Wie sehr sind wir vereint? Diese Bilanz wird ritualisiert jedes Jahr zum Tag der Deutschen Einheit gezogen. Hier bilanzieren wir immer wieder die Zeitungsausgaben zum dritten Oktober und damit eine andere Frage: Wie reden wir übereinander?
Die knappe Antwort: Deutlich weniger als in den Vorjahren (etwa 2020, 2019) und so ausdrücklich westdeutsch wie schon lange nicht mehr. Denn während die Ausgaben in den Vorjahren oft sehr umfangreich waren, gab es diesmal kaum Inhalte zum Thema. Dass darunter die Vielfalt der Perspektiven leidet, ist klar. Trotzdem verwundert die einfallslose Einfalt in diesem Jahr: Es gibt ausschließlich westdeutsche Autoren (sic, nur Männer) und das merkt man leider.
Der Befund für die FAZ, Süddeutsche und Welt:
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Journalismus like it’s 1994. Die FAZ zieht das in drei Artikeln kompromisslos durch:

So kann Katarina Witt in einem ganzseitigen Artikel über ihre Sportkarriere sprechen. Beziehungsweise das, was die FAZ darunter versteht:
- „Sicher, dass Frau Müller Sie nicht bespitzelt hat?“ (Stasi-Frage: Check!)
- „Zur Sportförderung in der DDR gehörte auch das Staatsdoping. Kamen Sie damit nicht in Berührung? … Wäre doch naheliegend.“ (Doping-Frage: Check!).
Dann soll sie noch ein paar Vorschläge zum Weltfrieden liefern:
- „Wie sollten wir Ihrer Meinung nach miteinander umgehen, der Westen mit den Russen, die Wessis mit den Ossis…?“
Den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und das deutsch-deutsche Verhältnis in einer einzigen Frage, chapeau, liebe FAZ! Am Schluss soll sie noch über die Corona-Pandemie und ihr Verhältnis zu Sahra Wagenknecht und Angela Merkel (sind ja schließlich auch Ossis) sprechen.
Wirklich wie in den Neunzigern. Nicht nur Katarina Witt, die damals auch gerne herumgereicht wurde, auch die Fragen selbst scheinen aus einem damaligen Interview ausgegraben worden zu sein: Wenn man mal mit einem Menschen östlich der Elbe spricht, muss der gleich als Erklär-Ossi für alle großen Themen herhalten, die der Interview ganz naiv parat hat. Kaum vorstellbar, dass westdeutsche Sportler*innen ähnliche Fragen bekommen würden.

Aber das ist die Ausgabe zum Tag der Deutschen Einheit, also gibt es sogar ein zweites Interview mit einer Ostdeutschen! Das Gespräch mit der Schauspielerin Dagmar Manzel behandelt zunächst ihre Rolle im Tatort, dann kommt eine Frage unerwartet wie der Mauerfall: „Sie sind in der DDR aufgewachsen … Kannten Sie den ‚Tatort‘ aus DDR-Zeiten?“ Dabei verwundert die irritierend naïve Frage, denn dass in der DDR fast nur Westfernsehen geschaut wurde, sollte eigentlich seit den Neunzigern bekannt sein – zumal die Frage nach ihren Tatort-Kenntnissen auch ohne DDR-Bezug interessant gewesen wäre. Und vor allem fällt auf, dass die Redaktion ihre Antwort für so aufregend, spannend und wie auch immer aufsehenerregend befand, dass sie sogar den Titel des Interviews bildet. Merke: Deine Antworten über deine DDR-Zeit stechen alle deine Antworten über zehn Jahre als Tatort-Kommissarin.

Dann mag man sich bei der FAZ gedacht haben: Zwei Ossis, das ist ein bisschen viel ostdeutsches Gelaber. Und zu viele erfolgreiche Frauen, wo bleibt der Diktatur-Grusel? Nein, wir brauchen eine Geschichte über eine Flucht aus der DDR! Mit einem Mann! Und zwar einem richtigen Mann, einen Mann aus dem Westen! Ein Wessi als Fluchthelfer! Der hat mit seinem Fluchttunnel quasi die Mauer zum Einsturz gebracht, während Kati Witt mit Eislauf und Dagmar Manzel mit Fernsehschauen beschäftigt waren!
Ja, das weiß man bei der FAZ: Wirklich wichtig für die Deutsche Einheit sind am Ende die Männer aus dem Westen. Schließlich wurden auch die Interviews jeweils von einem Mann geführt. Und die wussten ja bestens Bescheid über den Osten (zwar nur auf dem West-Stand von 1994, aber immerhin!). Apropos, schauen wir mal, wer in anderen gesamtdeutsche Zeitungen in diesem zum Tag der Deutschen Einheit geschrieben hat.
Süddeutsche Zeitung
„Feiertagsausgabe“ steht auf der Titelseite. Für mehr als einen Meinungskasten hat der Anlass des Feiertags allerdings nicht gereicht.

