Lumpen-Wettbewerb: Stasi vs SED

Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (also: Die Jahn-Behörde) lädt zur Diskussion. Denn seit der letzten Publikation des Behörden-Mitarbeiters Ilko-Sascha Kowalczuk fragt man sich dort, ob die Stasi oder die SED schlimmer waren.

Weil man das Thema ernst und wissenschaftlich angeht, wird die öffentliche Diskussionsveranstaltung „Der größte Lump…?“* genannt. Und weil man die eigene Rolle kritisch hinterfragen möchte, sitzen bis auf eine Ausnahme ausschließlich aktuelle und ehemalige Mitarbeiter der Behörde auf dem Podium. Der externe Podiumsgast schließlich ist der unvermeidliche Klaus Schroeder, Leiter des sogenannten „Forschungsverbundes SED-Staat“, der seine Vorannahme bereits im Titel trägt.

Vielleicht findet man ja am Ende heraus, dass das durch den Stasi-Beauftragten untersuchte Stasi-Land und der von Schroeder beschworene SED-Staat auf das gleiche Land abzielen. Und wundert sich dann, warum das bislang niemandem aufgefallen ist.

„Der größte Lump…?“

Eine aktuelle Debatte über Verrat und Denunziation

19. März 2013, 20 Uhr

Collegium Hungaricum
Dorotheenstraße 12
10117 Berlin-Mitte

* Der Titel verweist vermutlich auf ein Zitat, das August Heinrich Hoffmann von Fallersleben zugeschrieben wird:
„Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.“

Aktuelle DDR-Vergleiche #8 — Philipp Rösler

„Was Rösler versucht, hat schon bei Honecker nicht geklappt. […] Wer ein Wunschbild von der Gesellschaft entwirft, das mit der Realität der Leute nichts zu tun hat, scheitert.“

So Monika Heinold, grüne Finanzministerin von Schleswig-Holstein.

Langweilig. Denn der HonRösler-Vergleich wurde bereits 2011 von der FDP-Basis gezogen. Und im vergangenen November kam die Reihe Armutsbericht/FDP/Honecker auch schon in der heute-Show vor. Aber was soll man machen: Honecker und Realitätsverlust sind ja quasi synonyme Begriffe.

Stasi raus! SED rein!

Dabei haben wir uns alle so schön damit eingerichtet: Alle paar Monate wird ein neuer Stasi-IM enttarnt, kommen ein paar neue Stasi-Details in die Zeitung oder ein Stasi-Film ins Fernsehen. Da hat man was Verlässliches. Da kann man drauf aufbauen.

Und jetzt: Alles aus.

Denn der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk hat die Arbeit „Stasi konkret“ vorgelegt, in der er zeigt, dass es weniger Inoffizielle Mitarbeiter (so wird IM ausgeschrieben, falls das jemand vergessen hat) gab, als bislang angenommen. Statt 189.000 seien es 109.000 gewesen, Schuld an der bisherigen Zahl seien unter anderem Doppelnennungen gewesen. Doch damit nicht genug. Kowalczuk stellt gegenüber Cicero fest:

Nicht jeder, der IM war, hat Verrat begangen, und viele, die nicht IM waren, müssten im Nachhinein als Verräter eingestuft werden.

Ui, das würde doch heißen, dass alles viel komplexer war, als wir immer dachten? Damit macht er uns die schöne heile Stasi-Welt kaputt! Und er macht weiter:

Ich war selbst Teil des Problems.

Kritik an der bisherigen Stasi-Forschung?

Und das von einem wissenschaftlichen Mitarbeiter der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen? War doch alles ganz anders, damals in der DDR? Weniger schwarz-weiß-Malerei und weniger Grau im Alltag? Kowalczuk kriegt dann doch noch die Kurve:

Die Stasi war ein wichtiges, aber nur ein Strukturelement des Herrschaftssystems. Das Bild wird in der Geschichtsbetrachtung verzerrt. Die SED muss wieder an Platz 1 gesetzt werden. Es handelte sich um eine SED-Diktatur und nicht um eine Stasi-Diktatur.

Also dann — wir haben eine neue Nummer 1: SED! SED! SED!

