Lumpen‐Wettbewerb: Stasi vs SED

Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (also: Die Jahn‐Behörde) lädt zur Diskussion. Denn seit der letzten Publikation des Behörden‐Mitarbeiters Ilko‐Sascha Kowalczuk fragt man sich dort, ob die Stasi oder die SED schlimmer waren.

Weil man das Thema ernst und wissenschaftlich angeht, wird die öffentliche Diskussionsveranstaltung „Der größte Lump…?“* genannt. Und weil man die eigene Rolle kritisch hinterfragen möchte, sitzen bis auf eine Ausnahme ausschließlich aktuelle und ehemalige Mitarbeiter der Behörde auf dem Podium. Der externe Podiumsgast schließlich ist der unvermeidliche Klaus Schroeder, Leiter des sogenannten „Forschungsverbundes SED‐Staat“, der seine Vorannahme bereits im Titel trägt.

Vielleicht findet man ja am Ende heraus, dass das durch den Stasi‐Beauftragten untersuchte Stasi‐Land und der von Schroeder beschworene SED‐Staat auf das gleiche Land abzielen. Und wundert sich dann, warum das bislang niemandem aufgefallen ist.

„Der größte Lump…?“

Eine aktuelle Debatte über Verrat und Denunziation

19. März 2013, 20 Uhr

Collegium Hungaricum
Dorotheenstraße 12
10117 Berlin‐Mitte

* Der Titel verweist vermutlich auf ein Zitat, das August Heinrich Hoffmann von Fallersleben zugeschrieben wird:
„Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.“

Stasi raus! SED rein!

Dabei haben wir uns alle so schön damit eingerichtet: Alle paar Monate wird ein neuer Stasi‐IM enttarnt, kommen ein paar neue Stasi‐Details in die Zeitung oder ein Stasi‐Film ins Fernsehen. Da hat man was Verlässliches. Da kann man drauf aufbauen.

Und jetzt: Alles aus.

Denn der Historiker Ilko‐Sascha Kowalczuk hat die Arbeit „Stasi konkret“ vorgelegt, in der er zeigt, dass es weniger Inoffizielle Mitarbeiter (so wird IM ausgeschrieben, falls das jemand vergessen hat) gab, als bislang angenommen. Statt 189.000 seien es 109.000 gewesen, Schuld an der bisherigen Zahl seien unter anderem Doppelnennungen gewesen. Doch damit nicht genug. Kowalczuk stellt gegenüber Cicero fest:

Nicht jeder, der IM war, hat Verrat begangen, und viele, die nicht IM waren, müssten im Nachhinein als Verräter eingestuft werden.

Ui, das würde doch heißen, dass alles viel komplexer war, als wir immer dachten? Damit macht er uns die schöne heile Stasi‐Welt kaputt! Und er macht weiter:

Ich war selbst Teil des Problems.

Kritik an der bisherigen Stasi‐Forschung?

Und das von einem wissenschaftlichen Mitarbeiter der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi‐Unterlagen? War doch alles ganz anders, damals in der DDR? Weniger schwarz‐weiß‐Malerei und weniger Grau im Alltag? Kowalczuk kriegt dann doch noch die Kurve:

Die Stasi war ein wichtiges, aber nur ein Strukturelement des Herrschaftssystems. Das Bild wird in der Geschichtsbetrachtung verzerrt. Die SED muss wieder an Platz 1 gesetzt werden. Es handelte sich um eine SED‐Diktatur und nicht um eine Stasi‐Diktatur.

Also dann — wir haben eine neue Nummer 1: SED! SED! SED!

Wie wolle man dem auch widersprechen? Denn die Partei Stasiunterlagenbehörde hat immer Recht.

Der freie Wille

Gregor Gysi und die Stasi: Ein aktueller Spitzenkandidat, der für ein diktatorisches System gearbeitet haben soll. Welch ein Politikkrimi! Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft Hamburg, denn Gysi könnte bei seiner eidesstattlichen Versicherung gelogen haben. Das Dokument lässt sich bei der Welt nachlesen. Die entsprechende Stelle lautet:

Ich habe zu keinem Zeitpunkt über Mandanten oder sonst jemanden wissentlich und willentlich an die Staatssicherheit berichtet.

