Wie die Welt den „Ostmullen“-Trend sieht aber nicht versteht

Der Welt-Artikel „Was es mit dem „Ostmullen“-Trend auf sich hat“ bemüht sich sichtbar um Differenzierung – und scheitert doch an einem alten Muster: Ostdeutschland wird vor allem als Problemzone inszeniert.

Symbole, Sprache und Stimmungen werden dabei oft unreflektiert in einen Topf geworfen, statt wirklich die Lebensrealitäten hinter dem Phänomen zu verstehen.

Was unterschwellig auch kommuniziert wird: Der Westen hat kein Problem mit Rechtsextremismus.

Woher kommt der Eindruck?

In ihrem Podcast „News Core“ sprechen Imke Rabiega und Julian Theilen über den Trend, dass sich junge Frauen auf TikTok als „Ostmullen“ inszenieren. Schminke, Rechtsrock, Deutschlandflagge: Das sind die Zutaten, aus denen sie in ihrem Podcast-Gespräch ein homogenes Bild dieser Jugendlichen erzeugen.

Schon im Einstieg merkt man die Grundhaltung:

„Es geht heute um Ostmullen. Allein das auszusprechen, fühlt sich schon schräg an. Das Thema ist auf schreckliche Weise faszinierend.“

Das Wort „schrecklich faszinierend“ ist symptomatisch: Es deutet auf Neugier, aber auch eine gewisse Überheblichkeit hin. Es ist weniger der Versuch zu verstehen, als ein Gaffen auf ein Phänomen, das als abseitig empfunden wird. 

Und ein Stück weit ist es auch die Exotisierung dessen, über das die beiden sprechen: Ostdeutschland wird hier nicht als Teil des Ganzen betrachtet, sondern als kurioses Außen.

Begriffswahl und Kollektivbilder

Sprachlich wird das Problem im Text immer wieder sichtbar. Ostdeutsche Frauen werden hauptsächlich in ihrer kollektiven Rolle beschrieben:

„Das sind junge Mädchen, deren Videos sich genauso gut als Schminktutorial entpuppen könnten.“

Das wirkt auf den ersten Blick harmlos – ist es aber nicht. Es reduziert die Akteurinnen auf ihr Äußeres und ihre Oberflächlichkeit, statt nach den gesellschaftlichen Ursachen zu fragen, die hinter der Selbstinszenierung stehen könnten.

Ostdeutsche Identität wird hier letztlich auf Schminke und Rechtsrock verengt.

Auch die politische Dimension wird schnell skizziert, aber nicht wirklich durchdrungen:

„Man erkennt dann auch beim näheren Hinschauen typisch rechte Codes.“

Sicher – dass Codes wie Lonsdale-Jacken oder Adler-Emojis eine rechte Konnotation haben, ist richtig. Aber warum greifen junge Ostdeutsche zu diesen Symbolen? Der Podcast belässt es bei der reinen Beschreibung. Eine tiefere Auseinandersetzung mit der Motivation und der Selbstsicht der Frauen fehlt weitgehend.

Keine Stimmen aus dem Osten

Denn ein weiteres Problem: Die eigentlichen Protagonistinnen kommen nicht zu Wort.

Zwar wird eine „Kollegin aus Ostdeutschland“ zitiert, die über Vorurteile berichtet. Sie hat aber mit dem Phänomen der „Ostmullen“ gar nichts zu tun. Das ist, als würde man einen Menschen aus Hamburg heranziehen, wenn man über Dirndl spricht.

Stattdessen wird viel darüber gesprochen, wie die „Ostmullen“ wirken. Wie sie aussehen. Was sie tun. Das erinnert fatal an eine Berichterstattung über „die Anderen“, nicht auf Augenhöhe, sondern von außen und oben herab.

Westdeutschland als stillschweigende Norm

Julian Theilen macht einen sehr interessanten Punkt macht:

„Westdeutsche sehen sich nicht als Westdeutsche, sondern als Deutsche. Ostdeutsche hingegen müssen sich ständig als Ostdeutsche verstehen.“

Das ist ein kluger Gedanke, der selten beim Sprechen über Ostdeutschland vorkommt. Doch statt ihn konsequent weiterzudenken, bleibt das Gespräch auf halbem Weg stehen. Es wird nicht hinterfragt, warum diese permanente Markierung stattfindet oder welche gesellschaftlichen Mechanismen dahinterstehen.

Im Subtext schwingt vielmehr die altbekannte Perspektive mit: Westdeutschland = normal, Ostdeutschland = besonders erklärungsbedürftig.

Was der Artikel über Westdeutschland (unfreiwillig) erzählt

Während sich der Artikel offen an der Inszenierung ostdeutscher Jugendlicher abarbeitet, zeichnet er ganz nebenbei ein erstaunlich unreflektiertes, fast unsichtbares Bild von Westdeutschland: Westdeutsche sind hier die Norm, die unmarkierte Mitte – frei von regionaler Identität, Problemen oder Extremismen.