Wie wolle man dem auch widersprechen? Denn die Partei Stasiunterlagenbehörde hat immer Recht.

Roland Berger in the Ost/West Mix 1

Der Unternehmensberater Roland Berger hat der Zeit ein ausführliches Interview gegeben. Zunächst wollte ich mich mit seinen Aussagen auseinandersetzen, habe aber dann aber gemerkt: Eigentlich hat er das selbst schon getan. Er spricht lobend über „wir Westdeutschen“ und kritisch über „einige“ aus dem Westen. Und zugleich weiß er, dass viele Fachkräfte im Westen aus dem Osten gekommen sind, dem nun geholfen werden muss. Von wem? Natürlich von „Wirwestdeutschen“. Und von Zuwandernden, für die die übrig gebliebenen Ostdeutschen (vulgo: „Nazis“) aber erst über mehr Kultur fit gemacht werden müssen. Die ja eigentlich aus dem Osten stammt.

Das klingt wie ein verwirrendes Selbstgespräch? Dann lassen wir doch Roland Berger selbst sprechen mit einer Montage der Aussagen seines Interview:

Der Osten hat für ganz Deutschland gebüßt, 45 Jahre sozialistisches Regime ertragen. Dafür verdient er durchaus ein Extra-Engagement von uns Westdeutschen, vor allem eben auf persönlicher Ebene.

Es gab [nach dem Mauerfall] leider einige, die dem Ruf unserer Branche sehr geschadet haben. Zumeist Ein-Mann- oder Zwei-Mann-Beratungen, die vom Mangel profitieren wollten. Die im Westen seit Jahren aussortiert waren und in den neuen Ländern nun mit Inkompetenz und Arroganz eine Menge Unheil anrichteten.

Eine der größten Leistungen der Westdeutschen besteht darin, Geld geschickt zu haben, um diese wunderbaren Innenstädte [im Osten] wieder aufzubauen. Aber kaum ein Westdeutscher kennt sie.

[E]s gab allerhand Exmanager, die im Westen längst ohne Job waren und vielleicht auch nicht immer zur ersten Klasse gehörten – plötzlich starteten die im Osten durch.

Das heißt, dass etwa 310000 Menschen ihre Arbeit verloren haben! Die arbeiteten zum Teil in VEBs, die vorher die großen Einzelhandelskonzerne im Westen beliefert hatten.

Der Osten braucht Investitionen, um aufzuholen.

1,8 Millionen Menschen sind abgewandert, darunter vor allem die jungen, fleißigen, unternehmerischen. Viele von ihnen tragen heute zum Wachstum in Westdeutschland bei.

[Ein Rat an die Ostdeutschen:] Sie sollten eher mit einem Lächeln zu viel als zu wenig auf ihre Mitbürger aus dem Westen zugehen. Sie sollten einem Besucher das Gefühl geben, dass man gern gesehen ist. Auch mal öfter Danke sagen wäre nicht unbedingt verkehrt.

Nur steht [der Zuwanderung aus dem Ausland] etwas entgegen: das Problem mit dem Rechtsextremismus. Ich werde den Namen Hoyerswerda nicht vergessen. Wer zweimal pro Woche im Fernsehen Neonazis durch ostdeutsche Städte marschieren sieht, möchte da normalerweise nicht hin. Was denkt da erst ein Migrant?

Wer Kultur und Bildung fördert, bekämpft Extremismus.

Der Osten ist Wiege der deutschen Kultur!

Heute tun wir gut daran, Bundeskanzlerin und Bundespräsident zuzuhören, wenn sie von ihrer Herkunft sprechen. Wir Wessis können noch viel lernen von den Ostdeutschen.

P.S.: Ich bin sehr froh, dass Roland Berger nicht die Stasi als Ursache für die wirtschaftliche Schwäche Ostdeutschlands anführt. Das war sie nämlich noch vor kurzem.

Einseitig gedopt: Eine Doku in der öffentlichen Wahrnehmung

Man stelle sich vor: Da stört sich die Filmemacherin Sandra Kadelka am eindimensionalen Bild, das vom DDR-Sport gezeichnet wird und dreht „Einzelkämpfer“, einen differenzierten Dokumentarfilm über die Menschen und den Sport. Und was dringt von diesem Film an die Öffentlichkeit?

