Ewige Verlierer im Osten 1

Wer kann einen Satz nennen, in dem die Worte „Ostdeutschland“, „Wende“ und „Verlierer“ vorkommen?

Ostdeutschland ist ein Verlierer der Energiewende

Danke, liebe FAZ! Heißt: Strom kostet in den nicht mehr brandneuen Bundesländern mehr, die Gewinne bleiben aber nicht dort. (Dass die Unterstützung von Ökostrom auch etwas von blühenden Landschaften in sich trägt: Diese plumpe Anspielung spare ich mir mal.)

Und als nächstes bitte ein Satz, der die Wörter „Gewinner“ und „einwende“ enthält.

IMfiziert #2: Peer Steinbrück

Vielleicht muss Godwin’s Law (Stasi-Edition) um den Wahlkampf-Modus ergänzt werden: Nach Angela Merkel und Gregor Gysi wird nun auch Peer Steinbrück eine ungebührliche DDR-Nähe unterstellt. Erhoben wurden die Vorwürfe durch „Die Welt“ — Steinbrück hat daraufhin seine Stasi-Akte auf seiner Website veröffentlicht.

Ist damit alles geklärt? „Harmlos, ja streckenweise banal“, urteilt die FAZ. „Brisantes enthält die veröffentlichte Stasi-Akte […] nicht“, schreibt die Taz. „Die Dokumente sind harmlos“, meint auch der Spiegel.

„Die Welt“ indes unterstreicht ihre Vorwürfe:

„Natürlich ist es brisant und berichtenswert, dass ein Mann, der in Kürze dieses Land regieren könnte, mit Klarnamen bei der Stasi erfasst war.“

Pass also auf, wie Geheimdienste über dich schreiben — es könnte auf dich zurückfallen. Und schließlich:

„Denn es handelt sich eben nicht um die Stasi-Akte Steinbrück – das ist ein Missverständnis, das zu Fehleinschätzungen führen kann. Weder die einst in Suhl angelegte IM-Vorlauf-Akte von „Nelke“ ist bislang gefunden worden noch eine Arbeits- oder Personalakte.“

Was könnte eine höhere Beweiskraft haben als eine Akte, die noch niemand gelesen hat? Den Vogel schießt allerdings das abschließende Statement des zuständigen Redakteurs Jan-Eric Peters ab:

„Ohne vollständige Akten ist auch eine vollständige Entlastung unmöglich.“

Komisch, irgendwie bin ich bislang immer davon ausgegangen, dass es in diesem Land eine Unschuldsvermutung bis zum Beweis des Gegenteils gibt. Aber das ist wohl außer Kraft gesetzt, wenn es um Stasi-Vorwürfe geht.

Ostloses Europa

Von einer Schublade in die nächste: Zunächst wirft Peer Steinbrück Angela Merkel fehlende Begeisterung für Europa vor. Geschenkt. Er tut dies allerdings mit einem äußerst westzentrierten Blick:

Die Tatsache, dass sie [Merkel] jedenfalls bis 1989/ 90 eine ganz andere persönliche und politische Sozialisation erlebt hat als die, die diese europäische Integration seit Anfang der 50er Jahre erlebt haben, […] das spielt in meinen Augen schon eine Rolle

Peer Steinbrück im Tagesspiegel, 04.08.2013

Der SPD-Spitzenkandidat glaubt offenbar, er könne einen Wahlsieg erringen, wenn er sich gegen die ostdeutsche Bevölkerung wendet. Das ist Rhetorik eines kalten Kriegers: Die im Osten sind doch zurück geblieben. Nicht so günstig für die Umfragewerte, also wurde bei einer Wahlveranstaltung in Halle munter zurück gerudert. Steinbrück entdeckt nun auch ganz tolle Eigenschaften der Ostdeutschen:

Zupacken, zusammenhalten, Solidarität, Probleme gemeinsam meistern, sich nicht entmutigen lassen

Peer Steinbrück in Halle an der Saale, 10.08.2013

Bau auf, bau auf — wir sind das Volk — Solidarität! Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Und zu dieser differenzierten Einschätzung ist der Peer von ganz alleine gekommen? Wie gut, dass er da nicht auf alte SED-Propaganda hereingefallen ist.