Der Titel des Beitrags lautet „Die Anderen“. Kurt Kister macht mit seinem Einstieg ganz deutlich, wessen Perspektive hier eingenommen wird: „Wer in der alten Bundesrepublik aufwuchs und lebte… “. Das gesamtdeutsche „wir“ schreibt er später in Anführungszeichen, ohne zu erklären, was er damit meint. Ein Hinweis bietet dieser Satz: „Die jüngsten Wahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen tragen dazu bei, dass der Tag der Deutschen Einheit auch in diesem Jahr eher als der Tag der deutschen Unterschiede wahrgenommen wird.“
Die weiße Weste, die Kister „dem Westen“ hier ausstellen möchte, zeigt aber eher einen weißen Fleck seiner eigenen Wahrnehmung. Denn auch in westlichen Bundesländern wächst die Zustimmung zur AfD, in Pforzheim etwa wurde sie jüngst die stärkste Fraktion. Das ist in diesem Text kein Thema, Kister hat aber eine einfache Erklärung für den Erfolg der AfD: „weil im Osten viele die eigene Identität nicht respektiert sehen und sich von den Normen der als anders Wahrgenommenen bedroht fühlen“. Möglicherweise ist das eine (Teil-)Erklärung für die AfD-Erfolge in ostdeutschen Bundesländern, die Erfolge in Westdeutschland kann sie aber eher kaum erklären, ebenso wenig, warum auch in anderen europäischen Ländern rechtsextreme Parteien auf dem Vormarsch sind. All das sieht Kistler nicht, weil er AfD und „den Osten“ so nah zusammendenkt, dass der westliche Anteil dabei keinen Platz findet.
Die Welt

Der einzige Beitrag der Welt zum Tag der Deutschen Einheit steht in einem Meinungskasten: „Der richtige Film zur Einheit“ steht darüber. Was hier „richtig“ bedeutet, macht die Überzeile in der Online-Version ganz klar: „Der richtige Film zum Tag der Deutschen Einheit handelt vom Westen“. Die Literaturverfilmung „Ein Mann seiner Klasse“ ist tatsächlich ein gelobtes Sozialdrama über die Arbeiterklasse in Kaiserslautern im Jahr 1994. Was das alles mit der deutschen Wiedervereinigung zu tun hat? Nicht wirklich viel, Christoph Kapalschinskis Kommentar versucht trotzdem einen Haken zu schlagen:
Der federführende SWR setzt mit der Geschichte aus der Pfalz der Legende von den nach der Wende untergebutterten „neuen Bundesländern“ etwas entgegen. In strukturschwachen Gegenden Westdeutschlands traf die hohe Arbeitslosigkeit die Gesellschaft zwar anders als im totalen Umbruch des Ostens. Doch der – wenn auch schleichendere – Abbau von Bergwerken, Stahlhütten und Textilindustrie erschütterte auch dort ganze Familien und halbe Stadtteile.
Der Kommentar ist sehr deutlich davon begeistert, dass zum dritten Oktober auch einmal ein Schicksal aus Westdeutschland thematisiert wird. Ob es dafür aber gleich eine Gleichsetzung mit den umfassenden Transformationen in den ostdeutschen Bundesländern gebraucht hätte? Mehr noch: Die negativen Erfahrungen dort als „Legende“ abzuwatschen, das liegt irgendwo zwischen Unwissenheit und Leidenskonkurrenz. Wird hier der Jammer-Wessi etabliert? Hoffentlich nicht.
Fazit
Die journalistischen Beiträge über Ostdeutschland haben in den letzten Jahren spürbar an Qualität gewonnen, was vor allem an engagierten Redakteur*innen aus Ostdeutschland lag. Leider ist nichts davon in diesen Ausgaben zur Einheit zu spüren. Die Perspektive ist rein westdeutsch und das Wissen bewegt sich auf dem Stand von Stereotypen, Hörensagen und Statistiken. Und das ist immer noch besser als der Blick auf „den Westen“. Der bleibt nämlich ziemlich blass und hat außer Heldentum, weißer Weste auch nur ein weiteres Thema: seine Probleme sollten auch mal gesehen werden. Immerhin.
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