DDR-Olympiasieger gedopt.

„Ach was“, schreibt Claudio Catuogno in der Süddeutschen über diese Reduktion und lobt den Film. Er resümiert: Der DDR-Sport mit seiner Leistungs-Optimierung habe seine Protagonisten ganz gut vorbereitet auf die Leistungs-Optimierung um jeden Preis im Spitzensport West.

„Einzelkämpfer“ feiert seine Premiere am 15.2.2013 auf der Berlinale.

Der freie Wille

Gregor Gysi und die Stasi: Ein aktueller Spitzenkandidat, der für ein diktatorisches System gearbeitet haben soll. Welch ein Politikkrimi! Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft Hamburg, denn Gysi könnte bei seiner eidesstattlichen Versicherung gelogen haben. Das Dokument lässt sich bei der Welt nachlesen. Die entsprechende Stelle lautet:

Ich habe zu keinem Zeitpunkt über Mandanten oder sonst jemanden wissentlich und willentlich an die Staatssicherheit berichtet.

Um diese Aussage geht es der Staatsanwaltschaft und darum geht es auch in den Medien: Hat Gregor Gysi als Anwalt dem Ministerium für Staatssicherheit zugearbeitet? Oder konkreter (bei der FAZ): Hat er „wissentlich Kontakt zur Staatssicherheit der DDR gehabt?“

Das Wissen ist aber nicht der entscheidende Teil seiner Aussage. Entscheidend ist der Wille. Denn wenn das aktuelle Verfahren Beweise dafür liefern sollte, dass Gysi der Staatssicherheit zugeliefert hat, dann hätte er wissentlich berichtet. Ob er dies aber auch aus freien Stücken getan hätte: Das ließe sich überzeugend abstreiten. Denn wie hätte man willentlich handeln können in einem Land, das bereits beim gemeinsamen Töpfchengehen mit voller Autorität zum Kollektiv erzog? In einem System, in dem die Stasi allgegenwärtig war? Ein Land, das sich dem Rechtsstaat derart verweigerte, konnte ja gar keinen Platz lassen für einen freien Willen.

Zumindest nicht, wenn man den Großteil der medialen Stimmen über die DDR ernst nimmt. Und warum sollten wir damit aufhören, wenn es um Gregor Gysi und die Stasi geht? Freier Wille in einer Diktatur, ts…

[Unpassenden NS-Vergleich bitte hier einfügen.]

Die Utopie der geordneten DDR

Der Regisseur Christian Petzold spricht im Interview mit der Zeit bemerkenswert reflektiert darüber, was es heißt, Spielfilme in der DDR anzusiedeln:

Ein Leben ist keine lineare Erzählung, auch nicht im SED-Land – und daran scheitern die meisten Kinogeschichten. […] Manchmal denke ich, die Produzenten solcher Filme wollen, dass es irgendwann mal einen Leitz-Ordner gibt, akkurat beschriftet: Das hier war die DDR.

Wenn DDR-Mord, dann Stasi

In der ARD lief am 30. Januar 2013 der Spielfilm „Mord in Eberswalde“ (und ist zur Zeit nach 20 Uhr in der Mediathek zu sehen). Grundlage ist der „Fall Hagedorn“, bei dem 1969 zwei Jungen ermordet wurden. Bereits 1974 wurde dieses Verbrechen für den DDR-„Polizeiruf“ verfilmt, aber erst 2011 ausgestrahlt. 2001 produzierte die ARD eine Dokumentation über die Morde.

Und nun diese neue Verfilmung. Als Rezensent der Berliner Zeitung schreibt Torsten Wahl (leider nicht online verfügbar), dass sich der Film sachlich gebe, aber letztlich Klischees aneinander füge: lebenspraller Ost-Mann trifft verkniffenen Karrieristen, zudem spannt der eine dem anderen die Frau aus. An einer grauen Wand hängt ein FDJ-Emblem. Außerdem schreibt Wahl:

Wer sich noch einmal die ARD-Doku zum „Fall Hagedorn“ ansieht, in der die damals beteiligten Kriminalisten nüchtern ihre lange Zeit vergebliche Arbeit erklären, sieht deutlich, wie sehr die jetzige Verfilmung die damalige Tätersuche unbedingt politisch aufladen und den ignoranten Stasi-Leuten eine Mitschuld an einem weiteren Mord des Täters unterschieben will. Merke: Die Stasi ist halt immer schuld.

