Ansatz der Reise ist aus mehreren Gründen problematisch. Schauen wir uns diese genauer an:

Das Framing

Im Beschreibungstext erscheint Ostdeutschland als ein monolithischer, undefinierter Raum. Die größte Differenzierung findet sich dort, wo von „drei ostdeutschen Bundesländern“ gesprochen wird – ohne diese aber zu benennen. Ostdeutschland wird damit beliebig austauschbar dargestellt. Besonders deutlich wird dies an der Reiseroute, die neben Leipzig auch nach Ost-Berlin führt – obwohl dort im Herbst gar keine Wahlen stattfanden.

So monolithisch Ostdeutschland gezeichnet wird, so eindeutig wird Rechtsextremismus diesem Landesteil zugeordnet. Im Text heißt es etwa: „So manche stellen sich lieber nicht vor, wie dort im Februar 2025 die Bundestagswahl ausgehen könnte.“ Der Subtext: Rechtsextremismus ist ein spezifisch ostdeutsches Problem.

Doch das stimmt so nicht. In Bayern erhielt die AfD zwei Millionen Stimmen, in Hessen und Baden-Württemberg jeweils rund 500.000. Das ist mehr, als bei fast jeder ostdeutschen Wahl erzielt wurde (Ausnahme: Sachsen mit über 700.000 Stimmen). Auch prozentual holt die AfD im Westen auf: Selbst Nordrhein-Westfalen, wo sie bisher schwach war, hat inzwischen Hochburgen mit über 20 Prozent Zustimmung.

Diese Fakten sollen die Entwicklungen in Ostdeutschland keineswegs relativieren, sondern verdeutlichen: Wir haben es mit einer gesamtdeutschen Entwicklung zu tun, die sich in ähnlicher Weise auch in anderen europäischen Ländern zeigt. Wenn es überhaupt eine Ausnahmeerscheinung gibt, dann ist es Westdeutschland, wo sich der Wandel zum Rechtsextremismus im Mainstream später vollzog als in Ostdeutschland und dem übrigen Europa. Warum ist das so? Welche Maßnahmen werden hier ergriffen, um diesen Prozess zu stoppen?

Wäre das nicht eine ebenso spannende Leser*innenreise – das rechte Denken in Westdeutschland sichtbar zu machen? Oder noch besser: eine gesamtdeutsche Reise, die Entwicklungen im ganzen Land beleuchtet und Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede jenseits der Ost-West-Kategorisierung sichtbar macht?

Wer ist die Zielgruppe?

„[Wir] erleben ein Ostdeutschland, wie es nur wenige kennen“, heißt es in der Reisebeschreibung. Doch wenn wir davon ausgehen, dass die Bewohner*innen von Ostdeutschland Ostdeutschland kennen, kennen 12,6 Millionen Menschen Ostdeutschland. Sind das „wenige”? Warum wertet die WOZ hier die Erfahrung Ostdeutscher ab, um ihr Angebot anzupreisen?

Mehr noch: Die Bewohner*innen Ostdeutschlands werden in der Beschreibung zu Objekten der Beobachtung degradiert, während die Reisenden als Subjekte agieren. Natürlich richtet sich das Angebot vornehmlich an eine Schweizer Zielgruppe. Doch dies ließe sich auch ohne die Abwertung der ostdeutschen Perspektive kommunizieren – und mit mehr Sensibilität dafür, wie eine solche Reise auf die Menschen wirkt, die dort leben.

Das geplante Konzept erinnert in gewisser Weise an den „Transittourismus“ von BRD-Bürger*innen in die DDR. Damals fuhren Westdeutsche in organisierten Gruppenreisen durch die DDR – oft mit einer Mischung aus Neugierde und Überheblichkeit, ohne wirkliche Interaktion mit den Menschen vor Ort. Diese Form der Beobachtung aus sicherer Distanz wurde von DDR-Bürger*innen zynisch als „Zoobesuch“ wahrgenommen. Solche Momente, wie sie etwa im Film Sonnenallee dargestellt werden, zeigen, wie entmenschlichend solche Perspektiven wirken können.

Ein grundsätzliches journalistisches Problem

Für ein paar Tage anreisen, glauben, alles verstanden zu haben, und wieder abreisen: Das ist nicht nur die Grundstruktur dieser Leser*innenreise, sondern ein journalistisches Vorgehen, das mit Blick auf Ostdeutschland immer wieder kritisiert wird. Auf dieser Seite haben wir Diskussionen dazu gesammelt.

Solche oberflächlichen Einblicke führen oft zu klischeehaften Darstellungen, in denen sich die Menschen aus Ostdeutschland nicht wiederfinden. Dies befeuert die verbreitete Wut auf „die Medien“, die von Parteien wie der AfD instrumentalisiert wird.

Fazit: Verstehen oder Voyeurismus?

Die geplante Reise der WOZ wirft also eine grundlegende Frage auf: Wo liegt die Grenze zwischen Verstehen und Voyeurismus? Die medialen Diskussionen der letzten Jahre haben gezeigt, dass eine einmalige „Safari in den Osten“ nicht dazu beiträgt, Ostdeutschland besser zu verstehen. Im Gegenteil: Der oberflächliche Blick von außen verfestigt Stereotype und entfremdet die Menschen vor Ort.

Reisen wie diese sind gut gemeint. Wenn sie aber so umgesetzt werden wie hier, tragen sie kaum zur Lösung bei. Sie sind vielmehr Teil des Problems.


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