Um diese Aussage geht es der Staatsanwaltschaft und darum geht es auch in den Medien: Hat Gregor Gysi als Anwalt dem Ministerium für Staatssicherheit zugearbeitet? Oder konkreter (bei der FAZ): Hat er „wissentlich Kontakt zur Staatssicherheit der DDR gehabt?“

Das Wissen ist aber nicht der entscheidende Teil seiner Aussage. Entscheidend ist der Wille. Denn wenn das aktuelle Verfahren Beweise dafür liefern sollte, dass Gysi der Staatssicherheit zugeliefert hat, dann hätte er wissentlich berichtet. Ob er dies aber auch aus freien Stücken getan hätte: Das ließe sich überzeugend abstreiten. Denn wie hätte man willentlich handeln können in einem Land, das bereits beim gemeinsamen Töpfchengehen mit voller Autorität zum Kollektiv erzog? In einem System, in dem die Stasi allgegenwärtig war? Ein Land, das sich dem Rechtsstaat derart verweigerte, konnte ja gar keinen Platz lassen für einen freien Willen.

Zumindest nicht, wenn man den Großteil der medialen Stimmen über die DDR ernst nimmt. Und warum sollten wir damit aufhören, wenn es um Gregor Gysi und die Stasi geht? Freier Wille in einer Diktatur, ts…

[Unpassenden NS‐Vergleich bitte hier einfügen.]

Wenn DDR‐Mord, dann Stasi

In der ARD lief am 30. Januar 2013 der Spielfilm „Mord in Eberswalde“ (und ist zur Zeit nach 20 Uhr in der Mediathek zu sehen). Grundlage ist der „Fall Hagedorn“, bei dem 1969 zwei Jungen ermordet wurden. Bereits 1974 wurde dieses Verbrechen für den DDR-„Polizeiruf“ verfilmt, aber erst 2011 ausgestrahlt. 2001 produzierte die ARD eine Dokumentation über die Morde.

Und nun diese neue Verfilmung. Als Rezensent der Berliner Zeitung schreibt Torsten Wahl (leider nicht online verfügbar), dass sich der Film sachlich gebe, aber letztlich Klischees aneinander füge: lebenspraller Ost‐Mann trifft verkniffenen Karrieristen, zudem spannt der eine dem anderen die Frau aus. An einer grauen Wand hängt ein FDJ‐Emblem. Außerdem schreibt Wahl:

Wer sich noch einmal die ARD‐Doku zum „Fall Hagedorn“ ansieht, in der die damals beteiligten Kriminalisten nüchtern ihre lange Zeit vergebliche Arbeit erklären, sieht deutlich, wie sehr die jetzige Verfilmung die damalige Tätersuche unbedingt politisch aufladen und den ignoranten Stasi‐Leuten eine Mitschuld an einem weiteren Mord des Täters unterschieben will. Merke: Die Stasi ist halt immer schuld.

Ein DDR‐Film ohne Stasi, das ist offenbar undenkbar. Und mir kommt auch die Verknüpfung zwischen dem Triebleben eines Kommissars mit einem Verbrechen bekannt vor: Dies gibt es ebenfalls in der DDR‐Fiktion „Plan D“. Zufall?

Dritte Generation Stasi

Das Interesse an den Stasi‐Akten bleibt auf einem hohen Niveau — wie die Berliner Zeitung berichtet, wurden 2012 über 88.000 Anträge von Privatpersonen auf Akteneinsicht gestellt. Das sind 10 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Sechs Prozent der Gesamtanträge stammen dabei von Kindern und Geschwistern, die in die Akten ihrer verstorbenen Angehörigen sehen wollten. Markus Decker, Autor der Zeitung, sieht dieses hohe Interesse auch als Indiz für das Engagement der Initiative „Dritte Generation Ost“.