Jedenfalls hat Steinbrücks Ossi-Wissen auch Kritik hervorgerufen. Bei SPD und Bündnis90/Grüne (Schwachsinn, dämlich, peinlich), aber natürlich auch in den Medien. So findet Katja Tichomirowa:

Europa in der jetzigen Form gäbe es nicht ohne die Osteuropäer

Berliner Zeitung, 11.08.2013

Und eine äußerst differenzierte Einschätzung kommt von FAZ-Redakteur Matthias Wyssuwa:

Steinbrück rede über Ostdeutsche wie über Fremde, kritisiert Sachsens Ministerpräsident Tillich und benennt doch nicht den entscheidenden Fehler des SPD-Kanzlerkandidaten: Dass der überhaupt noch pauschal über Ostdeutsche redet. Als gäbe es keine regionalen Unterschiede, keine eigenen Wege und Entscheidungen, als würde der Stempel „ostdeutsch“ noch immer alles erklären — oder entschuldigen.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.08.2013

Jetzt, eine Woche danach, interessiert das alles übrigens niemanden mehr. Schließlich stehen CDU und SPD kurz vor der ‑ähem- Wiedervereinigung.

Selbstbilder in Zeiten von Doping und NSA

Dieser Sommer 2013 wird später einmal als der Sommer gelten, in dem westdeutsche Gewissheiten flöten gingen.

Beispiel Doping: Jahrzehntelang inszenierte sich die BRD als Land des sauberen Sports, indem sie mit dem Finger auf den Osten zeigte und dessen Sportler_innen mit sexistischen Vergleichen belegte.

Die anhaltende Diskussion um einen Forschungsbericht zu westdeutschem Doping belegt da eindrücklich, wie schwierig es ist, das eigene Weltbild an abweichende Erkenntnisse anzupassen. Immer wieder kommen Fragen auf: War es so schlimm wie in der DDR, hat man vielleicht nur anders gedopt — ja, ist es überhaupt vergleichbar? Dass man 2 deutsche Staaten miteinander vergleichen könne — diese Vorstellung bereit offenbar Angst. Wenn die eigene moralische Position davon bedroht wird.

Beipiel NSA: Jahrzehntelang inszenierte sich die BRD als ein freies Land, indem sie mit dem Finger auf den Osten zeigte und das Vorgehen der Stasi genüsslich ausweidete.

Jetzt ist nicht nur die Stasi seit 20 Jahren fort, unbemerkt von manch treuen BRD-Anhänger_innen. Nun steht auch die Erkenntnis ins Haus, dass im Westen ebenfalls umfassend Daten gesammelt werden. Auch bei diesem Thema wendet man sich gerne der Frage zu, ob dies denn mit der DDR vergleichbar wäre. Und auch hier wird abgewiegelt. Was zum einen erstaunt, sind doch bislang kaum ausreichend Erkenntnisse vorhanden. Zum anderen erfolgt es auf Basis gewagter Behauptungen: Das Abschöpfen von Metadaten ist etwa keineswegs datenschutzfreundlich — in Zeiten von Big Data reicht dieses Vorgehen vollkommen aus, um alle Informationen zu erhalten, die man als Geheimdienst so braucht bzw. haben möchte.

Mit Verweis auf die DDR entzieht man sich so der aktuellen Verantwortung und führt Alibi-Diskussionen. „Man kann es nicht vergleichen, dort war es aber schlimmer“ — mit dieser Haltung zeigt der Finger also weiterhin auf das vermeintlich Andere, anstatt an die eigene Nase zu fassen.

Passend dazu: Die aktuelle Kolumne „Schnauze Wessi“.

Was nützt das Doping in Gedanken?

„Die Polarisierung Ost kontra West ist jetzt beendet. Jetzt zeigt sich deutlich, dass der Sport auf beiden Seiten politisch benutzt wurde.“

Christian Schenk, Olympiasieger im Zehnkampf, im Interview mit der Welt am Sonntag

Am Wochenende hat die Süddeutsche Zeitung berichtet, dass die BRD in bislang ungekanntem Ausmaße Staats-Doping betrieben gefördert hat. Seit April 2013 wurde die Veröffentlichung der Studie zurückgehalten.

(Dieser Text wurde bereits vorsorglich relativiert.)

Die Suche der Zeitungen nach dem Osten

Bereits seit einiger Zeit fragen sich die großen westdeutschen Zeitungen, warum sie in den nicht mehr ganz so neuen Bundesländern so selten gekauft werden. Daher gibt es einige Initiativen, die zeigen sollen: Hey, wir interessieren uns doch für euch im Osten! So betreibt die „Zeit“ das Projekt „Zeit im Osten“ und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ lässt unter dem Namen „Wostkinder“ bloggen. Alles schön und rüttelt nicht an den etablierten Inhalten und Strukturen.

