Wenn der Experte gar nichts weiß

Lothar Schneider ist Professor. Seine Schwerpunkte sind Haushaltswissenschaft, Verbrauchererziehung, Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Außerdem hat er Lehrerinnen und Lehrer für das Unterrichtsfach Hauswirtschaftslehre ausgebildet.

Lothar Schneider gehört also zu den Menschen, die in Medien „Experte“ genannt werden — sie sollen uns einen fundierten Einblick in Themen geben. So geschehen im ausführlichen Interview mit der Berliner Zeitung. Es geht um Staub, Rollenverteilung im Haushalt, Hygiene, Putzfrauen und wie all das mit dem kulturell‐sozialen Umfeld zu tun hat.

Professor Schneider nennt Zahlen, Untersuchungen und eigene Erfahrungen. Er ist schließlich Experte. Doch bei einem Thema fällt seine Antwort recht knapp aus.

Berliner Zeitung: In der DDR waren Putzfrauen in Privathaushalten eine Seltenheit. Dafür gab es den sogenannten Haushaltstag, da durfte man dann selber putzen. Auch als Mann und Single.

Lothar Schneider: Habe ich von gehört.

Nun ist es keine Schande, keine Ahnung zu haben, wenn es um ein anderes Land geht. Lothar Schneider hat seine akademische Ausbildung schließlich in Hamburg, Göttingen und Aachen vor dem Mauerfall erlebt.

Was aber nachdenklich stimmt: Was können all seine Zahlen und Studien, was kann sein ganzes Expertentum über die Lebenswirklichkeit im Osten Deutschlands aussagen? Wie wirken Haushaltstage bis heute nach — hatten sie eine merkliche Auswirkung auf das Rollenverständnis der Geschlechter? Welche Bedeutung hat die unterschiedliche Verbreitung von Putzkräften in Privathaushalten? Lässt sich daran ein anderes Selbstverständnis in Familien ausmachen?

All das sind Fragen, die Lothar Schneider aufgrund fehlender Expertise nicht beantworten könnte — und es sind Fragen, die eine im Osten Deutschlands erscheinende Zeitung nicht gestellt hat.

Ein Experte zu Westhaushalten spricht somit im Osten und tut so, als seien seine Aussagen gesamtdeutsch gültig.

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