In der heutigen Printausgabe der Berliner Zeitung äußerte sich mit Johannes Staemmler ein Vertreter dieses Netzwerks* zu diesem Thema. Er sieht einen Grund für die Nachfrage nach Akteneinsicht darin, dass die „letzten DDR‐Kinder erwachsen genug geworden sind, um bewusst der Frage nachzugehen, wo sie eigentlich herkommen“. Als zentrale Fragen nennt er:

Woher komme ich? Wie haben meine Eltern gelebt? Was haben die unter welchen Umständen entscheiden müssen? […] Was war eigentlich die DDR? Wie hat sie funktioniert? Und wie hat sie auch uns geprägt?

Um diese Fragen zu beantworten, findet Staemmler Gespräche wichtig. Er weiß aber auch: Wer sich dem Widerstand zurechnen könne, habe keine Schwierigkeiten zu erzählen. Die anderen würden dazu neigen, das Gespräch abzubrechen. Sein Tipp:

Gespräche werden einfacher, wenn echtes Interesse an der Frage besteht, wie Menschen gelebt haben.

Keine Frage: Es ist wichtig Fragen zu stellen und den Dialog zwischen den Generationen zu führen. Stasi‐Akten in diesen Prozess zu denken, hinterlässt bei mir allerdings einen bitteren Nachgeschmack. Welcher Erkenntnisgewinn soll dahinter stecken? In einem der Szenarien möchte ich mehr über das Leben meiner verstorbenen Eltern erfahren, indem ich Observationsberichte über sie lese. In dem anderen Szenario möchte ich nicht nur mit ihnen sprechen, sondern auch in ihren Akten lesen. Warum? Vertraue ich ihnen nicht? Ist die Existenz von Akten bereits Beleg für die Dissidenz der Eltern — oder waren sie Mitläufer, falls es keine Akten gibt?

Keine Frage: Die Stasi‐Akten sind wichtige Unterlagen deutscher Geschichte, sie sind Zeugnis des Umgangs eines Staates mit seinen Menschen. Man muss sie allerdings mit historisch‐kritischen Fragen bearbeiten: Wer hat sie für wen geschrieben? Welche Interessen standen dahinter? Wie vertrauenswürdig sind diese Quellen also? Diese Fragen lassen sich nur individuell, nicht pauschal beantworten. Vor allem deswegen sind sie als zentrales Mittel zur Klärung der Vergangenheit einzelner Personen vollkommen ungeeignet.

Wer das hingegen propagiert, macht sich die Methoden der Staatssicherheit zu eigen. Denn wer unkritisch auf Geheimdienst‐Berichte setzt, kann auf keine ehrliche Auseinandersetzung mit einer komplexen Vergangenheit hoffen. Vertrauen und Lücken gehören dazu, auch wenn auskunftfreudige Akten verführerisch erscheinen.

 

* Die Dritte Generation Ost ist eine Initiative, die ein Netzwerk für die heute 25‐ bis 35‐jährigen Menschen aus Ostdeutschland bilden möchte. Demografisch gesehen gehöre ich zu dieser Altersgruppe — ich möchte mich allerdings dagegen verwehren, von dieser Gruppe bei ihren öffentlichen Meinungsäußerungen vereinnahmt zu werden: Sie kann nicht für mich sprechen, auch wenn sie gerne so tut, als ob sie die Sichtweise einer ganzen Generation vertritt.

Rezension: Plan D 1

Stasigrau. Das fasst die DDR in Simon Urbans Roman „Plan D“ präzise zusammen. Aber der Reihe nach.