Ein DDR-Film ohne Stasi, das ist offenbar undenkbar. Und mir kommt auch die Verknüpfung zwischen dem Triebleben eines Kommissars mit einem Verbrechen bekannt vor: Dies gibt es ebenfalls in der DDR-Fiktion „Plan D“. Zufall?

Aktuelle DDR-Vergleiche #7 — Lance Armstrong

Heute lernen wir, wie ein aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat einen anderen Zusammenhang konstruiert.

Armstrong ist unheimlich strukturiert und hat sehr gut mit Anwälten zusammengearbeitet, vielleicht sogar Sportfunktionäre beeinflusst. Ähnlich strukturiert war das in der DDR, wo alles unter staatlicher Aufsicht gemacht wurde.

So wird Wilhelm Schänzer, Professor an der Deutschen Sporthochschule Köln, in diesen Tagen zitiert. Bei n‑tv, Sport1 und Focus Online wurde die Meldung des Sport-Informations-Dienstes (SID) verbreitet: Armstrong = Staatsdoping = DDR. Wer aber in die Videoaufnahme des SID-Interviews schaut, kann feststellen, dass der Vergleich von der interviewenden Person eingebracht wurde, nicht von Schänzer. Der Professor verweist auf die aktive Rolle des Sportlers, die bislang unterschätzt worden sei. Einen direkten Vergleich zwischen Armstrong und DDR zieht er nicht.

Aber egal. Wenn in den Medien das Wort „Doping“ fällt, ist der Dreiklang mit „Staatsdoping“ und „DDR“ nicht fern. In einem  Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung geht es daher nicht nur um das Leben des Radprofis, sondern auch zu großen Teilen um den Sport in der DDR. Dies kulminiert im ultimativen Vergleich:

Die Manipulation der DDR war perfider, mit Kinder-Doping und all den detailliert dokumentierten, schrecklichen Nebenwirkungen in diesem Menschenversuch noch menschenverachtender. Aber nie zuvor hat ein einzelner Sportler den professionellen Zweig einer ganzen Sportart so beherrscht, ja am Leben erhalten.

Da wundert es nicht, dass Armstrong selbst sich zu diesem Vergleich äußert:

Ich habe die Doping-Kultur des Radsports nicht erfunden, aber auch nicht versucht, sie zu beenden. Der Sport zahlt den Preis dafür. Aber zu sagen, unser Programm sei größer gewesen als das der DDR in den 70er- und 80er-Jahren, das ist falsch.

Als einzelne Person einen ganzen Staatsapparat zu übertreffen, das wäre tatsächlich eine große Leistung gewesen. Aber vielleicht wäre es angebracht, über sinnvollere Vergleiche nachzudenken, wenn diese schon notwendig sein müssen. Kleiner Tipp: Doping wurde und wird auch außerhalb der DDR praktiziert. Und die Tour de France wäre in diesem Fall nicht unbedingt an den Haaren herbeigezogen gewesen.

Aktuelle DDR-Vergleiche #6 — Rundfunkgebühr

Das Verfahren kennt man aus der DDR, die „Solidarbeiträge“ zu erheben pflegte, wie es ihr passte. Damals wie heute hatte man keine Möglichkeit, auf die Verwendung des „Solidarbeitrags“ Einfluss zu nehmen. In einer Diktatur ist das evident, in einer Demokratie sollte das anders sein.

Vera Lengsfeld, ehemals DDR-Bürgerrechtlerin und CDU-Bundestagsabgeordnete, regt sich im Handelsblatt über den neuen Rundfunkbeitrag auf. Vor 25 Jahren wurde sie aus der DDR abgeschoben, nachdem sie für mehr Meinungsfreiheit demonstriert hatte.

Update

Stefan Niggemeier nimmt die Argumentation von Lengsfeld auseinander und titelt: „Rundfunkbeitrag bald fast so schlimm wie Hitler“. Es stehen uns also noch viele lustige Vergleiche bevor.