Und die „Süddeutsche Zeitung“, die trotz ihres Namens bundesweit erscheint? Die präsentierte 2010 zu 20 Jahren deutscher Einheit die Reportagereihe „Unser Osten“. Wem das zu vereinnahmend klingt, darf sich freuen:
Im Leitartikel der heutigen Ausgabe geht es um den Andrang auf die Universitäten, eigentlich eine gesamtdeutsche Problematik. Doch Redakteur Johann Osel nimmt in „In der Bildungsbäckerei“ eindeutig Bezug auf „drüben“:

So bleiben Numerus-clausus-Opfern zwei Optionen: Man kann die Provinz entdecken lernen, oder die neuen Länder.

Hier sind sie wieder, das Wir und die Anderen. Wir die weltgewandten Großstädter, dort die Provinz. Wir Wessis. Ihr Ossis. Vielleicht lernen wir euch irgendwann einmal kennen.

Hm. Wieso werden diese Zeitungen eigentlich nicht so oft in den neueren Bundesländern gelesen?

Kinder und Filme gehen immer

Relativieren müsse man Behauptungen von Behörden-Leiter Roland Jahn, wonach das Interesse an den Akten stetig wachse. Es wachse lediglich, wenn es viele Stasi-Filme gebe und Kinder plötzlich die Akten ihrer Eltern einsehen könnten.

So wird Richard Schröder in der Berliner Zeitung zitiert. Er ist Vorsitzender des Beirats der Stasi-Unterlagen-Behörde. Im gleichen Atemzug stellte er auch das Amt des Bundesbeauftragten infrage: Zu herausgehoben sei es, unabhängig wie sonst nur die Regierung.

Hat die Behörde also mal wieder Probleme: Einfach die alte Werbeweisheit befolgen und irgendwas mit Kindern machen. Oder Filme.

Aktuelle DDR-Vergleiche #12 — Bayreuth

Der in Ost-Berlin geborene Frank Castorf inszeniert in Bayreuth den „Ring des Nibelungen“ als 17-stündige Großproduktion. Und zugleich kritisiert er im Spiegel das Leitungsteam der Festspiele:

„Jeder von außen ist der Feind. Das ist pure DDR.“

Außerdem verglich er die Arbeit an der Aufführung mit „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Ob damit aber auch die TV-Soap und die DDR gleichgesetzt werden können, wurde nicht geklärt.

Gefühlte Medienvorgaben

Bei der Gelegenheit würde ich noch ein Missverständnis bei einigen Lesern ausräumen wollen – die Vorstellung, „die Verteufelung der DDR“ sei heute eine „zentrale Vorgabe für Medien“. Verehrte Leser! Es gibt keine DDR mehr. Nicht mal jemanden, der zentralen Vorgaben macht.

Birgit Walter, Redakteurin der Berliner Zeitung, in einem Beitrag über Bruce Springsteen.

Sie lässt allerdings offen, ob entsprechende Vorgaben überhaupt notwendig sind, wenn ein Konsens besteht.

„Storkowgrad“

Berlin hat an der breitesten Stelle eine Ost-West-Ausdehnung von 45 Kilometern. Wenn man von Westen nach Osten zieht, ergeben sich also Strecken, die nicht über 30 Kilometern liegen. Ein Katzensprung.

Nicht aber, wenn man die Bildungsverwaltung des Landes Berlin ist und Ende der 90er Jahre in die Storkower Straße im Ost-Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg ziehen muss. Dann wird es zu einer sibirischen Entfernung: Die vor allem aus dem ehemaligen Westteil der Stadt stammenden Mitarbeiter_innen nannten diesen Standort fortan „Storkowgrad“.

Die Senatsbehörde ist inzwischen in Mitte angelangt, alles Schnee von gestern also? Mitnichten: 2006 nutzte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft ganz selbstverständlich diese Bezeichnung — ohne Erklärung, man konnte also auf entsprechendes Vorwissen bauen.

Und der Begriff wird weiterhin gebraucht. Dies berichtet Martin Klesmann in einem Artikel der Berliner Zeitung von heute. Den Text könnte ich hier verlinken, aber das bringt nichts: Der entsprechende Absatz ist in der Online-Fassung nicht enthalten.