Kurz gesagt: Die „Normalen“.

Westdeutschland als unsichtbarer Maßstab

Auffällig ist zunächst, dass Westdeutschland kaum explizit vorkommt – und genau darin liegt der Trick. Es wird schlicht vorausgesetzt, dass das, was westdeutsch ist, universell, neutral und unproblematisch ist.

Die Folge: Die Journalist*innen eines westdeutsch geprägten Mediums analysieren, bewerten, staunen – ohne jemals sich selbst oder ihre eigene Perspektive kritisch zu hinterfragen.

Westdeutschland: implizit aufgeklärt und überlegen?

Durch die Art und Weise, wie über den Ostmullen-Trend gesprochen wird, entsteht unterschwellig ein Bild: Westdeutsche sind anscheinend diejenigen, die Neonazismus erkennen, politische Symbole deuten und Subkulturen aus sicherer Distanz beobachten können.

Das zeigt sich besonders in Momenten wie diesem:

„Man muss den Feind kennen, um sich ihm zu stellen.“

Hier schwingt eine gewisse Selbstversicherung mit: Wir – die Medienmacher*innen in einem westdeutschen Medium – erkennen die Codes, die Verführungen, die Gefahren. Wir sind auf der richtigen Seite der Geschichte. Wir beobachten – die anderen handeln daneben.

Aber: Wo bleiben die Reflexionen darüber, welche popkulturellen Phänomene im Westen ähnliche Bedürfnisse nach Zugehörigkeit, Protest oder Identität bedienen? Wo ist die Erkenntnis, dass auch in Westdeutschland Rechtsruck, Wut oder soziale Entfremdung längst kein Fremdkörper mehr sind? Solch ein Einblick könnte helfen, ähnliche Entwicklungen in anderen Teilen Deutschlands in einem frühen Stadium auszumachen und mit ihnen umzugehen.

Der Mythos von der heilen westdeutschen Welt

Durch die Auslassung entsteht eine verklärte Erzählung: Westdeutschland bleibt die problemlose, stabile Gesellschaft. Hier wird nicht zu Rechtsrock lipsynced, hier tragen Jugendliche keine Lonsdale-Jacken aus falschen Motiven, hier gibt es keine problematischen Protestkulturen – oder?

Ob Pegida in Dresden oder Querdenker in Stuttgart, ob AfD-Wählerschaft in Thüringen oder im Münsterland – Rechtsruck und Demokratiezweifel sind längst gesamtdeutsche Phänomene.

Indem der Artikel das Problem einseitig verortet, trägt er unbeabsichtigt zur Stigmatisierung Ostdeutschlands bei – und stabilisiert den Mythos der westdeutschen Unschuld.

Wenn wir die Logik auf Westdeutschland anwenden würden…

Man stelle sich vor:

Eine investigative Podcastfolge über junge westdeutsche Frauen, die auf TikTok in Anzügen rappen und dazu FDP-Fahnen schwenken.
Titel: „Westmullis – Der gefährliche Trend der neoliberalen Aufsteigerträume.“

Man analysiert dann sorgenvoll die Ästhetik von Porsche-Caps, den Stolz auf private Krankenversicherung und Golfclubs als gefährliche Symbole eines entfremdeten Westens.

Völlig absurd?

Genau so absurd, wie es ist, wenn man sich Ostdeutschland als einen homogenen, exotischen Problemfall zusammenfantasiert.

Fazit

Der Welt-Artikel zeigt gut, wie schwer sich westdeutsche Medien oft noch mit ostdeutschen Lebensrealitäten tun. Er öffnet die Tür zur Reflexion – aber geht leider nicht wirklich hindurch. Vielleicht wäre das nächste Mal ja ein Gespräch mit einer echten „Ostmulle“ ein Anfang. 

Das wäre wirklich faszinierend – und nicht auf schreckliche Weise. Denn was solche Texte brauchen, ist weniger Faszination für das Schrille und mehr echtes Interesse an den Geschichten dahinter. Damit wir besser die Motivation für rechte Haltungen verstehen können – Und als Gesellschaft damit umgehen können. Denn die Ostmullen sind Teil von ihr, keine exotischen Wesen, die man von außen betrachten sollte.

Der analysierte Artikel offenbart unfreiwillig ein ebenso starres Bild von Westdeutschland, wie er es über Ostdeutschland aufbaut – nur eben spiegelverkehrt: Während der Osten exotisiert wird, bleibt der Westen unkritisch normalisiert, ohne Gespür für die eigenen rechtsextremen Entwicklungen.

Transparenzhinweis

Ich habe KI genutzt, um den besprochenen Artikel zu analysieren und die Struktur des Textes zu erstellen.


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