Das 2011 erschienene Werk gehört dem Genre der Alternativweltgeschichte an, in der es um das Was‐wäre‐wenn geht. Bekanntester Vertreter ist wahrscheinlich „Vaterland“ von Robert Harris. Schauplatz jenen Romans sind die 1960er Jahre eines Großdeutschen Reiches, das im 2. Weltkrieg nicht besiegt wurde und das von der Weltgemeinschaft anerkannt werden möchte. Wären da nicht unheimliche Geheimnisse, die von einem naiven Polizisten ans Tageslicht geholt werden mit Unterstützung einer Frau, die mehr weiß als er selbst. Am Ende stellt sich heraus, dass all die vermeintlichen Verbesserungen nur Fassade sind.

„Plan D“ funktioniert prinzipiell ähnlich: Schauplatz ist die DDR im Jahr 2011, die von der Weltgemeinschaft anerkannt werden möchte. Wären da nicht irgendwelche Geheimnisse, die von einem naiven Polizisten ans Tageslicht geholt werden mit Unterstützung einer Frau, die mehr weiß als er selbst. Und wer das Ende von „Vaterland“ kennt, wird auch hier nicht sonderlich überrascht sein.

Das ist das erste Problem von Urbans Roman: Es klebt in der Grundkonstruktion so nah an „Vaterland“, als ob es ausreichen würde, Hakenkreuze gegen Trabanten (bzw. deren Nachfolger) und Gestapo gegen Stasi auszutauschen. Das tut es eben nicht, auch wenn der Vergleich der Herrschaftssysteme von NSDAP und SED allzu oft gepflegt wird. Gerade zum Ende hin fällt auf, dass die Geschichte nicht einlösen kann, was sie verspricht. Weil es eben doch unterschiedliche Charakteristika beider Systeme gab, die auch in der fiktionalen Bearbeitung berücksichtigt werden müssen. Ein Austausch der Symbole reicht da nicht aus — und ein Egon Krenz als Hitler‐Ersatz wirkt eher lächerlich.

Offenbar nimmt aber auch der Autor den Schauplatz des Geschehens trotz aller Graumalerei nicht ernst. Prominenz aus Showbusiness, Sport und Politik bilden im Hintergrundrauschen eine bunte Nummernrevue: Oskar Lafontaine regiert die Bundesrepublik, Michael Ballack trainiert im Osten und Sahra Wagenknecht ist Schauspielerin in sozialistischen Actionfilmen. Diese und andere Figuren tragen nicht zur Handlung bei und sollen wohl eher für Aha‐Effekte sorgen: Stimmt, das sind ja Ossis.

Wie aber stellt sich der Westfale Simon Urban die DDR des Jahres 2011 vor? Sie unterscheidet sich nicht viel von der DDR, wie sie vor dem Mauerfall gesehen wurde, es gibt nur mehr – mehr Stasi und mehr grau. Urban wird nicht müde, diese Schlagwörter zu betonen, bis er dem Hauptcharakter schließlich den allumfassenden Begriff „stasigrau“ in den Mund legt. Die Menschen leben in diesem Land so tranig‐traurig, dass sie es durch Massensuizid schon längst hätten entvölkern können. Von einem Aufbegehren gegen die Herrschenden ganz zu schweigen.

Ja, so eines gab es in der wirklichen Geschichte tatsächlich. Das vergisst man beim Lesen des Romans – und das wurde offenbar auch beim Schreiben vergessen. Denn der Roman nimmt auch die Menschen der 2011er DDR nicht ernst. Es scheint, er weidet sich an ihren stasigrauen Schicksalen und freut sich, sie als beliebige Abziehbilder einer letztlich trivialen Handlung zu benutzen. Ihr einziger Reiz liegt somit darin, dass sie in einem Deutschland leben, das irgendwie anders und zurückgebliebener ist. Und vor allem stasigrauer.

Und das, so vermute ich, sagt vielleicht auch etwas darüber aus, wie Menschen aus dem Osten Deutschlands wahrgenommen werden. Hier in der realen Welt, der Alternative zur Alternativweltgeschichte.

Simon Urban: Plan D
552 Seiten. Schöffling & Co. Verlag
ISBN: 978 – 3‐89561 – 195‐7 (gebundene Ausgabe)
ISBN: 978 – 3442744428 (Taschenbuch, ab Februar 2013)

Verdichtete Komplexitätsreduktion im ZDF

Gerade lief im ZDF der erste Teil des Fernsehfilms „Deckname Luna“, ein Film über die 60er Jahre in der DDR. Die Rezension der Berliner Zeitung schreibt dazu:

Die Autoren Monika Peetz und Christian Jeltsch wollten den Kalten Krieg und das Wettrüsten zu einem 60er‐Jahre‐Panorama zu verdichten.

In der Inszenierung scheint dies zu gelangen: Originalaufnahmen und Spielszenen werden geschickt montiert. Wie aber sind Peetz und Jeltsch zu einem dichten Panaroma gekommen, woher haben sie die Inspiration für das Zusammenspiel von Alltag und Gesellschaft genommen, um der Komplexität eines Landes gerecht zu werden?

Die Autoren Monika Peetz und Christian Jeltsch zählen den Besuch im Stasi‐Gefängnis zu den wichtigsten Anregungen für ihr DDR‐Bild der 60er Jahre.

Tja.

Stasi, allüberall

Die DDR, wie wir sie kennen, ist inzwischen eine medial vermittelte DDR. Da geht aber noch mehr: Was sich vor allem von den Inszenierungen der NS‐Zeit lernen lässt, schreibt Jochen‐Martin Gutsch in seiner Kolumne „Stasi im Weltall“.

Fast könnte man meinen, es sei ein Hilfeschrei:

Ich kann nicht mehr. So viel Osten. So viel Diktatur. Manchmal denke ich schon, ich war selbst bei der Stasi.

Godwin’s law, Stasi‐Edition

Godwin’s law besagt, dass es im Verlauf längerer Diskussionen immer wahrscheinlicher wird, dass jemand einen Nazi‐Vergleich einbringt. Mehr dazu auf Wikipedia.

Möglicherweise muss das dieses Gesetz demnächst um den IM‐Faktor erweitert werden. Denn je länger ein Thema in den Medien ist, desto wahrscheinlicher wird es, dass eine der beteiligten Personen als Inoffizieller Mitarbeiter oder Inoffizielle Mitarbeiterin (IM) der Stasi enttarnt wird.

So ist es jetzt geschehen im Fall Drygalla.

Das ist nur ein Fall von vielen.

Ähnliches passierte 2009 zum Tod von Benno Ohnesorg. 2011 gab es Berichte zur IM‐Tätigkeit von Horst Mahler. Und auch Joachim Gauck wurde in der Nähe zur Stasi vermutet.

Gemeinsam ist all diesen Fällen, dass bereits die Vermutung einer Zusammenarbeit mit der Stasi große mediale Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ob es sie tatsächlich gab und was sie jeweils bedeutet: Das geht in der Regel unter. Und auch das eigentliche Thema steht von da an im Schatten der Stasi. Ganz im Sinne von Godwin’s law.

Mythos Gauck: Der Superossi 2

Die Medien überschlagen sich in ihren Beiträgen zu Joachim Gauck geradezu mit Lobeshymnen. Dabei fällt vieles unter den Tisch. Eine kleine Auswahl, wie der Präsidentschaftskandidat zum „Superossi“ (so Anja Meier in der taz),  zum „Heiland der westdeutschen Demokratie“ (Holger Witzel in seiner Glosse beim stern) oder zur „Bundes‐Freiheitsstatue“ stilisiert wird — und was tatsächlich dran ist:

Alle wollen Gauck

So der Stimmungseindruck, der oft vermittelt wird — bis auf ein paar Internet‐Verschwörungstheoretiker und die Linkspartei wollen ihn einfach alle. Dabei ist das gar nicht so eindeutig, so findet der stern in einer Umfrage heraus: Nur 62% der Ostdeutschen sind für Gauck. Eine Umfrage auf der Website des mdr war noch desaströser. Hier waren 78% gegen Gauck, das mag der Grund sein, warum der Sender plötzlich die Seite entfernt hat. Wie ernst man Umfragen auch nehmen mag: Im Osten ist Gauck offenbar nicht so beliebt, wie in den Medien gerne vermittelt wird.

Gauck litt in der DDR

Während der Spiegel ein Leben im Widerstand zeichnet, lassen sich auch andere Dinge finden. So erhielt Gauck einen VW‐Transporter durch das Ministerium für Staatssicherheit gestellt und genoss weitere Privilegien, die für viele Menschen in der DDR nicht selbstverständlich waren. Leiden und Unterdrückung sieht anders aus.

Gauck war Bürgerrechtlicher

„Bürgerrechtlicher“ — das ist wohl das häufigste Stichwort, wenn es um Gauck geht. Und es wird selten geklärt, was damit gemeint ist. Dabei gibt es durchaus eine breite Bedeutung, wie sie der Theologe Friedrich Schorlemmer anbringt: „Bürgerrechtler ist man entweder immer – oder man ist es nie gewesen.“ Oder man kann ganz spezifisch diejenigen meinen, die gegen die Zustände in der DDR gearbeitet haben. Und da sieht es nicht mehr so gut für Joachim Gauck aus. Während viele in den Bürgerrechtsbewegungen verfolgt wurden, wartete der Pfarrer mit seinem Protest bis zur letzten Minute, tatsächlich hat er nie zur DDR‐Opposition gehört.

Und es kommt Kritik von denen, die es am besten wissen müssen: Menschen aus der Opposition, die bereits Jahre vor dem Mauerfall auf einen ungewissen Ausgang hin arbeiteten: So findet Hans‐Jochen Tschiche: „Gauck ist die falsche Person“. Man mag diese Kritik abtun und als alte Konflikte bezeichnen. Beeindruckend bleibt jedoch ein Offener Brief von 1999, von dem im Moment überhaupt nicht gesprochen wird. Unterzeichnet ist er von Judith Demba, Bernd Gehrke, Renate Hürtgen, Thomas Klein, Silvia Müller, Sebastian Pflugbeil, Christina Schenk, Reinhard Schult und Bettina Wegner und sie fordern:

„Vorerst aber sprechen wir Ihnen das Recht ab, sich auf uns zu berufen, wenn Sie über die Opposition in der DDR sprechen.“

Auch die Begründung für diese Forderung ist unbedingt lesenswert — zeigt sie doch, dass die Angehörigen der ehemaligen Opposition bei ihm nicht sehen, wofür er als Bürgerrechtler einstehen sollte: Bürgerrechte.

„Wir wollten nicht nur mehr Mitbestimmung, wir wollten Teilhabe und Selbstbestimmung. Wir wollten nicht nur die papierne Freiheit, sondern auch soziale Gerechtigkeit. Fragen Sie die vielen Arbeitslosen, fragen sie vor allem auch die Frauen aus der ehemaligen DDR, was sie von der Koexistenz von Meinungsfreiheit und Obdachlosigkeit, von Versammlungsfreiheit und Erwerbslosigkeit, von Reisefreiheit und Sozialhilfebedürftigkeit halten.“

Trotz all der Ungereimtheiten und der Widersprüche bleiben sie wichtige Fixpunkte bei der Mythenbildung um Joachim Gauck als Erlöser: Die Zustimmung im Volk, seine schwierige DDR‐Zeit und seine Aktionen als Bürgerrechtler, die das Ende der DDR mit herbei führten.

Die Frage ist nur: Warum diese unkritische Beschäftigung mit dem Kandidaten für das Präsidialamt?

Wahrscheinlich ist: Gauck soll so sein, weil man so im Westen gerne die „guten“ Menschen aus der DDR sehen möchte: Eine schwierige Zeit in der Diktatur gehabt, aber für die Freiheit gekämpft. Und jetzt sollen sie die westlichen Werte von Freiheit und Verantwortung bitte schön lieben. Ganz so wie Joachim Gauck, der Superossi.

Ein paar Links via fefes Blog, ein paar andere von Anna, vielen Dank!